{"id":21533,"date":"2014-04-25T13:08:44","date_gmt":"2014-04-25T11:08:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21533"},"modified":"2015-10-21T15:18:19","modified_gmt":"2015-10-21T13:18:19","slug":"wir-sind-die-lohndeppen-europas-die-bild-zeitung-als-tueroeffner-des-rechtspopulismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21533","title":{"rendered":"\u201eWir sind die Lohndeppen Europas!\u201c \u2013 Die Bild-Zeitung als T\u00fcr\u00f6ffner des Rechtspopulismus"},"content":{"rendered":"<p>Mit den Schlagzeilen &bdquo;Wir sind die Lohndeppen Europas!&ldquo; und <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/geld\/wirtschaft\/gehalt\/die-bittere-lohnabrechnung-35671364.bild.html\">&bdquo;Die bittere Lohnabrechnung&ldquo;<\/a> machte die Printausgabe der Bild-Zeitung auf der Seite 1 und 2 ihre gestrige Ausgabe auf. Unter Verweis auf Daten der EU-Kommission wird berichtet, dass die Reall&ouml;hne in Deutschland seit 1995 &bdquo;nur um gerade mal 2 Prozent gestiegen&ldquo; sind und das sei der niedrigste Wert in der EU. Die anderen L&auml;nder lebten auf &bdquo;unsere&ldquo; Kosten und eine Staatsb&uuml;rokratie, die das Volk schr&ouml;pft, das seien die Ursachen f&uuml;r die &bdquo;mickrigen&ldquo; Reallohnsteigerungen.  Diese Schuldverlagerungen sind zwei der Angelpunkte <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4414\">rechtspopulistischer Agitation<\/a>. In der Pose des Verteidigers der Interessen der deutschen Arbeitnehmer wird hier der braune Boden f&uuml;r rechtsradikale Propaganda bereitet. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Wir sind die Lohndeppen Europas&ldquo; und die &bdquo;Rekord-Abz&uuml;ge&ldquo; sind f&uuml;r BILD die beiden Ursachen f&uuml;r die &bdquo;niedrigsten Lohnerh&ouml;hungen&ldquo; in Euro-Land.<\/p><p>Dazu wird dann noch die passende Grafik geliefert:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141425_wl_01.gif\" alt=\"Reall&ouml;hne seit 1995\" title=\"Reall&ouml;hne seit 1995\"><br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/geld\/wirtschaft\/gehalt\/die-bittere-lohnabrechnung-35671364.bild.html\">Bild.de<\/a><\/p><p>Statt aber danach zu fragen, warum die L&ouml;hne &ndash; trotz der in der gleichen Zeitung verbreiteten Propaganda, dass die Wirtschaft boome und dass es &bdquo;uns&ldquo; doch so gut gehe &ndash; praktisch seit fast 20 Jahren stagnierten, lenkt die Bild-Zeitung den Zorn ihrer Leser\/innen auf die &bdquo;Euro-Pleitestaaten&ldquo;, in die &bdquo;wir&ldquo; so viele Milliarden pumpten wie kein anderes Land. <\/p><p>Neben den im Vergleich zu Deutschland ma&szlig;losen Nachbarl&auml;ndern wird dem Staat und der Inflation die Schuld daf&uuml;r zugeschoben, dass die Reall&ouml;hne bei uns &bdquo;so mickrig gestiegen&ldquo; sind. <\/p><p><strong>Bild-Zeitung als T&uuml;r&ouml;ffner des Rechtspopulismus<\/strong><\/p><p>Die europ&auml;ischen Nachbarn leben auf &bdquo;unsere&ldquo; Kosten und eine Staatsb&uuml;rokratie, die das Volk schr&ouml;pft, das sind zwei der Dreh- und Angelpunkte <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4414\">rechtspopulistischer Agitation<\/a>. In der Pose des Verteidigers der Interessen der deutschen Arbeitnehmer wird hier der braune Boden f&uuml;r rechtsradikale Propaganda bereitet.<\/p><p><strong>Die auseinandergehende Schere zwischen Gewinneinkommen und Arbeitnehmerentgelten wird verschwiegen<\/strong><\/p><p>Die Bild-Zeitung, die ansonsten Deutschland als Exportweltmeister feiert und den wirtschaftlichen Aufschwung r&uuml;hmt, fragt nicht etwa danach, wie diese Erfolgsmeldungen mit den niedrigen L&ouml;hnen in Einklang zu bringen sind. Das Blatt verschweigt die auseinandergehende Schere zwischen den Gewinn- bzw. Verm&ouml;genseinkommen und Arbeitnehmerentgelten.