{"id":2163,"date":"2007-03-08T11:18:31","date_gmt":"2007-03-08T10:18:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2163"},"modified":"2016-01-10T15:55:28","modified_gmt":"2016-01-10T14:55:28","slug":"neue-deutsche-harte-die-rechten-klauen-linke-lieder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2163","title":{"rendered":"&#8220;Neue deutsche H\u00e4rte&#8221;  &#8211; die Rechten klauen linke Lieder"},"content":{"rendered":"<p>Von Brigitta Huhnke<br>\n<!--more--><br>\nIn der musikalischen Mitte der Popmusik ist martialische deutsche Herrenkultur l&auml;ngst angekommen. Dies zeigt unter anderem die ungebrochene Popularit&auml;t der Gruppe  &bdquo;Rammstein&ldquo;, richtungsweisend f&uuml;r die leitkulturelle &bdquo;Neue deutsche H&auml;rte&ldquo;, in der sich etwa 380 Musikgruppen[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] tummeln. Mit ihrem Amalgam aus in glei&szlig;endes Licht getauchter &bdquo;&Auml;sthetik&ldquo; der NS-Schranze Leni Riefenstahl, tumbem Mummenschanz von NPD-Umz&uuml;gen und gerolltem &bdquo;R&ldquo; in prallen Versen aus hohlem Pathos, f&uuml;llt die Frontband &bdquo;Rammstein&ldquo; seit mehr als zehn Jahren ungebrochen die gr&ouml;&szlig;ten S&auml;le. Anfang des neuen Jahrhunderts wurde sie sogar zum Exportschlager deutscher Kultur, besonders beim wei&szlig;en, kriegsbegeisterten Mann in den USA. Da hatte sich das dortige Milieu des &bdquo;Neo-Macho Man&ldquo; gerade mit George W. Bush ihre tollste m&auml;nnliche Ikone an die Spitze gesetzt. Besonders gut kam h&uuml;ben und dr&uuml;ben das Music Video &bdquo;Die Sonne&ldquo; an. In dieser Adaption des deutschen M&auml;rchens Schneewittchen bieten die &bdquo;Radaubr&uuml;der&ldquo;, wie  sie sich auch gern nennen, alle Zutaten versiffter Bordellkultur: Sadomasochismus, abgetakelten Heroismus in Feinripp-Unterhemden und &ndash; in Anlehnung an die Landserromantik der SS- geschw&auml;rzte Gesichter, geschorene Sch&auml;del, trifft auf Zuchtrituale einer somnambulen Domina, mit Strapsen und  Mieder ums aufgespritzte  Dekollet&eacute;, sich zwischendurch eine Linie Koks einverleibend. Im Windschatten dieser &bdquo;Radaubr&uuml;der&ldquo; betreiben seitdem auch andere Gruppen wie &bdquo;B&ouml;hse Onkelz&ldquo;, &bdquo;Joachim Witt&ldquo;, Josef Klumb (Ex- &bdquo;Weissglut&ldquo;), &bdquo;Landser&ldquo;, &bdquo;Zillertaler T&uuml;rkenj&auml;ger&ldquo; sowie unz&auml;hlige weitere Truppen das schmutzige Gesch&auml;ft des mehr oder weniger offenen Nazismus, Sexismus, Rassismus oder Antisemitismus.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Soweit, so leider seit langem &bdquo;normal&ldquo;. <\/p><p>Doch seit einigen Jahren ist in der musikalischen Neonaziszene noch eine weitere  Entwicklung zu beobachten: ob auf NPD Demonstrationen, Kameradschaftsabenden, esoterischen Events: neben v&ouml;lkischen Mythen tauchen vermehrt nun auch Plagiate auf: Lieder aus der linken Liedermacherszene. So ist &bdquo;Allein machen sie dich ein&rdquo;, von &bdquo;Ton, Steine, Scherben&ldquo;, regelm&auml;&szlig;ig bei neonazistischen Aufm&auml;rschen zu h&ouml;ren. Die rechtsradikale Band &bdquo;Landser&ldquo;, 2005 vom BGH endlich als terroristische Vereinigung eingestuft, hat ebenfalls St&uuml;cke von Ton Steine Scherben im Repertoire. Auch der alte linke Demo-Song &bdquo;Was wollen wir trinken&ldquo; der holl&auml;ndischen Gruppe &bdquo;Bots&ldquo; ist in solchen Zusammenh&auml;ngen h&auml;ufiger zu h&ouml;ren. <\/p><p>&bdquo;Rechts denken und links singen&ldquo; &ndash; &bdquo;Neonazis singen meine Lieder&ldquo;, unter diesem Titel berichtete am letzten Februarwochenende in Berlin, im Rahmen des &bdquo;Festivals Musik und Politik&ldquo;, der Musiksoziologe Lutz Neitzert in einem von der Musikzeitschrift &bdquo;Folker!