{"id":21815,"date":"2014-05-23T14:00:36","date_gmt":"2014-05-23T12:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21815"},"modified":"2019-07-05T10:44:30","modified_gmt":"2019-07-05T08:44:30","slug":"eu-wahlkampf-als-innergriechische-machtfrage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21815","title":{"rendered":"EU-Wahlkampf als innergriechische Machtfrage"},"content":{"rendered":"<p>In keinem anderen EU-Land sind die anstehenden Wahlen zum Europ&auml;ischen Parlament (EP) so stark mit einer innenpolitisch-nationalen Bedeutung aufgeladen wie in Griechenland. Das hat vor allem zwei Gr&uuml;nde:  Die Europawahl f&auml;llt mit dem zweiten Durchgang der Kommunalwahlen zusammen, die &uuml;ber die lokale Selbstverwaltung in 350 St&auml;dten bzw. Gemeinden und in den 13 Regionen Griechenland befinden. Noch bedeutsamer ist, dass die drei Wahlvorg&auml;nge (von denen der erste Wahlgang auf kommunaler Ebene schon am letzten Sonntag stattgefunden hat) wegen der Fragilit&auml;t der politischen Verh&auml;ltnisse im Allgemeinen und der stets gef&auml;hrdeten parlamentarischen Mehrheit der Koalition aus Nea Dimokratia und Pasok zu einem Crashtest f&uuml;r die &bdquo;Haltbarkeit&ldquo; der Regierung Samaras geworden sind. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nDiese Konstellation macht die zwei Etappen der Kommunalwahlen, vor allem aber die Europawahlen vom 25. Mai zu einer Art Plebiszit &uuml;ber das Schicksal der Regierung Samaras\/Venizelos. So sieht es nicht nur die linke Oppositionspartei Syriza, deren Vorsitzender Alexis Tsipras schon seit Monaten verk&uuml;ndet, eine Niederlage der &bdquo;Memorandums-Parteien&ldquo; bei den Europa-Wahlen komme einem Mi&szlig;trauensvotum des Volkes gegen&uuml;ber der Sparpolitik der Regierung und der Troika gleich. Auch Regierungschef Antonis Samaras ruft die griechischen B&uuml;rger auf, bei den Europawahlen &uuml;ber die Alternative &bdquo;stetiger Fortschritt oder R&uuml;ckkehr des Alptraums eines Staatsbankrotts&ldquo; zu entscheiden. In ihrem letzten Werbespot vor den Europawahlen warnt die ND, Griechenland d&uuml;rfe auf keinen Fall in den Zustand der &bdquo;Ungewissheit und zur Unstabilit&auml;t&ldquo; zur&uuml;ckfallen. Eine Syriza-Regierung bedeute, dass die Griechen &bdquo;alles wegwerfen, was sie durch harte Opfer errungen haben&ldquo;.<\/p><p><strong>Die Pasok droht ihren W&auml;hlern<\/strong><\/p><p>Am eindeutigsten hat Pasok-Chef Evangelos Venizelos, das Schicksal der Regierung mit dem Wahlausgang vom 25. Mai verkn&uuml;pft: Wenn seine Partei bei den Kommunal- und Europawahlen schlecht abschneide, erkl&auml;rte der Vize-Regierungschef vor drei Wochen, werde  er &bdquo;zum Staatspr&auml;sidenten gehen&ldquo;, spricht: aus der Koalition austreten. Damit wollte Venizelos die letzten noch verbliebenen Pasok-Anh&auml;nger mobilisieren, aber f&uuml;r das breitere Publikum kam der Apell als purer Verzweiflungsschrei r&uuml;ber. Und f&uuml;r die Syriza war es eine argumentative Steilvorlage. Mehrere ihrer parlamentarischen Sprecher erkl&auml;rten unter Verweis auf Venizelos, wenn die Oppositionspartei bei den Europawahlen mehr Stimmen erringe als die beiden Koalitionsparteien zusammen, sei die Regierung Samaras\/Venizelos &bdquo;moralisch&ldquo; zum R&uuml;cktritt gezwungen. Das aber w&uuml;rde Neuwahlen noch in diesem Sommer bedeuten.