{"id":21459,"date":"2014-04-17T15:08:26","date_gmt":"2014-04-17T13:08:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21459"},"modified":"2015-10-21T15:05:03","modified_gmt":"2015-10-21T13:05:03","slug":"das-zentrale-element-der-friedenspolitik-waere-heute-der-verzicht-auf-eskalation-und-vor-allem-auf-destabilisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21459","title":{"rendered":"Das zentrale Element der Friedenspolitik w\u00e4re heute der Verzicht auf Eskalation und vor allem auf Destabilisierung."},"content":{"rendered":"<p>Heute treffen sich die Au&szlig;enminister der USA, Russlands, der Ukraine und die Au&szlig;enbeauftragte der EU Ashton zu einem als wichtig erachteten Gespr&auml;ch &uuml;ber den Konflikt in und um die Ukraine. Die Begleitmusik ist im wahrsten Sinne des Wortes m&ouml;rderisch: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/ukraine-krise-nato-verstaerkt-militaerische-praesenz-im-osten-europas-a-964783.html\">&bdquo;Deutschland schickt Kampfjets nach Osteuropa&ldquo;<\/a> &uuml;berschrieb Spiegel Online einen Text zur Erkl&auml;rung des NATO-Generalsekret&auml;rs Rasmussen, das B&uuml;ndnis verst&auml;rke seine Truppen in Osteuropa. Der Gr&uuml;nen-Europa-Abgeordnete Werner Schulz wei&szlig; wie auch der NATO-Generalsekret&auml;r, dass Putin der Verursacher der Eskalation ist. Und der Deutschlandfunk verbreitet die Thesen von Schulz in einem langen <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/ukraine-konflikt-putin-ist-der-verursacher-der-eskalation.694.de.html?dram:article_id=282934\">Interview<\/a>. Zur gleichen Zeit l&auml;sst Angela Merkel verk&uuml;nden, sie habe die Regierung in Kiew f&uuml;r deren Vorgehen gelobt. Auch in Russland wird Stimmung gemacht. So schaukelt sich die Neigung zum Konflikt hoch. Hier wie in vielen anderen Medien unseres Landes. In wessen H&auml;nde sind wir da geraten! Von <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die Stimmung gegen Russland und den russischen Pr&auml;sidenten wird angeheizt.<\/strong><\/p><p>Ein Beispiel aus der Badischen Zeitung. Man kommt sich bald vor, als &ouml;ffnete man den &laquo;St&uuml;rmer&raquo;, meint ein Nachdenkseitenleser zu dieser Karikatur:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/ukraine_bz.jpg\" alt=\"Badischen Zeitung Ukraine\"><\/p><p>Und hier ein Beispiel aus der <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/svetlana-alexijewitsch-ueber-putins-russland-12895308.html\">FAZ<\/a>. Schauen Sie sich das Foto an, das diesen Artikel aus der Feder von Svetlana Alexijewitsch, <strong>Friedenspreistr&auml;gerin des Deutschen Buchhandels<\/strong>, ziert. Es ist auf <strong>Brutalit&auml;t getrimmt<\/strong>.<\/p><p>Im Text wird ein Zitat ans andere und eine Behauptung an die andere geh&auml;ngt &ndash; ohne Quellenangabe. Die Autorin beschreibt den Moskauer Jubel um Putin und merkt vermutlich gar nicht, wie und mit welchen Methoden sie die Stimmung hier bei uns hochschaukelt. Und sie macht nicht den Versuch, ihre Putin feiernden Freunde in Moskau zu verstehen. Das w&auml;re aber das Mindeste, wenn vermieden werden sollte, dass die Stimmung gegenseitig hoch geschaukelt wird. Ihre Freunde bejubeln Putin vermutlich deshalb, weil er die Serie der gebrochenen Versprechen des Westens beendet. &ndash; Wenn ich in Moskau leben w&uuml;rde und Russe w&auml;re, dann