&ldquo; unterst&uuml;tzen Vortrag ausf&uuml;hrlich &uuml;ber neuere Umtriebe von Neo-Nazis in den verschiedenen Musikszenen. &bdquo;Gestohlen wird, was das Zeug h&auml;lt, besonders gern auch Lieder aus der Vorm&auml;rz-Revolution 1848 oder aus der Wendezeit 1989&ldquo;, sagt Neitzert. &bdquo;Die Gedanken sind frei&ldquo;, dieses w&auml;hrend der (misslungenen) deutschen Revolution von 1848 in vielen Teilen des Deutschen Bundes damals als zu aufr&uuml;hrerisch verbotene Lied, &bdquo;geh&ouml;rt mittlerweile zum Soundtrack der Kameradschaftsabende&ldquo;, so Neitzert[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]. Von solchem  Liederklau sind aber auch die bekanntesten S&auml;nger der siebziger und achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts betroffen: Hannes Wader, das ehemalige Duo Zupfgeigenhansel oder auch Walter Mo&szlig;mann.  <\/p><p>Vor einigen Jahren war Hannes Wader nach einem seiner Konzerte von einem ihm unbekannten Mann um ein Autogramm gebeten worden, der ihm danach eine CD mit einer eigenen Version des von Wader vertonten und bekannt gemachten &bdquo;B&uuml;rgerliedes&ldquo; aus der 1848er Revolution in die Hand gedr&uuml;ckt hatte. Sp&auml;ter realisierte Wader, wer ihn da beehrt hatte: Frank Rennicke, der Hausbarde der NPD.  Das sei f&uuml;r ihn noch heute ein &ldquo;Stiefeltritt ins Gesicht, Neonazis singen meine Lieder&ldquo; und 2005 schrieb sich Wader mit dem Lied &bdquo;Stellungnahme&ldquo; seine Fassungslosigkeit von der Seele.<\/p><p> &bdquo;Die Alarmglocken klingeln eigentlich viel zu sp&auml;t&ldquo;, erkl&auml;rt Lutz Neitzert. Beim Festival in Berlin stellte er eine Reihe weiterer Titel vor, die sich Rennicke, der beim Betonen seiner holprig dargebotenen Verse gern auch Reinhard Mey nach&auml;fft, sonst noch von links &bdquo;angeeignet&ldquo; hat. Rennicke, f&uuml;r den Polen &bdquo;Beschmutzer deutscher Erde&ldquo; sind, hat sich auch an Arbeiten von Zupfgeigenhansel, also von Erich Schmeckenbecher und Thomas Fritz, vergriffen, die von 1974 bis 1986 jiddische und deutsche Lieder popul&auml;r gemacht haben. So musste Schmeckenbecher entsetzt feststellen, wie Theodor Kramers &bdquo;Andere, die das Land so sehr nicht liebten&ldquo; und  das lange verschollene Volkslied &bdquo;Ein stolzes Schiff&ldquo;, die er beide vertont hat, pl&ouml;tzlich f&uuml;r rechtsextremistische Propaganda ausgebeutet werden. In besonders perfider Weise verhunzt der mehrfach wegen Volksverhetzung vorbestrafte Rennicke das Widerstandslied der KPD &bdquo;Mein Vater wird gesucht&ldquo;. Daf&uuml;r missbraucht er sogar seine eigenen Kinder, die er das Lied tr&auml;llern l&auml;sst. Statt der Zeile im Original<br>\n&ldquo;Oft kam zu uns SA &ndash; und fragte, wo er sei&ldquo; ist nun zu h&ouml;ren &bdquo;Oft kamen sie zu uns&rdquo;.<\/p><p>Das erbost auch Walter Mo&szlig;mann: &bdquo;Was mich wirklich &auml;rgert ist die Nummer mit der verfolgten Unschuld&ldquo;, schrieb er k&uuml;rzlich im &bdquo;Folker!