<\/p><p>Noch ist es allerdings nicht so weit. Ungeachtet der zitierten Aussagen bleibt die Wahrscheinlichkeit gering, dass es noch in diesem Jahr zu Neuwahlen kommt. Und ob Venizelos seine Ank&uuml;ndigung ernst gemeint war, wird sich erst am kommenden Sonntag zeigen. Wie flexibel der Pasok-Chef das Wort &bdquo;Erfolg&ldquo; zu interpretieren wei&szlig;, hat er bereits nach dem ersten Durchgang der Kommunalwahlen demonstriert. Venizelos war freilich nicht der einzige, der das Ergebnis vom 18. Mai als Sieg oder zumindest als Nicht-Niederlage interpretiert hat. <\/p><p><strong>Das Versagen der Demoskopen<\/strong><\/p><p>Als eindeutige Verlierer mussten sich am letzten Sonntag nur die Demoskopen f&uuml;hlen, die sich vor allem mit ihren exit polls abgrundtief blamiert haben. Die f&uuml;nf wichtigsten Umfrage-Institute, die ihre Kapazit&auml;ten f&uuml;r die exit polls geb&uuml;ndelt hatten, meldeten bei Schlie&szlig;ung der Wahllokale um 19 Uhr nachgerade sensationelle Erfolge der Syriza: In der Region Attika, in der ein Drittel der griechischen W&auml;hler zu Hause sind, und in der Hauptstadt Athen lagen die Kandidaten der linken Opposition klar vor ihren favorisierten Rivalen. Drei Stunden sp&auml;ter sah das Bild deutlich anders und f&uuml;r die Syriza eher ern&uuml;chternd aus. Die Institute hatten ihre kollektiven exit polls um 19 Uhr auf der Basis von nur 20 Prozent der exit-Befragungen publiziert &ndash; ein &auml;u&szlig;erst ungew&ouml;hnliches Vorgehen, das geradezu unprofessionell anmutet. <\/p><p>Auch die Qualit&auml;t der Umfragen hat in letzter Zeit noch weiter gelitten, weshalb viele Beobachter vermuten, dass die Institute von dem jeweiligen Auftraggeber &bdquo;gekauft&ldquo; werden. F&uuml;r die breite Streuung der Prognosen im Vorfeld der Wahlen gibt jedoch eine plausiblere Erkl&auml;rung: Alle Institute klagen, dass bei den telefonischen Umfragen inzwischen mehr als die H&auml;lfte der Angesprochenen eine Antwort auf die &bdquo;Sonntagsfrage&ldquo; verweigert. Hinzu kommt, dass viele B&uuml;rger ihre Telefone abgemeldet haben, weshalb die telefonisch Erreichbaren nicht mehr ein repr&auml;sentatives Abbild der Gesellschaft darstellen (zum Problem der Umfragen siehe meinen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19953\">Bericht vom 17. Januar 2014<\/a>). <\/p><p>Angesichts der fraglichen Aussagekraft der Umfragen scheint es heute genau so plausibel, eine Wahlprognose aus den &bdquo;Quoten&ldquo; zu erschlie&szlig;en, die von den f&uuml;hrenden Wettb&uuml;ros f&uuml;r die Wetten auf die Wahlsieger publiziert werden. In dem blog Macropolis.gr vom 19. Mai sind diese Quoten dargestellt, die in einigen F&auml;llen die &bdquo;Volksstimmung&ldquo; authentischer wiedergeben d&uuml;rften als die Wahlprognosen der gro&szlig;en Umfrage-Institute.  <\/p><p>Ehe ich die Ergebnisse des Wahlgangs vom vergangenen Sonntag interpretiere und auf ihre Aussagekraft f&uuml;r die Resultate in der zweiten Runde der Kommunalwahlen und bei den Europa-Wahlen abklopfe, gilt es einige innergriechische Voraussetzungen f&uuml;r das anstehende gro&szlig;e Duell zwischen Regierung und linker Opposition darzustellen.<\/p><p><strong>1. Die Regierungsparteien in Tarnanz&uuml;gen<\/strong><\/p><p>Wie stark das Selbstvertrauen der ND und der Pasok angeknackst ist, zeigt sich in ihrem &bdquo;Versteckspiel&ldquo; gegen&uuml;ber den W&auml;hlern. Bei den Kommunalwahlen sind die Kandidaten, die auf Parteiticket der Regierungsparteien kandidieren, eher die Ausnahme. Sehr viele lokal sattsam bekannte Parteigr&ouml;&szlig;en treten als &bdquo;Unabh&auml;ngige&ldquo; an, um die Chancen bei W&auml;hlern jenseits ihres angestammten Lagers zu erh&ouml;hen. Die Nea Dimokratia-Kandidaten treten nur in traditionellen ND-Hochburgen (wie der nordwestlichen Region Epiros) unter ihrem politischen Klarnamen an, in den umk&auml;mpften Regionen dagegen in Tarnanz&uuml;gen.