{"id":21641,"date":"2014-05-06T09:13:37","date_gmt":"2014-05-06T07:13:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21641"},"modified":"2018-09-15T14:14:36","modified_gmt":"2018-09-15T12:14:36","slug":"rezension-gerhard-schick-machtwirtschaft-nein-danke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21641","title":{"rendered":"Rezension: Gerhard Schick &#8211; Machtwirtschaft \u2013 Nein Danke!"},"content":{"rendered":"<p>Der promovierte Volkswirt und als ordoliberal oder linksliberal verortete streitbare Finanzpolitiker, der die Partei Die Gr&uuml;nen im Bundestag vertritt und sp&auml;testens seit der Finanzkrise durch seine Fachexpertise und Kritik am Krisenmanagement der Bundesregierung besticht, hat ein Buch &uuml;ber die chaotischen Entwicklungen der letzten Jahre und was daraus zu lernen ist geschrieben. Es geht deutlich &uuml;ber das Niveau auf die &Ouml;ffentlichkeit zielender sonstiger Beitr&auml;ge hinaus und enth&auml;lt auf den &uuml;ber 20 Seiten der Anmerkungen auch f&uuml;r den Fachkundigen interessante Literaturhinweise, mag man auch einige passende Titel vermissen (z.B. N. H&auml;rings &bdquo;Markt und Macht&ldquo;, Sch&auml;ffer-Poeschel 2010). Es d&uuml;rfte kaum einen Politiker in Entscheidungspositionen in Deutschland geben, der Schick an Kenntnissen und Engagement das Wasser reichen kann und neben der politischen Tagesarbeit mit einem &auml;hnlich niveauvollen Werk hervortritt. Von <strong>Helge Peukert<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21641#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nIn der EU, so Schick einleitend, laufe grunds&auml;tzlich etwas schief, aus der Markt- sei eine Machtwirtschaft geworden, was z&auml;hle seien mittlerweile Geld und Macht. Staat und Gro&szlig;unternehmen sind ihm zufolge eine unheilvolle, symbiotische Beziehung zu Lasten des Durchschnittsb&uuml;rgers eingegangen, an dessen Seite sich der Autor positioniert. Die ersten beiden Kapitel k&ouml;nnen als Pr&auml;ludium zum Hauptthema, den Finanzm&auml;rkten, angesehen werden. Das Hamsterrad des Wachstums, Statuskonsum und die Gl&uuml;cksforschung werden im Zusammenhang mit der Klimaproblematik gestreift.  Hinter die M&ouml;glichkeit der Entkoppelung von Wachstum und Ressourcenverbrauch wird einerseits ein dickes Fragezeichen gesetzt, andererseits eine Effizienzdiktatur abgelehnt. Schick kennt offenkundig die Probleme eines von seiner Partei verfolgten Green New Deal. Im Fadenkreuz seiner Kritik stehen dann die globalen Konzerne, die die Agrar-, IT-, Einrichtungs-, Rohstoff- und Finanzm&auml;rkte (v.a. bei Derivaten und Devisen) wesentlich bestimmen und sich impliziter Staatsgarantien und Steuerprivilegien (IKEA) erfreuen. Wenige, gut gew&auml;hlte Beispiele und Zahlen unterlegen seine Vermachtungsthese. So haben 147 Unternehmen (die &bdquo;Supereinheiten&ldquo; der Netzwerkanalytiker) die Kontrolle &uuml;ber knapp 40% der Unternehmenswerte aller transnationalen Konzerne. <\/p><p>Das dritte Kapitel nimmt die Macht und Struktur der Finanzm&auml;rkte aufs Korn, deren inh&auml;rente Instabilit&auml;t und Irrationalit&auml;ten im Anschluss z.B. an Kindleberger unter Verweis auf die zahlreichen Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte klar benannt werden. Herdenverhalten, der Gleichlauf durch zunehmende Vernetztheit (<em>interconnectedness<\/em>), die gef&auml;hrliche Gr&ouml;&szlig;e systemrelevanter Geldh&auml;user und des Finanzsektors im Vergleich zum BIP, zunehmende Geschwindigkeit (Hochfrequenzhandel), besondere Gefahren durch Immobilienblasen und zunehmende Ungleichverteilung usw. werden gut verst&auml;ndlich