h&auml;tte ich mich vermutlich 1990 gefreut, dass die Trennung zwischen Ost und West und die Atomwaffen best&uuml;ckte Konfrontation endlich ein Ende gefunden hat, und dass mein Land, n&auml;mlich Russland, mit in eine Europ&auml;ische Friedensordnung geh&ouml;rt. Und dann h&auml;tte ich im weiteren Verlauf seit 1990 mit Bitterkeit verfolgen m&uuml;ssen, wie die NATO bis an die Grenze Russlands nach Osten ausgedehnt wird und wie die Europ&auml;ische Union nicht auf Partnerschaft, sondern auf Abgrenzung angelegt wurde &ndash; hier Europa, dort Russland. Und dann w&uuml;rde ich heute, obwohl mir Putin und seine Regierung aus vielerlei Gr&uuml;nden nicht gef&auml;llt, dennoch Verst&auml;ndnis f&uuml;r seine Politik haben.<\/p><p>Die Autorin der FAZ bringt das Minimum an Qualit&auml;ten einer Friedenspreistr&auml;gerin nicht mit: den Versuch n&auml;mlich, sich in das Denken und die Gef&uuml;hle des anderen zu versetzen. Sie baut deshalb mit an der neuen Konfrontation. Nicht Entspannung, Anspannung ist angesagt. Die Versch&auml;rfung der Spannung. Ohne R&uuml;cksicht auf Verluste sozusagen. Ohne R&uuml;cksicht auf die daraus m&ouml;glicherweise folgenden t&ouml;dlichen Risiken.<\/p><p><strong>Das Ergebnis der Meinungsmache wird von <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/allensbach-umfrage-zum-russlandbild-der-deutschen-12897404.html\">Umfragen<\/a> schon dokumentiert, wenn man der Chefin vom Allensbachinstitut glauben darf<\/strong>:<\/p><blockquote><p>&bdquo;<strong>Ein gef&auml;hrliches Land<\/strong><\/p>\n<p>Bis vor kurzem hatte eine Mehrheit der Deutschen eine gute Meinung &uuml;ber Russland und Wladimir Putin. Das &auml;ndert sich gerade dramatisch. Unterschiede gibt es zwischen Ost- und Westdeutschen.<\/p>\n<p>F&uuml;nfundzwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges droht eine neue Eiszeit im Verh&auml;ltnis zu Russland. Nach der Annexion der Krim gilt Russland pl&ouml;tzlich wieder als ein Land, von dem Gefahr ausgeht. Vor der Eskalation der Krim-Krise wurde diese Einsch&auml;tzung nur von einer Minderheit der deutschen Bev&ouml;lkerung geteilt. Jetzt assoziieren wieder 55 Prozent Russland mit Gefahren, und nur zehn Prozent sehen es als verl&auml;sslichen Partner an.&ldquo; Etc.<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;Der mediale Dauerbeschuss wirkt&ldquo; schreibt ein Nachdenkseitenleser und unterrichtet von einer Diskussion zu Europa bei ARTE: Der Konflikt mit Russland sei &ndash; da rein wertebasiert &ndash; idendit&auml;tsstiftend f&uuml;r Europa. &bdquo;Wenn nicht alles t&auml;uscht, wird hier unter deutscher Dominanz in Europa das alte Spiel der Erzeugung und Mobilisierung au&szlig;enpolitischer Ressentiments als sozialer Kitt nach innen gegeben. Und dennoch wundert man sich &uuml;ber die Folgerichtigkeit: Erst den Sozialstaat schleifen und dann den inneren Konflikt nach au&szlig;en ablenken. Nation Building der sog. besseren Kreise in Europa. Und das Problem der &bdquo;freien Presse&ldquo; und aller Kan&auml;le: Sie emotionalisieren prozyklisch, statt antizyklisch zur Raison zu rufen. Eine ganze Gesellschaft wird vors&auml;tzlich in Schwingung versetzt.&ldquo;<\/p><p>Das ist das Gegenteil dessen, was die Entspannungspolitik vor 40 Jahren bestimmte und pr&auml;gte und damals das Ende der Konfrontation zwischen Ost und West brachte.