<\/p><p>Noch konsequenter macht das die Pasok. Nicht nur, dass sie in vielen Regionen (tats&auml;chlich) unabh&auml;ngige Amtsbewerber unterst&uuml;tzt, sie hat sich auch insgesamt einen neuen Namen zugelegt. Alle ihre kommunalen Kandidaten firmieren unter dem neuen Namen &bdquo;Eli&aacute;&ldquo; (Olivenbaum), der sich bewusst auf die italienische Mittelinks-Partei bezieht. <\/p><p>Unter dem neuen Namen &bdquo;Elia &ndash; Dimokratiki ParataxiS&ldquo; (Demokratische Fraktion) tritt die Pasok auch zu den Europawahlen an. Die Initiative zur Gr&uuml;ndung der Elia  war urspr&uuml;nglich von unabh&auml;ngigen K&ouml;pfen ausgegangen, zu denen auch abtr&uuml;nnige Pasok-Mitglieder aus dem Umkreis des fr&uuml;heren Ministerpr&auml;sidenten Kostas Simitis geh&ouml;rten. Die Initiatoren wollten in Griechenland endlich eine &bdquo;echte&ldquo; Sozialdemokratie etablieren, f&uuml;r dies es eine ziemlich ger&auml;umige Nische im existenten Parteienspektrum geben d&uuml;rfte. Doch Pasok-Chef Venizelos lie&szlig; sich die Chance, die neue &ndash; und f&uuml;r die Pasok bedrohliche &ndash; Formation zu kapern, nicht entgehen. In der Umarmung durch die Kader der verschlissenen Pasok-Partei ist die urspr&uuml;ngliche Elia l&auml;ngst erstickt. Inzwischen ist sie die neue H&uuml;lle der alten Pasok. Ob die Umkost&uuml;mierung die Partei vor dem Untergang retten kann, ist damit zu einer &Uuml;berlebensfrage f&uuml;r die Samaras-Venizelos-Koalition geworden. <\/p><p><strong>2. Eine neue Partei, die schwer zu greifen ist<\/strong><\/p><p>Nachdem die Pasok die Elia gekapert hat, blieb die &bdquo;sozialdemokratische&ldquo; Nische zun&auml;chst unbesetzt. Aber dieser Platz ist aus zwei Gr&uuml;nden durchaus attraktiv: Erstens wegen der notorischen Schw&auml;che der Pasok, die sich auf Gedeih und Verderb &ndash; aber eher auf Verderb &ndash; an die Samaras-Regierung gekettet hat, sodass ihr keinen Spielraum f&uuml;r &bdquo;sozialdemokratische&ldquo; Akzente bleibt. Und zweitens wegen des unaufhaltsamen Niedergangs der linkssozialdemokratischen Dimar. Die steht nach ihrer (im Sommer 2013 beendeten) Beteiligung als schw&auml;chliche &bdquo;dritte Kraft&ldquo; an der Samaras-Venizelos-Regierung, vor dem politischen Exitus, der schon mit den Europawahlen vom Sonntag besiegelt sein k&ouml;nnte. Dabei ist die &bdquo;L&uuml;cke&ldquo; zwischen der sich selbst verschleissenden Pasok und der potentiellen Regierungspartei Syriza f&uuml;r das politische System von gro&szlig;er Bedeutung. Denn schon in naher Zukunft kann der Fall eintreten, dass weder die Nea Dimokratia noch die Syriza eine Regierung bilden k&ouml;nnen, weil ihnen ein Koalitionspartner fehlt. Diese M&ouml;glichkeit wird in den Medien seit Beginn der Krise intensiv diskutiert, wobei vor allem die Zeitungen und TV-Kan&auml;le des alten Establishments ihre Besorgnis artikulieren. <\/p><p>Vor diesem Hintergrund ist die Entstehung der Bewegung\/Partei namens &bdquo;To Potami&ldquo;(der Fluss) zu verstehen. Gr&uuml;nder und Wortf&uuml;hrer dieser &bdquo;Bewegung der B&uuml;rger f&uuml;r die B&uuml;rger&ldquo; ist der respektierte linksliberale Journalist Stavros Theodorakis, der sich jeder ideologischen Festlegung ausdr&uuml;cklich entzieht. Im M&auml;rz