{"id":21363,"date":"2014-04-10T09:45:50","date_gmt":"2014-04-10T07:45:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21363"},"modified":"2019-07-31T20:33:42","modified_gmt":"2019-07-31T18:33:42","slug":"gabriels-energiewende-nach-lohndumping-stromdumping","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21363","title":{"rendered":"Gabriels Energiewende: Nach Lohndumping Stromdumping"},"content":{"rendered":"<p>&ldquo;Aber was vor einigen Jahren zu hohe Lohn- und Sozialkosten waren, sind heute die wachsenden Energie- und Rohstoffkosten&rdquo;, so der Bundesminister f&uuml;r Wirtschaft und Energie und SPD-Vorsitzende, Sigmar Gabriel,&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.wirtschaftundgesellschaft.de\/2014\/03\/pladoyer-fur-eine-steuerliche-finanzierung-der-eeg-vergutungslast-von-gerhard-kilper-und-thilo-kilper\/\">am 13. M&auml;rz 2014<\/a>. Und, so Gabriel weiter: &ldquo;Die Strompreise in Deutschland sind doppelt so hoch wie in den USA. Wenn wir nicht mindestens unsere Industrie entlasten, droht uns eine Deindustrialisierung.&rdquo; Das, so Gabriel, sei keine &ldquo;plumpe Propaganda der Wirtschaft, sondern bittere Realit&auml;t&rdquo;. Es ist Gabriels &ldquo;Realit&auml;t&rdquo;. Und es ist die &ldquo;Realit&auml;t&rdquo; der <a href=\"http:\/\/www.energieintensive.de\/fileadmin\/pdf\/anzeige.pdf\">&bdquo;Energieintensiven Industrien&ldquo; [PDF &ndash; 65 KB]<\/a>, zu deren B&uuml;ttel sich Gabriel gemacht hat. Er schadet damit nicht nur der Energiewende und dem sozialen Zusammenhalt in Deutschland und Europa. Er f&uuml;hrt damit aller Voraussicht nach die SPD mit wehenden Fahnen in die n&auml;chste Etappe ihres Untergangs. Von <strong>Thorsten Hild<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nDie erste Etappe in den Untergang war die Agenda 2010. Die gemeinsame Grundlage f&uuml;r beide Politiken: Die Missachtung der Realit&auml;ten, die H&ouml;rigkeit gegen&uuml;ber der Industrie, die R&uuml;cksichtslosigkeit gegen&uuml;ber den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sowie den europ&auml;ischen Nachbarn.<\/p><p>Gabriels oben zitierte S&auml;tze, die er auf seiner offiziellen facebook-Seite &auml;u&szlig;erte, belegen, dass er bis heute daran glaubt, dass Deutschland vor der Agenda 2010 an &ldquo;zu hohen Lohn- und Sozialkosten&rdquo; krankte. Er hat also bis heute nicht zur Kenntnis genommen, dass die hohe Arbeitslosigkeit ein Ergebnis der schlechten Konjunktur ist, deren negativen Verlauf die Agenda 2010 mit ihrem Druck auf L&ouml;hne und Sozialausgaben sogar noch versch&auml;rft hat, und die eine anhaltende, auch im internationalen Vergleich ausgepr&auml;gte, Investitionsschw&auml;che nach sich zog. <\/p><p>Mit seiner Gleichsetzung der vermeintlich &ldquo;zu hohen Lohn- und Sozialkosten&rdquo; damals mit den &ldquo;wachsenden Energie- und Rohstoffkosten&rdquo; heute macht er unmissverst&auml;ndlich deutlich, dass ihn bei der Energiewende dasselbe Motiv antreibt wie Kanzler Schr&ouml;der bei der Agenda 2010, n&auml;mlich die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit Deutschlands &uuml;ber Kostensenkungen f&uuml;r die Unternehmen zu st&auml;rken bzw. zu sichern.&nbsp;Ein entscheidender Punkt&nbsp;dabei, und das macht Gabriel ebenfalls deutlich, ist, dass er die absoluten Kosten als Ma&szlig; f&uuml;r die Wettbewerbsf&auml;higkeit heranzieht: &ldquo;Die Strompreise in Deutschland sind doppelt so hoch wie in den USA.