{"id":21653,"date":"2014-05-07T15:35:38","date_gmt":"2014-05-07T13:35:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21653"},"modified":"2024-09-24T23:43:37","modified_gmt":"2024-09-24T21:43:37","slug":"ein-gesetzlicher-mindestlohn-von-850-euro-ist-eine-mogelpackung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21653","title":{"rendered":"\u201eEin gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro ist eine Mogelpackung\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jens Wernicke<\/strong> sprach f&uuml;r die NachDenkSeiten mit dem Sozialwissenschaftler <strong>Rainer Roth<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21653#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] &uuml;ber den Mindestlohn. Sind 8,50 Euro pro Stunde ausreichend? Und warum gibt es eigentlich so viele Ausnahmen?<br>\n<!--more--><br>\n<em>JW: Herr Roth, Ihr Engagement gilt seit Mitte der 1990er Jahre der Einf&uuml;hrung eines fl&auml;chendeckenden gesetzlichen Mindestlohns. Die Gro&szlig;e Koalition plant nun zwar einen solchen, bei diesem Vorhaben handelt es sich aber ganz augenscheinlich um eine &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/m\/2014\/04-30\/052.php\">Mogelpackung<\/a>&ldquo;. Das kommuniziert nicht nur das <a href=\"http:\/\/www.500-euro-eckregelsatz.de\/mat\/plattform_2014-01-01.pdf\">breite B&uuml;ndnis [PDF &ndash; 93.6 KB]<\/a>, dem Sie angeh&ouml;ren; das sehen auch viele andere so. Die wirkliche Mogelei seien aber gar nicht die ganzen <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Kommentar-Mindestlohn\/!136011\/\">Ausnahmen<\/a>, &uuml;ber die so viel gesprochen wird, meinen Sie. Wie ist das zu verstehen?<\/em><\/p><p><strong>RR:<\/strong> Entscheidend ist vor allem die H&ouml;he des beschlossenen Mindestlohns. Mit 8,50 Euro brutto k&ouml;nnen Vollzeitbesch&auml;ftigte schon bei einer Wochenarbeitszeit von 38,5 Stunden gleich wieder Hartz IV beantragen, wenn ihre Warmmiete auch nur 358 Euro &uuml;bersteigt. Das ist in Ballungsgebieten und St&auml;dten meistens der Fall. Aber selbst bei niedrigeren Warmmieten l&auml;ge dieser Mindestlohn nur knapp &uuml;ber dem gegenw&auml;rtigen Hartz-IV-Niveau. Das jedoch wird mit seinem Eckregelsatz von 391 Euro monatlich auch nach <a href=\"http:\/\/www.menschenwuerdiges-existenzminimum.org\/positionspapier\/2013050954.html\">Einsch&auml;tzung<\/a> des &bdquo;B&uuml;ndnis f&uuml;r ein menschenw&uuml;rdiges Existenzminimum&ldquo; als viel zu niedrig eingestuft. Dieses B&uuml;ndnis wird unter anderem von DGB und Wohlfahrtsverb&auml;nden wie Diakonie und AWO <a href=\"http:\/\/www.menschenwuerdiges-existenzminimum.org\/buendnis\/20130808189.html\">unterst&uuml;tzt<\/a>.<\/p><p>4,56 Euro pro Tag z.B. f&uuml;r Essen und Trinken bedeuten eben Mangelern&auml;hrung. Und 66 Cent pro Tag f&uuml;r &ouml;ffentliche Verkehrsmittel bedeuten gesellschaftliche Isolation. Allein f&uuml;r Ern&auml;hrung werden 80 Euro monatlich mehr f&uuml;r notwendig gehalten, f&uuml;r alle Bedarfsposition sogar insgesamt zwischen 150 und 170 Euro mehr. Das genannte B&uuml;ndnis will allerdings nur die &bdquo;Dimension des Mangels&ldquo; aufzeigen, ohne zugleich die notwendigen Forderungen hieraus abzuleiten. Unsere Kampagne dagegen nimmt diese Berechnungen auf und handelt auch entsprechend. So fordern wir beispielsweise in aller Deutlichkeit einen Eckregelsatz von mindestens 500 Euro ein.