und April lag diese Gruppierung in den Umfragen bei fast 10 Prozent, inzwischen ist die Zustimmung auf 6 bis 8 Prozent gesunken. Wenn sie diesen Stimmanteil auch bei den Europawahlen erzielt (zu den Kommunalwahlen tritt To Potami nicht an), wird dies vor allem auf Kosten der Syriza gehen. Die Partei hat damit objektiv &ndash; und ungeachtet der Intentionen ihres Stifters Theodorakis &ndash; zwei Funktionen: Erstens soll sie potentielle Syriza-W&auml;hler einfangen, die zwar gegen die aktuelle Regierung, aber nicht f&uuml;r &bdquo;die Sozialisten&ldquo; stimmen wollen. Zweitens k&ouml;nnte sie nach einem m&ouml;glichen Scheitern der ND\/Pasok-Regierung als Koalitionspartner zur Verf&uuml;gung stehen. Und zwar in erster Linie f&uuml;r die ND &ndash; als Reservereifen, wenn der Pasok endg&uuml;ltig die Luft ausgegangen ist -, aber wom&ouml;glich auch f&uuml;r die Syriza, wenn diese selbst als st&auml;rkste Partei nicht allein regieren kann (was zu erwarten ist). <\/p><p>Der oberfl&auml;chliche Charme der neuen Partei und ihres als Anti-Politiker auftretenden Anf&uuml;hrers ist allerdings in den letzten Wochen bereits abgebl&auml;ttert. Die Hoffnung von Theodorakis, sein &bdquo;Fluss&ldquo; k&ouml;nnte bei den Europawahlen zur &bdquo;drittst&auml;rksten&ldquo; Kraft werden, gilt inzwischen als unrealistisch. Zumal die Resultate der ersten Runde der Kommunalwahlen darauf hindeuten, dass sich eine ganz andere Partei als &bdquo;dritte Kraft&ldquo; etablieren wird.<\/p><p><strong>3. Die Neonazis &ndash; trotz Verbotsverfahren im Aufwind<\/strong><\/p><p>Das gr&ouml;&szlig;te Fragezeichen &ndash; f&uuml;r die Zukunft des gesamten politischen Systems &ndash; ist die St&auml;rke der Neonazi-Partei Chrysi Avgi. Was eingangs &uuml;ber die Unzuverl&auml;ssigkeit der Umfragen gesagt wurde, gilt noch verst&auml;rkt f&uuml;r die Einsch&auml;tzung des rechtsextremen Potentials, weil sich viele Anh&auml;nger und potentielle W&auml;hler bei den Umfragen nicht zur ihrer Pr&auml;ferenz bekennen (auch dazu Genaueres in meinem <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19953\">Beitrag vom 17. Januar 2014<\/a>). Dass die Demoskopen die St&auml;rke der Neonazis tendenziell untersch&auml;tzen, hat sich am letzten Sonntag bei der ersten Kommunalwahlrunde gezeigt: Im gr&ouml;&szlig;ten Bezirk Attika kam der Ilias Panajotaros auf 11,1 Prozent, sein Kamerad Ilias Kasidiaris in der Kommune Athen (die nur das Stadtzentrum umfasst) sogar auf 16,1 Prozent (beide geh&ouml;ren zu den wenigen ChA-Parlamentsabgeordneten, die nicht in Untersuchungshaft sitzen). Damit ist der Stimmanteil der Partei gegen&uuml;ber den Parlamentswahlen vom Juni 2012 (bei denen die ChA auf knapp 7 Prozent kam) in Attika um fast  50 Prozent, in Athen sogar um mehr als 100 Prozent gestiegen. <\/p><p>Dieser starke Aufw&auml;rtstrend gilt allerdings nicht f&uuml;r die griechische Provinz. Dennoch haben die Neonazis auch auf nationaler Ebene gegen&uuml;ber 2012 deutlich zugelegt. Und das obwohl die Partei inzwischen einer Anklage als &bdquo;kriminelle Vereinigung&ldquo; entgegen sieht, die aber offensichtlich weder den harten Kern der Parteimitglieder noch potentielle W&auml;hler abschrecken kann. Es ist sogar eher zu vermuten, dass die Strafverfolgung viele ChA-Anh&auml;nger in ihrer &Uuml;berzeugung st&auml;rkt, ihre Partei sei zum Opfer einer Hexenjagd geworden ist, weil sie eine wirksame Bedrohung f&uuml;r das &bdquo;alte System&ldquo; darstelle.