erl&auml;utert. Seine Ausf&uuml;hrungen lassen keinen Zweifel daran, dass Schick keiner Variante der Theorie effizienter M&auml;rkte anh&auml;ngt. Zu Derivaten und Leerverk&auml;ufen f&uuml;hrt er z.B. an, dass bei unerwarteten Kurssteigerungen nicht gesichert sei,<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;dass der &bdquo;Spieler&ldquo; die Kosten seiner verlorenen Wette tragen kann &hellip; Im Gegensatz zum Kasino ist der Einsatz bei Derivategesch&auml;ften oder Leerverk&auml;ufen nicht vor-, sondern nachzuschie&szlig;en. Hier zeigt sich eine Asymmetrie von Gewinnchancen und Haftung&ldquo; (S. 79).<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>So k&ouml;nne es passieren, dass Wetten nicht beglichen werden k&ouml;nnen und das Haftungsprinzip unterlaufen wird. Bisher k&ouml;nnen aus solchen Gesch&auml;ften private Gewinne realisiert werden. Hat man hingegen Pech, wird Insolvenz angemeldet. <\/p><p>Kapitel 4 und 5 thematisieren das zum Markt komplement&auml;re Staatsversagen und &bdquo;Mutti Staat&ldquo;. Angesichts des gr&ouml;&szlig;enwahnsinnigen Verhaltens vieler Landesbanken, waghalsiger Zins-Swaps der Kommunen und des Versagens der Finanzaufsicht schlug das Pendel nicht klar in Richtung nachdr&uuml;cklicher Reregulierung. <em>Rent seeking, regulatory capture<\/em>, M. Olson, D.C. North, eine &auml;hnliche Sozialisierung der in der Privatwirtschaft und der beim Staat Arbeitenden und Seitenwechsel, personelle Verflechtungen, die Abh&auml;ngigkeit staatlicher Einrichtungen von verwertbaren Informationen &uuml;ber das Marktgeschehen und der institutionalisierte Geldtausch- und Verschuldungsprozess zwischen Finanzwelt und Staat f&uuml;hrten zu einer gef&auml;hrlichen Symbiose, bei der sich Markt- und Staatsversagen wechselseitig bedingen und steigern. <\/p><p>Die (ordo)liberalen Ordnungs&ouml;konomen werden zutreffend kritisiert, da sie wirtschaftlich starke Akteure nicht in marktwirtschaftliche Schranken weisen, sondern sich strukturkonservativ implizit auf ihre Seite schlagen und sogar mehr Staat f&uuml;r sie fordern, anstatt im Geiste der Freiburger Schule f&uuml;r eine aktive staatliche Wettbewerbspolitik einzutreten. <\/p><p>Auch sieht er &bdquo;ein Dilemma f&uuml;r die politische Linke, die nach &bdquo;mehr Staat&ldquo; ruft und sich dabei zu Recht auf den Ordoliberalismus beruft. Ich bezweifle, dass man damit Erfolg haben kann. Wie soll es gelingen, den Staat zum Hoffnungstr&auml;ger zu stilisieren, w&auml;hrend er als wirtschaftlicher Akteur, als Planer, als Ordnungsgeber so kl&auml;glich versagt hat?&ldquo; (S. 113). Die Kanzlerin verschwendete Milliarden Euro, die Bankenrettung in Europa fand generell unter mangelnder Gl&auml;ubigerhaftung statt, obwohl keiner beweisen konnte, dass die<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Auswirkungen einer Gl&auml;ubigerbeteiligung die Kosten der Rettung &uuml;berwiegen &hellip; Man hat die Apokalypse an die Wand gemalt, und vor diesem Drohszenario behauptet, dass die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler alle Bankschulden garantieren sollen&ldquo; (S. 136),<\/em>\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Wir Gr&uuml;nen wollen das verhindern&ldquo;<\/em> (S. 140).\n<\/p><\/blockquote><p>Allerdings haben die Gr&uuml;nen im Bundestag allen wichtigen Schuldensozialisierungsma&szlig;nahmen und Bankenrettungsschirmen zugestimmt, mit Verweis auf das apokalyptische Szenario. Die No-bail-out-Regel des EU-Vertrages und gr&ouml;&szlig;ere Bankinsolvenzen erschien auch ihnen zu riskant. Welchen Weg schl&auml;gt Schick vor?