{"id":216,"date":"2005-10-16T13:28:39","date_gmt":"2005-10-16T12:28:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=216"},"modified":"2016-03-03T11:00:46","modified_gmt":"2016-03-03T10:00:46","slug":"die-gewinne-von-gestern-sind-die-grosen-ersparnisse-von-heute-und-die-arbeitslosigkeit-von-morgen-sagt-liem-hoang-ngoc-in-le-monde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=216","title":{"rendered":"\u201eDie Gewinne von gestern sind die gro\u00dfen Ersparnisse von heute und die Arbeitslosigkeit von morgen\u201c sagt L\u00eeem Hoang-Ngoc in Le Monde"},"content":{"rendered":"<p>Von L&icirc;em Hoang-Ngoc, Le Monde vom 30. September 2005, von Gerhard Kilper aus dem Franz&ouml;sischen &uuml;bertragen.<br>\n<!--more--><br>\nDas angek&uuml;ndigte Ende des demokratisch-republikanisch begr&uuml;ndeten Steuersystems in Frankreich &ndash; zusammenfassender Bericht eines Artikels von Li&ecirc;m Hoang-Ngoc, Wirtschaftsprofessor an der Universit&auml;t Paris-I, in der Pariser Tageszeitung Le Monde vom 30. September 2005 (&bdquo;La fin annonc&eacute;e de l&rsquo;imp&ocirc;t r&eacute;publicain&ldquo;).<\/p><p>Als Antwort auf das &bdquo;non&ldquo; der franz&ouml;sischen W&auml;hler zur EU-Verfassung war die Regierung de Villepin mit dem Ziel angetreten, die verbreitete Unzufriedenheit der Franzosen durch eine sozial ausgewogene Wirtschaftsankurbelung aufzufangen. Die jetzt von de Villepin angek&uuml;ndigte &ldquo;Einkommensteuer-Reform zur Ankurbelung der Konjunktur&ldquo; wird diesem Anspruch in keinster Weise gerecht, da sie de facto einseitig die Reichen beg&uuml;nstigen wird. Demokratisch-republikanisch gerecht ist eine Besteuerung nach der Leistungsf&auml;higkeit der Staatsb&uuml;rger: jeder soll entsprechend seiner wirtschaftlichen Leistungsf&auml;higkeit ein gleich schwer empfundenes Opfer f&uuml;r das Gemeinwesen erbringen! <\/p><p>Um diesem demokratischen Grundanliegen gerecht zu werden, wurde die progressive Einkommensteuer parlamentarisch durchgesetzt, die heute die neoliberalen Angebotspropheten mit ihrer &bdquo;flat tax&ldquo;, einem einheitlichen Steuersatz f&uuml;r alle Einkommen, radikal abschaffen wollen. <\/p><p>Mit dem Argument, die besonderen Anstrengungen und Verdienste der Gro&szlig;verdiener f&uuml;r die Gesellschaft m&uuml;ssten belohnt werden, weil zu hohe Einkommensteuern zu Steuervermeidung und Steuerflucht f&uuml;hrten, propagierte im bundesdeutschen Wahlkampf Angela Merkel einen gleichen Steuersatz von 25% f&uuml;r jeden Steuerpflichtigen. Gleichzeitig sollten &ouml;ffentliche Subventionen radikal gestrichen werden, egal ob sie sozial ausgerichtet oder ob sie imstande waren, wirtschaftliche Aktivit&auml;ten anzuregen oder nicht.<\/p><p>Das franz&ouml;sische Steuersystem ist aufgrund seines gro&szlig;en Anteils an proportionalen Einnahmen, bedingt durch unsere hohe Umsatzsteuer und durch unsere hohen und vielf&auml;ltigen staatlichen Geb&uuml;hren an sich schon schwach umverteilend, die Einkommensteuer bringt nur etwa 17% unserer Staatseinnahmen. Die von de Villepin jetzt angek&uuml;ndigte Steuerreform bringt zwar keine radikale &bdquo;flat tax&ldquo; &agrave; la Merkel, aber sie reduziert unsere aktuelle Steuerprogression betr&auml;chtlich. <\/p><p>Schon die damalige konservative Regierung Balladur