{"id":21207,"date":"2014-03-26T09:13:22","date_gmt":"2014-03-26T08:13:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21207"},"modified":"2019-01-12T11:26:40","modified_gmt":"2019-01-12T10:26:40","slug":"die-beiden-seiten-der-zocker-medaille","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21207","title":{"rendered":"Die beiden Seiten der Zocker-Medaille"},"content":{"rendered":"<p>In den vergangenen Wochen beherrschte die Causa Hoene&szlig; ma&szlig;geblich die Medienlandschaft, wobei man sich auf die Frage der Steuerhinterziehung konzentrierte. Zusammenh&auml;nge, die sich hinter diesen Fakten verbergen, stellte jedoch kaum jemand her. So wurde der nunmehrige Ex-FC-Bayern-Pr&auml;sident in einem Schnellprozess wegen der Hinterziehung von 28,5 Mio. Euro Steuern verurteilt, die &ndash; wenngleich nicht gerichtsrelevante &ndash; Frage nach Spekulationsgewinnen und -verlusten sowie deren jeweilige, urs&auml;chliche Herkunft blieb unbeachtet. Hinter dem Betrag an nichtgezahlten Steuern stehen jedoch erheblich h&ouml;here Betr&auml;ge an Spekulationsgewinnen. Von <strong>Lutz Hausstein<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21207#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Das Geld ist nicht weg &hellip;<\/strong><br>\nAngesichts des Ausgangskapitals von 20 Mio. DM ist der zeitweise Kontostand des Hoene&szlig;&acute;schen Zockerkontos von 150 Mio. Euro schon betr&auml;chtlich. In der Zwischenzeit kursieren sogar Meldungen, welche von bis zu 400 Mio. Euro sprechen. Unter Ber&uuml;cksichtigung dieser Tatsache sollte man beginnen, &Uuml;berlegungen nach der Herkunft des Differenzbetrags anzustellen. Denn unabh&auml;ngig vom Breitengrad des jeweiligen Spekulationsstandortes sind weder aus der gem&auml;&szlig;igten Klimazone noch den Tropen oder den Subtropen bisher biologische Gew&auml;chse bekannt, an denen Fr&uuml;chte mit Geldscheinen oder Goldst&uuml;cken eine nat&uuml;rliche Entwicklung nehmen w&uuml;rden. Oder anders ausgedr&uuml;ckt: Geld w&auml;chst nicht auf B&auml;umen. Die Gewinne des Einen basieren zwingend auf Verlusten eines anderen oder mehrerer anderer.<\/p><p><strong>&hellip; es hat jetzt nur ein And&acute;rer<\/strong><br>\nDiese so simple Erkenntnis scheint jedoch in den &ouml;ffentlichen, aber auch den rein privaten Betrachtungen bei der Anhimmelung von Spekulationsgewinnern, sei es nun aus W&auml;hrungs-, Zins-, Immobilien- oder Rohstoffspekulationen, regelm&auml;&szlig;ig ausgeblendet zu werden. Kein Gewinner ohne Verlierer. Dies gilt v&ouml;llig unabh&auml;ngig von den Umst&auml;nden, die den Gewinner &uuml;berhaupt erst zum Gewinner gemacht haben. Sei es genutztes Insiderwissen, sei es eine &Uuml;berlegenheit infolge technischer Hilfsmittel, die trotz nur <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=FulIV5ALB3k&amp;feature=player_detailpage#t=362\">mikroskopisch kleiner Varianzen (ab Min. 6:02)<\/a> zu exorbitanten Unterschieden im Ergebnis f&uuml;hren k&ouml;nnen oder einfach nur aufgrund von Gl&uuml;ck, Zufall oder Fachkenntnissen. Abseits all dieser Umst&auml;nde steht die Erkenntnis, dass mit Spekulationen keine realen Werte geschaffen werden, sondern nur die schon existenten umverteilt. W&auml;hrend die einen also, teils erhebliche, Gewinne realisieren, verlieren andere im Gegenzug denselben Betrag.