<br>\nAuch ein gesetzlicher Mindestlohn, der ein halbwegs angemessenes Existenzminimum f&uuml;r einen alleinstehenden Vollzeitbesch&auml;ftigten sicherstellen soll, m&uuml;sste insofern nat&uuml;rlich deutlich &uuml;ber dem nach oben korrigierten Hartz IV-Niveau liegen. Hier 8,50 Euro die Stunde zu akzeptieren, bedeutete faktisch, den gegenw&auml;rtigen inakzeptablen Hartz-IV-Eckregelsatz als Ma&szlig;stab zu hinzunehmen, ihn weiter zu legitimieren und damit auf Dauer fortzuschreiben. Wir fordern deswegen stattdessen einen gesetzlichen Mindestlohn von <a href=\"http:\/\/www.mindestlohn-10-euro.de\/2011\/04\/04\/vergleich-hartz-iv-niveau-eines-alleinstehenden-erwerbstatigen-mindestlohn-niveau\">mindestens zehn Euro<\/a> die Stunde. Alles andere hat mit einer akzeptablen Existenzsicherung wenig gemein. <\/p><p><em>JW: Gut, Ihre Kritik geht insofern weiter, da sie nicht nur auf die Ausnahmen, sondern in aller Deutlichkeit auch auf den Regelfall zielt. All die geplanten Ausnahmen sind aber auch f&uuml;r Sie ein Problem, nehme ich an?<\/em><\/p><p><strong>RR:<\/strong> Ja, denn sie verdeutlichen vor allem eines: Dass die Gro&szlig;e Koalition nicht einmal die 8,50 Euro wirklich akzeptiert. Darum schiebt sie die fl&auml;chendeckende Einf&uuml;hrung der diesbez&uuml;glichen Regelung bis 2017 hinaus, so dass erst fr&uuml;hestens ab 2018 ein h&ouml;herer Mindestlohn zu erwarten sein wird. Je nach Inflationsrate sind die 8,50 Euro bis dahin dann bereits real auf unter 8 Euro gefallen. Zudem sollen Fortschreibungen des Mindestlohns von der Zustimmung einer Mindestlohnkommission abh&auml;ngen, in der auch Arbeitgeber vertreten sind. Das alles kann dazu f&uuml;hren, dass der gesetzliche Mindestlohn tats&auml;chlich auf unabsehbare Zeit nicht steigen, sondern vielleicht sogar sinken wird. In schnellen und realen Schritten zu zehn Euro vorw&auml;rts zu schreiten, wie es auch ver.di inzwischen fordert, d&uuml;rfte angesichts der Abh&auml;ngigkeit der Regierung von dieser Kommission jedenfalls kaum m&ouml;glich sein. Die Kommission stellt daher ein massives Hindernis dar.<\/p><p><em>JW: Der geplante Mindestlohn ist also auch f&uuml;r Sie eine Mogelpackung &ndash; und zwar noch viel mehr als dies bisher diskutiert worden ist?<\/em><\/p><p><strong>RR:<\/strong> Ja und nein. Denn so wenig er in der aktuellen Fassung auch bringen wird, ist er doch zugleich und vor allem auch ein &bdquo;deutlicher Sieg&ldquo; der Kritiker der Agenda 2010, wie die FAZ ganz richtig <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/kommentar-rettet-den-niedriglohnsektor-12849766.html\">konstatiert<\/a>. Er ist das Produkt eines jahrelangen z&auml;hen Kampfes, an dem auch unser B&uuml;ndnis sich beteiligt hat. Und diesen Sieg wollen die Vertreter des Kapitals nun m&ouml;glichst stark abschw&auml;chen. <\/p><p>Eben hier kommen dann auch die von Ihnen genannten &bdquo;Ausnahmen&ldquo; ins Spiel. Sie sind schlie&szlig;lich vor allem Mittel dazu, selbst diesen mickrigen Mindestlohn noch weiter zu unterlaufen. Insofern sind nat&uuml;rlich alle Ausnahmen abzulehnen. Jedoch stellt bereits die Verschiebung der fl&auml;chendeckenden Einf&uuml;hrung des Mindestlohns, mit der auch der DGB einverstanden war, eine reale &bdquo;Ausnahme&ldquo; dar. Zehn Euro brutto jetzt und zwar ohne jede Ausnahme, darauf m&uuml;sste heute alles zugespitzt werden. <\/p><p><em>JW: Wie kommt es denn, dass nun ausgerechnet die CDU auch f&uuml;r einen gesetzlichen Mindestlohn und die SPD f&uuml;r einen Mindestlohn in der vorgeschlagenen H&ouml;he sowie Art und Weise ist?