{"id":21234,"date":"2014-03-28T10:07:54","date_gmt":"2014-03-28T09:07:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21234"},"modified":"2019-07-31T20:34:23","modified_gmt":"2019-07-31T18:34:23","slug":"vermeintliche-kapitalflucht-aus-russland-wirft-frage-auf-was-fuer-kapital-und-welche-gefahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21234","title":{"rendered":"Vermeintliche Kapitalflucht aus Russland wirft Frage auf: Was f\u00fcr Kapital und welche Gefahren?"},"content":{"rendered":"<p>Gibt man die drei Worte Flucht, Investitionen, Russland bei Google ein, erh&auml;lt man am 27.03.2014 gegen 17 Uhr  4.480.000 Ergebnisse. Schr&auml;nkt man die Suche ein auf &ldquo;News&rdquo;, sind es immerhin noch 1.300 Ergebnisse. Ganz oben bei den Suchergebnissen steht: &ldquo;Investoren ziehen massiv Kapital aus Russland ab&rdquo;, Quelle: <a href=\"http:\/\/www.cash.ch\/news\/alle\/krimkriseinvestoren_ziehen_massiv_kapital_aus_russland_ab_af-3187519-448\">Cash<\/a>. Das wirft die Frage auf, um was f&uuml;r Kapital es sich denn da handelt? Und inwiefern jener Abzug von Kapital geeignet ist, Russland zu schaden? Von <strong>Thorsten Hild<\/strong>.<br>\n<!--more-->&nbsp;<br>\nDas Handelsblatt titelt zum selben Zeitpunkt: &ldquo;<a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/finanzen\/zertifikate\/nachrichten\/russland-investments-pokern-mit-putin-seite-all\/9671072-all.html\">Russland-Investments &ndash; Pokern mit Putin<\/a>&ldquo;. Gegenstand des Artikels ist die russische B&ouml;rse. Die russische B&ouml;rse war laut Weltbank (2012) 875 Mrd. US-Dollar (USD) schwer. Das entsprach rund 43 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts. Zum Vergleich: In den USA entsprach der Wert der B&ouml;rse 2012 nach derselben Quelle 115 Prozent, in Deutschland 43,3 Prozent, in England 122,2 Prozent (Quellen zur Berechnung: <a href=\"http:\/\/data.worldbank.org\/indicator\/CM.MKT.LCAP.CD\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/data.worldbank.org\/indicator\/NY.GDP.MKTP.CD\">hier<\/a>). Eine <a href=\"http:\/\/www.bloomberg.com\/markets\/companies\/country\/russia\/\">Unternehmensliste von Bloomberg<\/a> l&auml;sst darauf schlie&szlig;en, dass sich ein durchaus beachtlicher Teil der in der Realwirtschaft t&auml;tigen russischen Unternehmen an der B&ouml;rse finanziert. Was aber finanzieren deutsche Unternehmen und ausl&auml;ndische Investitionen in Russland &uuml;berhaupt?<\/p><p>Was ersteres anbelangt, ist <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/finanzen\/zertifikate\/nachrichten\/russland-investments-pokern-mit-putin-seite-all\/9671072-all.html\">der Artikel des Handelsblatts<\/a> durchaus aufschlussreich:<\/p><blockquote><p>\n<em>&ldquo;Das Handels-Gesamtvolumen betr&auml;gt insgesamt rund 76 Milliarden Euro, mehr als 6.300 deutsche Firmen haben sich in Russland niedergelassen. So unterh&auml;lt beispielsweise Adidas dort mehr als 1.000 Shops. &acute;Russland ist das Land mit den meisten Adidas-Mitarbeitern&acute;, erkl&auml;rt Markus Steinbeis. Nicht nur der Sportartikelhersteller ist in Russland prominent vertreten: Allein der Baustoffhersteller Knauf beispielsweise besch&auml;ftigt dort 5.000 Menschen in seinen Betrieben.<\/em><br>\n<em>Manche deutsche Mittelst&auml;ndler produzieren in Russland, viele haben dort Vertriebsstrukturen aufgebaut. Denn Russland ist vor allem als Absatzmarkt f&uuml;r deutsche Produkte interessant. Glaubt man Egon Cordes, dem Sprecher des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, h&auml;ngen mehr als 300.000 deutsche Arbeitspl&auml;tze direkt oder indirekt vom Gesch&auml;ft mit Russland ab.&rdquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Adidas Investment erscheint mir doch eine relativ vernachl&auml;ssigbare Gr&ouml;&szlig;e f&uuml;r die russische Volkswirtschaft und ihr Fortkommen. Letzteres wird wohl nicht&nbsp;von einigen Adidas-Shops mehr oder weniger abh&auml;ngen, die vielleicht eh nur einer vergleichsweise schmalen,&nbsp;kaufkr&auml;ftigen Schicht zum Vorteil gereichen. &Auml;hnlich ist das Investment des Baustoffherstellers einzusch&auml;tzen. Nicht, dass es nicht zu begr&uuml;&szlig;en w&auml;re, wenn diese Unternehmen in Russland investieren; es erscheint eben nur nicht existenziell. Das aber schwingt ja in der aktuellen Diskussion immer mit. <\/p><p>Ganz anders, n&auml;mlich bedeutsam f&uuml;r die Entwicklung der russischen Volkswirtschaft, verh&auml;lt es sich mit dem Hinweis im Handelsblatt-Artikel, dass &ldquo;manche deutsche Mittelst&auml;ndler&rdquo; in Russland produzieren und Vertriebsstrukturen aufgebaut haben, weil Russland &ldquo;vor allem als Absatzmarkt f&uuml;r deutsche Produkte interessant&rdquo; sei. Diese Mitteilung wird durch unsere ausf&uuml;hrlicheren Analysen zum deutschen Au&szlig;enhandel mit Russland gest&uuml;tzt (erschienen in Wirtschaft und Gesellschaft &ndash; Analyse &amp; Meinung im Abonnement), und hierin liegt tats&auml;chlich viel Potenzial f&uuml;r beide Handelspartner, nicht nur auf einzelbetrieblicher Ebene, sondern auch auf volkswirtschaftlicher Ebene &ndash;&nbsp;und&nbsp;hierin liegt nat&uuml;rlich auch das &ouml;konomische und politische Zerst&ouml;rungspotenzial, das mit dem derzeitigen Zerschlagen politischen Porzellans einhergeht.<\/p><p>Ein Blick in <a href=\"http:\/\/www.gks.ru\/bgd\/regl\/b13_12\/IssWWW.exe\/stg\/d02\/24-10.htm\">die Zahlen des russischen Amts f&uuml;r Statistik<\/a> zeigt, dass der Anteil an von in Russland investiertem Auslandskapital insgesamt (also nicht nur Deutschland) mit etwa 18 Prozent am russischen Bruttoinlandsprodukt durchaus bemerkenswert ist (eigene Berechnung auf Basis von <a href=\"http:\/\/www.gks.ru\/bgd\/regl\/b13_12\/IssWWW.exe\/stg\/d02\/24-10.htm\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/data.worldbank.org\/indicator\/NY.GDP.MKTP.CD\">hier<\/a>; erfahrungsgem&auml;&szlig; f&uuml;hren m&ouml;gliche Differenzen bei den Umrechnungskursen nicht zu erheblichen Abweichungen). Und immerhin sind von den 362 Mrd. USD &uuml;ber&nbsp;114 Mrd. (31,6%) in der verarbeitenden Industrie investiert.Dieser Eindruck relativiert sich jedoch stark, sobald man ber&uuml;cksichtigt, in welche verarbeitenden Produktionsbereiche das Ausland in Russland investiert hat. Acht Prozent sind in die Lebensmittelindustrie geflossen. Rund vier Prozent in die Papier- und Holzindustrie. Rund zehn Prozent in die Erd&ouml;lindustrie. Rund zehn Prozent in die Grundverarbeitung von Metall.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140328_kapitalflut.