<\/p><p>Nach den kommunalen Resultaten vom 18. Mai bef&uuml;rchten die meisten Beobachter, dass die Neonazis bei den Europawahlen vom 25. Mai noch besser abschneiden und landesweit deutlich &uuml;ber 10 Prozent der Stimmen bekommen werden. Zumal dann, wenn die Beteiligung bei Europawahlen niedriger liegen sollte als am letzten Sonntag (knapp 60 Prozent). Das w&uuml;rde der ChA zugute kommen, die ihre ganze Kraft auf die europ&auml;ischen Wahlen konzentriert, um den Volkszorn zu mobilisieren und &bdquo;der Junta Samaras-Venizelou den Todessto&szlig; zu versetzen&ldquo;. Zus&auml;tzlich mobilisierend wirkt dabei die Tatsache, dass die ChA vom h&ouml;chsten griechischen Gericht zu den Wahlen zugelassen wurde. Diese Entscheidung des Aeropag war vorhersehbar und unvermeidlich, weil eine Partei nicht von Wahlen ausgeschlossen werden kann, so lange sie noch nicht als &bdquo;kriminelle Vereinigung&ldquo; verurteilt ist. Das best&auml;tigt die Parteianh&auml;nger in ihrer heroischen Wahrnehmung, dass sie Opfer einer politischen Verfolgung sind und dass die nationalen Parlamentsabgeordneten, die sie vor zwei Jahren gew&auml;hlt haben, zu Unrecht in Untersuchungshaft sitzen. <\/p><p><strong>Was zeigen die Wahlresultate vom 18. Mai?<\/strong><\/p><p>In jedem Fall wird sich bei den Europawahlen zeigen, dass die griechischen Neonazis &ndash; trotz oder sogar wegen ihrer strafrechtlichen Verfolgung &ndash; noch st&auml;rker als 2012 abschneiden und damit eine &bdquo;Bedrohung des politischen Systems&ldquo; bleiben werden (wie es in der Wahlanalyse der Website Megapolis hei&szlig;t). Besonders fatal k&ouml;nnten die Folgen f&uuml;r die Nea Dimokratia sein, die damit gerechnet hat, von einem Dahinschwinden der ChA am st&auml;rksten zu profitieren. <\/p><p>Damit sind wir bei der Frage, was die erste Runde der Kommunalwahlen &uuml;ber das Potential der &uuml;brigen Parteien verr&auml;t. Auf den ersten Blick sind die Resultate vom 18. Mai f&uuml;r die ND verheerend, f&uuml;r die Syriza dagegen ermutigend. Das liegt vor allem daran, dass es die Kandidaten der konservativen Partei erstmals weder in Attika noch in Athen in die Stichwahl vom kommenden Sonntag geschafft haben, in der sich die beiden Erstplatzierten des ersten Wahlgangs gegen&uuml;berstehen. Aber das ND-Desaster ist eine optische T&auml;uschung. Zum einen, weil die Konservativen ihre Stellung in der Provinz weitgehend behaupten konnten und in 9 von 13 Regionen in F&uuml;hrung liegen, w&auml;hrend ihr Kandidat im Epirus bereits im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erringen konnte. Demgegen&uuml;ber ist die ND-Pleite in Athen und Attika eher ein &bdquo;Ungl&uuml;cksfall&ldquo;, der sich aus einer verfehlten Auswahl der Kandidaten erkl&auml;rt. <\/p><p>In Athen haben sich sogar zwei ND-Leute die Stimmen gegenseitig abgejagt. Nur deshalb kam der junge Syriza-Kandidat Sakellariou &uuml;berraschend auf den zweiten Platz und damit in die Stichwahl vom 25. Mai. Trotz dieses Achtungserfolgs wird er aber gegen den jetzigen B&uuml;rgermeister Giorgos Kaminis unterliegen, der keiner Partei angeh&ouml;rt, aber von der Pasok unterst&uuml;tzt wird und im zweiten Wahlgang auch auf die ND-Stimmen rechnen kann. &Auml;hnlich wird die Konstellation in der Region Attika sein. Hier liegt nach dem ersten Wahlgang die Syriza-Frau Rena Dourou knapp vor dem bisherigen Pr&auml;fekten. Aber da dieser in der Stichwahl ebenfalls von Pasok und ND unterst&uuml;tzt wird, kann die Syriza auch diese wichtige Position durchaus noch verlieren.