{"id":2137,"date":"2007-02-25T12:00:23","date_gmt":"2007-02-25T11:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2137"},"modified":"2016-01-14T11:37:34","modified_gmt":"2016-01-14T10:37:34","slug":"ein-typisches-beispiel-dafur-dass-wirtschaftsminister-glos-in-seiner-okonomischen-halb-weltsicht-ein-kleiner-muller-geblieben-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2137","title":{"rendered":"Ein typisches Beispiel daf\u00fcr, dass Wirtschaftsminister Glos in seiner \u00f6konomischen Halb-Weltsicht ein kleiner M\u00fcller geblieben ist"},"content":{"rendered":"<p>In einem Namensartikel im <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/news\/Default.aspx?_p=204051&amp;_t=ft&amp;_b=1229089\">Handelsblatt<\/a> poltert Michael Glos gegen den Mindestlohn. F&uuml;r den gelernten M&uuml;ller ist der Arbeitsmarkt nichts anderes als der Handel mit Getreide: Sinkt der Preis des Mehls nur tief genug, dann wird man das Mehl auch los. Glos: &bdquo;Mindestl&ouml;hne sind Jobvernichter&ldquo; weil sie den Preis der Arbeit nicht so weit fallen lassen, dass die Anbieter von Arbeit &bdquo;am Arbeitsmarkt Fu&szlig;  fassen&ldquo; k&ouml;nnen. Im &ouml;konomischen Weltbild des mittelst&auml;ndischen M&uuml;llers Glos gibt es offenbar nur zwei Grundwahrheiten: Erstens der Arbeitsmarkt ist ein Markt wie der Getreidemarkt und zweitens, die Erde ist eine Scheibe. Wolfgang Lieb.<br>\n<!--more--><br>\nDieses Weltbild entspricht weder der Wirklichkeit &ndash; denn in den meisten L&auml;ndern mit Mindestl&ouml;hnen gibt es weniger Arbeitslosigkeit &ndash; noch ber&uuml;cksichtigt diese fr&uuml;hgeschichtliche Vorstellung von der flachen Erdscheibe, dass der Lohn nicht nur ein Kostenfaktor in der Glosschen M&uuml;hle ist, sondern zugleich ein Nachfragefaktor f&uuml;r das vom M&uuml;ller Glos produzierte Mehl ist. Der flache Horizont des als bayerische Notl&ouml;sung zum Wirtschaftsminister aufgestiegenen M&uuml;llers, l&auml;sst ihn nicht erkennen, dass Getreide kein Getreide kauft. <\/p><ul>\n<li>Dass in 20 von 27 L&auml;ndern der Europ&auml;ischen Union gesetzliche Mindestl&ouml;hne existieren und<\/li>\n<li>dass es in weiteren f&uuml;nf Mitgliedstaaten  &ndash; n&auml;mlich Schweden, D&auml;nemark und Finnland sowie &Ouml;sterreich und Italien &ndash; wegen einer sehr hohen Tarifbindung &uuml;ber eine tarifliche Mindestlohnsicherung de facto einen Mindestlohn gibt,<\/li>\n<li>selbst dass in den arbeitsmarktliberalen <a href=\"?p=2042\">USA der Mindestlohn gleich um 40% auf 7,25 Dollar angehoben wird<\/a>,<\/li>\n<\/ul><p>alle diese Tatsachen fechten das Weltbild von Glos nicht an: Er glaubt an seine &bdquo;Wissenschaft&ldquo;, die vor allem in Deutschland gleichfalls immer noch das fr&uuml;hgeschichtliche mesopotamische Weltbild von Scheibenwelt vertritt: &bdquo;Von insgesamt 86 neueren Studien liefern zwei Drittel Anzeichen f&uuml;r negative Besch&auml;ftigungseffekte&ldquo;. &bdquo;Mindestl&ouml;hne &ndash; in welcher Form auch immer &ndash; (seien) ein besch&auml;ftigungspolitischer Irrweg&ldquo;. Dies &bdquo;Wissenschafts&ldquo;-Gl&auml;ubigkeit folgt dem trotzigen Motto: Umso schlimmer f&uuml;r die Wirklichkeit, wenn sie nicht mit der Theorie &uuml;bereinstimmt.<\/p><p>Auch die Tatsache, dass es schon seit Anfang der 90er Jahre eine dramatische Wende in der Einkommensentwicklung gab und die Verdienstspannen immer weiter auseinander gingen und  dass die unteren Einkommen immer mehr sanken, ist f&uuml;r Glos kein Anlass zum Zweifel an seinem Weltbild. F&uuml;r ihn sind die L&ouml;hne eben immer noch nicht niedrig genug, damit die Arbeitnehmer &bdquo;auf dem Arbeitsmarkt Fu&szlig; fassen&ldquo; k&ouml;nnen. Und wenn dann der Lohn zum &Uuml;berleben nicht mehr reicht und &bdquo;ein Arbeitnehmer unter das Existenzminimum zu fallen (drohe), kann er seinen Lohn aufstocken&ldquo;, meint M&uuml;ller Glos gro&szlig;herzig.