{"id":21372,"date":"2014-04-11T09:22:14","date_gmt":"2014-04-11T07:22:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21372"},"modified":"2015-10-21T10:31:14","modified_gmt":"2015-10-21T08:31:14","slug":"fruehjahrsprognose-der-konjunkturforschungsinstitute-eine-tibetanische-gebetsmuehle-fuer-gutes-karma-und-zur-verteidigung-der-herrschenden-lehre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21372","title":{"rendered":"Fr\u00fchjahrsprognose der Konjunkturforschungsinstitute: Eine tibetanische Gebetsm\u00fchle f\u00fcr gutes Karma und zur Verteidigung der herrschenden Lehre"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.&ldquo; Dieser Satz wird dem Physiker Niels Bohr zugeschrieben und er trifft besonders auf die Konjunkturprognosen der Wirtschaftswissenschaftler  zu. 1,9 % Wachstum des BIP f&uuml;r dieses und zwischen 1,2 bis 2,6 % f&uuml;r das n&auml;chste Jahr, sagt die Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnosen unter Federf&uuml;hrung von DIW, ifo-Institut, RWI und IWH <a href=\"https:\/\/www.cesifo-group.de\/de\/ifoHome\/facts\/Forecasts\/Gemeinschaftsdiagnose\/Archiv\/GD-20140410.html\">voraus<\/a>. 1,6% f&uuml;r 2014 und 2,5% f&uuml;r 2015 hingegen das <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/p_imk_report_91_2014.pdf\">IMK [PDF]<\/a>.<br>\nDie Gemeinschaftsprognose liefert seit Jahren nichts mehr als <a href=\"http:\/\/tautenhahn.blog.de\/2014\/04\/10\/fruehjahrsprognose-teuer-bezahlte-falschmeldungen-18205410\/\">&bdquo;teuer bezahlte Falschmeldungen&ldquo;<\/a> und diese Falschmeldungen sind jetzt sogar noch bezahlt von einem sozialdemokratischen Wirtschaftsminister. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nMan k&ouml;nnte einfach auf das Konjunkturprognose-Ranking des Handelsblatts verweisen und das Gemeinschaftsgutachten ungelesen abheften. Denn  unter den 25 auf ihre Treffsicherheit getesteten Prognosen haben mit Platz 23 die Gutachten der Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnosen am schlechtesten abgeschnitten. Das IMK belegte <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/konjunktur\/nachrichten\/prognose-ranking-weidmann-ist-der-beste-hellseher\/9584946.html\">immerhin Platz 7<\/a>. An der Realit&auml;t gingen allerdings beide vorbei.<\/p><p>Der einzige sachliche Wert solcher umf&auml;nglichen regierungsamtlichen Auftragsgutachten ist, dass die Vielzahl der dort aufgef&uuml;hrten Daten, Grafiken und Literaturstellen fortgeschrieben und auf den jeweils neuesten Stand gebracht wird. Das einzig Gute ist dabei, dass f&uuml;r eine Vielzahl junger &Ouml;konomen Arbeitspl&auml;tze gesichert werden. Was die Voraussagen anbetrifft, liefert vor allem die Gemeinschaftsprognose &ndash; wie Andr&eacute; Tautenhahn richtig urteilt &ndash; nur  &bdquo;teuer bezahlte Falschmeldungen&ldquo;.<\/p><p>Ich war gestern Nachmittag gerade dabei, Inhalt und  Ergebnisse der Gemeinschaftsprognosen der fr&uuml;heren Jahre mit der aktuellen Prognose zu vergleichen und wollte belegen, dass die (sich selbst als &bdquo;renommiert&ldquo; bezeichnenden) Wirtschaftsforschungsinstitute in jedem Fr&uuml;hjahr wie tibetanische Gebetsm&uuml;hlen ihre Mantras verbreiten, die einerseits ein gutes Karma verbreiten sollen und nebenbei die Politik vor jeder Ma&szlig;nahme warnen, die auch nur im Keim die neoliberalen Glaubenslehren anfechten k&ouml;nnte.