{"id":21813,"date":"2014-05-23T11:38:14","date_gmt":"2014-05-23T09:38:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21813"},"modified":"2015-10-22T15:25:01","modified_gmt":"2015-10-22T13:25:01","slug":"europa-mehr-demokratie-wagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21813","title":{"rendered":"Europa &#8211; mehr Demokratie wagen!"},"content":{"rendered":"<p>Seit gestern sind die rund 375 Millionen Wahlberechtigten in der EU aufgerufen, ein neues EU-Parlament zu w&auml;hlen. Viel zu wenige werden diesem Ruf folgen und wenn am Sonntagabend die Ergebnisse ver&ouml;ffentlicht sind, wird der Katzenjammer der etablierten Politik gro&szlig; sein. Die Heuchelei kennt keine Grenzen. Wer jahrelang die Demokratie mit F&uuml;&szlig;en getreten und Europa f&uuml;r seine eigenen Interessen missbraucht hat, braucht sich nicht dar&uuml;ber zu wundern, wenn die B&uuml;rger sich vom politischen Europa abwenden. Doch diese Entwicklung ist fatal. Nur mit einem Mehr an Demokratie kann das europ&auml;ische Projekt noch gerettet werden. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nzum Thema: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21783\">Albrecht M&uuml;ller &ndash; Europa ist prima, aber die in Br&uuml;ssel, Berlin u.a.m. herrschende Ideologie ist f&uuml;rchterlich und ein Versager<\/a><\/p><p>Auf die Frage &bdquo;Was ist Europa?&ldquo; gibt es viele Antworten. Seitens der etablierten Politik wird man jedoch vergeblich auf eine ernsthafte Antwort auf diese eigentlich doch selbstverst&auml;ndliche Frage warten. Stattdessen bekommt man Floskeln zu h&ouml;ren, die aus einem Paralleluniversum stammen k&ouml;nnten. Das real existierende Europa hat jedoch nur sehr wenig mit diesem Sonntagsreden-Europa zu tun. Das politische Europa folgt einer marktkonformen Ideologie, ist ein Europa der Reichen und M&auml;chtigen, dem die W&uuml;nsche und Tr&auml;ume seiner B&uuml;rger relativ egal sind und das himmelschreiende demokratisch Defizite in nahezu allen Bereichen aufweist. Selbst f&uuml;r bekennende Europa-Freunde wird es da von Tag zu Tag schwieriger, den Traum von einem gemeinsamen politischen Europa zu verteidigen. Die bittere Realit&auml;t l&auml;sst immer weniger Platz f&uuml;r Tr&auml;ume.<\/p><p>Na klar, wir haben ein Europ&auml;isches Parlament. Das h&ouml;rt sich doch sehr nach Demokratie an. Leider hat dieses Parlament jedoch kaum etwas zu sagen, wenn es hart auf hart kommt. In einer echten Demokratie w&auml;hlt ein Parlament seine Regierung, kontrolliert sie und spricht ihr bei einem groben Zerw&uuml;rfnis das Misstrauen aus, um entweder eine neue Regierung zu w&auml;hlen oder sich selbst durch Neuwahlen neu zu konstitutieren. All dies trifft auf das Europ&auml;ische Parlament nicht zu. Die &bdquo;EU-Regierung&ldquo;, also die Europ&auml;ische Kommission, wird stattdessen von den Staatschefs der EU-Staaten im Hinterzimmer ausgekl&uuml;gelt und dem Parlament lediglich zum Abnicken vorgelegt.<\/p><p>In diesem Jahr soll dies alles pl&ouml;tzlich anders sein. Die Spitzenkandidaten der europ&auml;ischen Parteien, die einen Zusammenschluss der nationalen Parteien bilden, treten im Wahlkampf als Kandidaten f&uuml;r das Amt des EU-Kommissionspr&auml;sidenten auf. Doch dies ist Augenwischerei. Die Spatzen pfeifen bereits von D&auml;chern, dass Angela Merkel hinter den Kulissen den noch amtierenden finnischen Staatschef Jyrki Katainen &ndash; der als gro&szlig;er Anh&auml;nger der merkelschen marktkonformen Politik gilt &ndash; als neuen Kommissionspr&auml;sidenten gek&uuml;rt hat. Kaitainen hat bereits im April angek&uuml;ndigt, im Juni von seinem Job in Helsinki zur&uuml;ckzutreten. Warum erweckt man dann bei den W&auml;hlern den Eindruck, sie w&uuml;rden eine Regierung w&auml;hlen?<\/p><p>Diese T&auml;uschung ist symptomatisch f&uuml;r das politische Europa. Egal was in Br&uuml;ssel entschieden wird &ndash; das Volk wird nicht gefragt und seine Vertreter in Strassburg werden zwar geh&ouml;rt, aber nur dann ernst genommen, wenn ihr Votum auf Linie der EU-Kommission im fernen Br&uuml;ssel liegt. Die Linie der EU-Kommission wird wiederum ma&szlig;geblich vom starken Deutschland, genauer gesagt von dessen Regierung bestimmt. Egal, um wessen Interessen es sich handelt &ndash; im Zweifel wird nicht im Interesse der europ&auml;ischen B&uuml;rger, sondern im Interesse der deutschen Banken und der deutschen Industrie entschieden. Mit Demokratie hat dies nichts, aber auch gar nichts, zu tun.