{"id":21469,"date":"2014-04-22T09:12:19","date_gmt":"2014-04-22T07:12:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21469"},"modified":"2019-01-12T11:26:05","modified_gmt":"2019-01-12T10:26:05","slug":"schein-und-sein-einer-nachricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21469","title":{"rendered":"Schein und Sein einer Nachricht"},"content":{"rendered":"<p>Gleich zu Beginn des Beitrags muss ich Abbitte leisten. Durch den Hinweis der NachDenkSeiten am 10.04. auf <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/lohndumping-urteil-1-54-euro-stundenlohn-sind-keine-ausbeutung-a-963466.html\">einen Artikel im &bdquo;Spiegel&ldquo;<\/a> zu einem Urteil des Arbeitsgerichts Cottbus aufmerksam gemacht, hatte ich schnell meine Einsch&auml;tzung dazu an der Hand. Zu schnell, wie ich an sp&auml;terer Stelle erst bemerkte. Schienen doch die im &bdquo;Spiegel&ldquo; dargelegten Fakten eine eindeutige Sprache zu sprechen.<\/p><p>Nun ist es einfach meist aus Kapazit&auml;tsgr&uuml;nden gar nicht m&ouml;glich, alle Nachrichten und Informationen vollst&auml;ndig zu erfassen, zu verarbeiten und anschlie&szlig;end gar zu hinterfragen sowie auf Richtigkeit gegenzurecherchieren. Zur Verzerrung der Realit&auml;t gen&uuml;gt es aber oftmals schon, kleine &ndash; aber wichtige &ndash; Details fortzulassen, ohne welche ein Sachverhalt eine v&ouml;llig andere Wendung erh&auml;lt. So stellen sich f&uuml;r mich in der Zwischenzeit auch die Zusammenh&auml;nge des Rechtsstreits des wegen Lohndumping verklagten Rechtsanwalts und des klagenden Jobcenters in einem v&ouml;llig anderen Licht dar.<br>\nVon <strong>Lutz Hausstein<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21469#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nDer im &bdquo;Spiegel&ldquo; dargelegte Sachverhalt schien eindeutig. Ein Rechtsanwalt besch&auml;ftigt zwei B&uuml;rokr&auml;fte f&uuml;r einen ver&auml;chtlich niedrigen Stundenlohn von 1,54 Euro bzw. 1,65 Euro. Als Begr&uuml;ndung f&uuml;r diesen l&auml;cherlichen Lohn wird die ihnen fehlende Qualifikation angegeben. Eben diese Argumentationslinie wird seit geraumer Zeit h&auml;ufig verwandt, um jeden noch so absurd niedrigen Lohn (scheinbar objektiv) zu begr&uuml;nden. Bestimmten Personen und\/oder den von diesen verrichteten T&auml;tigkeiten werden mangelnde Qualifikationen und F&auml;higkeiten oder eine geringe Produktivit&auml;t nachgesagt, ohne dies an objektiv mess- und &uuml;berpr&uuml;fbaren Ma&szlig;st&auml;ben festmachen zu k&ouml;nnen (und zu wollen). Anschlie&szlig;end wird diesen Personen der in der jeweiligen Diskussion deklarierte Stundensatz als gerade noch leistungsgerecht zugewiesen. Mit dieser Methodik sind problemlos auch Stundenl&ouml;hne von 0,01 Euro herleitbar.<\/p><p>Nach dieser Logik schien bei erster Betrachtung auch der Rechtsanwalt zu handeln. Er lie&szlig; zwei B&uuml;romitarbeiter f&uuml;r einen extrem niedrigen Stundensatz in seiner Kanzlei f&uuml;r sich arbeiten, verdiente sich damit m&ouml;glicherweise selbst eine goldene Nase, w&auml;hrend die beiden Besch&auml;ftigten ihr mickriges Einkommen beim Jobcenter aufstockten. Anhand dieser Informationen, welche f&uuml;r sich gesehen auch erst einmal korrekt sind, war mein Urteil schnell gef&auml;llt. Hier nutzt ein Arbeitgeber den Druck auf Arbeitslose durch das Repressionsregime Hartz-IV aus, um seinen eigenen Nutzen zu mehren.