{"id":2153,"date":"2007-03-05T11:14:45","date_gmt":"2007-03-05T10:14:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2153"},"modified":"2016-01-10T16:06:27","modified_gmt":"2016-01-10T15:06:27","slug":"stiftungsprofessuren-die-kopflanger-des-grosen-geldes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2153","title":{"rendered":"Stiftungsprofessuren die Kopflanger des gro\u00dfen Geldes"},"content":{"rendered":"<p>Die Universit&auml;t Frankfurt am Main, hat insgesamt 500 Professoren. Sie hat <a href=\"http:\/\/www.uni-frankfurt.de\/forschung\/profil\/stift\/index.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.uni-frankfurt.de\/forschung\/profil\/stift\/index.html\">23 Stiftungsprofessoren<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.uni-frankfurt.de\/forschung\/profil\/stiftgast\/index.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.uni-frankfurt.de\/forschung\/profil\/stiftgast\/index.html\">14 Stiftungsgastprofessoren<\/a>. Von diesen 37 Stiftungsprofessuren wurden 13 von Banken oder Stiftungen der Finanzwirtschaft gestiftet, mindestens 6 von Stiftungen der Pharma- und Gesundheitsindustrie, etliche durch Quandt-, Herthie oder sonstigen Stiftungen von Gro&szlig;industriellen oder durch Konzerne wie T-Mobil und einige wenige von ungenannten Spendern. Die Gastprofessuren werden semesterweise, die Stiftungsprofessuren dauerhaft besetzt.<br>\nNun k&ouml;nnte man ja das Hohe Lied auf das M&auml;zenatentum singen. Doch daraus wird schnell ein Trauerspiel: denn die Stiftungsprofessuren werden nur zwischen drei bis f&uuml;nf Jahren privat finanziert, anschlie&szlig;end werden sie aus Landes- oder Hochschulmitteln weiterfinanziert. D.h. hier kauft sich gro&szlig;es Geld die von ihr gew&uuml;nschte Wissenschaft und von ihm (mit) ausgew&auml;hlte Wissenschaftler ein, um sie dann auf Dauer dem Steuerzahler aufzuhalsen.<br>\n<!--more--><br>\nStiftungsprofessuren werden &uuml;blicherweise f&uuml;r spezielle Fachgebiete ausgeschrieben, f&uuml;r die die Hochschulen angesichts knapper Stellen, keine Lehr- oder Forschungspriorit&auml;t setzen k&ouml;nnen. Und sie werden umgekehrt wiederum von Stiftern gesponsert, die auf einem Wissensgebiet ein spezielles Interesse haben. Besch&ouml;nigend hei&szlig;t es auf der Website der Frankfurter Uni, die sich mit dem Namen Johann Wolfgang Goethe schm&uuml;ckt: &bdquo;Stiftungs(gast)professuren und -dozenturen tragen dazu bei, an der Universit&auml;t vorhandene Fachgebiete wissenschaftlich zu erg&auml;nzen.&ldquo;<\/p><p>Praktisch bedeutet das, dass private Wissenschaftsinteressen in die &ouml;ffentlichen Hochschulen hineingetragen werden, die ansonsten f&uuml;r die Scientific Community in den jeweiligen Fachbereichen nicht so wichtig erachtet wurden, dass daf&uuml;r eine neue Professur eingerichtet oder eine Stelle aus einem anderen Fachgebiet umgewidmet worden w&auml;ren.<\/p><p>Mit den Stiftungsprofessuren findet in den jeweiligen F&auml;chern eine &bdquo;Profilbildung&ldquo; bzw. eine fachliche Schwerpunktbildung statt, die &uuml;ber den gesamten Fachbereich ausstrahlt, zumal die berufenen Stiftungsprofessoren wiederum auch ein Mitspracherecht &uuml;ber die k&uuml;nftige fachliche Weiterentwicklung haben.