&ldquo; und zitiert dabei eine besonders perfide Stelle aus der Rechtfertigung Rennickes Anfang 2006 im Stuttgarter Landgericht, die auch auf mehreren NPD-Seiten nachzulesen ist: &bdquo;In Chile wurde Victor Jara, ein kommunistischer S&auml;nger verfolgt und vernichtet, in der DDR Liedermacher wie Karl Winkler, in der BRD Barden wie Frank Rennicke. In Chile gab es auch Gesetze, in der DDR fanden Richter auch &sbquo;rechtsstaatliche Begr&uuml;ndungen&rsquo;, so wie auch die Inquisition die Folter an Ketzern und der sexuelle Missbrauch der Hexen durch die Henkersknechte gesetzlich geregelt war&ldquo;, usw., usw. Im Netz, auf &bdquo;Inoffizielle Solidarit&auml;ts- und Infonetzseite &uuml;ber Frank Rennicke&ldquo; findet sich dann auf der ersten Seite &bdquo;Liedermacher &ndash; politisch verfolgt&ldquo; oben rechts eine blaue Schleife, ein Symbol, das zun&auml;chst im rechten US-Milieu gegen die &bdquo;Gedankenpolizei der Political Correctness&ldquo; entstanden und dann in der Bundesrepublik durch den Lachbolzen und Plagiator von US-Talkshows, Harald Schmidt popul&auml;r gemacht worden ist, in dem er das Schleifchen &uuml;ber Jahre hinweg keck am Jackett trug und mit entsprechende Anekdoten ganz wesentlich die Hasskultur der Bundesrepublik von der &bdquo;Mitte&ldquo; aus bef&ouml;rdert hat. Auf der Neonazi-Webseite, die Rennicke als Opfer verehrt, steht dann ein Bild von Victor Jara  &ndash; und daneben eines von Frank Rennicke.<\/p><p>Mo&szlig;mann selbst ist ebenfalls Opfer von einschl&auml;gigem &bdquo;Liederdiebstahl&ldquo;. Seine in den siebziger Jahren sehr bekannte, von ihm vertonte &bdquo;Ballade vom Hexenhammer&ldquo; taucht nun als Plagiat bei der sich germanisch gebenden Truppe &bdquo;Die Birkler&ldquo; auf. Zu beziehen ist das Gesinge beim bei &bdquo;Deutsche-Stimme-Verlag&ldquo; des NPD-Parteivorstandes, sowie &uuml;ber den &bdquo;Wotan-Versand&ldquo;. Mehrere Zeitschriften in der &bdquo;gothic und &bdquo;magic&ldquo; Szene aber auch ein &bdquo;Magisches Forum f&uuml;r Hexen, Heiden, Magier, Schamanen&ldquo; haben das Lied, so Mo&szlig;manns Recherchen, ebenfalls abgedruckt. <\/p><p>Neitzert beobachtete nicht nur eine zunehmende Vereinnahmung von Liedern sondern auch ganzer Szenen wie Teile des sogenannten Independent, die zuvor scheinbar nie politisch codiert gewesen seien. Und er z&auml;hlt auf: &bdquo;Unter den Etiketten &bdquo;Gothic&ldquo;, &bdquo;Darkwave&ldquo;, &bdquo;Industrial&ldquo; oder &bdquo;Neofolk&ldquo; spielen pl&ouml;tzlich Musikanten mit solch raunenden Namen wie: &sbquo;Von Thronstahl&rsquo;, &sbquo;Turbund Sturmwerk&rsquo;, &sbquo;Projekt Blauland&rsquo;, &sbquo;Ahnenkult&rsquo;, &sbquo;Weltenbrand&rsquo;, &sbquo;Waldteufel&rsquo;, &sbquo;Nothwende&rsquo;, &sbquo;Allerseelen&rsquo;, &sbquo;Forthcoming Fire&rsquo;, &sbquo;Blood Axis&rsquo;, &sbquo;Der Blutharsch&rsquo;, &sbquo;Isengard&rsquo;, &sbquo;Darkwood&rsquo;, &sbquo;Swirling Swastikas&rsquo;. Und das Naturges&auml;usel von Swantje Swanhwit passt mit ihrem &bdquo;Elfenzauber&ldquo; sowohl  in die boomende Esoterik-Szene als auch auf Nazi-Veranstaltungen. Ihr &bdquo;Elfensingsang und Harfenklang&ldquo; (Neitzert) ist ein wichtiges Einfallstor, auch da, wo beispielsweise bei Beltane Festen, mit Fackeln im Kreis und wei&szlig; gewandeten,  einschwebenden Frauen aufgespielt wird. Die alten nazistischen Mythen, versetzt mit fremden Kl&auml;ngen auch aus der Liedermacherszene, gedeihen, &uuml;ber das &bdquo;Ewige und das Geheime  -Kultur versus Zivilisation, Volk versus Gesellschaft, Gef&uuml;hl versus Verstand, Erde versus Asphalt!