<\/p><p>Gegen die niedrige Bezahlung der B&uuml;romitarbeiter hatte nun das Jobcenter Oberspreewald-Lausitz geklagt. Beinahe wollte man diesem daf&uuml;r metaphorisch die Hand sch&uuml;tteln. Unternahm es doch endlich einmal etwas, was wirklich im Interesse der Arbeitslosen und Arbeitnehmer ist. Es forderte wegen ausbeuterischer Arbeitsverh&auml;ltnisse die Erstattung der Sozialleistungen der beiden betreffenden Mitarbeiter in einer Gesamth&ouml;he von 4.100 Euro vom Rechtsanwalt. Auch wer nur selten die Gebahren der Jobcenter f&uuml;r korrekt erachtet, wird aber diese Forderung begr&uuml;&szlig;en. Umso aberwitziger erschien es nun, dass das Arbeitsgericht Cottbus den Vorwurf der Ausbeutung zur&uuml;ckwies, da die B&uuml;romitarbeiter die Besch&auml;ftigung unter den vorgeworfenen Konditionen selbst angestrebt hatten.<\/p><p>Nach einem weiteren Hinweis der NachDenkSeiten am folgenden Tag erwachte jedoch der &bdquo;Jagdinstinkt&ldquo; in mir. Laut der <a href=\"http:\/\/rechtsanwalt-grossraeschen.de\/2013\/11\/wer-im-glashaus-sitzt\/\">eigenen Erkl&auml;rung des Rechtsanwalts<\/a> war eine der beiden &bdquo;100-Euro-Kr&auml;fte&ldquo; aus eigenem Antrieb vor mehr als einem Jahr mit der Bitte um ein Praktikum an ihn herangetreten. Damit wollte diese erneute Trainingsma&szlig;nahmen des Jobcenters, welche sich allzu h&auml;ufig in sinnbefreiten, einer zuk&uuml;nftigen Besch&auml;ftigung nicht f&ouml;rderlichen Besch&auml;ftigungs-Therapien ersch&ouml;pfen, abwenden und stattdessen ein aus ihrer Sicht beruflich aussichtsreicheres Praktikum in der Rechtsanwaltskanzlei absolvieren. Worin allzu regelm&auml;&szlig;ig die Trainings- und Qualifizierungsma&szlig;nahmen bestehen, sollte sich inzwischen auch bei weniger Informierten herumgesprochen haben: x-fache Wiederholungen des &bdquo;Erlernens&ldquo; nutz-, weil erfolgloser Bewerbungsschreiben, <a href=\"http:\/\/www.gegen-hartz.de\/nachrichtenueberhartziv\/kaufmannsladen-spielen-als-hartz-iv-massnahme-9001435.php\">dem Spielen im Kaufmannsladen<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/kultur\/kino_tv\/focus-fernsehclub\/die-armutsindustrie-arbeitslos-und-hopsasa_aid_416784.html\">dem Z&auml;hlen gebrauchter Puzzleteile<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.mdr.de\/mediathek\/fernsehen\/a-z\/video184902_zc-ea9f5e14_zs-dea15b49.html\">Wandern durch die Stadt<\/a>. Nach Ablauf des Praktikums bat sie den Rechtsanwalt um eine Weiterbesch&auml;ftigung auf 100-Euro-Basis, um den nun wieder drohenden Sinnlos-Trainingsma&szlig;nahmen aus dem Weg zu gehen. Eine h&ouml;here Entlohnung hingegen bringe keinen Nutzen, solange damit nicht vollst&auml;ndig der Bereich der Grundsicherung verlassen werden k&ouml;nne, da jeder Euro, der den 100-Euro-Betrag &uuml;bersteigt, zu 80 Prozent vom Jobcenter beim Grundsicherungsbetrag gek&uuml;rzt wird. So w&uuml;rden beispielsweise bei einem bei einem Lohn von 300 Euro 160 Euro angerechnet &ndash; d.h. von der Sozialleistung abgezogen &ndash; werden, nur 140 Euro blieben anrechnungsfrei.