<\/p><p>Schick schiebt mit Kapitel 6 eine allgemeine Betrachtung ein, die mit seinem flammenden Bekenntnis zu Adam Smith, der Marktwirtschaft und der Konsumentensouver&auml;nit&auml;t ansetzt, denn die<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;&Uuml;berlegenheit dezentraler Steuerung leuchtet mir ein&ldquo;<\/em> (S. 145).\n<\/p><\/blockquote><p>Es bed&uuml;rfe aber klarer Regeln.<\/p><p>Kritisiert wird die Werbung von Gro&szlig;unternehmen (Manipulation!) und die Tatsache, dass z.B. Aktiengesellschaften eine eigene Rechtspers&ouml;nlichkeit zugestanden wird. Da m&uuml;sse man die Regeln wohl &auml;ndern (S. 148). Gute Idee, aber wie? Hierzu sagt Schick kein Wort. W. Eucken hatte gefordert, die begrenzte Haftung und somit AGs v&ouml;llig abzuschaffen, so dass z.B. Investmentbanken wie in den USA bis in die 1980er Jahre als Partnerschaften zu f&uuml;hren w&auml;ren. Schick schwenkt schnell auf die Grenzen des Marktes ein, wobei der Verweis auf Sen, Etzioni, Welzer u.a. nat&uuml;rlich nicht fehlt. Kein neues Wirtschaftswunder st&uuml;nde bevor, aber zur gro&szlig;en Transformation w&uuml;rden auch enorme Investitionen ben&ouml;tigt. Der Green New Double Deal l&auml;sst gr&uuml;&szlig;en. Konkreter wird er nicht &ndash; au&szlig;er der Forderung eines einkaufsfreien Sonntags (auch wenn der souver&auml;ne Konsument trotzdem einkaufen will?) und dem japanischen Top-Runner-Ansatz als gro&szlig;em Vorbild. Allerdings verbraucht Japan aber trotz massiver Atomkraft kaum weniger CO2 pro Kopf als Deutschland und verzeichnet seit 1990 auch keine nennenswerte Gesamtverbrauchssenkung. Es folgen generell gehaltene Bekenntnisse zu CSR, einer gewissen Investitionslenkung und Fusionskontrollen unter Beachtung der Netzwerkforschung. <\/p><p>In Kapitel 7 sieben wird es ernst: es geht neben Boni, Ratingagenturen, offenzulegenden Provisionszahlungen usw. um Unternehmensentflechtungen, Gr&ouml;&szlig;enwachstumsbremsen und Anforderungen an das Eigenkapital von Geldh&auml;usern. Zur Entflechtung bemerkt Schick ganz generell, es bed&uuml;rfe eines entsprechenden Gesetzes, wenn es z.B. darum gehe, dass Privatunternehmen &ouml;ffentliche Infrastrukturen anb&ouml;ten. Konkreter wird er nicht und schl&auml;gt stattdessen ein Trennbankensystem vor. <\/p><p>In einem merkw&uuml;rdigen Literaturverweis auf einen hinsichtlich Trennbanken v&ouml;llig inhaltsleeren Artikel des Transatlantikers G. Steingart folgt die Bemerkung, das Erfordernis von Banktestamenten w&uuml;rde den Banken schon an sich weniger komplexe Strukturen aufzwingen. Dieser These sollte man   &ndash; neben der Frage nach der Sinnhaftigkeit von solchen Testamenten &ndash; mit einer gesunden Skepsis begegnen. Er weist zudem auf einen Entschluss der gr&uuml;nen Bundestagsfraktion zur Gro&szlig;bankenproblematik hin (S. 279, Fn. 7), in dem sich aber konkret nur die Forderung einer Leverage Ratio von lediglich  3% &agrave; la Basel III bis 2025 und &uuml;berproportional mehr Eigenkapital bis zu 20% findet, abh&auml;ngig von der Gr&ouml;&szlig;e, Systemrelevanz und Risikostruktur der Geldh&auml;user. Dies setzt entschlossene Regulatoren und gutwillige Politiker und die M&ouml;glichkeit von Risikoeinsch&auml;tzungen und der Systemrelevanz der Einzelinstitute voraus.  