<\/p><p>Als ich anfing, das genauer zu begr&uuml;nden, fiel mir ein Text von Andr&eacute; Tautenhahn in die H&auml;nde, der viel sch&ouml;ner und treffender ist als meiner bis dahin war. Ich erlaube mir einfach den <a href=\"http:\/\/tautenhahn.blog.de\/2014\/04\/10\/fruehjahrsprognose-teuer-bezahlte-falschmeldungen-18205410\/\">Artikel aus seinem Blog<\/a> zu zitieren: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Statt wissenschaftlicher Beratung mit Substanz liefern die Wirtschaftsforschungsinstitute billige politische Propaganda ab, die der Steuerzahler teuer bezahlen muss.<\/p>\n<p>Seit Jahren liefern die &Ouml;konomen der f&uuml;hrenden Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Gutachten zur k&uuml;nftigen Entwicklung ab. Dabei gehen die Experten wahlweise von einem kr&auml;ftigen Wachstum oder einem stabilen Aufschwung f&uuml;r das jeweils laufende Jahr aus. Mit ihrer Prognose liegen sie regelm&auml;&szlig;ig daneben. Sie wissen also kaum etwas. Dennoch ma&szlig;en sich diese Experten an, auch etwas &uuml;ber das darauf folgende Jahr aussagen zu k&ouml;nnen, das, wie sollte es auch anders sein, immer noch besser erwartet wird, als das laufende&hellip;<\/p>\n<p>Die Presse f&auml;llt darauf mal wieder herein und verbreitet die frohe Kunde vom steten Aufschwung, der sich aber meist aus nach unten korrigierten Prognosen speist. Doch statt danach zu fragen, warum sich die Experten st&auml;ndig irren und selbst korrigieren m&uuml;ssen, h&auml;ngen die Journalisten an deren Lippen und der Aussicht auf goldene Zeiten. Vor genau einem Jahr rechneten dieselben &Ouml;konomen mit einem Wachstum von 0,8 Prozent f&uuml;r 2013. Tats&auml;chlich herausgekommen ist die H&auml;lfte von 0,4 Prozent. Es ist halt schwierig, alle Faktoren einer &Ouml;konomie treffsicher vorherzusagen.<\/p>\n<p>Was aber regelm&auml;&szlig;ig in die &uuml;berfl&uuml;ssigen Gemeinschaftsgutachten hineingeh&ouml;rt, ist eine neoliberale Botschaft. Widerspr&uuml;che st&ouml;ren dabei nicht weiter, weil auch Journalisten sie nicht erkennen wollen. Da behaupten die Forscher zum Beispiel, der Aufschwung werde von der guten Binnenkonjunktur, also von steigenden L&ouml;hnen und Geh&auml;ltern getragen. Gleichzeitig halten die &Ouml;konomen eine abschlagsfreie Rente, die, wie der Name schon sagt, prinzipiell ein h&ouml;heres Einkommen verspricht als eine Rente, die durch D&auml;mpfungsfaktoren gek&uuml;rzt wird, sowie einen Mindestlohn, der auch ein h&ouml;heres Einkommen f&uuml;r Menschen darstellt, &hellip;f&uuml;r konjunkturelles Gift. Wie kann das sein? <\/p>\n<p>Die Botschaft ist klar. Es geht gar nicht um einen seri&ouml;sen Ausblick, sondern darum, die Politik unter Druck zu setzen und eine Abweichung vom neoliberalen Glaubensdogma zu unterbinden. Lobbyarbeit nennt man das f&uuml;r gew&ouml;hnlich. Der seri&ouml;se Anstrich der Institute verdeckt das nur. &ldquo;Deutsche Konjunktur im Aufschwung &ndash; Gegenwind von der Wirtschaftspolitik&rdquo;, so nennen die Forscher ihr Gutachten. Sie &uuml;berzeugen aber nicht mit Sachverstand, sondern blamieren sich mit L&auml;cherlichkeiten. So warnen die Experten zum Beispiel vor steigenden Preisen (Inflation), falls der Mindestlohn beschlossen w&uuml;rde. Dabei sind steigende Preise dringend n&ouml;tig in einer Zeit der Deflation.