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141425_wl_02.gif\" alt=\"Schere arm reich\" title=\"Schere arm reich\"><br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/gehaltsentwicklung-in-deutschland-realloehne-niedriger-als-im-jahr-1.1598540\">S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/a><\/p><p>Ein Blick auf diese Entwicklung k&ouml;nnte  ja bei den Arbeitnehmern Begehrlichkeiten nach h&ouml;heren Lohnforderungen wecken. Eine solche Perspektive ist bei einer Zeitung, f&uuml;r die Umverteilung ausschlie&szlig;lich als Umverteilung im Armenhaus stattfinden darf, genauso wenig denkbar, wie die Tatsache, dass niedrige L&ouml;hne vor allem Ausdruck der Schw&auml;che der Gewerkschaften  gegen&uuml;ber den Arbeitgeberorganisationen sind. <\/p><p>Dass nicht zuletzt die &bdquo;Arbeitsmarktreformen&ldquo; mit Hartz IV und &bdquo;einer der besten Niedriglohnsektoren in Europa&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.gewerkschaft-von-unten.de\/Rede_Davos.pdf\">Schr&ouml;der [PDF]<\/a>) die L&ouml;hne in Deutschland dr&uuml;ckten, ist nat&uuml;rlich in einem <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12830\">Hetzblatt auf Hartz-IV-Empf&auml;nger<\/a> tabu. Berichte und Statistiken der EU-Kommission, die auf solche Zusammenh&auml;nge hinweisen, sind dieser Zeitung kaum eine Nachricht wert. (Siehe etwa <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/economy_finance\/economic_governance\/documents\/ocp174.pdf\">Europ&auml;ische Kommission, Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen Makro&ouml;konomische Ungleichgewichte &ndash; Deutschland 2014 [PDF]<\/a>)<\/p><p>Weil also von der Umverteilung von unten nach oben oder schlicht von der Ausbeutung von Arbeit zugunsten des Kapitals abgelenkt werden soll, muss zun&auml;chst einmal die Inflation f&uuml;r die &bdquo;bittere Lohnabrechnung&ldquo; herhalten. Dabei w&uuml;rde gerade umgekehrt ein Schuh draus. <\/p><p><strong>Die Inflation fra&szlig; in Deutschland noch am wenigsten vom Lohn<\/strong><\/p><p>Gerade die niedrigen L&ouml;hne in Deutschland haben zu einer im Vergleich zu den Nachbarn niedrigen Inflationsrate <a href=\"http:\/\/wko.at\/statistik\/eu\/europa-inflationsraten.pdf\">gef&uuml;hrt [PDF]<\/a> und Niedrigl&ouml;hne und niedrige Inflation haben wiederum dazu verholfen, dass Deutschland seine europ&auml;ischen Partner im wirtschaftlichen Wettbewerb <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12137\">niederkonkurrieren konnte<\/a>. Wenn &uuml;berhaupt, m&uuml;ssten die Inflationsraten in Gro&szlig;britannien, Portugal oder Frankreich die Nominallohnsteigerungen viel mehr aufgefressen haben als in Deutschland. An der Inflationsrate kann also die Stagnation der Reall&ouml;hne nicht gelegen haben. <\/p><p><strong>Die Irref&uuml;hrung mit dem &bdquo;abkassierenden Staat&ldquo;<\/strong><\/p><p>Bleibt also als S&uuml;ndenbock der gefr&auml;&szlig;ige Staat. Damit die Zahlen besonders dramatisch wirken, rechnet die Bild-Zeitung Steuern und die Beitr&auml;ge f&uuml;r die sozialen Sicherungssysteme nat&uuml;rlich dem &bdquo;abkassierenden Staat&ldquo; zu. <\/p><p>Und hier geht die Manipulation der Leserinnen und Leser durch BILD dann erst richtig los:<\/p><p>Da wird folgende Grafik abgebildet:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141425_wl_03.gif\" alt=\"Steuern und Abgaben\" title=\"Steuern und Abgaben\"><br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/geld\/wirtschaft\/gehalt\/die-bittere-lohnabrechnung-35671364.bild.html\">Bild.de<\/a><\/p><p><strong>Die T&auml;uschung mit dem Vergleich zwischen L&ouml;hnen und &bdquo;Arbeitskosten&ldquo;<\/strong><\/p><p>Pl&ouml;tzlich geht es nicht mehr um L&ouml;hne, sondern um die &bdquo;Arbeitskosten&ldquo;, das hei&szlig;t die Gesamtkosten, die der Arbeitgeber hat, indem er nicht nur den Bruttolohn ausbezahlt sondern auch noch seine gesetzlichen Arbeitgeberbeitr&auml;ge zu den Sozialversicherungen und die Aufwendungen f&uuml;r die betriebliche Altersvorsorge hinzurechnet. <\/p><p>Es zahlt also nicht der &bdquo;Alleinstehende&ldquo; von seinem Bruttolohn 49,3 Prozent Steuern und Abgaben, sondern es ist der Anteil an den gesamten &bdquo;Arbeitskosten&ldquo; des Arbeitgebers.