<\/p><p>Das Gesamtbild beginnt sich zu entwirren, wenn man <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/814003.der-robin-hood-der-arbeitslosen.html\">die Aktivit&auml;ten des Rechtsanwalts<\/a> in die Betrachtungen einbezieht. Eher durch einen Zufall in den Bereich des Sozialrechts hineingeraten, nahm die Zahl der Hartz-IV-Rechtsf&auml;lle seiner Kanzlei kontinuierlich zu. Die konsequente Vertretung der Interessen von Sozialleistungsberechtigten gegen die Jobcenter sprach sich unter den Betroffenen bald herum, sodass inzwischen 90 Prozent seiner Anwaltst&auml;tigkeit Sozialleistungsstreitigkeiten umfassen. Wenngleich diese F&auml;lle f&uuml;r ihn auch wenig lukrativ sind. Inzwischen beklagt sich gar der stellvertretende Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Jobcenters Oberspreewald-Lausitz &uuml;ber die erhebliche Zunahme der Widerspr&uuml;che und macht hierf&uuml;r in erster Linie den umtriebigen Rechtsanwalt verantwortlich. Vors&auml;tzlich falsche Rechtsauslegungen, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15274\">mangelnde Verfassungsfestigkeit<\/a> der zugrunde liegenden Gesetze oder &ndash; bei wohlwollender Auslegung &ndash; einfach nur fehlerbehaftete Bescheide durch &uuml;berlastete Mitarbeiter oder widerstreitende Gesetze kommen in seinen dahingehenden &Uuml;berlegungen allerdings nicht vor. Der Jurist sei schuld, wenn unter der Vielzahl von ihm abgegebenen Widerspr&uuml;che das Jobcenter zunehmend handlungsunf&auml;hig wird.<\/p><p>So erscheint es auch nicht besonders zuf&auml;llig, dass das besagte Jobcenter nun ausgerechnet gegen diesen Rechtsanwalt das Arbeitsgericht wegen des Vorwurfs der ausbeuterischen Besch&auml;ftigung bem&uuml;hte. Hatte dieser doch in den vergangenen Jahren vielfach f&uuml;r &bdquo;Unannehmlichkeiten&ldquo; beim Jobcenter gesorgt. Der Rechtsanwalt hingegen hat mit seinem Handeln die beiden B&uuml;romitarbeiter &ndash; auf deren eigenen ausdr&uuml;cklichen Wunsch &ndash; vor weiteren &bdquo;Qualifizierungen&ldquo; und dar&uuml;ber hinaus auch Niedrigstlohn-&ldquo;Angeboten&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=fmX2VzsB25s&amp;feature=player_detailpage#t=31\">Angebote, die man bekanntlich nicht ablehnen kann<\/a>) des Jobcenters bewahrt. Denn zumindest vor der sanktionsbewehrten Unterbreitung von nichtentlohnten bzw. bis zum Betrag von monatlich 100 Euro entlohnten T&auml;tigkeiten kann die 100-Euro-T&auml;tigkeit die Besch&auml;ftigen nun &bdquo;sch&uuml;tzen&ldquo;. Dies liegt darin begr&uuml;ndet, dass einer der Hauptgrunds&auml;tze der aktuellen Sozialgesetzgebung ist, dass Leistungsberechtigte alles tun m&uuml;ssen, um ihre Bed&uuml;rftigkeit zu mindern. Eine schlechter entlohnte T&auml;tigkeit mindert ihren Anspruch jedoch nicht, sondern steigert ihn gar und w&uuml;rde somit diesem Grundsatz widersprechen. V&ouml;llig unber&uuml;cksichtigt bleibt hierbei, ob die entsprechende Besch&auml;ftigung nun als sinnvoll oder sinnlos eingestuft werden muss. Vor diesen noch schlechter verg&uuml;teten T&auml;tigkeiten konnte der Rechtsanwalt diese beiden &bdquo;100-Euro-Mitarbeiter&ldquo; also bewahren.