&nbsp;&nbsp; <\/p>\n<p>Die Verbraucherpreise steigen nur noch minimal und bei den Erzeugerpreisen ist der R&uuml;ckw&auml;rtsgang l&auml;ngst eingelegt. Die Warnung vor steigenden Preisen ist also v&ouml;llig unangebracht. &Uuml;berteuert ist nur das Gutachten, das die Bundesregierung zweimal im Jahr in Auftrag gibt. Sie, liebe Leserinnen und Leser, zahlen mit ihren Steuergeldern die Glaskugelweisheiten von sogenannten Experten, die sich st&auml;ndig korrigieren m&uuml;ssen und statt Wissenschaft abzuliefern, politische Propaganda betreiben, die ganz im Sinne so mancher Arbeitgeberverb&auml;nde ist. Klaus Ernst hat schon Recht, wenn er sagt: Da werde &bdquo;Steuergeld f&uuml;r Ideologie verpulvert&ldquo;.<\/p><\/blockquote><p>Dieses Urteil trifft ziemlich genau das, was wir auf den NachDenkSeiten nun seit Jahren immer wieder an den Fr&uuml;hjahrsprognosen kritisieren. (F&uuml;r <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16938\">2013 hier<\/a> bis zur&uuml;ck auf das <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2704\">Jahr 2007<\/a>.) <\/p><p>Es war stets die gleiche Litanei: Senkung der Staatsausgaben, Verbesserung der Angebotsbedingungen f&uuml;r Unternehmen, niedrigere Steuern, niedrigere L&ouml;hne, blo&szlig; keine Verbesserungen bei den Sozialleistungen sondern eher weiteren Sozialabbau. <\/p><p>Besondere Reizobjekte waren f&uuml;r die Mehrheit der Institute in diesem Jahr nat&uuml;rlich die abschlagfreie Rente mit 63 und die geplante Einf&uuml;hrung eines Mindestlohns. (Das DIW und das WIFO teilten &uuml;brigens die Einsch&auml;tzung der Mehrheit der Institute zur Wirtschaftspolitik in wichtigen Punkten nicht.)<\/p><p>Zitat aus der gestrigen Pressefassung der Gemeinschaftsdiagnose 2014 (<a href=\"https:\/\/www.cesifo-group.de\/de\/ifoHome\/facts\/Forecasts\/Gemeinschaftsdiagnose\/Archiv\/GD-20140410.html\">Download<\/a>):<\/p><blockquote><p>&bdquo;Vom Au&szlig;enhandel sind per saldo keine positiven Impulse zu erwarten, aber die Zunahme der Binnennachfrage bleibt kr&auml;ftig. Sie wird jedoch durch die f&uuml;r den 1. Januar 2015 vorgesehene Einf&uuml;hrung des fl&auml;chendeckenden Mindestlohns in H&ouml;he von 8,50 Euro brutto je Stunde beeintr&auml;chtigt. Die wirtschaftlichen Konsequenzen dieser Ma&szlig;nahme sind au&szlig;erordentlich schwer abzusch&auml;tzen, auch weil es einen solchen staatlichen Eingriff in den Arbeitsmarkt in Deutschland bislang nicht gegeben hat. Ein R&uuml;ckgriff auf die Erfahrungen anderer L&auml;nder hilft wenig weiter, da der institutionelle Rahmen kaum vergleichbar ist. So ist ein gro&szlig;er Teil der Betroffenen in Minijobs besch&auml;ftigt, eine Besch&auml;ftigungsform, die es in anderen L&auml;ndern nicht gibt. Hinzu kommt, dass der Mindestlohn in Deutschland wohl f&uuml;r einen deutlich gr&ouml;&szlig;eren Anteil der Besch&auml;ftigten gelten wird als es in den meisten anderen L&auml;ndern bei der Einf&uuml;hrung eines Mindestlohns der Fall war. Um die Folgen des Mindestlohns f&uuml;r den Arbeitsmarkt und die konjunkturelle Entwicklung zu quantifizieren, muss daher auf zahlreiche Setzungen und Annahmen zur&uuml;ckgegriffen werden.<\/p>\n<p>Die Institute sch&auml;tzen, dass im Jahr 2015 unter Ber&uuml;cksichtigung von Ausnahmen und &Uuml;bergangsregelungen etwa vier Millionen Arbeitnehmer von der Regelung betroffen sein werden und im Jahr 2015 zun&auml;chst rund 200 000 Stellen verlorengehen. Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen d&uuml;rfte dadurch um 0,3 Prozent sinken. Der Verlust beim Bruttoinlandsprodukt wird allerdings wohl nur 0,1 Prozent betragen, weil vor allem Arbeitspl&auml;tze mit vergleichsweise niedriger Produktivit&auml;t wegfallen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Es gab gestern den ganzen Tag &uuml;ber keine Nachrichten- oder Magazinsendung, in der diese Botschaften nicht kritiklos nachgeplappert worden sind.<\/p><p>Da wird also f&uuml;r das k&uuml;nftige Wachstum auf die Binnennachfrage gesetzt und gleichzeitig eine Lohnerh&ouml;hung durch Mindestl&ouml;hne, die f&uuml;r mehr Nachfragen sorgen k&ouml;nnte, als wachstumshemmend verdammt. Woher sollte aber die &bdquo;kr&auml;ftige&ldquo; Binnennachfrage kommen? <\/p><p>Da wird so nebenbei eingestanden, dass es in Deutschland mehr Minijobs und vor allem auch mehr Besch&auml;ftigte gibt als in anderen L&auml;ndern, die von einem Mindestlohn profitieren w&uuml;rden. Und dann wird einfach so in die Welt gesetzt, dass durch den Mindestlohn 200.000 Stellen verloren gehen und das Arbeitsvolumen sinken d&uuml;rfte. <\/p><p>&Uuml;ber die abweichende Meinung des DIW und des WIFO (aus &Ouml;sterreich) (Vgl. <a href=\"http:\/\/www.diw.de\/documents\/dokumentenarchiv\/17\/diw_01.c.442738.de\/gemeinschaftsdiagnose_fruehjahr_2014.pdf\">DIW &bdquo;Eine andere Meinung&ldquo; S.66 [PDF]<\/a>) zum Mindestlohn und &uuml;ber die am gleichen Tag ver&ouml;ffentlichte v&ouml;llig andere Bewertung der Rentenpolitik und des Mindestlohns durch das Gutachten des IMK wurde in der ver&ouml;ffentlichten Meinung kaum berichtet.<\/p><p>Im Konjunkturgutachten des IMK <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/p_imk_report_91_2014.pdf\">hei&szlig;t es [PDF]<\/a>:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Im n&auml;chsten Jahr d&uuml;rften die privaten Konsumausgaben noch st&auml;rker ausgeweitet werden. Die Bruttol&ouml;hne und -geh&auml;lter steigen um 4,3% (?). Dieser beachtliche Anstieg ist auch Ausdruck der Einf&uuml;hrung des Mindestlohns&hellip;<\/p>\n<p>Im Prognosezeitraum wird die Entwicklung am Arbeitsmarkt, neben dem sich deutlich verbessernden konjunkturellen Umfeld, auch von der geplanten Einf&uuml;hrung eines allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns durch die Gro&szlig;e Koalition ab dem 1.&nbsp; Januar 2015 gepr&auml;gt werden&hellip;Insgesamt gibt es inzwischen eine umfassende sowohl theoretische als auch empirische Literatur zur Wirkung von Mindestl&ouml;hnen. Auch wenn von  Gegnern der Einf&uuml;hrung eines Mindestlohns gerne das neoklassische Modell des perfekten Wettbewerbs als Grundlage ihrer Argumentation herangezogen wird, so dominiert schon seit einiger Zeit in der Arbeitsmarkt&ouml;konomik eine realistischere Modellierung von Arbeitsmarktprozessen basierend auf der Annahme imperfekter M&auml;rkte (siehe  hierzu auch Manning 2010 und Kromphardt 2014). <\/p>\n<p>Gemeinsam ist diesen Modellen, dass Arbeitgeber eine gewisse Marktmacht auf dem Arbeitsmarkt  aus&uuml;ben. Dies hat zur Folge, dass aus theoretischer Sicht die Frage der &ouml;konomischen Wirkung von Mindestl&ouml;hnen nicht l&auml;nger eindeutig bestimmt ist, d.h. je nach H&ouml;he und Art der Ausgestaltung des Mindestlohns sind sowohl Besch&auml;ftigungsgewinne<br>\nals auch -verluste m&ouml;glich. Zieht man anstelle dieser eher mikro&ouml;konomisch ausgerichteten Modelle das makro&ouml;konomische Standardmodell der modernen Arbeitsmarkt- und Besch&auml;ftigungsanalyse zu Rate, das sogenannte NAIRU-Modell (siehe beispielsweise Carlin und Soskice 1990), so ergibt sich auch hier dasselbe Bild. Da die Einf&uuml;hrung eines Mindestlohns sowohl Lohnsetzung, Preissetzung als auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage beeinflusst, sind auch aus makro&ouml;konomischer Sicht die Besch&auml;ftigungseffekte eines Mindestlohns theoretisch nicht eindeutig bestimmt (siehe Ribhegge 2008). <\/p>\n<p>Die Frage nach den Besch&auml;ftigungseffekten eines Mindestlohns ist letztlich nur empirisch zu beantworten (Manning 2003, S. 347).  