<\/p><p><strong>Die Schw&auml;chen der Syriza auf kommunaler Ebene<\/strong><\/p><p>Insgesamt liegt die Syriza auf kommunaler und regionaler Ebene keineswegs &uuml;berzeugend im Rennen und ist nur in 5 der 13 Regionen in der Stichwahl vertreten. Nat&uuml;rlich hat die Linkspartei im Vergleich mit den Kommunalwahlen von 2010 deutlich zugelegt, aber eben so deutlich ist sie hinter ihrem Erfolg bei den nationalen Wahlen vom Juni 2012 zur&uuml;ck geblieben. Das ist der Parteispitze durchaus bewusst. Deshalb hat sie von Anfang an die Wahl zum Europ&auml;ischen Parlament zum eigentlichen Kampfterrain um die politische Hegemonie in Griechenland erkl&auml;rt.<\/p><p>Die relative Schw&auml;che der Syriza auf kommunaler Ebene ist zwar verst&auml;ndlich bei einer Partei, die sich innerhalb von nur f&uuml;nf Jahren von einer politischen Sekte zum aussichtsreichen Bewerber um die Regierungsmacht entwickelt hat. Aber sie bleibt ein gro&szlig;es Handicap, wenn man bedenkt, dass die Syriza &ndash; auch wenn sie die ND als st&auml;rkste politische Kraft abl&ouml;sen sollte &ndash; allenfalls ein Drittel der Bev&ouml;lkerung hinter sich hat und dringend einer breiteren gesellschaftlichen Verankerung bedarf. So gesehen hat die Partei bei den Regional- und Kommunalwahlen die Chance verpasst, tragf&auml;hige B&uuml;ndnisse mit anderen politischen Kr&auml;ften einzugehen, ohne die sie auch auf nationaler Ebene nicht erfolgreich regieren kann. <\/p><p>Am schwersten einzusch&auml;tzen sind die kommunalen &bdquo;Erfolge&ldquo; der Pasok. Der Juniorpartner der Samaras-Regierung ist praktisch nirgends mit eigenen Kandidaten angetreten. Damit kann sie das Abschneiden der von ihr unterst&uuml;tzten Kandidaten (oft in einer Koalition mit unterschiedlichen anderen Parteien) je nach Wahlausgang als eigenen Erfolg verbuchen oder als Misserfolg abschreiben. So kann sie sich etwa die absehbaren Wahlsiege der unabh&auml;ngigen &bdquo;Titelverteidiger&ldquo; in Athen und Thessaloniki, der B&uuml;rgermeister Kaminis und Boutaris, zu gute gehalten, die vermutlich auch ohne Pasok-Unterst&uuml;tzung durchkommen w&uuml;rden. Die relativ gn&auml;dige Bilanz des 18. Mai kann die Partei aber nicht dar&uuml;ber hinwegt&auml;uschen, dass sie bei den Europawahlen &ndash; gemessen an den 12,3 Prozent bei den Parlamentswahlen von 2012 &ndash; auf einschneidende Verluste gefasst sein muss. Fast alle Athener Beobachter gehen davon aus, dass die Pasok sich gl&uuml;cklich sch&auml;tzen kann, wenn sie &ndash;  im Gewand der Elia &ndash; am kommenden Sonntag noch auf die H&auml;lfte dieses Stimmenanteils, also auf  6 Prozent kommen w&uuml;rde. Mit diesem Ergebnis w&auml;re sogar die bestehende Koalition &bdquo;gerettet&ldquo;, die selbst bei einem erheblichen Vorsprung der Syriza vor der ND darauf verweisen k&ouml;nnte, dass sie noch immer mehr R&uuml;ckhalt hat als die linke Opposition. <\/p><p>Eine entscheidende Rolle f&uuml;r den Abstand zwischen Syriza und ND k&ouml;nnte die Wahlbeteiligung spielen. Fr&uuml;her lag die Beteiligung in der ersten Runde der Kommunalwahlen stets h&ouml;her als in der zweiten Runde, weil viele Entscheidungen schon im ersten Wahlgang gefallen waren. In diesem Jahr gibt es jedoch weit mehr &bdquo;offene Rennen&ldquo; als &uuml;blich, was zu erh&ouml;hter Beteiligung animieren k&ouml;nnte. Unklar ist allerdings, ob das auch eine h&ouml;here W&auml;hlerquote bei den Europawahlen bedeuten wird. In jedem Fall hoffen die Regierungsparteien (nach der Einsch&auml;tzung des Macropolis-blog), dass einige potentielle Syriza-W&auml;hler am kommenden Sonntag zu Hause bleiben, weil viele ihrer Kandidaten f&uuml;r kommunale &Auml;mter nicht mehr im Rennen sind.