<\/p><p><strong>Systemrelevanz schl&auml;gt Marktgesetze<\/strong><br>\nAll dies klingt zun&auml;chst einmal nachvollziehbar und logisch. So hat sich im Zuge der Spekulationen das Verm&ouml;gen der Spekulationsverlierer verringert. Die weltweite Finanzkrise hat jedoch offenbart, dass permanent und fast &uuml;berall auf der Welt diese simple Logik ausgehebelt wurde. Die in den verschiedensten und abenteuerlichsten Finanzmarktkonstrukten versteckten Gelder aus den unterschiedlichsten Quellen (vom Rentenfonds des einfachen B&uuml;roangestellten oder Fabrikarbeiters &uuml;ber die Finanzmarktaktivit&auml;ten eines Uli Hoene&szlig; bis hin zu den keine sinnvolle Realverwendung mehr findenden Gelder von Verm&ouml;gens-Milliard&auml;ren) sind &uuml;ber Banken in den Spekulationsprozess eingespeist worden. Nach der Realisierung von gro&szlig;en Verlusten im Verlauf von Spekulationsgesch&auml;ften (ebenso wie auch gro&szlig;en Gewinnen auf der anderen Seite der Zockermedaille) waren nun jedoch zuerst die verschiedenen Banken als Mittler der Gesch&auml;fte unter Druck. Denn je nach konkretem Vertragskonstrukt waren diese Banken gegen&uuml;ber ihren Kunden und Gl&auml;ubigern zur Zahlung gr&ouml;&szlig;erer Geldsummen verpflichtet. Geldsummen, deren Gesamtbetrag in nicht wenigen F&auml;llen das Eigenkapital der Banken &uuml;berstiegen h&auml;tte.<br>\nVor diesem Fiasko wurden in Deutschland die inl&auml;ndischen Banken jedoch durch die Bundeskanzlerin Merkel mit ihrem ersten schwarz-roten Regierungskabinett sowie dem damaligen Finanzminister Steinbr&uuml;ck errettet, indem sie sie flugs alle Banken f&uuml;r &bdquo;systemrelevant&ldquo; erkl&auml;rten und zu deren Rettung die bis dato unvorstellbare Summe von 480 Mrd. Euro &uuml;ber Nacht bereitstellten. Allein am Beispiel der mit staatlichen Geldern geretteten &bdquo;Hypo Real Estate&ldquo; l&auml;sst sich anhand der einerseits extrem <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/finanz\/hypo-real-estate-die-geretteten\/1598962.html\">heterogenen Gl&auml;ubigerstruktur<\/a>, die viele andere Banken, Versicherungen, Rentenfonds, im geringen Ma&szlig;e aber auch Organisationen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen bis hin zum WDR und den Kirchen als Kreditgeber hatte, andererseits aber auch aufgrund der wie ein Staatsgeheimnis geh&uuml;teten Informationen zu den Gl&auml;ubigernamen erkennen, wie wenig durchdringbar dieses Dickicht f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit war, das mit dem Duktus der Systemrelevanz umwoben wurde.<\/p><p><strong>privatisierte Gewinne &ndash; sozialisierte Verluste<\/strong><br>\nSo konnten auf der einen Seite die Gewinner ihre, allzu h&auml;ufig exorbitant hohen, Gewinne freudestrahlend einstreichen, wof&uuml;r sie in der &ouml;ffentlichen Darstellung gar noch als &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo; hofiert wurden und bis heute werden. Die Verluste auf der anderen Seite hatten jedoch nur selten die Verlierer zu tragen, sondern diese wurden zumeist vom Staat &uuml;bernommen und fanden ihre Reinkarnation als &bdquo;Staatsschulden&ldquo;. Und diese r&uuml;hrten, wie wir durch die best&auml;ndige Wiederholung inzwischen ja auch alle wissen, daher, dass &bdquo;wir&ldquo; (ich und du, M&uuml;llers Kuh) &bdquo;&uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse gelebt&ldquo; haben. Denn wer k&ouml;nnte dies bestreiten, da man doch seit Jahren nichts anderes dazu h&ouml;ren konnte? Zumindest in dem Teil der Bev&ouml;lkerung, der in immer gr&ouml;&szlig;er werdender Zahl in zunehmender <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16407\">Armut (insbes. Pkt. 7)<\/a> leben muss, wird diese Behauptung im besten Fall h&ouml;hnisches Gel&auml;chter ausl&ouml;sen. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in den anderen Staaten, die all ihre systemrelevanten Banken mit &ouml;ffentlichen Geldern gerettet haben. So wie die besonders hart vom Austerit&auml;tsregime betroffene griechische Bev&ouml;lkerung, in der aufgrund zusammengestrichener Gesundheitsversorgung und gestiegener Zuzahlungen f&uuml;r Medikamente <a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/wirtschaft\/konjunktur\/In-Griechenland-hat-die-Selbstmordrate-um-40-Prozent-zugenommen\/story\/12030666\">l&auml;ngst verdr&auml;ngte Krankheiten neu aufleben<\/a>, die Menschen sich aus schierer Verzweiflung <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/politik\/ausland\/wegen-hoeherer-sozialhilfe-griechen-infizieren-sich-absichtlich-mit-hiv_aid_688144.html\">mit dem HI-Virus anstecken<\/a>, um zumindest Sozialhilfe zu erhalten oder gar den Selbstmord w&auml;hlen. Denn auch sie haben ja in der Vergangenheit &bdquo;&uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse gelebt&ldquo;, weswegen sie nun endlich &bdquo;den G&uuml;rtel enger schnallen m&uuml;ssten&ldquo;.<br>\nBetrachtet man diese Zusammenh&auml;nge n&uuml;chtern, so kommt man zu dem Schluss, dass letzten Endes den Gewinnern vieler Spekulationsgesch&auml;fte deren Gewinne von der breiten Masse der Bev&ouml;lkerung finanziert wurden. Auch und vor allem durch jene, die gar nicht selbst an den diversen Spekulationsgesch&auml;ften beteiligt waren. Die Folgen daraus haben sie jedoch umso mehr zu tragen, denn die seither grassierende Austerit&auml;tspolitik in Form vielf&auml;ltiger Streichungen und mehr (finanzieller) &bdquo;Eigenverantwortung&ldquo; verm&ouml;gen viele nicht mehr zu kompensieren, wohingegen &ndash; welche Ironie &ndash; ausgerechnet die Gewinner &uuml;ber ausreichend finanzielle Mittel verf&uuml;gen, dies gegebenenfalls auch &bdquo;eigenverantwortlich&ldquo; zu regeln. Denn nur Reiche k&ouml;nnen sich einen armen Staat leisten.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Lutz Hausstein (45), Wirtschaftswissenschaftler, ist als Arbeits- und Sozialforscher t&auml;tig. In seinen 2010 und 2011 erschienenen Untersuchungen &bdquo;Was der Mensch braucht&ldquo; ermittelte er einen alternativen Regelsatzbetrag f&uuml;r die soziale Mindestsicherung. Er ist u.a. Ko-Autor des Buches &bdquo;Wir sind emp&ouml;rt&ldquo; der Georg-Elser-Initiative Bremen sowie Verfasser des Buches &bdquo;Ein Pl&auml;doyer f&uuml;r Gerechtigkeit&ldquo;.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/12d939236d104aa6aaed0d78b1638ad8\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den vergangenen Wochen beherrschte die Causa Hoene&szlig; ma&szlig;geblich die Medienlandschaft, wobei man sich auf die Frage der Steuerhinterziehung konzentrierte. Zusammenh&auml;nge, die sich hinter diesen Fakten verbergen, stellte jedoch kaum jemand her. So wurde der nunmehrige Ex-FC-Bayern-Pr&auml;sident in einem Schnellprozess wegen der Hinterziehung von 28,5 Mio. 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