An anderer Stelle dr&uuml;ckt jedoch auch Schick sein Misstrauen gegen&uuml;ber Regulatoren und Politikern und den Risikogewichtungen bei Basel II und III aus. <\/p><p>Im Papier der Gr&uuml;nen wird auch nicht klar, was genau eigentlich abzutrennen w&auml;re, obwohl zu Anfang ganz zutreffend bemerkt wird, TBTF-Banken seien prinzipiell mit einer Marktwirtschaft nicht zu vereinbaren. Das systemische Risiko soll gem&auml;&szlig; gr&uuml;ner Agenda voll bei den Aktion&auml;ren liegen, nicht beim Steuerzahler. Ein guter Vorsatz &ndash;  wenn man aber f&uuml;r die nahe Zukunft zun&auml;chst nur die Hausnummer der 3% Leverage Ratio nennt und den Rest dem Finetuning der Regulatoren und Politiker &uuml;berl&auml;sst, kann es dann realistischer Weise &uuml;berhaupt zur vollen Risiko&uuml;bernahme durch die Aktion&auml;re (und Gl&auml;ubiger?) kommen? <\/p><p>Begr&uuml;&szlig;enswert ist auch Schicks Forderung, das Haftungsprinzip durchzusetzen.  Konkret fordert er aber nur, dass in Unternehmen Einzelpersonen f&uuml;r sensible Bereiche Verantwortung und Haftung &uuml;bernehmen sollten. Haften dann diese verantwortlichen Angestellten bei eventuellen Sch&auml;den in Milliardenh&ouml;he mit ihrem Sparschwein? <\/p><p>Schnellen Schrittes kommt Schick auf das Problem des allgemeinen Schulden&uuml;berhangs zu sprechen. Er verweist auf Daniel Stelters Forderung (der &uuml;brigens seit letztem Jahr nicht mehr bei der BCG arbeitet), drastisch die durchschnittliche Gesamtverschuldung zu reduzieren, die (nicht nur) in der EU durchschnittlich 500% des BIP (Spitzenreiter Irland: brutto 1350%!) betr&auml;gt. In den Anmerkungen erw&auml;hnt Schick  den Vorschlag der einmaligen Verm&ouml;gensabgabe der Gr&uuml;nen. Bei diesem geht es im Unterschied zu Stelters Vorschlag nur um ein Gesamtvolumen von maximal 100 Mrd. Euro f&uuml;r Deutschland, was angesichts der zu reduzierenden Finanzialisierung und des volkswirtschaftlichen Leverage ein Tropfen auf dem hei&szlig;en Stein w&auml;re und kaum viel bewirken w&uuml;rde, die Finanzm&auml;rkte, wie von Schick gefordert (S. 184), kleiner und langsamer zu machen und die Schuldenberge relevant abzutragen. <\/p><p>Anstatt hier etwas pr&auml;ziser zu werden, geht es sofort weiter mit der individuellen Schuldenbremse der Banken: 10% ungewichtetes Eigenkapital h&auml;lt Schick f&uuml;r richtig, aber auch Admati und Hellwig werden mit ihrer Forderung von mindestens 20% erw&auml;hnt. Also auf jeden Fall irgendwie mehr. <\/p><p>Unter Verweis auf Powerpointfolien eines Vortrages von Richard Werner wird dann in drei S&auml;tzen ganz nebenbei eine gewisse Kreditlenkung gefordert, um investive anstelle von spekulativ verwandten Krediten zu f&ouml;rdern. Wer soll diese nicht gerade einfache Unterscheidung, die auch nicht unbedingt als urliberales Anliegen anzusehen ist, im Einzelfall treffen, zumal Schick in Kapiteln zuvor die Unzul&auml;nglichkeiten staatlichen und regulatorischen (Fehl)Verhaltens ausmalte? <\/p><p>Er setzt dann noch eine makroprudentielle Forderung obendrauf, indem er als antizyklische Ma&szlig;nahme vorsieht, Notenbanken und Aufseher auch die Verm&ouml;genspreisentwicklung steuern zu lassen, um Blasen zu vermeiden, indem sie diskretion&auml;r bei Gefahr der Blasenbildung die Eigenkapitalanforderungen heraufsetzen. Kann man Blasenbildung erkennen, werden die Beh&ouml;rden das neutral exekutieren und nicht <em>regulatory capture<\/em> usw. unterliegen, was Schick in Kapitel 4 und 5 so anschaulich beschrieb. Zu Immobilienblasen meint er, die Finanzaufsichtsbeh&ouml;rden k&ouml;nnten<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;das Preisniveau problemlos deutlich dr&uuml;cken &hellip; und so die Luft aus der Blase entweichen lassen&ldquo;.<\/em> (S. 195)\n<\/p><\/blockquote><p>Sch&ouml;n zu wissen, wie einfach das ist, nur warum hat man das in der Vergangenheit nicht bereits gemacht?