<\/p><p><strong>Nationales Kr&auml;ftemessen unter dem Vorwand von Europawahlen<\/strong><\/p><p>In jedem Fall d&uuml;rfte das Rennen spannend werden. Die letzte Umfrage von gestern (im Auftrag der regierungskritischen Wochenzeitung &bdquo;To Pontiki&ldquo;) sieht die Syriza bei den Europa-Wahlen um 2,5 Prozent vor der Nea Dimokratie. An der Parteispitze geht man intern (wie aus &bdquo;gut informierter Quelle&ldquo; verlautet) davon aus, dass die Syriza mindestens vier Prozent vorne liegen wird. Und Alexis Tsipras strahlt eine fast schon leichtsinnige Zuversicht aus, wenn er in seinen Wahlreden von einem &bdquo;Referendum&ldquo; &uuml;ber die Sparpolitik der letzten Jahre spricht: &bdquo;Je gr&ouml;&szlig;er, klarer und durchschlagender der Sieg der Syriza ausf&auml;llt, umso gewisser wird das Ende der Koalitionsregierung kommen.&ldquo; Damit fordert Tsipras das griechische Volk zu der &bdquo;historischen Entscheidung&ldquo; auf, der Regierung der &bdquo;Kollaborateure&ldquo;, also der &bdquo;Unterwerfung&ldquo; des Vaterlandes &ndash; unter die Troika und unter die Knute von Frau Merkel &ndash; ein Ende zu setzen. (Siehe dazu auch <a href=\"http:\/\/www.linksfraktion.de\/kolumne\/europa-muss-links-abbiegen\/\">Tsipras: &bdquo;Europa muss nach links abbiegen&ldquo;<\/a>)<\/p><p>Bei den abschlie&szlig;enden Kundgebungen der beiden gro&szlig;en politischen Lager gewinnt man den Eindruck, als habe der nationale Wahlkampf bereits begonnen, den die Opposition erzwingen und die Regierung unbedingt vermeiden will. Regierungschef Samaras, der f&uuml;r seine W&auml;hler bereits die &bdquo;success story&ldquo; vom positiven &bdquo;Prim&auml;rhaushalt&ldquo; erfunden hat (siehe <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19831\">Nachdenkseiten vom 6.<\/a> und vom <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19953\">17. Januar 2014<\/a>), verspricht in seinen Reden weitere Wunder: die Schaffung von 550.000 neuen Arbeitspl&auml;tze innerhalb der n&auml;chsten vier Jahre; das Absinken der Arbeitslosenrate unter den europ&auml;ischen Durchschnitt bis 2020; Steuersenkungen auf breiter Front, insbesondere der Unternehmens- und der Mehrwertsteuern; und nat&uuml;rlich die Morgengabe jedes konservativen Politikers an die Bauern: steuerfreien Traktordiesel. <\/p><p>Da bleibt Alexis Tsipras mit seinen Versprechungen vergleichsweise bescheiden. Aber auch er braucht im Wahlkampf nicht zu erkl&auml;ren, wie eine Syriza-Regierung die R&uuml;ckkehr zum fr&uuml;heren Niveau der Renten und der Arbeitslosenhilfen finanzieren will. Diese Argumentationsl&uuml;cke wird einfach durch die Forderung nach dem n&auml;chsten Schuldenschnitt gef&uuml;llt, der durchaus w&uuml;nschenswert aber h&ouml;chst ungewiss ist.<\/p><p>Die Zuspitzung des Wahlkampfes auf die innergriechische Machtfrage, die von Seiten der Opposition wie der Regierung betrieben wird, l&auml;sst nicht den geringstem Raum f&uuml;r &bdquo;europ&auml;ische Themen&ldquo;, um die es bei Wahlen zum Europ&auml;ischen Parlament zumindest &bdquo;auch&ldquo; gehen sollte. Das ist zum einen ein gutes Zeichen, weil es deutlich macht, dass die EU-Mitgliedschaft Griechenlands &ndash; wie auch die Zugeh&ouml;rigkeit zur Eurozone &ndash; f&uuml;r die meisten Griechen au&szlig;er Frage steht. Es ist andererseits ein bedauerliches Defizit, wenn