&rdquo;  <\/p><p>Entsprechend werden bis heute regelm&auml;&szlig;ig absolute &bdquo;Arbeitskosten&ldquo; international verglichen. Entscheidend f&uuml;r die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit sind jedoch nicht die absoluten Arbeits- und Energiekosten &ndash; sonst w&auml;re gemessen an den absoluten Lohnkosten Afrika s&uuml;dlich der Sahara sicherlich seit langem Exportweltmeister -, sondern die relativen Arbeits- und Energiekosten sowie andere wirtschaftliche und soziale Voraussetzungen. <\/p><p>Betriebswirtschaftlich, also auf der Ebene des einzelnen Unternehmens, hei&szlig;t das: Entscheidend daf&uuml;r, inwieweit die absoluten Arbeits- oder Energiekosten die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit bestimmen, ist der relative Lohn- oder Energiekostenanteil an den Gesamtkosten. So k&ouml;nnen beispielhaft die Lohn- oder Energiekosten in einem Unternehmen in Deutschland durchaus doppelt so hoch sein wie in einem Unternehmen in den USA; liegt jedoch gleichzeitig der Lohn- oder Energiekostenanteil in der Produktion aufgrund h&ouml;herer Kapitalintensit&auml;t oder h&ouml;herer Energieeffizienz im deutschen Unternehmen nur halb so hoch wie im Unternehmen in den USA, liegt das deutsche Unternehmen immer noch in der Wettbewerbsf&auml;higkeit gleichauf mit dem Unternehmen in den USA. Und: Selbst, wenn das deutsche Unternehmen&nbsp;bei einem Kostenfaktor&nbsp;im internationalen Vergleich schlechter abschneiden sollte als beispielsweise ein Unternehmen in den USA, ist noch die Frage offen, ob andere Wettbewerbsfaktoren (Infrastruktur, ein relativ niedrigeres Niveau bei anderen Produktionskostenfaktoren) den Kostennachteil ausgleichen oder sogar mehr als ausgleichen. <\/p><p>Aber selbst wenn ein Unternehmen im internationalen Wettbewerb nicht erfolgreich ist, muss dies noch nicht auf alle Unternehmen desselben Wirtschaftszweiges zutreffen. Unternehmen, die erfolgreich investieren und auf diesem Weg ihre Arbeits- und Energiekosten &uuml;ber eine steigende Arbeitsproduktivit&auml;t und Energieeffizienz senken, halten oder gewinnen in der Regel Marktanteile; Unternehmen, die dies nicht tun (unternehmen!), verlieren Marktanteile. Das ist Marktwirtschaft und Ausdruck eines fairen Wettbewerbs. Unternehmen einfach so von Energiekosten zu befreien &ndash; noch dazu, wie beim EEG festgeschrieben, ohne jede Pr&uuml;fung der Wettbewerbsf&auml;higkeit &ndash; oder sie, wie (vor allem) durch die (Hartz-)Gesetzgebung der Agenda 2010, einfach so durch niedrige L&ouml;hne zu entlasten, zerst&ouml;rt dagegen die &bdquo;sch&ouml;pferische&ldquo; (Schumpeter) Marktwirtschaft, indem sie ihren wichtigsten Mechanismus, n&auml;mlich durch Investitionen zu mehr Wettbewerbsf&auml;higkeit und Verteilungsspielraum zu gelangen, l&auml;hmt oder ganz au&szlig;er Kraft setzt. Hier und nur hierf&uuml;r ist Deutschland in den letzten Jahren ein Musterbeispiel, und zwar ein ausgesprochen negatives. (Vgl. DIW: <a href=\"https:\/\/www.diw.de\/documents\/publikationen\/73\/diw_01.c.423458.de\/13-26.pdf\">&bdquo;Deutschland muss mehr in seine Zukunft investieren&ldquo; [PDF &ndash; 1 MB]<\/a>) <\/p><p>Dieses grunds&auml;tzliche Verst&auml;ndnis macht deutlich, dass Gabriel bei