<\/p><p>Bei der Berufung von Wissenschaftlern auf Stiftungsprofessuren haben &uuml;blicherweise &ndash; wenn nicht ganz offen &ndash; zumindest faktisch die Stifter einen ma&szlig;geblichen Einfluss. Mit dem zu berufenden Wissenschaftler k&ouml;nnen sie auch die wissenschaftlichen Fragestellungen und die Zielrichtung dieser Professur bestimmen. Im Regelfall geht damit einher, dass die Berufenen mit ihrem Forschungsgebiet und mit ihrer Lehre auch die Erkenntnisvorstellungen, um nicht zu sagen die Interessen ihrer Stifter vertreten. Und so gewinnen diese privaten Interessen auch Einfluss auf die jeweiligen F&auml;cher.<\/p><p>Dazu braucht man sich nur einmal die Stifter und die f&uuml;r die Stiftungsprofessuren umschriebenen Fachgebiete der Uni Frankfurt etwas genauer anzuschauen: <\/p><ul>\n<li>Dresdner Bank Stiftungsprofessur f&uuml;r Wirtschaftsrecht\/Law &amp; Finance (FB 01)<\/li>\n<li>Geld-, W&auml;hrungs- und Notenbankrecht der Stiftung Geld und W&auml;hrung (FB 01)<\/li>\n<li>Stiftungsprofessur des Bundesverbandes Deutscher Investment- und Verm&ouml;gensverwaltungsgesellschaften (BVI) f&uuml;r Betriebswirtschaftslehre, inbesondere Investment, Portfolio-Management und Alterssicherung (FB 02)<\/li>\n<li>Betriebswirtschaftslehre, inbesondere Financial Economics der Stiftung Geld und W&auml;hrung (FB 02)<\/li>\n<li>Volkswirtschaftslehre, inbesondere Monet&auml;re &Ouml;konomie der Stiftung Geld und W&auml;hrung (FB 02)<\/li>\n<li>Hans Strothoff-Stiftungsprofessur f&uuml;r Handelsmarketing (FB 02)<\/li>\n<li>Stiftungsprofessur f&uuml;r M-Commerce von T-Mobile (FB 02)<\/li>\n<li>UBS Stiftungsprofessur f&uuml;r Finance (FB 2 &ndash; ab WS 2007\/2008)<\/li>\n<li>UBS Stiftungsprofessur f&uuml;r Management (FB 2 &ndash; ab WS 2007\/2008)<\/li>\n<li>VWL-Stiftungsjuniorprofessur f&uuml;r Mergers and Acquisitions im Mittelstand der Firma Klein&amp;Coll. (FB 02)<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.evtheol.uni-frankfurt.de\/islam\/index.html\">Stiftungsprofessur f&uuml;r Islamische Religion der Anstalt f&uuml;r Religion Diyanet, T&uuml;rkei (FB 06)<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/gecco.org.chemie.uni-frankfurt.de\/\">Beilstein-Stiftungsprofessur f&uuml;r Chemieinformatik (FB 14)<\/a><\/li>\n<li>Degussa-Stiftungsprofessur f&uuml;r Organische Synthetik (FB 14)<\/li>\n<li>Aventis Stiftungsprofessur f&uuml;r chemische Biologie (FB 15)<\/li>\n<li>Kr&ouml;ner-Fresenius-Stiftungsprofessur f&uuml;r Gastroenterologie und klinische Ern&auml;hrung (FB 16)<\/li>\n<li>Schleussner-Stiftungsdozentur f&uuml;r Immunpharmakologie (FB 16)<\/li>\n<li>Stiftungsprofessur f&uuml;r Gerontopsychiatrie der BHF-Bank-Stiftung (FB 16)<\/li>\n<li>Stiftungsprofessur f&uuml;r Experimentelle p&auml;diatrische Onkologie und H&auml;matologie der Frankfurter Stiftung f&uuml;r krebskranke Kinder (FB 16)<\/li>\n<li>Hertie-Stiftungslehrstuhl Neuroonkologie (FB 16)<\/li>\n<li>Stiftungsprofessur Interdisziplin&auml;re Onkologie (FB 16)<\/li>\n<li>Kerckhoff-Kliniksprofessur (FB 16)<\/li>\n<li>Johanna Quandt-Forschungsprofessur im Bereich der Grundlagenforschung der Lebenswissenschaften (FIAS)<\/li>\n<li>Stiftungsprofessur der DekaBank und Helaba f&uuml;r B&uuml;rgerliches Recht,  Handels- und Wirtschaftsrecht, inbesondere Bankrecht (ILF)<\/li>\n<\/ul><p>Dass etwa die