<\/p><p>(Siehe  zur Aussagekraft und  zur Bedeutung der &bdquo;Arbeitskosten&ldquo; im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Wettbewerbsf&auml;higkeit <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=5015\">hier<\/a>) <\/p><p><strong>Die T&auml;uschung &uuml;ber den raffgierigen Fiskus<\/strong><\/p><p>Die weitere T&auml;uschung ist: Die 49,3 Prozent der &bdquo;Arbeitskosten&ldquo; gehen nicht etwa, wie es in der Bild-Zeitung hei&szlig;t, an den &bdquo;Fiskus&ldquo;, also auf gut deutsch ans Finanzamt, sondern vor allem an die Renten-, an die Kranken- oder an die Pflegeversicherung. Nach dieser OECD-Statistik gehen 17,12% der &bdquo;Arbeitskosten&ldquo; des Arbeitnehmers an die sozialen Sicherungssysteme und der Arbeitgeberanteil betr&auml;gt 16,16%. Zusammen macht das (nach dieser anfechtbaren Statistik) also 33,28% der 49,3% &bdquo;Arbeitskosten&ldquo; aus. <\/p><p>(Nach j&uuml;ngsten Angaben (2011) des Bundesfinanzministeriums bewegt sich die deutsche Abgabenquote mit 37,1% im Mittelfeld <a href=\"https:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/Content\/DE\/Downloads\/Broschueren_Bestellservice\/2013-04-15-wichtigste-steuern-vergleich-2012.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=7\">vergleichbarer Staaten<\/a>) <\/p><p><strong>Privatvorsorge k&auml;me f&uuml;r den Arbeitnehmer nicht billiger<\/strong><\/p><p>Nun kann man nat&uuml;rlich dar&uuml;ber hadern, dass es in Deutschland im Gegensatz zu anderen L&auml;ndern eine gesetzliche Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung gibt. Man glaube aber blo&szlig; nicht, dass der Arbeitnehmer weniger von seinem Bruttolohn aufwenden m&uuml;sste, wenn er die Alters- oder Krankheitsvorsorge privat versichern m&uuml;sste, wie das  in anderen L&auml;ndern vollst&auml;ndig oder teilweise der Fall ist. <\/p><p>Am Beispiel der Riester-Rente l&auml;sst sich das gut darstellen. Da der Beitrag zur gesetzlichen Rente aus politischen Gr&uuml;nden gedeckelt werden sollte, sollte der Arbeitnehmer, um die kontinuierliche Rentensenkung auszugleichen, 4% seines Bruttolohnes allein (ohne parit&auml;tische Finanzierung durch den Arbeitgeber) in die private Vorsorge einbezahlen. Diese 4% vom Bruttolohn werden nat&uuml;rlich in keiner Statistik mehr erfasst, schon gar nicht als &bdquo;staatliche Abgabe&ldquo;. Wenn also z.B. Gro&szlig;britannien oder die USA geringere Prozentanteile an den Arbeitskosten f&uuml;r Sozialversicherungsabgaben haben, so hei&szlig;t das, anders als das die Statistik ausweist, dass die Arbeitnehmer, wenn sie ein entsprechendes Sicherungsniveau erreichen wollten, einen h&ouml;heren Anteil ihres Bruttolohnes f&uuml;r die soziale Absicherung einsetzen m&uuml;ssten. <\/p><p><strong>Arbeitskosten, Bruttol&ouml;hne und Nettol&ouml;hne<\/strong><\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141425_wl_04.