<\/em><\/p><p><strong>RR:<\/strong> Nun, die CDU tritt nur f&uuml;r einen gesetzlichen Mindestlohn ein, weil die SPD ihn zur Bedingung f&uuml;r die Gro&szlig;e Koalition gemacht hat. Die SPD wiederum hat den gesetzlichen Mindestlohn in den Mittelpunkt gestellt, weil der Druck auf dessen Einf&uuml;hrung in den letzten Jahren immer st&auml;rker geworden ist. Immer mehr Tarifvertr&auml;ge sind von den &bdquo;Sozialpartnern&ldquo; schlie&szlig;lich zu Hungerl&ouml;hnen abgeschlossen worden und die Tarifbindung ist dar&uuml;ber hinaus immer weiter zur&uuml;ckgegangen. Schon 2010 sprachen sich dementsprechend in einer <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/hbs_showpicture.htm?id=28794&amp;chunk=1\">repr&auml;sentativen Befragung<\/a> durch ein Frankfurter Institut auch 70 Prozent der Befragten f&uuml;r einen gesetzlichen Mindestlohn in H&ouml;he von zehn Euro brutto aus. <\/p><p>Die von SPD und Gr&uuml;nen durchgesetzte Agenda 2010 hat dar&uuml;ber hinaus zu einer massiven Zunahme von prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnissen und zu einem starken Druck auf das Lohnniveau gef&uuml;hrt, bei unteren Lohngruppen vermutlich sogar zu einer nennenswerten realen Senkung desselben. Um diesen gro&szlig;en Schritt im Interesse der Arbeitgeber f&uuml;r die Zukunft abzusichern, und ich betone: abzusichern, gab die SPD schlie&szlig;lich ihren jahrelangen Widerstand gegen die Einf&uuml;hrung eines gesetzlichen Mindestlohns auf, den sie bis dahin im Namen der Tarifautonomie bek&auml;mpft hat. <\/p><p>Unter diesen Bedingungen muss nun beiden Parteien der Gro&szlig;en Koalition daran gelegen sein, den Mindestlohn m&ouml;glichst niedrig anzusetzen, seine Einf&uuml;hrung m&ouml;glichst weit hinauszuschieben, m&ouml;glichst viele Ausnahmen zuzulassen und seine Fortschreibung m&ouml;glichst gering zu halten. Um das zu vernebeln jubelt der wortgewaltige Vizekanzler Gabriel den so beschnittenen Mindestlohn zugleich im Namen seiner Partei mit bombastischen Worten wie: &bdquo;Wir geben der Arbeit ihre W&uuml;rde zur&uuml;ck&ldquo; usw. hoch. <\/p><p>Die &bdquo;W&uuml;rde&ldquo;, wie er sie versteht, soll dabei mittels eines Lohnes Einzug halten, mit dem es niemandem m&ouml;glich ist, die Unterhaltungskosten auch nur eines Kindes aufzubringen. Die &bdquo;W&uuml;rde der Arbeit&ldquo; soll mit einem Lohn befriedigt sein, der im Alter nur zu einer Hungerrente f&uuml;hren kann und wird. Und sie soll auch dadurch nicht beeintr&auml;chtigt sein, dass der Lohn, der sie ausmachen soll, unterhalb eines f&uuml;r Lohnabh&auml;ngige akzeptablen Existenzminimums liegt und zus&auml;tzlich noch mit Lohnsteuer belegt wird. <\/p><p>Gegenw&auml;rtig wird der Bruttolohn eines alleinstehenden Vollzeitbesch&auml;ftigten bei einer 38,5-Arbeitsstunden-Woche bereits ab 5,42 Euro Stundenlohn mit Lohnsteuer belegt. Und selbst L&ouml;hne unter