&ldquo;, so Neitzert. &bdquo;Pathos ist seit je der naive Versuch, das Un&uuml;bersichtliche, Widerspr&uuml;chliche und Unbehagliche in Epochen des Umbruchs durch gro&szlig;e leere Worte zu bannen!&ldquo; Aber auch in der klassisch biederen Singbewegung brechen nazistische Str&ouml;mungen ein, wie etwa beim seit 1992 veranstalteten &bdquo;W&uuml;rzburger Singewettstreit&ldquo;, zusammen mit rechten Pfadfindern, die wiederum zunehmend von evangelikalen Gruppen unterwandert werden.<br>\nDie Grenzen verwischen sich mehr und mehr, &bdquo;l&auml;ngst betreiben die rechten Akteure eine Politisierung des &Auml;sthetischen&ldquo;, wie auch seit Jahren die Rechtsextremismusforscher Jan Raabe und Andreas Speit dezidiert analysieren[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]. Das politisch-kulturelle Konzept ist der &bdquo;Ethnopluralismus&ldquo;, frei nach der Frage, &bdquo;was will ein Eskimo in der Sahara&ldquo;. Egalit&auml;t berge die Gefahr der Monokultur. Der &bdquo;Fremde&ldquo; wird als &bdquo;Gast&ldquo; geduldet. Besonders anf&auml;llig scheinen leider auch Jugendliche zu sein. Im Wahlkampf  2005 hat die NPD sch&auml;tzungsweise 200 000 CDs mit solchem Liedgut verschenkt. <\/p><p>Was tun? Die Rechten haben keinen Masterplan sondern treffen bereits auf Bereitschaft, in einer Zeit, in der nicht nur das Gesellschaftliche sondern auch das Geschichtliche als Bezugspunkte des individuellen und kollektiven Lebens zunehmend auch von der Politik entsorgt wird. Michael Kleff vom &bdquo;Folker!&ldquo; fordert, wieder auch mehr &uuml;ber das historische Liedgut aufzukl&auml;ren, auch &uuml;ber die Bedeutung der alten Lieder aus der 48er Revolution beispielsweise im Kontext der sozialen Bewegungen in den 70er und 80er Jahren und ihren Nutzen f&uuml;r heute. &bdquo;Und wir brauchen wieder &ouml;ffentliche Institutionen, in denen sich demokratische Lieder erneut entwickeln k&ouml;nnen&ldquo;, sagt Kleff. In Zeiten, in denen nicht Politik und gesellschaftliche Interessensgruppen aus Kultur und Bildung sondern neoliberale Kampfb&uuml;nde der Bertelsmannstiftung auch den Kultur- und Bildungssektor zerlegen, der &ouml;ffentlich-rechtliche Rundfunk immer weniger einem Bildungsauftrag gerade auch f&uuml;r junge Menschen nachkommt, demokratische Lieder, deutsche oder auch die der World Music, allenfalls vielleicht noch irgendwann nachts in Minderheitenprogrammen zu h&ouml;ren sind, wird dies immer schwieriger. Zu den ganz wenigen Foren dieser Art geh&ouml;rt das Berliner &bdquo;Festival Musik und Politik&ldquo;. Doch es gibt auch noch bzw. wieder viele j&uuml;ngere Musiker und Musikerinnen, die &auml;sthetisch und inhaltlich die M&ouml;glichkeit kultureller Bildung durch Musik wahrnehmen. Zu ihnen geh&ouml;ren die &bdquo;Sons of Gastarbeita&ldquo; (SOG) und unter anderem ihr Projekt &bdquo;Rap for courage at work&ldquo;, mit der sie insbesondere im Ruhrgebiet gezielt in Schulen gehen und dort Musik- und Theaterprojekte entwickeln. Daf&uuml;r sind sie noch vom fr&uuml;heren Bundespr&auml;sidenten Johannes Rau ausgezeichnet worden, was Ghandi Chahine, S&auml;nger und Liedschreiber der SOG, als Kind mit den Eltern vor dem Krieg im Libanon geflohen und in Witten aufgewachsen, noch immer mit Stolz erf&uuml;llt. Und 2006 haben sie f&uuml;r ihr Musical &bdquo;Coole Monkeys&ldquo; den Jugendkulturpreis NRW bekommen.