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141425_wl_04_th.gif\" alt=\"Arbeitskosten, Bruttol&ouml;hne und Nettol&ouml;hne\" title=\"Arbeitskosten, Bruttol&ouml;hne und Nettol&ouml;hne\"><\/a><br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.sozialpolitik-aktuell.de\/tl_files\/sozialpolitik-aktuell\/_Politikfelder\/Finanzierung\/Datensammlung\/PDF-Dateien\/abbII10.pdf\">Sozialpolitik aktuell [PDF]<\/a> <\/p><p>Wie man aus dieser Grafik entnehmen kann, betr&auml;gt der durchschnittliche monatliche Nettolohn 1.727 Euro, also 66,6% des Bruttolohns. D.h. f&uuml;r den Arbeitnehmer fallen 33,4% seines Bruttolohns an Steuern und Sozialabgaben an. Das ist  zwar &uuml;ber ein Drittel, aber eben nicht fast die H&auml;lfte, wie die Darstellung der Bild-Zeitung nahelegt. (Wer kann schon Arbeitskosten und Bruttolohn unterscheiden? Zumal wenn es in der &Uuml;berschrift hei&szlig;t &bdquo;So viel Steuern  und Abgaben werden f&auml;llig&ldquo;.) <\/p><p><strong>Der Mythos der zu hohen &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo;<\/strong> <\/p><p>Betrachtet man einmal die sog. &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo; auf 100 Euro Bruttoverdienst, so sieht die Rangfolge der Staaten weitaus weniger dramatisch aus, als die Bild-Zeitung zu vermitteln versucht. Deutschland liegt dabei im hinteren Mittelfeld: <\/p><p><strong>Lohnnebenkosten auf 100 Euro Bruttoverdienst in der Privatwirtschaft in den Mitgliedsstaaten der Europ&auml;ischen Union im Jahr 2012<\/strong><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141425_wl_05.gif\" alt=\"Lohnnebenkosten auf 100 Euro Bruttoverdienst in der Privatwirtschaft\" title=\"Lohnnebenkosten auf 100 Euro Bruttoverdienst in der Privatwirtschaft\"><br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/182879\/umfrage\/lohnnebenkosten-in-der-eu\/\">Statista<\/a><\/p><p><strong>Steuerabz&uuml;ge als S&uuml;ndenbock<\/strong><\/p><p>Da die Bild-Zeitung erkl&auml;rterma&szlig;en die Rolle der aus dem Bundestag gew&auml;hlten FDP als Steuersenkungspartei einnimmt, d&uuml;rfen nat&uuml;rlich die &bdquo;Rekord&ldquo;-Steuerabz&uuml;ge als S&uuml;ndenbock f&uuml;r die Lohnstagnation nicht fehlen. <\/p><p>Legt man jedoch nicht die in der Bild-Zeitung irref&uuml;hrende Grafik, sondern die Original-Angaben der von diesem Blatt als Quelle genannten OECD zugrunde, so erkennt man unschwer, dass der Einkommenssteueranteil an den &bdquo;Arbeitskosten&ldquo; mit 16,04 Prozent unter dem Anteil Italiens und etwa auf der H&ouml;he der USA liegt. <\/p><p><strong>Die Originalgrafik der OECD zu den &bdquo;Arbeitskosten&ldquo;:<\/strong> <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141425_wl_06.gif\" alt=\"OECD zu den Arbeitskosten\" title=\"OECD zu den Arbeitskosten\"><br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.keepeek.com\/Digital-Asset-Management\/oecd\/taxation\/taxing-wages-2014\/income-tax-plus-employees-and-employers-social-security-contributions-2013_tax_wages-2014-graph3-en#page1\">OECD<\/a><\/p><p>Grunds&auml;tzlich muss man immer wieder darauf hinweisen, dass Deutschland mit einer Steuerquote (Steuern im Verh&auml;ltnis zum Bruttoinlandsprodukt) von 22,8% im internationalen Vergleich ein Niedrigsteuerland ist. <\/p><p><strong>Bei der Lohnsteuerbelastung liegt Deutschland im Mittelfeld<\/strong><\/p><p>Aber auch bei der Lohnsteuer h&auml;lt sich bei dem im Hinblick auf eine hohe Steuerlast  immer so gern herangezogenen &bdquo;Alleinstehenden ohne Kind&ldquo; die Belastung mit 19,0% bei einem Durchschnittseinkommensbezieher in Deutschland durchaus im mittleren Feld (Vgl. Die wichtigsten Steuern im internationalen Vergleich, Hrsg. Bundesministerium der Finanzen, <a href=\"https:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/Content\/DE\/Downloads\/Broschueren_Bestellservice\/2013-04-15-wichtigste-steuern-vergleich-2012.