Im Einklang mit der theoretischen Literatur zum  Mindestlohn gilt auch f&uuml;r die empirische Literatur, dass die Befunde zu den Besch&auml;ftigungseffekten uneinheitlich sind und je nach konkretem Einzelfall erheblich variieren (Brenke und M&uuml;ller 2013, S. 11). Hinsichtlich der Besch&auml;ftigungswirkung der Mindestl&ouml;hne in den USA kommt die sehr aussagekr&auml;ftige Metaanalyse, basierend auf 64 Untersuchungen von Doucouliagos und Stanley (2009) zu dem Schluss, dass es bislang in der ver&ouml;ffentlichten empirischen Literatur einen erheblichen &bdquo;publication selection bias&ldquo; zugunsten eines negativen Besch&auml;ftigungseffektes gab. Wenn hierf&uuml;r entsprechend korrigiert wird, gibt es nur noch geringe oder keine statistischen Belege f&uuml;r einen negativen Besch&auml;ftigungseffekt des Mindestlohns in den USA.<\/p>\n<p>F&uuml;r Deutschland kommen Bosch und Weinkopf (2012, S. 58\/59) in ihrer Expertise zu den Evaluationsberichten &uuml;ber die existierenden branchenbezogenen Mindestl&ouml;hne in Deutschland zu dem Schluss:<\/p>\n<p>&bdquo;Die sieben Evaluationsberichte, in denen die Besch&auml;ftigungseffekte mithilfe von Kontrollgruppen untersucht werden konnten, kamen [&hellip;] alle zu dem &uuml;bereinstimmenden Ergebnis, dass die Mindestl&ouml;hne keine negativen Auswirkungen auf die Besch&auml;ftigung in den untersuchten Branchen hatten.&ldquo;<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund dieser empirischen Ergebnisse und der von der Gro&szlig;en Koalition gew&auml;hlten sehr vorsichtigen Vorgehensweise bei Einf&uuml;hrung eines allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns in Deutschland spricht einiges daf&uuml;r, dass von diesem Mindestlohn keine gesamtwirtschaftlichen Besch&auml;ftigungseffekte ausgehen werden. Damit leistet die Politik mit der Einf&uuml;hrung dieses Mindestlohns einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung der Lohnentwicklung in Deutschland.<\/p>\n<p>Berechnungen auf der Grundlage der aktuellen Welle des SOEP f&uuml;r das Jahr 2012 zeigen, dass insgesamt etwas mehr als f&uuml;nf Millionen Besch&auml;ftigte in Deutschland von der Einf&uuml;hrung eines Mindestlohns in H&ouml;he von 8,50 Euro profitieren w&uuml;rden, was einem Besch&auml;ftigungsanteil von mehr als 15% entspricht (Amlinger, Bispinck und Schulten 2014a).<br>\n&Uuml;bertr&auml;gt man diese Informationen auf die Jahre ab 2015, so d&uuml;rfte dies einen direkten Effekt auf die Bruttolohn- und Gehaltssumme in einer Gr&ouml;&szlig;enordnung von rund einem Prozent zur Folge haben. Zweitrundeneffekte sind hierbei nicht ber&uuml;cksichtigt.<\/p>\n<p>Dieser Effekt wird aber nicht vollst&auml;ndig im Jahr 2015 wirksam werden, da der Mindestlohn durch die geplanten &Uuml;bergangsregelungen erst 2017 uneingeschr&auml;nkt gelten wird.