<\/p><p>Wir brauchen dringend eine &auml;hnliche Politik des gegenseitigen Verst&auml;ndnisses und der gemeinsamen Bew&auml;ltigung von inneren Konflikten wie jetzt in der Ukraine. Wenn die vier Vertreter der USA, Russlands, der Ukraine und der EU daf&uuml;r die T&uuml;r wieder &ouml;ffnen k&ouml;nnten, w&auml;re das Treffen ein Erfolg.<\/p><p><strong>Das w&auml;re dringend n&ouml;tig, denn Z&uuml;ndstoff f&uuml;r Konflikte und Probleme wie in der Ukraine gibt es n&auml;mlich gleich dutzendweise im Bereich der fr&uuml;heren Sowjetunion wie auch in anderen Teilen der Welt.<\/strong><\/p><p>Ethnische Mischungen wie in der Ukraine gibt es viele. Streit um die Beherrschung der einen durch die anderen dutzendweise. Ausbeutung der einen durch die andern ebenfalls. <\/p><p>Die Ukraine ist ein ethnisches Gemisch. Russland beherbergt genauso wie die aus dem sowjetischen Verband gel&ouml;sten Teile Ukraine, Kasachstan, Moldawien usw. viele dieser Konflikte und damit auch Sprengs&auml;tze. Wenn, wie zu bef&uuml;rchten steht, die Strategie von Politikern und gro&szlig;en Interessen im Westen darauf angelegt ist, diese Konfliktpotenziale zur Destabilisierung zu nutzen, dann ist das gleich reihenweise m&ouml;glich. Irgendwann und irgendwo wird es dann zum gro&szlig;en Konflikt kommen.<\/p><p><strong>Zum Gewaltverzicht muss der Verzicht auf die Destabilisierung kommen<\/strong><\/p><p>Das gilt f&uuml;r die russische Regierung im Falle der Ukrainer wie f&uuml;r den Westen im Blick auf die Ukraine und andere Konflikte und Konfliktm&ouml;glichkeiten. Wenn die Verantwortlichen im Westen die vorhandenen Probleme, die &ouml;konomischen Probleme und die ethnischen sowie religi&ouml;sen Konflikte nicht als eine M&ouml;glichkeit zur Destabilisierung und zur Schw&auml;chung des betreffenden Staates, im konkreten Fall Russlands, sehen w&uuml;rden, wenn sie stattdessen Stabilit&auml;t unter Wahrung eines friedlichen und produktiven Zusammenlebens auch verschiedener V&ouml;lker und Religionen f&uuml;r sinnvoll erachten w&uuml;rden, dann k&ouml;nnte es wieder zur Entspannung kommen.<\/p><p>Aber es ist sehr fraglich, ob die heute politisch Verantwortlichen so verantwortungsvoll denken und f&uuml;hlen. Eher neigen sie dazu, die Nutzung des billigen Vorteils der Destabilisierung f&uuml;r gro&szlig;e Politik zu halten. Darin liegt &ndash; ohne die Vergangenheit verkl&auml;ren zu wollen &ndash; eines der gro&szlig;en Probleme unserer Zeit: Die Charaktere und die mangelnde pers&ouml;nliche Kriegserfahrung der heute handelnden Personen. Von Helmut Kohl kann man verl&auml;sslich annehmen, dass er in der gemeinsamen Zukunft von Russland in Europa und mit Europa eine Chance sah. Von Angela Merkel wissen wir das nicht. Ich vermute, sie hat dar&uuml;ber gar nicht nachgedacht. Vom heutigen Generalsekret&auml;r der NATO, Rasmussen, wissen wir, dass er als d&auml;nischer Ministerpr&auml;sident und Rechtsliberaler eine harte Ausl&auml;nderpolitik betrieben hat. Er macht nicht den Eindruck, dass er sich in die Situation anderer Menschen und anderer V&ouml;lker versetzen kann. Die Au&szlig;enbeauftragte der Europ&auml;ischen Union Ashton hat nach meiner Kenntnis bisher keinen Versuch gemacht, f&uuml;r die Integration Russlands in die Gemeinschaft der europ&auml;ischen V&ouml;lker zu werben. Wenn dies ein Herzensanliegen von ihr w&auml;re, h&auml;tten wir das vernommen. Strategen der Friedenspolitik wie Willy Brandt und Egon Bahr gibt es sowieso nicht. Nicht einmal einen Dietrich Genscher oder Kissinger. Stattdessen gibt es Kerry. Bei ihm hat man den Eindruck, er m&uuml;sse mit der von den Republikanern ausgeliehenen Linie st&auml;ndig wettmachen und konterkarieren, dass er Au&szlig;enminister eines US-Demokraten ist. Und beim Pr&auml;sidenten hat man eben diesen Eindruck auch.