{"id":21794,"date":"2014-05-21T09:38:52","date_gmt":"2014-05-21T07:38:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21794"},"modified":"2015-10-22T15:20:30","modified_gmt":"2015-10-22T13:20:30","slug":"nur-falsche-prognosen-sind-gute-prognosen-und-das-ist-auch-ganz-gut-so","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21794","title":{"rendered":"Nur falsche Prognosen sind gute Prognosen und das ist auch ganz gut so"},"content":{"rendered":"<p>Hellseher, Wahrsager, Kaffeesatzleser, Sp&ouml;kenkieker, Astrologen und &Ouml;konomen haben eine Gemeinsamkeit: Ihre Prognosen gehen meist in die Hose. Und wenn sie das ausnahmsweise einmal nicht tun, ist das reiner Zufall.<br>\nMan hat sich l&auml;ngst daran gew&ouml;hnt: Das Ritual findet alle paar Monate aufs Neue statt, und das Publikum wird nicht m&uuml;de, sich das anzuh&ouml;ren. Irgendwelche Wirtschaftsweisen treten auf und verk&uuml;nden: Die Konjunktur hat sich erholt, die Wirtschaft w&auml;chst, es geht bergauf.<br>\nLeider, leider aber hat sich inzwischen gezeigt, dass die Prognose vom letzten Quartal total daneben lag und nach unten korrigiert werden muss. Woran das lag? Nun ja, die Konjunktur hat sich nicht so positiv entwickelt wie erwartet. Von <strong>Wolfgang J. Koschnick<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWie denn? Wo denn? Was denn?<br>\nBei Prognosen geht&rsquo;s doch wohl warum, etwas vorauszusagen, oder? War gar nicht voraussehbar, was da vorausgesagt wurde?<br>\nNein.<br>\nUnd was soll dann eine Prognose?<\/p><p>Ist doch klar: Wenn sich die Leute nicht an die Prognose halten, kann man nix machen. Die Zahlen, Indices, Kennziffern, Parameter und Trends der Prognose sind allesamt &uuml;ber jeden Zweifel erhaben. Die Berechnung ist einwandfrei. Aber die Konsumenten, die K&auml;ufer, die Hausfrauen, die H&auml;ndler und die Produzenten machen alles falsch. Da kann ja eine Prognose gar nicht hinhauen.<\/p><p>Der konsumierende, produzierende oder handelnde Mensch ist offenbar nichts weiter als ein St&ouml;rfaktor im Getriebe der &ouml;konomischen Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten. Daf&uuml;r gibt es eine Reihe von Gr&uuml;nden.<br>\nEiner davon ist der, dass die &Ouml;konomie wenigstens in dem Teil, der sich mit Prognostik besch&auml;ftigt, keine positive Wissenschaft ist. Sie kann Aussagen &uuml;ber m&ouml;gliche k&uuml;nftige Ereignisse nur mit Hilfe von Modellen treffen, f&uuml;r die detaillierte Ceteris-paribus-Bedingungen gelten. Insofern ist die Anmerkung, dass sich die Leute nicht an die Prognose halten und die Prognose deshalb nicht eintreffen konnte, viel mehr als ein Kalauer. Sie trifft n&auml;mlich zu.<\/p><p>Ein anderer Grund liegt in der Komplexit&auml;t des Systems, &uuml;ber das Prognosen gemacht werden. Wenn ein paar hundert Faktoren die Bewegung oder Richtung in einem System beeinflussen k&ouml;nnen, braucht nur ein einziger Faktor oder auch nur eine kleine Zahl von Faktoren eine andere Richtung zu nehmen, und schon ist die ganze Prognose f&uuml;r die Katz&lsquo;.<\/p><p>Der britische Wissenschaftstheoretiker Karl Popper unterscheidet deshalb genau zwischen Uhrwerksystemen (&bdquo;clock systems&ldquo;) und Wolkensystemen (&bdquo;cloud systems&ldquo;). Uhrwerksysteme sind auch ziemlich komplex, aber bei ihnen greift ein Element auf berechenbare Weise ins andere und f&uuml;hrt zu einem genau kalkulierbaren Ergebnis. In Uhrensystemen sind funktionale Abh&auml;ngigkeiten zwischen verschiedenen Faktoren exakt definiert. Sie sind regelm&auml;&szlig;ig und vorhersehbar. Sie sind &uuml;berschaubar, mechanisch und berechenbar. Deshalb wei&szlig; man, dass morgens die Sonne aufgeht.