<br>\nInsgesamt ist davon auszugehen, dass es 2015 infolge der Einf&uuml;hrung des Mindestlohns zu einer positiven Lohndrift in der Gr&ouml;&szlig;enordnung von einem halben Prozentpunkt kommen wird und &ndash; bei Tariflohnsteigerungen in H&ouml;he von 3,1 % &ndash; die Effektivl&ouml;hne im n&auml;chsten Jahr um 3,6 % zunehmen werden, nach 3,2 % im Jahr 2014.<\/p>\n<p>Die Erwerbst&auml;tigkeit wird in diesem Jahr im Inland um jahresdurchschnittlich rund 240  000 Personen oder 0,6 % zunehmen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>So unterschiedlich sind also die Positionen der Wirtschaftswissenschaftler zum Mindestlohn und so sehr weichen deren Einsch&auml;tzungen im Hinblick auf die Auswirkungen auf die Wirtschaft voneinander ab.<\/p><p>Was der Arbeitsmarktforscher Gerhard Bosch im Handelsblatt dem Sachverst&auml;ndigenrat vorgeworfen hat, d&uuml;rfte auch auf f&uuml;r die Mehrheit der Konjunkturforschungsinstitute gelten: Hier wird der Stand der Forschung nicht angemessen und nach den herrschenden Normen  gew&uuml;rdigt und damit gegen den Ethikkodex versto&szlig;en, den der Verein f&uuml;r Socialpolitik 2012 aufgestellt hat, um den l&auml;dierten Ruf der Volkswirtschaftslehre nach der Finanzkrise <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/131121_hb_profbosch.pdf\">wiederherzustellen [PDF]<\/a>.<\/p><p>Das &Auml;rgerliche ist nur, dass der Steuerzahler und in diesem Fall sogar durch einen Dienstleistungsauftrag des sozialdemokratisch gef&uuml;hrten Wirtschaftsministeriums die Gemeinschaftsprognose teuer bezahlt. Noch schlimmer ist aber, dass die &bdquo;Ratschl&auml;ge&ldquo; dieser Projektgruppe durch ihren offiziellen Auftrag eine besondere Aufmerksamkeit genie&szlig;en, so dass sie einen weitaus h&ouml;heren Nachrichtenwert erhalten als Dutzende von Studien, die von dem von der Mehrheit der Institute vertretenen neoliberalen Mainstream abweichen und sich ihm entgegenstellen. <\/p><p>Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel k&ouml;nnte wenigstens f&uuml;r solche Gutachten Geld einsparen oder zumindest durch eine andere Auswahl von &Ouml;konomen zu erkennen geben, dass in der F&uuml;hrung des Hauses ein Wechsel eingetreten ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.&ldquo; Dieser Satz wird dem Physiker Niels Bohr zugeschrieben und er trifft besonders auf die Konjunkturprognosen der Wirtschaftswissenschaftler zu. 1,9 % Wachstum des BIP f&uuml;r dieses und zwischen 1,2 bis 2,6 % f&uuml;r das n&auml;chste Jahr, sagt die Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnosen unter Federf&uuml;hrung von DIW, ifo-Institut, RWI und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21372\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,141,11,30],"tags":[290,343,319,317,402,746],"class_list":["post-21372","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-strategien-der-meinungsmache","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-luegen-mit-zahlen","tag-lohnentwicklung","tag-mindestlohn","tag-wachstum","tag-wirtschaftsforschungsinstitute"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21372","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=21372"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21372\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21414,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21372\/revisions\/21414"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=21372"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=21372"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=21372"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}