Dresdener Bank, der Schweizer Bankenkonzern UBS, die DekaBank, die Helaba, der Merger&amp;Acquisition-Berater Klein&amp;Coll, der Bundesverbandes Deutscher Investment- und Verm&ouml;gensverwaltungsgesellschaften (BVI) keine ziemlich klar definierte wissenschaftliche Erkenntnisinteressen h&auml;tten, d&uuml;rfte kaum jemand bestreiten k&ouml;nnen. Die Stiftung Geld und W&auml;hrung ist im Stifterverband f&uuml;r die Deutsche Wissenschaft ganz offen dem verl&auml;ngerten Arm der Arbeitgeberverb&auml;nde in der Wissenschaft angebunden.<\/p><p>Auch die Pharma- oder Gesundheitsindustrie mit Aventis, Fresenius, Degussa, Kerkhoff oder Schleussner wei&szlig; schon ziemlich genau, wof&uuml;r sie ihr Geld anlegt. Dasselbe d&uuml;rfte f&uuml;r die Johanna-Quandt-Stiftung der Familienholding mit 46 % Anteil an BMW und einem Mehrheitsanteil am Pharma- und Chemiekonzern Altana gelten. Altana wird schon seine Vorstellungen &uuml;ber die richtige Art der &bdquo;Lebenswissenschaften&ldquo; haben.<\/p><p>Man k&ouml;nnte und m&uuml;sse einen Stifter nach dem anderen nach seinen Interessenbez&uuml;gen hinterfragen. <\/p><p>Ich habe es selbst oft genug erlebt, dass die Wissenschaftler eines Fachbereichs sehr skeptisch waren, ob das mit der Stiftungsprofessur vertretene Wissensgebiet nun wirklich von Relevanz war oder in den wissenschaftlichen Kontext passte. Aber kaum eine Hochschule und kaum ein Fachbereich kann und will sich gegen eine von au&szlig;en aufgedr&auml;ngte Bereicherung wehren.<\/p><p>Nun k&ouml;nnte man sagen: Sollen doch private M&auml;zene ihr Erkenntnisinteressen auch in die Hochschulen hineintragen, schlie&szlig;lich bezahlen sie ja daf&uuml;r.<\/p><p>Aber genau an dieser Stelle wird die Stiftungsprofessur zu einer Art Kuckucksei. Sie wird in ein fremdes Nest gelegt und darf anschlie&szlig;end vom Land oder heute zunehmend von den Hochschulen nach einer relativ kurzen Zeit von drei bis f&uuml;nf Jahren aus &ouml;ffentlichen Mitteln weiterfinanziert werden. Die Stifter bezahlen f&uuml;r ihre wissenschaftlichen Interessen also vielleicht 3 oder, wenn es ganz hoch kommt, 5 Millionen Euro f&uuml;r eine Professur, f&uuml;r ein paar wissenschaftliche Mitarbeiter und f&uuml;r eine Grundausstattung und anschlie&szlig;end bleibt die Universit&auml;t auf dem Personal und auf dem neu eingerichteten Institut h&auml;ngen und muss in der Regel &ndash; da es kaum zus&auml;tzliche Stellen und Mittel vom Land gibt &ndash; eine vorhandene Stelle umwidmen. <\/p><p>Da die Stiftungsprofessuren haupts&auml;chlich auf den Gebieten der Wirtschaftswissenschaften, der Medizin- oder der Pharmaforschung in manchen Hochschulen auch noch in den Natur- und Ingenieurwissenschaften eingerichtet werden, werden nach Ablauf der Stiftungszeit solche Professorenstellen sehr h&auml;ufig aus den Geistes- oder Gesellschaftswissenschaften abgezogen. Jede Stiftungsprofessur ist damit gleichzeitig eine Hypothek f&uuml;r die anderen F&auml;cher.