<\/p><p>Ganz anders die Wolkensysteme. Bei ihnen sind keine nachweisbaren funktionalen Abh&auml;ngigkeiten bekannt. Sie sind unregelm&auml;&szlig;ig und unvorhersehbar. Man kann versuchen, die Muster zu erkennen, aber nicht deren Ursachen. Das Klima, die Wirtschaft und die Gesellschaft geh&ouml;ren zu den klassischen Wolkensystemen.<\/p><p>Komplexe Systeme haben einige Charakteristika, die sie deutlich von anderen unterscheiden &ndash; auch von blo&szlig; komplizierten Systemen:<\/p><ul>\n<li>Sie sind agentenbasiert: Sie bestehen aus einzelnen Teilen (Agenten), die miteinander in Wechselwirkung stehen (Menschen, Konsumenten, etc.) und jeder f&uuml;r sich agieren.<\/li>\n<li>Sie sind nichtlinear: In komplexen Systemen besteht eine gro&szlig;e Empfindlichkeit f&uuml;r kleine Abweichungen in den Startbedingungen. Geringf&uuml;gig ver&auml;nderte Anfangsbedingungen k&ouml;nnen im langfristigen Verlauf zu v&ouml;llig anderen Entwicklungen bei verschiedenen Systemen f&uuml;hren. Veranschaulicht wird das am Beispiel des &bdquo;Schmetterlingseffekts&ldquo; und der Annahme, dass der Fl&uuml;gelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas ausl&ouml;sen kann. Die Wirkzusammenh&auml;nge der Systemkomponenten sind im Allgemeinen nichtlinear.<\/li>\n<li>Sie haben emergente Eigenschaften: Infolge des Zusammenspiels seiner Elemente bilden sich spontan neue Eigenschaften oder Strukturen auf der Makroebene eines Systems heraus. Dabei lassen sich die emergenten Eigenschaften des Systems nicht &ndash; oder jedenfalls nicht offensichtlich &ndash; auf isolierte Eigenschaften seiner Elemente zur&uuml;ckf&uuml;hren. Sie lassen sich auch nicht aus der isolierten Analyse des Verhaltens einzelner Systemkomponenten erkl&auml;ren. Sie sind Systemeigenschaften.<\/li>\n<li>Ihre Komponenten interagieren: Komplexe Systeme bestehen aus einer Vielzahl von Einzelkomponenten, die auf vielf&auml;ltige Weise miteinander interagieren. Die Wechselwirkungen zwischen den Systemkomponenten sind lokal, ihre Auswirkungen in der Regel global. Ein komplexes System ist daher ein System mit multiplen Interaktionskomponenten, dessen Verhalten nicht vom Verhalten der Komponenten hergeleitet werden kann.<\/li>\n<li>Das System ist offen: Komplexe Systeme sind zugleich offene Systeme. Sie stehen im Kontakt mit ihrer Umwelt und h&auml;ngen von einem permanenten Durchfluss von Energie oder Materie ab.<\/li>\n<li>Sie organisieren sich selbst: Eine Form der Systementwicklung, bei der die formgebenden, gestaltenden und beschr&auml;nkenden Einfl&uuml;sse von den Elementen des sich organisierenden Systems ausgehen. Das erm&ouml;glicht die Bildung insgesamt stabiler Strukturen (Hom&ouml;ostase), die ihrerseits das Ungleichgewicht aufrechterhalten. Sie sind dabei in der Lage, Informationen zu verarbeiten und zu lernen.<\/li>\n<li>Sie regulieren sich selbst: Selbstregulation ist ein grundlegendes Funktionsprinzip (Hom&ouml;ostaseprinzip) lebender Organismen. Dadurch k&ouml;nnen sie die F&auml;higkeit zur inneren Harmonisierung entwickeln und sind in der Lage, auf Grund der Informationen und deren Verarbeitung das innere Gleichgewicht zu verst&auml;rken.