{"id":21428,"date":"2014-04-15T12:04:14","date_gmt":"2014-04-15T10:04:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21428"},"modified":"2015-10-21T10:41:51","modified_gmt":"2015-10-21T08:41:51","slug":"der-preis-der-freiheit-gasstreit-zwischen-der-ukraine-und-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21428","title":{"rendered":"Der Preis der Freiheit \u2013 Gasstreit zwischen der Ukraine und Russland"},"content":{"rendered":"<p>F&uuml;r die meisten deutschen Medien ist die Sache klar: Da die Ukraine sich nun dem Westen in die Arme wirft, droht Russlands Pr&auml;sident Putin &bdquo;uns&ldquo; nun mit einem Gas-Stopp. So schrieb es beispielsweise die BILD-Zeitung in der letzten Woche <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/ausland\/wladimir-putin\/droht-dem-westen-mit-einem-gasstopp-35457186.bild.html\">wortw&ouml;rtlich<\/a> und auch seri&ouml;sere Medien teilen diese Lesart. Die Wirklichkeit ist &ndash; wie so oft &ndash; jedoch um einiges komplizierter. Fest steht, dass irgendwer das viele Gas bezahlen muss, das die Ukraine aus Russland bezogen hat und auch noch &uuml;ber lange Zeit beziehen wird. Die europ&auml;ischen Steuerzahler stehen hierbei auf der Liste der potentiellen Zahlmeister ganz weit oben, wobei sowohl die Bev&ouml;lkerung als auch die Industrie der Ukraine schon jetzt zu den kommenden Verlierern z&auml;hlen. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nWill Putin &bdquo;uns&ldquo; das Gas abdrehen? Nein, nat&uuml;rlich nicht. Bei der aktuellen Wiederauflage des russisch-ukrainischen Gasstreits geht es &ndash; vereinfacht gesagt &ndash; darum, dass Russland k&uuml;nftig von der Ukraine den 2009 verhandelten Importpreis f&uuml;r seine Gaslieferungen in Rechnung stellen will. Dieser Preis existierte bis dato eigentlich nur auf dem Papier. De facto zahlte die Ukraine anstatt der vertragsgem&auml;&szlig;en 485 Dollar im letzten Jahr nur 268 Dollar pro 1.000 Kubikmeter Erdgas aus Russland. 100 Dollar Rabatt wurden der Ukraine als Pacht f&uuml;r die Marinest&uuml;tzpunkte auf der Krim gew&auml;hrt. Diese Preisminderung ist nun hinf&auml;llig. Der Rest der Differenz war nach russischer Lesart eine Subvention des &ouml;konomisch kr&auml;nkelnden Brudervolkes. Doch dies ist bestenfalls die halbe Wahrheit. In der Tat stellte die Subvention vielmehr eine Art Wohlverhaltenspr&auml;mie dar. So lange die Ukraine nicht offen mit Russland bricht und mit der EU ein Assoziierungsabkommen abschlie&szlig;t, war Russland bereit, sich diese Freundschaft auch etwas kosten zu lassen. Auch diese Preisminderung ist nun hinf&auml;llig.<\/p><p>Dass die Ukraine, genauer gesagt der staatseigene ukrainische Gasmonopolist Naftogaz, hohe Schulden bei Russland, genauer gesagt dem staatlich kontrollierten russischen Gasmonopolisten Gazprom, hat, ist nichts neues. Seit Russland 1994 angefangen hat, seine Energieexporte in die anderen GUS-Staaten marktwirtschaftlich zu definieren und Geld zu verlangen, hat die Ukraine Gas-Schulden bei Russland. Seit diesem Zeitpunkt gibt es auch regelm&auml;&szlig;ig Vorf&auml;lle, bei denen die Ukraine Gas aus den Transitleitungen, das f&uuml;r den Westen bestimmt ist, illegal entnimmt. 2001, 2006, 2008 und 2009 f&uuml;hrten diese Konflikte zu den sogenannten &bdquo;Gasstreits&ldquo; zwischen den beiden L&auml;ndern. Heute befinden wir uns in der f&uuml;nften Auflage dieses Gasstreits und im Grunde genommen sind die Konfliktlinien &auml;hnlich wie bei den vorangegangenen Streitigkeiten.<\/p><p>Die Gazprom hat ein berechtigtes Interesse daran, die momentan offenen Gasschulden in H&ouml;he von 2,2 Mrd. Dollar einzutreiben. Die Naftogaz hat jedoch kein Geld, um ihre Schulden zu begleichen und sieht sich auch nicht in der Lage, die Verpflichtungen aus den laufenden Lieferungen zu begleichen. Daher vertritt Russland den &ndash; eigentlich verst&auml;ndlichen Standpunkt -, dass die neuen Freunde der Ukraine nun auch die Gasimporte des Landes bezahlen sollten. Dies teilte Putin letzte Woche <a href=\"http:\/\/de.ria.ru\/zeitungen\/20140411\/268252747.html\">auch den EU-Staatschefs mit<\/a> &ndash; er f&uuml;gte hinzu, dass Russland auf m&ouml;gliche illegale Gasentnahmen der Ukraine, die f&uuml;r den Westen bestimmt sind, mit einer Reduzierung der Einspeisung reagieren w&uuml;rde. Die Botschaft: Wenn die Ukraine Gas klaut, dann klaut sie dies nicht Russland, sondern dem Westen. Es ist erstaunlich, dass die deutschen Medien hier Ross und Reiter nicht beim Namen nennen und Russland wieder einmal f&uuml;r Dinge verantwortlich machen, die bei n&auml;herer Betrachtung von der Ukraine zu verantworten sind.