<\/p><p>Hier wird es langsam schwierig, in seinem bunten Strau&szlig; an Vorschl&auml;gen eine klare Linie zu erkennen. Man f&uuml;hlt sich eher wie in einem Gemischtwarenladen, in dem von allem &ndash; h&auml;ufig auch nur angedeutet &ndash; etwas vorkommt. Es folgt die Forderung von Kapitalverkehrskontrollen und schlie&szlig;lich sogar neben Keynes&acute; Idee einer <em>Clearing Union<\/em> die Einf&uuml;hrung fixer Wechselkurse und die von Bofinger und Flassbeck vorgeschlagene reale Wechselkursstabilisierung &uuml;ber automatische Ab- und Aufwertungen bei Vorliegen von Zinsdifferenzen zwischen L&auml;ndern (S. 194). Diese Variante geht selbst vielen hartgesottenen Keynesianern zu weit, doch Schick hat sie im Angebot, vielleicht ohne sich klar dar&uuml;ber zu sein, welchen tiefgreifenden Interventionismus man sich mit diesem Vorschlag einhandelt. <\/p><p>In Kapitel 8 wird dann die Schubumkehr eingelegt, die Kontrolle staatlicher Macht eingefordert und gleich auf James Buchanan verwiesen, der einfache und robuste Regeln (z.B. Schuldenbremsen) in der Verfassung verankert sehen wollte, da er dem Politikbetrieb misstraute. Mit ihm w&auml;ren Kreditlenkung, Blasenbek&auml;mpfung, die bei Schick angedachten Kredit-, Kapitalverkehrskontroll- und Wechselkurspolitiken nicht zu machen. Hier liegt ein echter Widerspruch in Schicks &Uuml;berlegungen, die nur m&uuml;hsam durch an sich richtige Forderungen wie die Offenlegung aller Nebenverdienste und die Abschaffung von Parteispenden &uuml;berdeckt wird. <\/p><p>Auch &uuml;berrascht die mittlerweile etwas eigenartig anmutende Begeisterung f&uuml;r die USA, deren <em>progressive movement<\/em> aus dem 19. Jahrhundert als topaktuelles zivilgesellschaftliches Vorbild dienen soll und deren in der Fachliteratur nicht gerade &uuml;ber alle Zweifel erhabene Aufsichtsbeh&ouml;rde FDIC den Europ&auml;ern als nachzuahmende Institution vorgestellt wird. Zur Governance-Reform der EU wird von ihm praktisch nur die Einrichtung eines Senats wie in den USA seit 1913 angedacht. <\/p><p>Wenn Schick im abrundenden neunten Kapitel Merkel zutreffend eine gewisse Perspektiv- und Visionslosigkeit vorwirft, so trifft dies &ndash; wenn auch in anderer Weise &ndash; auch auf ihn selber zu: es fehlt eine konzeptionelle Logik. Er tanzt auf zu vielen Hochzeiten, bleibt gleichzeitig trotz Minimalpr&auml;zisierungen ein wirtschaftspolitisches Gesamtbild schuldig, das v.a. der B&uuml;rger und die Zivilgesellschaft gerade in un&uuml;bersichtlichen Zeiten am dringlichsten erhoffen d&uuml;rften. Ist dies der Preis des regen Parteipolitikers, der trotz mutiger Kampfkandidaturen auf innerparteiliche Mehrheiten angewiesen ist und dessen Tagesgesch&auml;ft im Sich-Einlassen und Kritisieren kleinteiliger Minimalref&ouml;rmchen der Regierungspolitiken besteht? <\/p><p>So hat Schick sicher mit den Entscheidungen seiner Partei seit dem Krisenmodus der letzten Jahre zu k&auml;mpfen. Aus (ordo)liberaler Sicht h&auml;tte er eigentlich die Insolvenzverschleppungs- und Ersatzpolitik der EZB kritisieren m&uuml;ssen. Er schreibt aber, sie habe den Crash verhindert und an dieser Stelle kommen dann doch Ansteckungsgefahren zur Sprache. &Uuml;beroptimistisch meint er, es werde mit der EZB endlich<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;die Schaffung einer echten europ&auml;ischen Aufsichtsbeh&ouml;rde&ldquo;<\/em> (S. 239)\n<\/p><\/blockquote><p>gelingen. <\/p><p>W&auml;hrend des Lesens dieser Zeilen kommt heraus, wie die EZB (als Bank der Banken nicht &uuml;berraschend) im Rahmen der Troika darauf dr&auml;ngte und daf&uuml;r sorgte, dass nicht etwa Aktion&auml;re und Gl&auml;ubiger der Geldh&auml;user sondern stattdessen europ&auml;ische Steuerschussel und austerit&auml;tsbetroffene B&uuml;rger der Krisenl&auml;nder bluten sollten. Kritisiert wird von Schick