<\/li>\n<li>Sie sind pfadabh&auml;ngig: Der zeitliche Verlauf von komplexen Systemen &auml;hnelt strukturell einem Pfad. Es gibt dort Anf&auml;nge und Kreuzungen, an denen mehrere Alternativen oder Wege zur Auswahl stehen. Pfadabh&auml;ngige Prozesse verhalten sich an den Kreuzungspunkten chaotisch. Eine kleine St&ouml;rung f&uuml;hrt &uuml;ber positive R&uuml;ckkoppelung zu einem ganz anderen Ausgang. Da der &Uuml;bergang in eine stabile Phase unabh&auml;ngig von der Qualit&auml;t einer getroffenen Entscheidung stattfindet, sind pfadabh&auml;ngige Prozesse nicht selbstkorrigierend, sondern dazu pr&auml;destiniert, Fehler zu verfestigen.<\/li>\n<li>Sie streben bestimmte Zust&auml;nde oder Zustandsabfolgen an: Ein komplexes System strebt unabh&auml;ngig von seinen Anfangsbedingungen bestimmte Zust&auml;nde oder Zustandsabfolgen (Attraktoren) an, die auch chaotisch sein k&ouml;nnen. Ein Attraktor ist eine unter der Zeitentwicklung des Systems invariante oder sich dieser asymptotisch n&auml;hernde Untermenge eines Phasenraums, die unter der Dynamik dieses Systems nicht mehr verlassen wird.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Fehlprognosen als Regelerscheinung<\/strong><br>\nDeshalb ist der Prognose-Kalauer &bdquo;Prognosen treffen nur ein, wenn die Leute sich auch bedingungslos an die Prognose halten&ldquo; von doppeltem Wert: Als Kalauer ist er lustig und als Beschreibung der Wirklichkeit trifft er den Nagel auf den Kopf. Die Modellrechnungen, die einer Prognose zu Grunde liegen, k&ouml;nnen die wahre Komplexit&auml;t der Wirklichkeit nicht ann&auml;hernd beschreiben. Und daher sind ihre Parameter nur vorsichtige N&auml;herungen. Wenn sie sich anders als in der Rechnung vorgesehen &auml;ndern, wird die Prognose falsch. Und wenn sie sich stark &auml;ndern, kann sich gar die Richtung der Prognose &auml;ndern. Aus prognostiziertem Wachstum wird dann Niedergang.<\/p><p>Fehlprognosen sind in der &Ouml;konomie die Regel, nicht die Ausnahme. Keine naturwissenschaftliche Disziplin k&ouml;nnte eine solch pomp&ouml;se Serie von Fehlprognosen &uuml;berleben. Warum &uuml;berlebt die &Ouml;konomie das? Von der Logik her bieten sich zwei Ans&auml;tze:<\/p><ol>\n<li>Der Sinn von Prognosen in der &Ouml;konomie ersch&ouml;pft sich in der Rechnerei, in der Entwicklung von immer diffizileren Modellrechnungen mit immer mehr Parametern, immer komplizierteren Formeln und immer gr&ouml;&szlig;erer Wirklichkeitsferne. Das deutet darauf hin, dass zwischen dem Exaktheitsanspruch der Berechnung und der Aussagekraft ihres Resultats ein grobes Missverh&auml;ltnis besteht. Einfacher formuliert: Die Rechnerei in der &Ouml;konomie produziert Bl&ouml;dsinn.<\/li>\n<li>Die Funktion von Prognosen ist es &uuml;berhaupt nicht, Erkenntnisse &uuml;ber menschliches Verhalten oder die wirtschaftliche Wirklichkeit zu gewinnen. Sie zielt vielmehr darauf, ein bestimmtes Verhalten zu bewirken oder zu f&ouml;rdern. Das wiederum w&uuml;rde bedeuten, es handelt sich nicht um Wissenschaft, sondern um&hellip;, ja, um was eigentlich? Propaganda? PR? Manipulation? Wirtschaftspolitik? Schwarze Magie? Hellseherei? Hokuspokus?