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140328_kapitalflut_small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>In die eigentlich interessanten Produktionsbereiche, die f&uuml;r das technologische Aufschlie&szlig;en Russlands wohl von Bedeutung w&auml;ren, wurde hingegen kaum investiert: Maschinen und Ausr&uuml;stung 1 Prozent, Elektroindustrie 0,7 Prozent, Transportausr&uuml;stung 1,9 Prozent (davon Schiffe, Flugzeuge, Raumfahrt 0,2%). W&auml;hrend Russland auf den Bau von Einkaufszentren durch das Ausland sicherlich verzichten k&ouml;nnte, liegt in jenen Produktionsbereichen potenziell der technische Fortschritt, um nachhaltig Produktivit&auml;tsgewinne und Produktinnovationen zu verwirklichen und dadurch die Wettbewerbsf&auml;higkeit, den Verteilungsspielraum und den Wohlstand zu erh&ouml;hen. In den Gro&szlig;- und Einzelhandel aber wurden 18,4 Prozent der gesamten Investitionssumme investiert, in das Immobilien, Vermietung und &auml;hnliches noch einmal &uuml;ber 11 Prozent (davon 0,1 % in Forschung und Entwicklung).<\/p><p>Zu einer solchen Investitionsstruktur geh&ouml;ren nat&uuml;rlich immer zwei: Eine russische Wirtschaftspolitik, die m&ouml;glicherweise jene skizzierten Potenziale nicht im Blick hat oder keinen Wert darauf legt, und ausl&auml;ndische Unternehmen, denen es mehrheitlich in erster Linie darum geht, das schnelle Geld zu machen und von der bisher relativ einseitigen Produktionsstruktur Russlands zu profitieren.<\/p><p>Flieht nun jenes schnelllebige Kapital aus Russland, ist die negative Auswirkung auf die russische Konjunktur m&ouml;glicherweise durchaus erheblich, f&uuml;r die mittel- bis langfristige Entwicklung kann es aber wiederum von Vorteil sein. Dann n&auml;mlich, wenn die Verantwortlichen in Russland die Zeichen der Zeit erkennen und sie als Chance nutzen, die Modernisierung ihrer Volkswirtschaft voranzutreiben &ndash; und daf&uuml;r m&ouml;glicherweise sogar <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21221\">deutsche Unternehmen wie Siemens<\/a>  bei der Stange halten k&ouml;nnen. Am vorteilhaftesten w&auml;re es nat&uuml;rlich, wenn &ldquo;der Osten&rdquo; wie &ldquo;der Westen&rdquo; das damit verbundene wirtschaftliche, soziale und politische Potenzial erkennen und zu einer dieses f&ouml;rdernden Politik zur&uuml;ckkehren w&uuml;rden.<\/p><p><em><strong>Thorsten Hild<\/strong> arbeitet als Journalist und Volkswirt in Berlin und ist Herausgeber von <a href=\"http:\/\/www.wirtschaftundgesellschaft.de\/\">Wirtschaft und Gesellschaft &ndash; Analyse &amp; Meinung<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gibt man die drei Worte Flucht, Investitionen, Russland bei Google ein, erh&auml;lt man am 27.03.2014 gegen 17 Uhr 4.480.000 Ergebnisse. Schr&auml;nkt man die Suche ein auf &ldquo;News&rdquo;, sind es immerhin noch 1.300 Ergebnisse. Ganz oben bei den Suchergebnissen steht: &ldquo;Investoren ziehen massiv Kapital aus Russland ab&rdquo;, Quelle: <a href=\"http:\/\/www.cash.ch\/news\/alle\/krimkriseinvestoren_ziehen_massiv_kapital_aus_russland_ab_af-3187519-448\">Cash<\/a>. Das wirft die Frage auf, um<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21234\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[131,136,20],"tags":[259],"class_list":["post-21234","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","category-banken-boerse-spekulation","category-landerberichte","tag-russland"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21234","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=21234"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21234\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53891,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21234\/revisions\/53891"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=21234"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=21234"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=21234"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}