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=7\">&Uuml;bersicht 12 [PDF]<\/a>) Vollends wird die Dramatik genommen, wenn man die Lohnsteuerbelastung eines Verheirateten Durchschnittsverdieners mit 2 Kindern heranzieht, diese liegt mit 0,4% nahezu unschlagbar niedrig. <\/p><p><strong>Die Irref&uuml;hrung mit der &bdquo;kalten Progression&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die Bild-Zeitung w&auml;re nicht das Propaganda-Organ des Steuersenkungs-Lobby-Verbandes <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8073\">&bdquo;Bund der Steuerzahler&ldquo;<\/a>, wenn auch in diesem Artikel nicht der Eindruck erweckt werden sollte, als w&uuml;rde durch die sog. &bdquo;kalte Progression&ldquo; von einer Lohnerh&ouml;hung nichts &uuml;brig bleiben, ja dass sogar ein Minus herausk&auml;me.<\/p><p>&bdquo;3,7% mehr Gehalt, 13,9% mehr Steuern&ldquo;, hei&szlig;t es da in einer Unter&uuml;berschrift. <\/p><p>Nur wenn man den Text gr&uuml;ndlich liest, wird klar, was logisch ist: durch die Steuerprogression steigt ab jedem Euro (aber auch erst ab dann), den man mehr verdient, der Prozentsatz der Besteuerung, da es sich auch bei der &bdquo;kalten Progression&ldquo; um einen Prozentanteil des erh&ouml;hten Einkommens handelt, kann nie &ndash; wie immer wieder suggeriert wird &ndash; ein Minus herauskommen. Es bleibt &ndash; gef&uuml;hlt &ndash;  nur nicht mehr so viel von dem hinzugewonnenen Einkommen netto in der Tasche. <\/p><p>Auch ich w&uuml;nschte mir, dass die Progressionszone vom steuerfreien Grundfreibetrag von 8.354 Euro bis zum Spitzensteuersatz von 42% bei einem Einkommen von 52.881 Euro (beim Einzelverdiener) nach oben verschoben wird. Es ist ein Skandal, dass ein Einkommensmillion&auml;r f&uuml;r die ersten 52.881 Euro genau so viel (oder wenig) Steuern bezahlt, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17798\">wie ein gut verdienender Facharbeiter<\/a>.<\/p><p><strong>Die Progression greift erst ab dem Euro, den man zus&auml;tzlich verdient<\/strong><\/p><p>Was jedoch bei der Debatte um die &bdquo;kalte Progression&ldquo; &ndash; bei der Bild-Zeitung muss man sagen ganz bewusst &ndash; unterschlagen wird, ist die Tatsache, dass die Progression immer erst ab dem Euro wirkt, den man zus&auml;tzlich zu versteuern hat. <\/p><p>Es ist also eine plumpe Irref&uuml;hrung, wenn die Bild-Zeitung den Chemiewerker Sakireev zitiert: &bdquo;Das ist ungerecht! Nur weil mein Betrieb noch etwas drauflegt, habe ich &uuml;berhaupt etwas von meiner Lohnerh&ouml;hung.&ldquo;<\/p><p><strong>Nationalpopulistische Aufhetzung der deutschen Arbeitnehmer<\/strong><\/p><p>Nationalpopulistisch wird die Bild-Zeitung, wenn sie die deutschen Arbeitnehmer gegen ihre europ&auml;ischen Kollegen aufzuhetzen versucht, die in den letzten zwei Dekaden h&ouml;here Reall&ouml;hne durchgesetzt haben. (Was im &Uuml;brigen nichts &uuml;ber die absolute Lohnh&ouml;he aussagt.) <\/p><p>Bild will seinen Lesern einreden, die Lohnsteigerungen h&auml;tten unsere europ&auml;ischen Nachbarstaaten in die Pleite gef&uuml;hrt, in die wir jetzt &ndash; angeblich &ndash; so viele Milliarden pumpen m&uuml;ssten wie kein anderes Land. <\/p><p>Die Lohnsteigerungen bei unseren Nachbarn haben jedoch zun&auml;chst einmal dazu gef&uuml;hrt, dass dort im Gegensatz zu Deutschland die Binnennachfrage gestiegen ist:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/141425_wl_07.gif\" alt=\"Binnennachfrage\" title=\"Binnennachfrage\"><br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/economy_finance\/economic_governance\/documents\/ocp174.pdf\">EU Kommission [PDF]<\/a><\/p><p>Die Steigerung der Binnennachfrage in diesen L&auml;ndern hat wiederum dazu gef&uuml;hrt, dass wir unsere durch niedrige Lohnsteigerungen (relativ sinkende Lohnst&uuml;ckkosten) billigen Produkte dort verkaufen konnten, w&auml;hrend &bdquo;wir&ldquo; aufgrund der geringen Lohnsteigerungen eben weniger Produkte aus dem Ausland kaufen konnten &ndash; daher die Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse von Deutschland und die Leistungsbilanzdefizite vor allem in den