<\/li>\n<\/ol><p>Die Frage ist: Warum macht man dann &uuml;berhaupt noch Prognosen? Sicherlich sind sie ein hervorragendes Mittel, um genauere Kenntnis dar&uuml;ber zu erlangen, was die Wirklichkeit in all ihrer Komplexit&auml;t in ihrem Innersten &ndash; aber auf berechenbare Begriffe reduziert &ndash; zusammenh&auml;lt. Kein Zweifel, da haben sie ihren unbestreitbaren Sinn.<\/p><p>Aber welchen Sinn haben &ouml;ffentlich verk&uuml;ndete Prognosen, wenn von vornherein klar ist, dass sie wahrscheinlich sowieso nicht stimmen? Schlimmer noch: Welchen Sinn haben &ouml;ffentlich proklamierte Voraussagen, wenn die Erfahrung der letzten zehn, zwanzig Jahre lehrt, dass jede &ndash; aber auch wirklich jede einzelne &ndash; Prognose schon im n&auml;chsten Quartal widerlegt beziehungsweise nach unten oder nach oben oder sonst wohin korrigiert werden muss?<\/p><p>Das kann ja nur Verwirrung stiften und das Instrument diskreditieren, die Prognostiker der L&auml;cherlichkeit preisgeben und sie in dieselbe Ecke wie die Hellseher und Astrologen stellen. Und stehen die da nicht schon l&auml;ngst?<\/p><p>Das Deutsche Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in K&ouml;ln, das Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung (IWH) in Halle, das ifo-Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung in M&uuml;nchen, das Institut f&uuml;r Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, das Weltwirtschaftsinstitut in Hamburg (HWWI), das Zentrum f&uuml;r Europ&auml;ische Wirtschaftsforschung GmbH (ZEW) in Mannheim und auch die &bdquo;Wirtschaftsweisen&ldquo; der Bundesregierung beeinflussen mit ihren Prognosen immerhin das Verhalten der Bev&ouml;lkerung und der Wirtschaft. Da sie das mit untauglichen Mitteln tun, w&auml;re es besser, wenn sie davon ganz ablie&szlig;en. Da sie das aber nicht tun, werden sie sich nach und nach um Kopf und Kragen reden. Oder haben sie das nicht schon l&auml;ngst getan?<\/p><p>&bdquo;Die &Ouml;konomie ist bankrott. Die einzigen, die es noch nicht wissen, sind offenbar die &Ouml;konomen&ldquo;, schrieb Stefan Baron schon vor einem Vierteljahrhundert im &bdquo;Spiegel&ldquo;. Prognosen seien eher eine Art &bdquo;Desinformation&ldquo;. Und Hendrik Munsberg meinte in der &bdquo;S&uuml;ddeutschen Zeitung&ldquo;: &bdquo;Die noch junge Disziplin &Ouml;konomie verzeichnet vergleichsweise bescheidene Prognoseerfolge; man denke nur an die Konjunkturvorhersagen der &sbquo;F&uuml;nf Weisen&lsquo; oder der &sbquo;f&uuml;hrenden Forschungsinstitute&lsquo;. Von naturwissenschaftlicher Exaktheit sind diese Experten Lichtjahre entfernt.&ldquo; <\/p><p>Um die Deutung von wirtschaftlichen Zusammenh&auml;ngen gibt es permanente Missverst&auml;ndnisse: Die &Ouml;konomie ist keine exakte Wissenschaft, aber sie bedient sich exakter, mathematischer Methoden &ndash; einer diffizilen Rechnerei, die meist schon nach dem ersten Rechengang in die Irre f&uuml;hrt. Und erneut wiederholt sich das Schauspiel: Die Berechnungen sind untadelig und &uuml;ber jeden Zweifel erhaben. Aber die grausame Realit&auml;t folgt der Berechnung nicht. Der &bdquo;homo oeconomicus&ldquo; ist in Wahrheit ein v&ouml;llig verwachsener Homunculus.