<\/p><p>Die Stiftungsprofessur ist f&uuml;r den Banken- und Finanz- oder Pharmasektor eine relative billige Methode sich an den &ouml;ffentlichen Hochschulen einzukaufen und die Unis als ihre wissenschaftlichen Werkb&auml;nke zu nutzen. Und gleichzeitig die Wissenschaftler als ihre &bdquo;Kopflanger&ldquo; (so Bert Brecht in seinen Schriften &uuml;ber die &bdquo;TUI&ldquo;, einem Neologismus aus dem Wort Intellektueller,  &raquo;Tellekt-Uell-In&laquo;) zu gebrauchen. M&uuml;ssten die Stifter diese Forschungskapazit&auml;t selbst aufbauen, k&auml;me ihnen das erheblich teurer, sie m&uuml;ssten nicht nur das Personal dauerhaft finanzieren, sie m&uuml;ssten auch eine entsprechende Infrastruktur aufbauen, die ihnen jetzt von der Hochschule zur Verf&uuml;gung gestellt werden muss.<\/p><p>Stiftungsprofessuren sind somit h&auml;ufig Danaergeschenke. Es sind Geschenke, von denen den Hochschulen und einer freien und unabh&auml;ngigen Hochschulwissenschaft oft mehr Schaden und Unheil drohen kann. <\/p><p>Die Crux mit den Stiftungen ist, dass sie immer st&auml;rker in die L&uuml;cken sto&szlig;en k&ouml;nnen, die der Staat unter dem Zwang der leeren &ouml;ffentlichen Kassen l&auml;sst. Was als M&auml;zenatentum oder gemeinn&uuml;tziges zivilgesellschaftliches Engagement daher kommt, ist das gro&szlig;e Geld, das mit Stiftungslehrst&uuml;hlen und  Forschungsauftr&auml;gen den Gang der Wissenschaft oder den gesellschaftlichen Diskurs und so auch gesellschaftliche und Weiterentwicklung pr&auml;gt.<\/p><p>Die Johann Wolfgang Goethe Universit&auml;t will sich nun auch noch komplett zu einer <a href=\"http:\/\/www.muk.uni-frankfurt.de\/news\/hp\/de-025-senat\/index.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.muk.uni-frankfurt.de\/news\/hp\/de-025-senat\/index.html\">Stiftungsuniversit&auml;t<\/a> umwandeln.<br>\nLassen wir einmal beiseite, dass das Etikett &bdquo;Stiftungs&ldquo;-Universit&auml;t ein ziemlicher Etikettenschwindel ist. Denn wo hat diese Stiftungsuni ein Stiftungsverm&ouml;gen wie etwa die amerikanischen Universit&auml;tsstiftungen, aus dem sie sich wenigstens zu einem Teil finanzieren k&ouml;nnte. Das Land Hessen m&uuml;sste seinen gesamten Hochschulhaushalt f&uuml;r mehrere Jahre f&uuml;r einen Verm&ouml;gensaufbau einsetzen, um die Uni Frankfurt aus dem Stiftungsverm&ouml;gen finanzieren zu k&ouml;nnen.<br>\nAber darum geht es bei der Umetikettierung auch gar nicht. Den L&ouml;wenanteil der Kosten darf auch k&uuml;nftig der Steuerzahler &uuml;ber j&auml;hrliche &ouml;ffentliche Haushaltszusch&uuml;sse tragen. Der Haushaltsgesetzgeber, das Parlament, die Politik sollen nur nichts mehr zu sagen haben und sich mit Rolle des Zahlmeisters zufrieden geben.<br>\nUniversit&auml;tspr&auml;sident Prof. Rudolf Steinberg wird da bei aller Zur&uuml;ckhaltung schon etwas deutlicher, um was es mit der Umwandlung in eine Stiftungsuniversit&auml;t geht: Die Wahl der Rechtsform &rsaquo;Stiftung &ouml;ffentlichen Rechts&lsaquo; signalisiere der B&uuml;rgerschaft das Angebot, sich an der Hochschule zu engagieren.<br>\nDas h&ouml;rt sich pathetisch und sch&ouml;n an: Um welche Gruppe der &bdquo;B&uuml;rgerschaft&ldquo; es dabei nur gehen kann, l&auml;sst sich an den Stiftern f&uuml;r die Stiftungslehrst&uuml;hle ablesen.<br>\nEs geht um die Ausdehnung der privaten institutionellen Macht des Reichtums auf die Hochschule, um die Universit&auml;t der Besitzenden also.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Universit&auml;t Frankfurt am Main, hat insgesamt 500 Professoren. 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