<\/p><p>Chahine arbeitet auch viel mit Frank Baier zusammen, der wiederum ein weiteres Urgestein der traditionellen linken Liedermacherszene ist, letztes Jahr beispielsweise auch beim Festival in Berlin dabei war. Mit ihrem gemeinsamen &bdquo;M&auml;rz 1920-Rap&ldquo;[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] standen sie letztes Jahr monatelang auf der Liederbestenliste. Ihr &bdquo;Kohlenpott-Rap&ldquo;, beide sind in der Wolle gewirkte Lokalpatrioten, mit dem sie erstmals 2003 beim Musikfestival in Rudolstadt zig Tausende in Wallung brachten, wird auch &bdquo;geklaut&ldquo;. Doch dar&uuml;ber freut sich Baier, ein Mittler zwischen Kulturen und Generationen in der Region, ganz besonders. Viele jugendliche Bands covern mittlerweile den &bdquo;Kohlenpott-Rap&ldquo;[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>], singen ihn in kleinen Clubs, in Jugendzentren oder auch auf Demonstrationen zum 1. Mai. <\/p><p>Mehrfach wurde im Publikum beim Berliner Festival darauf hingewiesen, wie sehr auch der &bdquo;Ethnopluralismus&ldquo; gezielt nicht nur von der Fu&szlig;ballindustrie und der Regierung angestachelt worden ist, nicht zuletzt mit tumben Parolen wie &bdquo;Zu Gast bei Freunden&ldquo;, &bdquo;Wir sind Deutschland&ldquo; oder jetzt im Nachschlag zur Jahreswende mit dem Geplapper, unter anderem von Angela Merkel und Horst K&ouml;hler forciert, &uuml;ber &bdquo;Sommerm&auml;rchen&ldquo;, das &bdquo;wir&ldquo; mit der WM erlebt h&auml;tten und dem jetzt &bdquo;Winterm&auml;rchen&ldquo; im Handball und am Arbeitsmarkt folgen w&uuml;rden. Doch der Aufschrei dar&uuml;ber, wie so Heinrich Heines &bdquo;Winterm&auml;rchen&ldquo;, diese grandiose Satire auf Deutscht&uuml;melei, deutsches Spie&szlig;ertum und Angstbei&szlig;erei gegen&uuml;ber dem &bdquo;Fremden&ldquo;, die offensichtlich von seinen heutigen Plagiatoren nie gelesen wurde, als Kulturgut allein wegen seines Titels regelrecht enteignet und beschmutzt wird, bleibt bis heute in diesem Land aus. Wir erinnern uns noch mit Grausen an das Gr&ouml;len und Saufen, das Absingen rassistischer Lieder w&auml;hrend dieser WM, nicht nur auf den sogenannten &bdquo;Fanmeilen&ldquo;.<\/p><p>In Berlin wurde aber auch sehr kritisch diskutiert, inwieweit nicht auch den geklauten Liedern ein abstrakter Pathos innewohne, etwas Heroisches, das es f&uuml;r das Morbide, die religi&ouml;se &Uuml;berh&ouml;hung, aber auch das Patriarchale der rechten Musikszene anschlussf&auml;hig macht.<br>\nIn jedem Fall unterst&uuml;tzt auch der ganz normal Pathos heutiger Alltagskultur die &bdquo;&Auml;sthetische Mobilmachung&ldquo;(Speit) In diesem Zusammenhang wurde mehrfach auf die nazistischen Heroen in der Werbung, z.B. f&uuml;r Duschgel hingewiesen. &Ouml;ffentlicher Aufschrei aber bleibt auch aus wenn, wie aktuell, die Modemacher von &bdquo;Dolce&amp;Gabbana&ldquo; ganz eindeutig in ihrem neuesten Werbefeldzug mit vier ge&ouml;lten M&auml;nnerk&ouml;rpern und mit (dem ebenfalls bei der SS beliebten) angeschorenem Haarschnitt eine halbnackte Frau mit Gewalt erniedrigen. Das war bisher jedoch nur der S&uuml;ddeutschen Zeitung zu viel (&bdquo;Vergewaltigungs-Schick, Porno&auml;sthetik&ldquo; SZ-online vom  4.3.07). Aber den (globalen) Trend, der hinter dieser &bdquo;Gang-Bang&ldquo;- &Auml;sthetik steht, beispielsweise unter anderem seit Jahren auch durch sexistisch-rassistische Werbung des Mode Labels &bdquo;Calvin Klein&ldquo; forciert, vermochte auch die SZ nicht zu erkennen.  <\/p><p>Das &bdquo;Festival Musik und Politik&ldquo; in Berlin, das in diesem Jahr zum 8. Mal stattfand, l&auml;dt trotz eines fast Null-Budgets, immer auch Liedermacher aus anderen L&auml;ndern ein. Der Kanadier Michael Friedmann, der noch die DDR kannte, dort wie vor ihm sein Vater an der Hans Eisler Schule Komposition studiert hat, heute wieder in Kanada lebt, war diesmal dabei. Er kann sich nur sehr schwer vorstellen, dass Rechte in Kanada oder auch in den USA politisches Liedgut von links klauen k&ouml;nnten. Einerseits verweigere sich das &auml;sthetische Erbe dieser Singer\/Songwriter Kultur solchen &Uuml;bernahmen, andererseits &bdquo;konzentrieren wir uns auch eher auf das ganz Konkrete der K&auml;mpfe, aber auch auf das Partielle im Alltag&ldquo;. Letzteres besingen viele von Friedmans Liedern[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>], mit leisen Melodien und in poetischen Erz&auml;hlungen singt er davon, wie mehr und mehr der Alltag der Menschen an den neoliberalen Verh&auml;ltnissen zerbricht, zieht so still in Bann.<br>\nZum Schluss des Festivals wurde es dann aber auch noch einmal richtig heftig. Mit lauter  Power, Tarantella und Tammuriata, zog die italienische &bdquo;Gruppo E Z&eacute;zi operaio&ldquo; ein. Auch in Italien hat das politische Lied als Volkslied noch heute eine ganz andere Kraft als hierzulande. Quellen dieser neun Musiker und einer S&auml;ngerin sind die Arbeitsk&auml;mpfe und das Leben in der Region um Neapel. Ein Kollege von der Tageszeitung Neues Deutschland, der sonst eher als zur&uuml;ckhaltender Chronist gewissenhaft die Weltl&auml;ufe festh&auml;lt, war noch beim Schreiben v&ouml;llig angeknallt von der Lebensfreude: &bdquo;Bald h&auml;lt es keinen und keine mehr auf dem Sitz und ein ganzer Saal tanzt Tarantella. Die jungen M&auml;nner an den Instrumenten erzeugen einen stampfenden Rhythmus im Viervierteltakt, der sich so wenig marschtr&auml;chtig und doch so bewegungsanregend mit einer schweren Betonung der Eins und der Drei in den Saal ergie&szlig;t.&ldquo; Sie w&uuml;rden singen, &bdquo;als ob es ums Leben geht. Doch darum genau geht es ja auch, um ein besseres, fr&ouml;hliches, gl&uuml;ckliches Leben &hellip; Napoli ist das Chaos von Italien. Es ist ein Gl&uuml;ck, dort zu wohnen. Nur wenn der Vesuv einmal ausbricht, dann muss man schnell laufen k&ouml;nnen. Der Vesuv dieser einzigartigen neapolitanischen Eingreifkapelle hei&szlig;t Irene. Sie singt nicht nur, nein sie erzeugt die T&ouml;ne in ihrem Unterleib&ldquo;, soweit der Kollege und verzeihen wir ihm sein letztes K&ouml;rperbild. Aber dann hat es im Veranstaltungsort &bdquo;Wabe&ldquo; auf einmal Peng gemacht, die Musikanlage gab auf. Der Tonmann, der schon in den achtziger Jahren Festivals der alternativen Liedermacherszene in der DDR technisch begleitet hat, erkl&auml;rt sich das Durchknallen einer Sicherung im Mischpultnetzteil so: &bdquo;Es waren doch zu viele menschliche Schwingungen im Raum. Da ist die profane Elektronik halt beleidigt&ldquo;. In diesem Sinne schrieb Ghandi Chahine seinem 28 Jahre &auml;lteren Mit-Rapper Frank Baier neulich auf die WebSeite: &ldquo;Hey, Alter, keep your fire burning!&ldquo; Damit sind wir endg&uuml;ltig beim Geheimnis des Lebens angelangt. Davon jedoch haben Herrenhorden wie &bdquo;Rammstein&ldquo;, die tumben Kerls und Maiden bei Nazi-Aufm&auml;rschen oder auf esoterischen Events mit Elfengesang, aus denen nichts weiter als &bdquo;Ha&szlig; spricht&ldquo;[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] sowie der Mief des nazistischen Todestriebes aufsteigt, schlichtweg keine Ahnung. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>]Vgl. dazu Sch&auml;tzungen der Rechtsextremismusforscher Andreas Speit und Jan Raabe, u.a. in der Tagesschau vom 19.06.2006, in der Ausgabe von 13:17 Uhr; vgl. dazu auch ausf&uuml;hrlicher den von Andrea R&ouml;pke und Andreas Speit herausgegebenen Sammelband: Braune Kameradschaften. Die neuen Netzwerke der militanten Neonazis, Berlin 2004.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>]Einen hervorragenden, empirisch wie auch theoretisch vorbildlich ges&auml;ttigten  &Uuml;berblick gibt der 2002 von Andreas Speit herausgegebene Sammelband:&bdquo;&Auml;sthetische Mobilmachung. Dark Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld  rechter Ideologen&ldquo;. Hamburg\/M&uuml;nster.  <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>]Vgl. zum Vertiefen auch <a href=\"http:\/\/home.rhein-zeitung.de\/~dneitzer\/index.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/home.rhein-zeitung.de\/~dneitzer\/index.html\">die Website von Lutz Neitzert<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>]Vgl. Speit, a.a.O., S.110.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>]Vgl. dazu Brigitta Huhnke:  &bdquo;Wer die Geschichte nicht kennt und das Heute nicht sieht, hat keinen Plan &ndash; was morgen geschieht&ldquo; Die Grenzg&auml;nger &amp; Frank Baier; in Folker! 02\/07, Magazin f&uuml;r Folk, Lied und Weltmusik<br>\nLeseproben:<br>\nQuelle 1: <a href=\"http:\/\/www.folker.de\/200702\/11grenzgaengerfrankbaier.htm\">folker.de<\/a><br>\nQuelle 2: <a href=\"http:\/\/www.revoluzzen.de\">revoluzzen.de<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>]Text zu &bdquo;Ruhrpott-Rap&ldquo;<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.frank-baier.de\/pdf\/kohlenpott_rap.pdf\">frank-baier.de [PDF &ndash; 100KB]<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>]Neuste CD von Michael Friedman &bdquo;Diamond Space&ldquo;.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>]Das gleichnamige Buch von Judith Butler: &bdquo;Ha&szlig; spricht&ldquo;. Zur Politik des Performativen. 1998 erstmals auf Deutsch im Berlin Verlag erschienen und jetzt 2006 bei Suhrkamp als Taschenbuch, analysiert theoretisch und mit Beispielen aus den USA wie Ha&szlig;-Reden nicht nur die Betroffenen im Akt des (performativen ) Sprechens entw&uuml;rdigen, sondern auch nach und nach gesellschaftliche Verh&auml;ltnisse vergiften.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Brigitta Huhnke<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[917,125],"tags":[1678,955],"class_list":["post-2163","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur-und-kulturpolitik","category-rechte-gefahr","tag-kuenstler","tag-neonazismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2163","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2163"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2163\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30122,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2163\/revisions\/30122"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2163"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2163"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2163"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}