an der EZB eigentlich neben unspezifischem Einfordern von Gegenleistungen nur die mangelnde (wen n&ouml;tig nachtr&auml;gliche) Transparenz ihrer Ma&szlig;nahmen. <\/p><p>Zuk&uuml;nftig solle es zudem eine Rechenschaftspflicht gegen&uuml;ber den Parlamentariern geben. Ob das angesichts einer (auch verteilungs)politischen Aufladung der EZB ausreicht (antizyklisches Lehnen gegen den krediteuphorischen &Uuml;berschwang usw., siehe oben)? Oder m&uuml;sste sie dann als entscheidender wirtschaftspolitischer Player jenseits der blo&szlig;en technokratischen Sicherung der Geldwertstabilit&auml;t nicht entlang politischer Vorgaben handeln? Das aber widerspr&auml;che Schicks &ndash; und vieler Deutscher &ndash; nicht unbegr&uuml;ndeter Pr&auml;ferenz f&uuml;r eine unabh&auml;ngige Notenbank. Statt typisch europ&auml;ischem Durchwursteln bedarf es auch hier klarer Richtungsentscheidungen, um zu verhindern, dass der kleinste gemeinsame Nenner schlussendlich durch halbherzige Selbstblockaden zum gr&ouml;&szlig;tm&ouml;glichen Unfall f&uuml;hren wird.<\/p><p>Die Geschichte der Bankenrettungsschirme wird fast v&ouml;llig aus seinem sonstigen breiten Gesamtpanorama ausgeblendet und hier letztlich nur ein Demokratiedefizit vermerkt. Schick hat den Schirmen fraktionstreu im Bundestag zugestimmt. Selbst bei den Milliarden f&uuml;r Spanien enthielt er sich im Unterschied zum direktmandatierten Str&ouml;bele nur. Wenn er anf&auml;nglich behauptete, die Apokalypsenthese (sonstiger Zusammenbruch des gesamten Finanzsystems) sei falsch, warum stimmte er dann zu? Hinter diesen Schlenkern verbirgt sich nach Meinung des Rezensenten das eigentliche Grundproblem:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Wir m&uuml;ssen die Regulierung grunds&auml;tzlich neu erfinden&ldquo;<\/em> (S. 189).\n<\/p><\/blockquote><p>Objektiv bed&uuml;rfte es in der Tat zu einem Leben ohne Finanz- und Staatsschuldenkrisen einiger Fundamentalreformen  der Geld- und Finanzordnung. Diese sind aber in der vorherrschenden Gef&auml;lligkeits- und Konsumdemokratie (siehe I. Bl&uuml;hdorns Buch &bdquo;Simulative Demokratie&ldquo;, Suhrkamp 2013) bisher nicht zu erwarten, in der man auch niemandem richtig weh tun m&ouml;chte, in der alle Systeme am Tropf des Wachstums h&auml;ngen und die immer noch vor einem wirtschaftlichen Kollaps steht, der zurzeit mit allen nur m&ouml;glichen Mitteln zur Vermeidung einer reinigenden Deflationskrise hinausgez&ouml;gert wird. Insofern holt Schick im Rahmen des momentanen politischen Systems wohl in etwa ein &bdquo;Maximum&ldquo; heraus, von dem er ahnt, dass es zu wenig ist. Ausgleichend t&uuml;rmt er eine Reformforderung auf die n&auml;chste und landet trotz allgemeiner Richtungsanzeige unter dem Strich &ndash; also dort,  wo es ums Eingemachte geht &ndash; oft im Ungef&auml;hren. <\/p><p>Gemeinsam das Gemeinwohl zur&uuml;ckerobern, die &Uuml;berwindung der instabilen Finanzm&auml;rkte und deren Marktmacht, eine aktive Wettbewerbspolitik, das Ende der gef&auml;hrlichen Symbiose zwischen Staat und Markt, so lauten einige Kapitel&uuml;berschriften seines Buches. Ganz in diesem Sinne h&auml;lt der Rezensent &ndash; im Schickschen Geiste &ndash; , auf<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;einfache, aber harte Regeln&ldquo;<\/em> (S. 189)\n<\/p><\/blockquote><p>bauend, ohne Anma&szlig;ung von Wissen (wann f&auml;ngt die Blase an?), ohne leider immer noch falsche Hoffnungen in die durch nationalegoistisches Verhalten torpedierte europ&auml;ische (Banken)Union, ohne &Uuml;berforderung der Regulatoren und Illusionen &uuml;ber die letztliche Prim&auml;rfunktion einer Zentralbank