<\/p><ul>\n<li>Dass immer mehr Arbeitnehmer &ndash; <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/pt\/2007\/01\/31\/a0185.1\/textdruck\">im Jahr 2005 367.000 und inzwischen schon 550.000 Arbeitnehmer<\/a> &ndash; staatliche Hilfen neben ihrer regul&auml;ren Besch&auml;ftigung brauchen, damit  ihr Existenzminimum gesichert ist,<\/li>\n<li>dass 1,2 Millionen Vollzeitbesch&auml;ftigte weniger als 1.200 Euro Brutto im Monat bekommen und der Niedriglohnsektor mittlerweile je nach Berechnung zwei bis 4 Millionen Erwerbst&auml;tige umfasst (Ingrid Kurz-Scherf in der FR vom 23.2.07 S.23),<\/li>\n<li>dass also unser M&uuml;ller Glos &ndash; wie einst Don Quichote &ndash; nur gegen Windm&uuml;hlen ank&auml;mpft,<\/li>\n<\/ul><p>das ist f&uuml;r Glos noch lange kein Anlass zu zweifeln, dass an seinem Weltbild irgendetwas nicht stimmen k&ouml;nnte. <\/p><p>Aus der Sicht unseres mittelst&auml;ndischen Unternehmers hei&szlig;t das eben nur, dass eben noch ein paar Millionen mehr Menschen ihre Arbeit zu noch geringeren Hungerl&ouml;hnen anbieten m&uuml;ssten, damit ihr Arbeitsangebot f&uuml;r die Arbeitgeber annehmbar ist.<br>\nDas gesteht Glos auch ganz ungeschminkt ein, wenn er sagt, schon bei &bdquo;einem  Mindestlohn von 4,50 Euro w&auml;ren 1,2 Millionen Arbeitnehmer betroffen, viele davon in Ostdeutschland. Besonders gef&auml;hrdet w&auml;ren Frauen, die 70 Prozent der Niedriglohnempf&auml;nger ausmachen.&ldquo; Er bestreitet also gar nicht, dass schon derzeit weit &uuml;ber eine Million Menschen einen Stundenlohn von unter 4,50 Euro bekommen.<\/p><p>&bdquo;Sozial ist, was Arbeit schafft&ldquo; res&uuml;miert Glos &ndash; Arbeit, egal zu welchem Preis und auf wessen Kosten, m&uuml;sste er, wenn er ehrlich w&auml;re, hinzuf&uuml;gen.<\/p><p>Und f&uuml;r diejenigen, die dann schlie&szlig;lich auf das Existenzminimum heruntergekommen sind und immer noch keine Arbeit finden, gibt es dann ja immer noch die Arbeitspflicht. Erst dann w&uuml;rden sich die Leute n&auml;mlich endlich sagen: &bdquo;Wenn ich auch f&uuml;r das Arbeitslosengeld II etwas tun muss, dann kann ich auch gleich einen Job annehmen, selbst wenn der nur ein bisschen besser bezahlt ist.&rdquo; (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/vorab\/0,1518,468410,00.html\">SPIEGEL ONLINE<\/a>) <\/p><p>Aus seiner mittelst&auml;ndischen Unternehmersicht ergibt sich f&uuml;r ihn zwingend: &bdquo;Kleine Unternehmen mit weniger als 20 Mitarbeitern sind durch einen Mindestlohn besonders gef&auml;hrdet, weil sie mehr als die H&auml;lfte der Besch&auml;ftigten im Niedriglohnbereich stellen. Vielen dieser Betriebe steht das Wasser bis zum Hals; bereits kleinste Kostenanstiege f&uuml;hren zu Entlassungen.&ldquo;<br>\nDiese unternehmerische In-Sich-Logik verschlie&szlig;t sich notwendigerweise der eigentlich doch ganz nahe liegenden Frage danach, warum es den Unternehmern, denen angeblich das Wasser bis zum Hals steht eigentlich besser gehen soll, als denjenigen, die sich mit einem Niedriglohn schon lange nicht mehr &uuml;ber Wasser halten k&ouml;nnen. Warum gilt bei Unternehmern eigentlich nicht auch der zynische Hinweis von M&uuml;ller Glos, dass doch &bdquo;die Mindesteinkommenssicherung &hellip;gew&auml;hrleistet&ldquo; ist?<br>\n(Damit ich nicht missverstanden werde: Diese Frage stelle ich nat&uuml;rlich nicht ernsthaft. Daran mag man aber erkennen, dass in diesem Weltbild im Brechtschen Sinne zwischen <a href=\"http:\/\/www.yolanthe.de\/stories\/brecht03.htm\">&bdquo;Haifischen&ldquo; und &bdquo;kleinen Fischen&ldquo;<\/a> unterschieden wird.)