der Energiewende einen Irrweg fortsetzt, den seine Partei unter Schr&ouml;der begonnen hat. Nach dem Lohndumping folgt nun das Stromdumping. Allein die Ausgleichsregelung f&uuml;r die Industrie nicht degressiv gestaltet zu haben, ist ein grober Fehler in der Ausgestaltung. Ein schrittweiser, degressiver Abbau einer gew&auml;hrten Ausgleichsregelung w&uuml;rde &ndash; wie die degressive Abschreibung &ndash; den Unternehmen Anreiz und Planungssicherheit geben, in mehr Energieeffizienz zu investieren. Neue, beschleunigte Prozess- und Produktinnovationen w&auml;ren die wahrscheinliche Folge. <\/p><p>So aber, wie Gabriel es jetzt im Namen der Industrie durchgesetzt hat, werden die Unternehmen aus ihrer unternehmerischen Verantwortung im vornehmsten Sinne, n&auml;mlich angemessen zu investieren, um sich im Wettbewerb zu behaupten und soziale Verteilungsspielr&auml;ume f&uuml;r die Zukunft zu sichern, entlassen.<\/p><p>Neben diesen grunds&auml;tzlichen Erw&auml;gungen stellt sich aber die Frage, inwieweit es &uuml;berhaupt Anzeichen daf&uuml;r gibt, dass die energieintensiven Industrien in Deutschland ein Wettbewerbsproblem gegen&uuml;ber den USA und dem Rest der Welt haben. Eigene Untersuchungen haben ergeben, dass dies, u.a. gemessen an der Entwicklung der Welthandelsanteile und der Handelsbilanzsalden in einzelnen energieintensiven, von der EEG-Umlage befreiten Warengruppen, nicht der Fall ist. Was nun die Wettbewerbsf&auml;higkeit zu den USA anbelangt, weist Deutschland selbst in der gern herangezogenen Aluminiumbranche sehr hohe Export&uuml;bersch&uuml;sse gegen&uuml;ber den USA aus (siehe dazu zuletzt <a href=\"http:\/\/www.wirtschaftundgesellschaft.de\/2014\/04\/statistik-des-tageseeg-umlage-gabriel-droht-mit-arbeitsplatzverlusten-er-hat-aber-keine-empirische-grundlage\/\">hier<\/a>). <\/p><p>Interessant ist schlie&szlig;lich noch, dass Gabriel meint, eine st&auml;rkere Belastung der Industrie w&uuml;rde nicht nur hunderttausende Arbeitspl&auml;tze in Deutschland gef&auml;hrden, sondern auch die Wettbewerbsf&auml;higkeit der europ&auml;ischen Industrie. Diese Sicht ist aber wiederum durch nichts eindrucksvoller widerlegt worden als durch die Eurokrise und das ihr vorangegangene, im Rahmen der Agenda 2010 durchgesetzte, deutsche Lohndumping. Zwar wurde die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit der deutschen Industrie dadurch gest&auml;rkt, die der anderen L&auml;nder aber vernichtet; gleichzeitig wurden die anderen L&auml;nder der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion durch die mit dem Lohndumping einhergehende schwache deutsche Binnennachfrage eines wichtigen Marktes beraubt. Eine &auml;hnliche Entwicklung ist durch das Stromkostendumping zu erwarten. Nachrichten wie <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/deutscher-strom-zu-billig-energiewende-verrueckt-12747532.html\">diese<\/a> k&ouml;nnten sich daher in Zukunft h&auml;ufen: &ldquo;In den Niederlanden geht eine Aluminiumh&uuml;tte pleite. Sie gibt billigem deutschem Strom die Schuld.