s&uuml;deurop&auml;ischen L&auml;ndern. Dass dieses Ungleichgewicht auf Dauer nicht gut gehen konnte, verlangte nicht einmal &ouml;konomischen Sachverstand, sondern einfache Logik. <\/p><p>Mag sein, dass einige europ&auml;ische Nachbarn  &bdquo;&uuml;ber ihren Verh&auml;ltnissen&ldquo; gelebt haben, aber jedenfalls haben die deutschen Arbeitnehmer weit unter ihren Verh&auml;ltnissen gelebt. Umso b&ouml;sartiger ist es, wenn nun die Bild-Zeitung die &bdquo;bittere Lohnabrechnung&ldquo; nicht etwa als Argument f&uuml;r h&ouml;here L&ouml;hne in Deutschland gebraucht, sondern im Gegenteil Neid, ja sogar Hass auf die Arbeitnehmer in unseren Nachbarl&auml;ndern s&auml;t. <\/p><p>Statt dass es den deutschen Arbeitnehmern mit h&ouml;heren L&ouml;hnen k&uuml;nftig besser gehen k&ouml;nnte und sie mehr Produkte auch von den europ&auml;ischen Nachbarn abkaufen k&ouml;nnten, soll eine Stimmung erzeugt werden, wonach die S&uuml;deurop&auml;er selbst an ihrer Misere &bdquo;Schuld&ldquo; sind und dass es nur gerecht ist, wenn ihre L&ouml;hne &ndash; wie &bdquo;wir&ldquo; Deutschen das seit fast zwanzig Jahren getan haben &ndash; drastisch gesenkt werden. <\/p><p>Wer dann, wenn &uuml;berall die L&ouml;hne gesenkt sind, die in Europa hergestellten Waren noch kaufen k&ouml;nnen soll, das steht auf einem anderen Blatt. Aber wenn Deutschlands Exporte einbrechen und das erneut die Arbeitnehmer zu sp&uuml;ren bekommen, dann wird die Bild-Zeitung wieder einen neuen S&uuml;ndenbock finden, auf den sie die Schuld abladen kann. Vermutlich werden es wohl wieder die Ausl&auml;nder oder der Sozialstaat sein. <\/p><p>P.S.: Wie schamlos inzwischen die Bild-Zeitung zu einer k&auml;uflichen Nutte der Finanzwirtschaft geworden ist, prostituiert dieses Blatt inzwischen ganz offen:<br>\nIn dem Beitrag <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/geld\/wirtschaft\/gehalt\/die-bittere-lohnabrechnung-35671364.bild.html\">&bdquo;Die bittere Lohnabrechnung&ldquo;<\/a> wurde unter dem Begriff &bdquo;Arbeitnehmer&ldquo; ein <a href=\"https:\/\/business.allianz.de\/mitarbeiterversorgung.html\">Link auf den Privatversicherer Allianz<\/a> gesetzt. Heute Morgen war der Link bei &bdquo;internationaler&ldquo; auf HUK-Coburg &hellip;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit den Schlagzeilen &bdquo;Wir sind die Lohndeppen Europas!&ldquo; und <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/geld\/wirtschaft\/gehalt\/die-bittere-lohnabrechnung-35671364.bild.html\">&bdquo;Die bittere Lohnabrechnung&ldquo;<\/a> machte die Printausgabe der Bild-Zeitung auf der Seite 1 und 2 ihre gestrige Ausgabe auf. Unter Verweis auf Daten der EU-Kommission wird berichtet, dass die Reall&ouml;hne in Deutschland seit 1995 &bdquo;nur um gerade mal 2 Prozent gestiegen&ldquo; sind und das sei der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21533\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[12,183,125,137],"tags":[459,290,1544,319,291],"class_list":["post-21533","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-manipulation-des-monats","category-medienkritik","category-rechte-gefahr","category-steuern-und-abgaben","tag-bild","tag-binnennachfrage","tag-kampagnenjournalismus","tag-lohnentwicklung","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21533","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=21533"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21533\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21555,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21533\/revisions\/21555"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=21533"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=21533"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=21533"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}