<\/p><p>Aber auch eine den betriebswirtschaftlichen Horizont des kleinen Unternehmers &uuml;bersteigende gesamtwirtschaftliche Sichtweise, ist unserem &bdquo;Wirtschafts&ldquo;-Minister verstellt: Dass gerade kleine Betriebe, die nicht auf dem Weltmarkt mitspielen k&ouml;nnen &ndash; weil, wie Glos richtig erkennt, nur &bdquo;wenige Unternehmen &hellip; ihre Produktion nach Tschechien oder sogar China verlagern&ldquo; k&ouml;nnen -, dass also gerade diese kleinen Unternehmer, die auf die Nachfrage auf dem Binnenmarkt angewiesen sind, ihre Angebote wieder besser absetzen k&ouml;nnten, wenn wieder mehr Arbeitnehmer es sich mit ihren L&ouml;hnen leisten k&ouml;nnten, solche Angebote auch zu kaufen &ndash; diese Gesamtsicht auf die Dinge l&auml;sst das flache Weltbild unseres &bdquo;Wirtschafts&ldquo;-Ministers nicht zu. <\/p><p>&bdquo;Schwarzarbeit und Scheinselbstst&auml;ndigkeit sind die Kehrseite von Mindestl&ouml;hnen&ldquo; meint unser &bdquo;Wirtschafts&ldquo;-Minister, denn &bdquo;die Kunden brauchen gar nicht ins Ausland zu reisen, wenn der befreundete Friseur um die Ecke wohnt und die Haare zu Hause schneidet.&ldquo;  Der Gedanke, dass die Mitarbeiter seiner Getreidem&uuml;hle wieder ganz normal in den Laden des &bdquo;befreundeten Friseurs&ldquo; kommen w&uuml;rden, wenn sie wieder einen Lohn bek&auml;men, mit dem sie den (n&ouml;tigen) Haarschnitt auch bezahlen k&ouml;nnten, kommt in der Halbwelt-Sicht von Michael Glos nicht mehr auf.<br>\nUnd genauso wenig findet dort die Vorstellung Platz, dass die Menschen es einfach nicht mehr hinnehmen wollen, dass der Lohn ihrer Arbeit zum Leben nicht reicht und gleichzeitig die Firmengewinne explodieren und die Manager und Aktion&auml;re sich die Taschen voll stopfen, w&auml;hrend ihnen ein Mindestlohn versagt wird. <\/p><p>P.S.: Es erstaunt nicht weiter, dass die &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; dieser Weltsicht unseres &bdquo;Wirtschafts&ldquo;-Ministers mit einer <a href=\"http:\/\/www.insm.de\/Datenpool\/Tagesnachrichten\/Aktuell\/Glos__Bei_4_50_Euro_Mindestlohn_Verlust_von_1_2_Millionen_Jobs__23.2.2007.html;jsessionid=7D69D1FEAB9358EF9B3E44B265CBEAE4%20\">Extra-Meldung vom 23.2.07<\/a> wohlgef&auml;llig zustimmt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Namensartikel im <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/news\/Default.aspx?_p=204051&amp;_t=ft&amp;_b=1229089\">Handelsblatt<\/a> poltert Michael Glos gegen den Mindestlohn. F&uuml;r den gelernten M&uuml;ller ist der Arbeitsmarkt nichts anderes als der Handel mit Getreide: Sinkt der Preis des Mehls nur tief genug, dann wird man das Mehl auch los. Glos: &bdquo;Mindestl&ouml;hne sind Jobvernichter&ldquo; weil sie den Preis der Arbeit nicht so weit fallen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2137\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,132,30],"tags":[1138,290,1392,683,317,288],"class_list":["post-2137","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-aufstocker","tag-binnennachfrage","tag-glos-michael","tag-handelsblatt","tag-mindestlohn","tag-prekaere-beschaeftigung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2137","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2137"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2137\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30195,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2137\/revisions\/30195"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2137"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2137"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2137"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}