&rdquo; Und: Entgegen der zuletzt wiederum auch von Gabriel aufgebauten Drohkulisse einer Deindustrialisierung Deutschlands haben eigene Untersuchungen ergeben, dass die deutsche Industrie sich sehr gut behauptet. Untersuchungen f&uuml;r die anderen Euro-L&auml;nder stehen noch aus. Es zeichnet sich jedoch ab, dass diese sehr wohl von Deindustrialisierung bedroht sind bzw. h&auml;ufig noch nicht einmal eine breite industrielle Grundlage haben. Ein deutsches Stromkostendumping wird der &Uuml;berwindung dieses Problems nicht f&ouml;rderlich sein, sondern die vorhandene Kluft nur noch vertiefen; und es verd&uuml;stert die Perspektiven f&uuml;r ein industrialisiertes, soziales und &ouml;kologisches Europa. <\/p><p>Vor diesem Hintergrund ist die Drohkulisse Gabriels sowohl bei den Arbeitspl&auml;tzen als auch in der Frage der Deindustrialisierung als unverantwortlich, wenn nicht zynisch zu bewerten.<br>\nEs ist bei all dem auffallend, dass Gabriel versucht, seine fehlende Substanz mit geradezu unversch&auml;mt anmutendem Eigenlob wett zu machen. Hunderte Kommentare unter entsprechenden Eintr&auml;gen von ihm auf seiner offiziellen facebook-Seite zeigen indes, dass diese politische Kaltschn&auml;uzigkeit bei seinen Leserinnen und Lesern nicht ankommt. Wer sich einmal so weit von der Wirklichkeit der &bdquo;normalen&ldquo;  Menschen entfernt hat, wie offenbar Gabriel, den wird jene Emp&ouml;rung, die sich in&nbsp;jenen Kommentaren Luft verschafft, wohl nicht mehr erreichen. Vielleicht tun dies ja aber noch die Umfrageergebnisse. Die SPD liegt nicht erst mit der j&uuml;ngsten Sonntagsfrage <a href=\"http:\/\/www.wahlrecht.de\/umfragen\/index.htm\">bei 23 Prozent<\/a>.<\/p><p><em>Thorsten Hild arbeitet als Journalist und Volkswirt in Berlin und ist Herausgeber von <a href=\"http:\/\/www.wirtschaftundgesellschaft.de\/\">Wirtschaft und Gesellschaft &ndash; Analyse &amp; Meinung<\/a>.<\/em><br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.harmbengen.de\/Zeitungscartoons.html\">Harm Bengen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&ldquo;Aber was vor einigen Jahren zu hohe Lohn- und Sozialkosten waren, sind heute die wachsenden Energie- und Rohstoffkosten&rdquo;, so der Bundesminister f&uuml;r Wirtschaft und Energie und SPD-Vorsitzende, Sigmar Gabriel,&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.wirtschaftundgesellschaft.de\/2014\/03\/pladoyer-fur-eine-steuerliche-finanzierung-der-eeg-vergutungslast-von-gerhard-kilper-und-thilo-kilper\/\">am 13. M&auml;rz 2014<\/a>. Und, so Gabriel weiter: &ldquo;Die Strompreise in Deutschland sind doppelt so hoch wie in den USA. Wenn wir nicht mindestens unsere Industrie<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21363\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[131,162,164,157],"tags":[492,401,312,394],"class_list":["post-21363","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","category-energiepolitik","category-energiewende","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-eeg","tag-gabriel-sigmar","tag-reformpolitik","tag-subventionen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21363","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=21363"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21363\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53890,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21363\/revisions\/53890"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=21363"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=21363"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=21363"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}