<\/p><p>In der Vergangenheit eskalierten die Gasstreitigkeiten zwischen Russland und der Ukraine immer dann, wenn in Kiew eine pro-westliche Regierung am Ruder war. In Zeiten eher pro-russischer Regierungen in Kiew gab es hingegen auch bei den Gasstreits meist eine Entspannung. Nun ist es freilich mehr als unwahrscheinlich, dass Kiew in n&auml;chster Zeit wieder eine pro-russische Regierung haben wird. Der Gasstreit wird also aller Voraussicht nach an Intensit&auml;t zunehmen und es ist nicht davon auszugehen, dass Russland von seinen Preisvorstellungen abweicht. Wer soll nun bittesch&ouml;n die Rechnung bezahlen? <\/p><p>Wenn die ukrainische Bev&ouml;lkerung und die ukrainische Industrie die Preiserh&ouml;hungen voll &uuml;bernehmen m&uuml;ssten, so wie dies unter anderem vom IWF gefordert wird, k&auml;me dies einer wirtschaftlichen Katastrophe gleich. Den Menschen fehlt schlichtweg das Geld, um derartige Energiekosten zu zahlen und gro&szlig;e Teile der Wirtschaft sind (nicht nur) in puncto Energieeffizienz immer noch in der sowjetischen Tonnenideologie stecken geblieben. Dank langj&auml;hriger massiver Subventionen auf den Gaspreis sind sie auf eine Anpassung an den Weltmarktpreis nicht vorbereitet. Betriebsschlie&szlig;ungen, verbunden mit Massenarbeitslosigkeit, sind da eine durchaus realistische Perspektive. W&auml;re man zynisch, k&ouml;nnte man dies als den &bdquo;Preis der Freiheit&ldquo; bezeichnen.<\/p><p>Wie sehen die Alternativen aus? Die Ukraine k&ouml;nnte ebenfalls den Einsatz erh&ouml;hen und die russischen Preiserh&ouml;hungen mit Erh&ouml;hungen der Transitgeb&uuml;hren kontern. Dann w&uuml;rden die Energieverbraucher im Westen zur Kasse gebeten &ndash; nicht nur aus diesem Gesichtspunkt war es eine gute Entscheidung, mit der Nordseepipeline eine (fast) direkte Energietrasse zwischen Deutschland und Russland zu bauen. Die Ukraine unabh&auml;ngig von russischen Erdgaslieferungen zu machen, ist keine realistische Alternative. Wo soll denn das Gas herkommen? Allenfalls Iran k&auml;me hier als Konkurrent f&uuml;r Russland in Frage. Der Westen hat jedoch kein Interesse daran, Iran wirtschaftlich aufzuwerten. Hinzu kommt, dass der Bau einer Pipeline Jahrzehnte dauern und Milliarden kosten w&uuml;rde. Der vielfach ins Spiel gebrachte &bdquo;Re-Export&ldquo; russischer Gaslieferungen aus Deutschland oder Ungarn ist l&auml;ngst <a href=\"http:\/\/de.ria.ru\/business\/20130222\/265589320.html\">Praxis<\/a>, aber nur in einem sehr begrenzten Ma&szlig;stab technisch m&ouml;glich. Hinzu kommt auch hier die Haftungsfrage. Wer garantiert einem Konzern wie der RWE die Verbindlichkeiten aus der Ukraine. Bliebe die Steigerung der Energieeffizienz in der Ukraine. Dieser Schritt ist ohnehin l&auml;ngst &uuml;berf&auml;llig, jedoch ebenfalls nicht in wenigen Monaten umzusetzen. <\/p><p>F&uuml;r den Westen ist diese Situation h&ouml;chst grotesk. Die nun flie&szlig;enden Geldstr&ouml;me werden zu einem gro&szlig;en Teil &uuml;ber den Umweg Kiew direkt nach Moskau flie&szlig;en, um die ukrainischen Schulden und die Verpflichtungen aus laufenden Vertr&auml;gen zu decken. Das ukrainische Volk hat davon nichts &ndash; im Gegenteil, durch die gestiegenen Preise und die zu erwartende Wirtschaftskrise wird es wohl schon bald seine Vorliebe f&uuml;r den Westen ernsthaft in Frage stellen. Und was kommt dann? Die Rechtsradikalen stehen bekanntlich schon in den Startl&ouml;chern.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/d7a8e70ee64b465aa027886db624c768\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F&uuml;r die meisten deutschen Medien ist die Sache klar: Da die Ukraine sich nun dem Westen in die Arme wirft, droht Russlands Pr&auml;sident Putin &bdquo;uns&ldquo; nun mit einem Gas-Stopp. So schrieb es beispielsweise die BILD-Zeitung in der letzten Woche <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/ausland\/wladimir-putin\/droht-dem-westen-mit-einem-gasstopp-35457186.bild.html\">wortw&ouml;rtlich<\/a> und auch seri&ouml;sere Medien teilen diese Lesart. 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