<\/p><p>Merkw&uuml;rdig auch: Andere Sozialwissenschaften bedienen sich ebenso mathematisch-statistischer Methoden, und verwegene Rechnereien sind ihnen durchaus nicht fremd, aber nur h&ouml;chst selten kommen sie mit einem Pr&auml;zisionsanspruch daherstolziert wie die &Ouml;konomie, die immer gleich an der Genauigkeit von Naturwissenschaften gemessen werden will. Die Naturwissenschaften k&ouml;nnen sich das leisten. Wenn sie die n&auml;chste Sonnenfinsternis vorausberechnen, dann besteht kein Zweifel daran, dass sie genau zu dem berechneten Zeitpunkt stattfindet. Bei sozialen Zusammenh&auml;ngen ist das v&ouml;llig anders. Woher kommt dieses Streben nach einer Pr&auml;zision, die eine geisteswissenschaftliche Disziplin wie die &Ouml;konomie gar nicht leisten kann?<\/p><p><strong>&Ouml;konomie und das mechanistische Weltbild<\/strong><\/p><p>Die Wirtschaftswissenschaften st&uuml;lpen der Wirklichkeit ein Korsett artifizieller Modelle &uuml;ber und interpretieren die Wirklichkeit sodann so, als seien diese Modelle die Wirklichkeit. Sind sie aber nicht. Das mechanische Weltbild der &Ouml;konomie ist ein klobiger Denkfehler. &bdquo;Die &Ouml;konomie ist, so scheint es, eine formal ebenso geschlossene Theorie wie die Mechanik. Mehr noch: Die Gleichungen &auml;hneln sich nicht nur, sie sind formal mit der Mechanik identisch. Was hei&szlig;t das? Das hei&szlig;t, dass die &Ouml;konomen in der &uuml;berwiegenden Mehrheit der Auffassung sind, dass die Wirtschaft wie eine riesige Maschine funktioniere, deren Mechanismus zwar reichlich komplex, insgesamt aber berechenbar sei.&ldquo;  <\/p><p>Wenn &ouml;konomische Prognosen wenigstens ab und zu einmal eintr&auml;fen, k&auml;men die Wirtschaftswissenschaften wenigstens auf das Niveau der Astrologie und der Wahrsager. Die sagen ja meistens Ereignisse voraus, und Ereignisse k&ouml;nnen entweder eintreffen oder nicht eintreffen, haben also eine 50-prozentige Eintrittswahrscheinlichkeit. Jede zweite Prognose trifft also schon rein zuf&auml;llig zu. Davon k&ouml;nnen Wirtschaftsprognostiker nicht einmal tr&auml;umen.<\/p><p>Nachrichtenmagazine und Wirtschaftszeitschriften schlagen aus dem Mangel an Exaktheit der Wirtschaftswissenschaften billiges Entertainment-Kapital und befragen zu beliebigen identischen Wirtschaftsthemen gern zwei &Ouml;konomieprofessoren zugleich. Und sie k&ouml;nnen sich hundertprozentig darauf verlassen: Wenn der eine &bdquo;H&uuml;h&ldquo; sagt, sagt der andere &bdquo;Hott&ldquo;. Es gibt keine verl&auml;ssliche Sicherheit in den Erkenntnissen &uuml;ber wirtschaftliche Zusammenh&auml;nge. Es gibt sie objektiv nicht. Auch die Wissenschaftler haben sich in der kleinkarierten Modellrechnerei so verfangen, dass sie den Wald vor lauter B&auml;umen nicht mehr erkennen,<\/p><p>Die gesamte &Ouml;konomie und mit ihr die praktische Wirtschaftspolitik hat sich so sehr in ihren Rechenmodellen festgebissen, dass sie sich gar nicht mehr darum bem&uuml;hen, die Realit&auml;t zu erkennen. Sie unterstellen vielmehr, dass die Modelle die wahre Realit&auml;t seien. Das hat weit reichende Konsequenzen.<\/p><p>So geht das Modell des &bdquo;homo oeconomicus&ldquo; stets von der Vorstellung des rational handelnden Wirtschaftssubjekts aus, das beispielsweise auf &bdquo;Anreize&ldquo; reagiert. Und die Wirtschaftspolitik setzt das um und verstreut Milliardenbetr&auml;ge in Form von Subventionen &uuml;ber marode Branchen in dem Wahn, dass diese auf Anreize im angestrebten Sinn reagieren. Doch die tun das gar nicht, nehmen aber dankend die Zuwendungen in Empfang, und das viele Geld ist unwiederbringlich verschleudert.