Hartz-IV-Niveau werden noch besteuert. Damit muss Schluss sein. Deshalb fordern wir im Sinne eines steuerfreien Existenzminimums, das jedem zustehen muss, auch die Lohnsteuerfreiheit des gesetzlichen Mindestlohns, ob dieser nun bei 8,50 Euro oder bei zehn Euro liegt. Das Existenzminimum darf grunds&auml;tzlich nicht unterschritten werden. <\/p><p>Gabriels selbstgef&auml;lliges Wortgeklingel h&uuml;llt die &bdquo;Mogelpackung 8,50 Euro&ldquo; in Sozialnebel und lenkt, leider unter Goutierung von DGB und einigen Verb&auml;nden, die es, wie schon gesagt, eigentlich besser wissen, von dem ab, was eigentlich notwendig ist.<\/p><p><em>JW: Was also tun?<\/em><\/p><p><strong>RR:<\/strong> Nun, das &bdquo;B&uuml;ndnis 500 Euro Eckregelsatz\/10 Euro gesetzlicher Mindestlohn (lohnsteuerfrei)&ldquo;, das vor allem vom Aktionsb&uuml;ndnis Sozialproteste, dem Erwerbslosen Forum Deutschland, Klartext e.V., LabourNet Germany, dem Rhein-Main-B&uuml;ndnis gegen Sozialabbau und Billigl&ouml;hne, der Sozialen Bewegung Land Brandenburg und Tacheles e.V. getragen wird, hat f&uuml;r den Monat Mai zu einem <a href=\"http:\/\/www.mindestlohn-10-euro.de\/2014\/04\/09\/aktionsmonat-mai-statt-der-mogelpackung-von-850-euro-mindestlohn-zehn-euro-brutto-lohnsteuerfrei-und-ohne-ausnahmen\/\">Aktionsmonat<\/a> f&uuml;r einen gesetzlichen Mindestlohn von mindestens zehn Euro lohnsteuerfrei aufgerufen und ein entsprechendes <a href=\"http:\/\/www.mindestlohn-10-euro.de\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/Mindestlohn_kampagne_2014_04_04.pdf\">Flugblatt [PDF &ndash; 494 KB]<\/a> mit der Begr&uuml;ndung seiner Forderung zur Unterst&uuml;tzung kreativer Aktionen vor Ort zur Verf&uuml;gung gestellt. Aktivit&auml;ten hierzu gibt es bereits in 54 St&auml;dten. <\/p><p><em>JW: Vielen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Das Interview f&uuml;hrte <strong>Jens Wernicke<\/strong>. <\/p><p><em>Die Positionen des Interviewpartners geben nicht zwingend die Positionen der NachDenkSeiten-Redaktion wieder. Sehr wohl aber sollen sie eines: &hellip;zum Nachdenken anregen.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Rainer Roth ist emeritierter Professor f&uuml;r Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Armut und Arbeitslosigkeit. Bis zu seiner Emeritierung war er Autor des <a href=\"http:\/\/www.agtuwas.de\/pdf\/lf_algii_flyer.pdf\">&bdquo;Leitfaden Alg II \/ Sozialhilfe von A-Z&ldquo; [PDF &ndash; 46.9 KB]<\/a>. Eine seiner bekanntesten Ver&ouml;ffentlichungen ist dar&uuml;ber hinaus &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Nebensache-Mensch-Arbeitslosigkeit-Rainer-Roth\/dp\/393224639X\">Nebensache Mensch: Arbeitslosigkeit in Deutschland<\/a>&ldquo;, das inzwischen <a href=\"http:\/\/www.klartext-info.de\/buecher\/Nebensache_Mensch_2005.pdf\">im Internet im Volltext [PDF &ndash; 2.6 MB]<\/a> zum Lesen bereitgestellt worden ist.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Jens Wernicke<\/strong> sprach f&uuml;r die NachDenkSeiten mit dem Sozialwissenschaftler <strong>Rainer Roth<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21653#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] &uuml;ber den Mindestlohn. Sind 8,50 Euro pro Stunde ausreichend? 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