<\/p><p><strong>Die notwendigen Ans&auml;tze und Ideen f&uuml;r eine gemeinsame Politik Russlands und des Westens in Europa sind versch&uuml;ttet und sie werden es vermutlich &uuml;ber einen l&auml;ngeren Zeitraum bleiben. Es sei denn, die Russen und wir schalten vor der weiteren Eskalation noch gedanklich und ideologisch um. Das m&uuml;sste geschehen. Aber es ist vorerst leider unwahrscheinlich geworden.<\/strong><\/p><p>Denn zu viele haben ein Interesse an Konflikten und an der Destabilisierung Russlands und anderer &bdquo;Gegner&ldquo;:<\/p><ul>\n<li>Je erfolgloser die Europ&auml;ischen Union im Innern ist, je krisenhafter die Probleme zum Beispiel in Griechenland, in Zypern, in Spanien und Portugal, in Slowenien und Kroatien sind, umso st&auml;rker ist der Drang auf EU-Erweiterung. Das bringt vermeintliche Erfolgserlebnisse.<\/li>\n<li>&Auml;hnliches gilt f&uuml;r die NATO<\/li>\n<li>Die ideologischen Interessen der Rechten in den USA verlangen weltweit immer wieder neue Konflikte mit dem B&ouml;sen.<\/li>\n<li>Finanzielle und &ouml;konomische Interessen pochen auf Destabilisierung und Ausbeutung. Nur so kommen sie an Schn&auml;ppchen und die Vereinnahmung gro&szlig;er Verm&ouml;genswerte heran.<\/li>\n<li>Und immer wieder brechen die Interessen der R&uuml;stungsindustrie durch.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute treffen sich die Au&szlig;enminister der USA, Russlands, der Ukraine und die Au&szlig;enbeauftragte der EU Ashton zu einem als wichtig erachteten Gespr&auml;ch &uuml;ber den Konflikt in und um die Ukraine. Die Begleitmusik ist im wahrsten Sinne des Wortes m&ouml;rderisch: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/ukraine-krise-nato-verstaerkt-militaerische-praesenz-im-osten-europas-a-964783.html\">&bdquo;Deutschland schickt Kampfjets nach Osteuropa&ldquo;<\/a> &uuml;berschrieb Spiegel Online einen Text zur Erkl&auml;rung des NATO-Generalsekret&auml;rs Rasmussen,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21459\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[122,181,170,11],"tags":[1542,484,915,259,260],"class_list":["post-21459","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-demoskopieumfragen","category-europapolitik","category-friedenspolitik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-faz","tag-ifd-allensbach","tag-putin-wladimir","tag-russland","tag-ukraine"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21459","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=21459"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21459\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21491,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21459\/revisions\/21491"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=21459"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=21459"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=21459"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}