im gegenw&auml;rtigen System (<em>the unconditional banking savior of last resort<\/em>), insbesondere folgende Reformen f&uuml;r vordringlich: Einf&uuml;hrung eines Vollgeldsystems zur Vermeidung von Boom-Bust-Kreditzyklen an der Quelle, eine konsequente Gr&ouml;&szlig;enbegrenzung von Geldh&auml;usern (100 Milliarden Euro-Limit), eine drastische Erh&ouml;hung des ungewichteten Eigenkapitals auf 20-30%, eine auch organisatorisch eindeutige Durchf&uuml;hrung eines Trennbankensystems, eine Mindesthaltedauer an B&ouml;rsen von mindestens einer Sekunde, kein Rechtsschutz f&uuml;r OTC-Transaktionen und klare Verbote (Leerverk&auml;ufe, Kreditausfallversicherungen) mit dem ausdr&uuml;cklichen Nebenziel der Schrumpfung des Finanzsektors. Hierzu soll auch die breite Einf&uuml;hrung einer Finanztransaktionssteuer dienen (inklusive Repos und des sonstigen Interbankengeldmarktes). Hinzu kommen sollen klare ex ante-Regeln f&uuml;r Banken- und Staatsinsolvenzen (die nur verhindert werden, wenn sie auch m&ouml;glich sind), tempor&auml;re Euroaustritte unter Zuhilfenahme von Parallelw&auml;hrungen mit der Wirkung einer nationalen Regiow&auml;hrung anstelle von Rettungsschirmen, zwangsl&auml;ufig in Kombination mit sowieso anstehenden Haircuts und Verm&ouml;gensabgaben mit dem Ziel, die privaten Haushalte, die Staaten und die Nichtfinanzunternehmen auf einen Zielverschuldungsgrad von jeweils rund 60% des BIP zu bringen (siehe H. Peukert &bdquo;Die gro&szlig;e Finanzmarkt- und Staatsschuldenkrise&ldquo;, 5. Aufl. und k&uuml;rzer &bdquo;Das Moneyfest&ldquo;, beide Metropolis 2013).  <\/p><p>Mit Blick auf Occupy, die Gewerkschaften, andere Parteien usw. findet sich in Schicks anregendem Buch eine sympathische Selbstkritik und implizite Handlungsempfehlung f&uuml;r die Zukunft: Man tat<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;sich schwer, mit denjenigen, die wirklich das Wirtschaftssystem ver&auml;ndern wollten, auf einer Seite der Barrikade zu stehen. Eine vertane Chance f&uuml;r uns alle&ldquo;<\/em> (S. 228).\n<\/p><\/blockquote><p>Noch ist es nicht zu sp&auml;t.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Prof. Helge Peukert ist &Ouml;konom an der Universit&auml;t Erfurt<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der promovierte Volkswirt und als ordoliberal oder linksliberal verortete streitbare Finanzpolitiker, der die Partei Die Gr&uuml;nen im Bundestag vertritt und sp&auml;testens seit der Finanzkrise durch seine Fachexpertise und Kritik am Krisenmanagement der Bundesregierung besticht, hat ein Buch &uuml;ber die chaotischen Entwicklungen der letzten Jahre und was daraus zu lernen ist geschrieben. Es geht deutlich &uuml;ber<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21641\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[131,139,135,208],"tags":[241,283,2461,592],"class_list":["post-21641","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","category-euro-und-eurokrise","category-finanzpolitik","category-rezensionen","tag-bankenrettung","tag-finanzmaerkte","tag-peukert-helge","tag-trennbanken"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21641","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=21641"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21641\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21644,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21641\/revisions\/21644"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=21641"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=21641"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=21641"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}