flachte die urspr&uuml;nglich sehr ausgepr&auml;gte Progression der franz&ouml;sischen Einkommensteuer von 11 Steuerstufen auf 6 Stufen ab, die Regierungen Jospin und Raffarin senkten den Grenzsteuersatz und die Regierung de Villepin will jetzt nicht nur die bisherigen 6 Steuerstufen auf 4, sondern auch den Einkommens-Spitzensteuersatz weiter auf 40% absenken, so dass sich nach Anrechnung der Verm&ouml;gensteuer (deren Abschaffung ja auch vehement vorgeschlagen wird) f&uuml;r Spitzenverdiener eine Maximalbelastung von 60% ihres Einkommens ergibt. De Villepins Reformvorschlag vermindert zwar auch die Steuerlast mittlerer Einkommen, beg&uuml;nstigt jedoch besonders die hohen Spitzeneinkommen, die verm&ouml;gensteuerpflichtig sind.<\/p><p>Die Absenkung des oberen Steuersatzes f&uuml;r Spitzenverdiener soll sozial durch die neu eingef&uuml;hrte Besch&auml;ftigungspr&auml;mie f&uuml;r vermittelte Arbeitslose ausgeglichen werden. <\/p><p>Schon der Begriff &bdquo;Besch&auml;ftigungspr&auml;mie&ldquo; deutet auf typisch neoliberales Denken hin, weil mit der Besch&auml;ftigungspr&auml;mie als arbeitsunwillig hingestellte Arbeitslose dazu gebracht werden sollen, jede minderqualifizierte Arbeit anzunehmen. Dieser verfehlte, mikro&ouml;konomische Arbeitsmarkt-Denkansatz aber liefert dem Arbeitgeberlager gleichzeitig die ideologische Begr&uuml;ndung daf&uuml;r, makro&ouml;konomisch sinnvolle, produktivit&auml;tsorientierte Lohnerh&ouml;hungen als Teil einer aktiven Lohnpolitik generell und strikt als &bdquo;wirtschaftlich unvern&uuml;nftig&ldquo; abzulehnen.<\/p><p>So wird die neue Besch&auml;ftigungspr&auml;mie mit dem Ziel gew&auml;hrt, arbeitslose Arbeiter zur Aufnahme jeder Art von minder- und unqualifizierter Arbeit auf einem zunehmend deregulierten Arbeitsmarkt zu bewegen, f&uuml;r den das durch die Arbeiterbewegung erk&auml;mpfte, makro&ouml;konomische begr&uuml;ndete Arbeits- und Tarifrecht mehr und mehr au&szlig;er Kraft gesetzt wird. <\/p><p>Das neoliberale Arbeitsmarkt-Modell als einer der Dreh- und Angelpunkte der neoliberalen Ideologie stellt also die Arbeiter an den Pranger, ihnen wird die Schuld daf&uuml;r zugeschoben, dass eine unkoordinierte und (seit Jahren) versagende Wirtschafts- und Finanzpolitik nicht in der Lage ist, qualifizierte und regul&auml;re Arbeitspl&auml;tze in ausreichender Zahl zu schaffen. Im Namen &ouml;konomischer Effizienz billigten neoliberal gewendete Sozialdemokraten wie Tony Blair genau diese Art von &bdquo;Reformen&ldquo;. 1999 erkl&auml;rten Blair und Schr&ouml;der in einem gemeinsamen Manifest &bdquo;Sozialdemokraten sind heute auch f&uuml;r Steuerreformen offen &ndash; wenn das sachlich notwendig erscheint &ndash; wobei Steuersenkungen eine herausragende Rolle spielen werden&ldquo;. De Villepin begr&uuml;ndet in Kontinuit&auml;t mit diesen Vorg&auml;ngern seine aktuelle Steuerreform ausdr&uuml;cklich mit dem Ziel, die Wirtschaft anzukurbeln. Unsere heutige Wachstumsschw&auml;che ist aber ganz wesentlich a) auf die mangelnde Kaufkraft unserer Konsumenten zur&uuml;ckzuf&uuml;hren und b) auf die Investitionsschw&auml;che der Unternehmen, besonders auch derjenigen, die f&uuml;r den heimischen Markt produzieren. <\/p><p>Die geldpolitischen Fehler der europ&auml;ischen Zentralbank und der dritte &Ouml;lschock hemmen heute sowohl die Investitionen der Unternehmen als auch die allgemeine Nachfrage nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa. In diesem gesamtwirtschaftlichen Kontext stellt leider die geplante Progressionsabsenkung (in Verbindung mit der neoliberalen Arbeitsmarkt-Ideologie) einen klassischen &ouml;konomischen Fehler dar! Denn die vorgeschlagene Einkommensteuersenkung erh&ouml;ht die Massenkaufkraft &uuml;berhaupt nicht, d.h. die Konsumnachfrage als Hauptmotor eines jeden Konjunkturaufschwungs wird &uuml;berhaupt nicht angekurbelt. Im Ergebnis der geplanten Steuerreform werden potentiell m&ouml;gliche, &ouml;ffentliche Gelder in die Taschen schon reicher Bev&ouml;lkerungsschichten mit einer prinzipiell hohen Sparneigung gelenkt. <\/p><p>Unsere schon hohe Sparquote wird weiter erh&ouml;ht werden &ndash; und k&ouml;nnte via B&ouml;rse eigentlich neue Investitionen anregen. Aber die absehbare Zunahme der Sparquote f&auml;llt mit hohen Profiten und Dividenden der Konzerne und einem gleichzeitigen, seit 10 Jahre anhaltenden Investitionsstau zusammen. Unternehmen investieren ganz grunds&auml;tzlich nicht deswegen, weil sie ihre Investitionen aus Eigenmitteln finanzieren k&ouml;nnten. Langfristig angelegte, strategische Investitionen werden in den Kapitalgesellschaften heute deswegen kaum mehr get&auml;tigt, weil die Aktion&auml;re auf eine kurzfristig hohe Rentabilit&auml;t und auf eine m&ouml;glichst hohe Dividendenauszahlung pochen. In unserer heutigen volkswirtschaftlichen Realit&auml;t muss Helmut Schmidts Theorem &bdquo;Die Gewinne von heute sind die Investitionen von morgen und die Arbeitspl&auml;tze von &uuml;bermorgen&ldquo; genau umkehrt werden in &bdquo;Die Gewinne von gestern sind die gro&szlig;en Ersparnisse von heute und die Arbeitslosigkeit von morgen!&ldquo;. <\/p><p>Auch die vom Sachverst&auml;ndigenrat zur Konjunkturankurbelung zus&auml;tzlich vorgeschlagene Senkung der Unternehmenssteuern geht als singul&auml;re Ma&szlig;nahme genau in die falsche Richtung, weil sie zu weiter sinkenden Staatseinnahmen f&uuml;hrt. Die Zunahme der Staatsverschuldung geht urs&auml;chlich &uuml;berhaupt nicht auf ein &Uuml;berma&szlig; an &ouml;ffentlichen Ausgaben zur&uuml;ck &ndash; diese k&ouml;nnen nicht ohne gr&ouml;&szlig;ere soziale und wirtschaftliche Sch&auml;den und ohne gravierende konjunkturelle Einbr&uuml;che einfach beliebig zur&uuml;ckgefahren werden.<\/p><p>Unsere Wachstumsschw&auml;che, verursacht durch eine konjunkturpolitisch v&ouml;llig unkoordinierte Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik, sowie eine planlos aktionistische ad-hoc-Steuersenkungspolitik, die uns von 2003-2005 Mindereinnahmen von 22 Milliarden Euro bescherte &ndash; das sind die beiden zentralen Ursachen des franz&ouml;sischen Haushaltsdefizits!<\/p><p>Die franz&ouml;sische Rechte hat sich heute meilenweit vom sozial ausgerichteten Gaullismus der Nachkriegsjahre entfernt. Unter dem Deckmantel von Reformen betreiben die Neogaullisten heute offen eine Politik des Sozialabbaus, die dem neokonservativen angels&auml;chsischen Vorbild in nichts nachsteht.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von L&icirc;em Hoang-Ngoc, Le Monde vom 30. 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