<\/p><p>Dass das Tun des Rechtsanwalts &ndash; sowohl seine generelle, aktive Unterst&uuml;tzung von Sozialleistungsberechtigten wie auch die konkrete Hilfe f&uuml;r die beiden B&uuml;rokr&auml;fte &ndash;  nat&uuml;rlich nicht das Wohlwollen des betroffenen Jobcenters findet, erkl&auml;rt sich von selbst. Demzufolge ist die Klage gegen ihn nur folgerichtig &ndash; aus der Logik des Jobcenters.<\/p><p>Wie abstrus die diesem allen zugrunde liegenden Hartz-Gesetze von ihrer prinzipiellen Ausrichtung schon sind, offenbart dieser Fall sehr plastisch. Jemand wie ich, dem Arbeitnehmerrechte ebenso am Herzen liegen wie die Rechte von Arbeitslosen, sieht sich gezwungen, eine absurd niedrige Bezahlung von Menschen in einer gewissen Weise zu verteidigen. Eine Bezahlung, welche &ndash; und dies ist eine entscheidende Stellschraube in dieser Betrachtung &ndash; die Sozialleistungsempf&auml;nger vor der Willk&uuml;r des Jobcenters bewahrt. Derjenigen Stelle also, die sie normalerweise unterst&uuml;tzen sollte, sie stattdessen jedoch unter Druck setzt, drangsaliert und ihnen ihre W&uuml;rde nimmt, ohne ihnen wirklich zu helfen. Es ist eben unm&ouml;glich, unter den gegebenen (falschen) Umst&auml;nden in einer bestimmten Zeit ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Minima_Moralia\">richtiges Leben<\/a> zu f&uuml;hren.<\/p><p>Aus dem Vorstehenden sollte nun keinesfalls geschlussfolgert werden, dass ich solch niedrige Bezahlungen allgemein guthei&szlig;en w&uuml;rde. Denn diese sind nicht nur f&uuml;r die Betreffenden sch&auml;dlich, da sie weder ihre Existenz sichern noch ihr Selbstwertgef&uuml;hl aufgrund der unzureichenden Anerkennung ihrer Leistung st&uuml;tzen. Sie sind gleichfalls aus volkswirtschaftlicher Sicht nicht positiv zu werten, weil damit nicht die dringend notwendige Massenkaufkraft f&uuml;r den Binnenkonsum geschaffen wird. Nicht zuletzt besteht jedoch die Gefahr, dass mittels dieses sehr besonderen Einzelfalls das Tor f&uuml;r noch absurdere L&ouml;hne ge&ouml;ffnet wird. Ein Tor, welches durch die nun geschaffenen Ausnahmen des &bdquo;allgemeinen&ldquo;, fl&auml;chendeckenden Mindestlohns gezielt offengehalten wird.<\/p><p>Dieser konkrete Fall zeigt aufs Neue, wie absurd die gesamte Hartz-Gesetzgebung ist und entlarvt gleichzeitig die Farce des seit Jahren entfachten Trommelfeuers &uuml;ber die angeblich gro&szlig;artigen Erfolge der Agenda 2010. Diese gibt es nicht. Zumindest nicht f&uuml;r die Betroffenen selbst und einen Gro&szlig;teil der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten. Es geht &bdquo;uns&ldquo; nicht gut.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Lutz Hausstein (45), Wirtschaftswissenschaftler, ist als Arbeits- und Sozialforscher t&auml;tig. In seinen 2010 und 2011 erschienenen Untersuchungen &bdquo;Was der Mensch braucht&ldquo; ermittelte er einen alternativen Regelsatzbetrag f&uuml;r die soziale Mindestsicherung. Er ist u.a. Ko-Autor des Buches &bdquo;Wir sind emp&ouml;rt&ldquo; der Georg-Elser-Initiative Bremen sowie Verfasser des Buches &bdquo;Ein Pl&auml;doyer f&uuml;r Gerechtigkeit&ldquo;.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/ea1bb8e5d6b94b95b55c852c2578e12b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gleich zu Beginn des Beitrags muss ich Abbitte leisten. 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