man bedenkt, dass kein anderes EU-Land so stark von der Ausgestaltung des &bdquo;k&uuml;nftigen Europa&ldquo; abh&auml;ngig ist wie Griechenland. <\/p><p>Hier kann ich mir eine kleine Nebenbemerkung nicht verkneifen: Ich finde es bemerkenswert, dass diese &bdquo;Hellenisierung&ldquo; des Europa-Wahlkampfs von einem linken Politiker forciert wird, den die Fraktion der &bdquo;Vereinten Europ&auml;ischen Linken&ldquo; im Europa-Parlament als ihren Kandidaten f&uuml;r das h&ouml;chste Amt in Br&uuml;ssel, den Pr&auml;sidenten der Europ&auml;ischen Kommission pr&auml;sentiert. Dass Alexis Tsipras im griechischen &bdquo;Europa-Wahlkampf&ldquo; die konkreten und brennenden Fragen der EU-Entwicklung nicht zur Sprache bringt, kann man allerdings auch als ehrliche Auskunft sehen: Der Syriza-Vorsitzende kandidiert am 25. Mai f&uuml;r das Amt des griechischen Regierungschefs und nicht f&uuml;r das wichtigste Amt in der Europ&auml;ischen Union. Das hat man bei der europ&auml;ischen Linken allerdings von Anfang gewusst. <\/p><p>Im griechischen Wahlkampf hat diese Kandidatur dem Herausforderer Tsipras nicht geschadet. Wenn sich die Syriza am Sonntagabend als Sieger &uuml;ber die Regierungskoalition pr&auml;sentieren kann (nach den eingangs dargestellten Kriterien), steht die Partei jedoch vor gro&szlig;en Problemen. Welche M&ouml;glichkeit hat sie, vorzeitige Neuwahlen zu erzwingen? Wie steht es um die Chancen, ihre W&auml;hlerbasis so zu verbreitern, dass sie wirklich regieren kann? Welche Koalitionspartner stehen zur Verf&uuml;gung, auf parlamentarischer wie auf gesellschaftlicher Ebene? Wie glaubw&uuml;rdig ist das Versprechen, aus der Sparpolitik auszusteigen? Und welche eigenen &bdquo;Reformen&ldquo; will sie der Gesellschaft zumuten, um das erkl&auml;rte Ziel eines &bdquo;neuen Griechenland&ldquo; &ndash; unter schwierigsten Bedingungen &ndash; zu erreichen?<\/p><p>Auf diese und andere Dilemmata der Syriza werde ich n&auml;chste Woche eingehen, wenn es darum geht, die Wahlergebnisse vom 25. Mai zu bewerten. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In keinem anderen EU-Land sind die anstehenden Wahlen zum Europ&auml;ischen Parlament (EP) so stark mit einer innenpolitisch-nationalen Bedeutung aufgeladen wie in Griechenland. Das hat vor allem zwei Gr&uuml;nde: Die Europawahl f&auml;llt mit dem zweiten Durchgang der Kommunalwahlen zusammen, die &uuml;ber die lokale Selbstverwaltung in 350 St&auml;dten bzw. Gemeinden und in den 13 Regionen Griechenland befinden.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21815\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[122,22,173,190],"tags":[423,1272,615,653,1224,467],"class_list":["post-21815","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-demoskopieumfragen","category-europaische-union","category-griechenland","category-wahlen","tag-austeritaetspolitik","tag-chrysi-avgi","tag-eu-kommission","tag-pasok","tag-syriza","tag-wahlprognose"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21815","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=21815"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21815\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53076,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21815\/revisions\/53076"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=21815"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=21815"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=21815"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}