<\/p><p>Dazu: <a href=\"http:\/\/www.theguardian.com\/commentisfree\/2014\/may\/15\/europeans-blackmailed-betrayed-angry-eurozone-germany\">Philippe Legrain &ndash; Eurozone voters have been blackmailed and betrayed. No wonder they&rsquo;re angry<\/a><\/p><p>Dennoch, bei aller berechtigten Kritik an den europ&auml;ischen Institutionen: F&uuml;r die Machtlosigkeit des Europ&auml;ischen Parlament kann das Europ&auml;ische Parlament nichts. Im Gegenteil. In der j&uuml;ngeren Vergangenheit ist das Parlament mehrfach dadurch aufgefallen, dass es gegen die marktkonforme Linie der Kommission <a href=\"http:\/\/www.annotazioni.de\/post\/1385\">rebelliert<\/a>. Doch leider sind Strassburg hier bei wichtigen Weichenstellungen die H&auml;nde gebunden. Wer Europa st&auml;rken will, muss diese undemokratische Kastration der einzigen demokratisch legitimierten Institution der EU &uuml;berwinden. Wer Europa retten will, muss mehr Demokratie wagen.<\/p><p>Die Chancen daf&uuml;r stehen, realistisch betrachtet, jedoch nicht sonderlich gut. Der gr&ouml;&szlig;te Gewinner der Europawahlen wird &ndash; <a href=\"http:\/\/www.electio2014.eu\/de\/pollsandscenarios\/polls#country\">den Prognosen zufolge<\/a> &ndash; ausgerechnet das Lager der Europagegner sein. Egal ob es sich um den franz&ouml;sischen Front National oder die britische UKIP handelt &ndash; in den meisten EU-L&auml;ndern sind die Rechtspopulisten auf dem Vormarsch. Auch in Deutschland k&ouml;nnten aktuellen Umfrage zufolge, sechs AfD-Abgeordnete und ein NPD-Vertreter ein Mandat f&uuml;r das EU-Parlament erringen. Dar&uuml;ber mag man klagen. Wenn man sich jedoch anschaut, wie Europa systematisch durch die etablierte Politik besch&auml;digt wird, darf man sich &uuml;ber diese Entwicklung jedoch nicht wundern. Im Gegenteil. Es ist bemerkenswert und erfreulich, dass in krisengesch&uuml;ttelten Europa nicht noch mehr Menschen auf die rechten Rattenf&auml;nger hereinfallen. Doch auch hier l&auml;sst die Zukunft b&ouml;ses erahnen.<\/p><p>Paradoxerweise wird der Rechtsruck die Entwicklungen, die auch die W&auml;hler der Rechten kritisieren, weiter verst&auml;rken. Ein EU-Parlament, das zu einem nicht geringen Teil aus EU-Gegnern besteht, wird ganz sicher nicht die F&auml;higkeit haben, sich selbst zu einem demokratischen Organ f&uuml;r ein besseres Europa aufzuschwingen. Dadurch wird seine Bedeutung noch weiter zur&uuml;ckgehen und die marktkonforme EU-Kommission wird seine Macht noch weiter ausbauen k&ouml;nnen. Angela Merkel wird dies sicher au&szlig;erordentlich freuen.<\/p><p>Wer mehr Demokratie wagen und die demokratischen Institutionen in der EU st&auml;rken will, muss die Parteien im europ&auml;ischen Parlament st&auml;rken, die sich f&uuml;r ein demokratischeres Europa einsetzen. Wunder darf man sich davon jedoch nicht erwarten. Der Marsch in ein besseres, demokratisches Europa ist lang und steinig. Doch jeder lange Marsch beginnt mit dem ersten Schritt. Der gr&ouml;&szlig;te Fehler w&auml;re es, seinen durchaus gerechtfertigten &Auml;rger &uuml;ber Europa durch eine Nichtteilnahme an den Wahlen Ausdruck zu verleihen. Dies w&uuml;rde genau die Kr&auml;fte st&auml;rken, die mit weniger Demokratie sehr gut leben k&ouml;nnen und Europa ohnehin ablehnen.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/15b7188c250f48a2ad3ae7ae4991646f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit gestern sind die rund 375 Millionen Wahlberechtigten in der EU aufgerufen, ein neues EU-Parlament zu w&auml;hlen. Viel zu wenige werden diesem Ruf folgen und wenn am Sonntagabend die Ergebnisse ver&ouml;ffentlicht sind, wird der Katzenjammer der etablierten Politik gro&szlig; sein. Die Heuchelei kennt keine Grenzen. 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