<br>\nVier Jahre lang lie&szlig; das Bundesfamilienministerium rund 100 Wissenschaftler an einer Studie arbeiten, die den h&ouml;heren Nutzen der deutschen Familienf&ouml;rderung akribisch untersuchte. Deutschland gibt daf&uuml;r so viel Geld wie kaum ein anderes Land aus. Die rund 150 verschiedenen Zusch&uuml;sse &ndash; darunter Elterngeld, Kindergeld oder Steuerfreibetr&auml;ge &ndash; l&auml;sst sich der Staat &uuml;ber 200 Milliarden Euro kosten. Jeden Euro stellten die Wissenschaftler auf den Pr&uuml;fstand, um Erkenntnisse dar&uuml;ber zu gewinnen, welche segensreichen Wirkungen die mit diesen Anreizen angestrebten Ausgaben wohl haben m&ouml;gen. Fazit: gar keine.<\/p><p>Die Familienpolitik und viele ihrer F&ouml;rderinstrumente seien weitgehend wirkungslos und teilweise sogar kontraproduktiv, hei&szlig;t es in einem internen Zwischenbericht der Experten. Das Kindergeld erweise sich demnach als &bdquo;wenig effektiv&rdquo;, das Ehegattensplitting sei &bdquo;ziemlich unwirksam&rdquo;, die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern in der gesetzlichen Krankenversicherung sogar &bdquo;besonders unwirksam&rdquo;.<br>\nDoch was noch viel schlimmer ist: Drei Viertel aller Leistungen sind gesetzlich so festgezurrt, dass sie nicht ver&auml;ndert werden k&ouml;nnten. Und Leistungen wie das Kindergeld und das Ehegattensplitting sind bei den Empf&auml;ngern sehr beliebt. Man kann sie aus politischen Gr&uuml;nden nicht einfach abschaffen, auch wenn sie nichts taugen, hei&szlig;t es in der Studie selbst.<\/p><p>Das ist in erster Linie zwar ein Skandal staatlicher Subventionspolitik. Aber es zugleich auch das Resultat einer &ouml;konomischen Theorie, die mit ihrem Homunculus &bdquo;homo oeconomicus&ldquo; die Illusion n&auml;hrt, dass unten immer etwas herauskommt, wenn man oben etwas hineinsteckt. Die Modell-Rechenk&uuml;nstler haben sich l&auml;ngst von der Tatsache verabschiedet, dass die Wirtschaftswissenschaften eine Geisteswissenschaft sind, keine Naturwissenschaft.<\/p><p>Literatur:<\/p><ul>\n<li>Armstrong, Jonathan S. (Hrsg.) (2001): Principles of Forecasting. A Handbook for Researchers and Practitioners. Boston, Dordrecht, London 2001<\/li>\n<li>Brodbeck; Karl-Heinz (2002): <a href=\"http:\/\/www.opus-bayern.de\/fh-wue-sw\/volltexte\/2004\/4\/pdf\/prognos.pdf\">Warum Prognosen in der Wirtschaft scheitern. In: praxis perspektiven 5 (2002)<\/a>, S. 55-61<\/li>\n<li>Bruckmann, Gerhart (Hrsg.) (1977): Langfristige Prognosen: M&ouml;glichkeiten und Methoden der Langfristprognostik komplexer Systeme. W&uuml;rzburg, Wien<\/li>\n<li>H&uuml;ttner, Manfred (1986): Prognoseverfahren und ihre Anwendung. Berlin<\/li>\n<li>H&uuml;ttner, Manfred (1982): Markt- und Absatzprognosen. Stuttgart<\/li>\n<li>Makridakis, Spyros\/Reschke, Hasso\/Wheelwright, Stephen C. (1980): Prognosetechniken f&uuml;r Manager, Wiesbaden<\/li>\n<li>Tressin, J&uuml;rgen (1992): Prognosen im strategischen internationalen Marketing. Berlin <\/li>\n<li>Weber, Karl (1990): Wirtschaftsprognostik. M&uuml;nchen<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hellseher, Wahrsager, Kaffeesatzleser, Sp&ouml;kenkieker, Astrologen und &Ouml;konomen haben eine Gemeinsamkeit: Ihre Prognosen gehen meist in die Hose. Und wenn sie das ausnahmsweise einmal nicht tun, ist das reiner Zufall.<br \/> Man hat sich l&auml;ngst daran gew&ouml;hnt: Das Ritual findet alle paar Monate aufs Neue statt, und das Publikum wird nicht m&uuml;de, sich das anzuh&ouml;ren. 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