{"id":2184,"date":"2007-03-17T12:01:12","date_gmt":"2007-03-17T11:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2184"},"modified":"2016-01-10T13:48:12","modified_gmt":"2016-01-10T12:48:12","slug":"reaktionen-auf-neue-deutsche-harte-und-unsere-anmerkungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2184","title":{"rendered":"Reaktionen auf \u201eNeue deutsche H\u00e4rte  &#8230;\u201c und unsere Anmerkungen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"?p=2163\">Dieser Beitrag von Brigitta Huhnke vom 8.3.<\/a> hat relativ viele und heftige NDS-kritische Reaktionen ausgel&ouml;st. Vor allem die Kritik unserer Autorin an &bdquo;Rammstein&ldquo; hat Gegenreaktionen ausgel&ouml;st. Unter den Kritikern waren einige, die seit langem die NachDenkSeiten nutzen und mitarbeiten. Diese Reaktionen haben mich zun&auml;chst verunsichert.<br>\nIch kann f&uuml;r mich nicht beanspruchen, dass ich ein Kenner der dort beschriebenen Musikszene w&auml;re, ich habe mir allerdings einige Elemente der Webseite von &bdquo;Rammstein&ldquo; n&auml;her angeschaut. Mein Eindruck ist: Das ist ja um vieles schlimmer als der nationale Flaggentaumel im Umfeld der WM, die bei mir und vielen meiner Generation schon Schaudern &uuml;ber den R&uuml;cken schickten. Au&szlig;erdem ist zu den Reaktionen anzumerken, dass die meisten Kritiker sich vor allem &uuml;ber den ersten Absatz von Brigitta Huhnkes Text emp&ouml;rten, in dem sie kritisch auf die &bdquo;&Auml;sthetik&ldquo; der Band &bdquo;Rammstein&ldquo; einging, sich aber mit dem gesamten Text des Beitrags und seiner Intention nicht oder nur am Rande auseinandersetzten.<br>\nIch bin mir sicher, dass es richtig war, Brigitta Huhnkes Beitrag ins Netz zu stellen. Wir haben uns allerdings entschlossen, die Kontroverse unseren Leserinnen und Lesern sichtbar zu machen. Im Folgenden finden Sie die wichtigsten Ausz&uuml;ge der Mails, die als Reaktion auf den Beitrag eingegangen sind. Die darin enthaltene Kritik hat Kai Ruhsert herausgefordert, Stellung zu nehmen.<br>\n<!--more--><\/p><p><strong>1. Ausz&uuml;ge aus Mails von NachDenkSeiten-Lesern als Reaktion auf den Beitrag von Brigitta Huhnke vom 8.3.2007: &bdquo;Neue deutsche H&auml;rte&ldquo; &ndash; die Rechten klauen linke Lieder.<\/strong><\/p><blockquote><p>Ohne mich als Experten aufspielen zu wollen, f&uuml;rchte ich, dass die Autorin in ihrer berechtigten Emp&ouml;rung teilweise auf die Falschen einschl&auml;gt, nur weil die (Rammstein) gerade am bekanntesten sind und die krassesten Shows machen. (J.A.)<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Zwar bedient sich erstere (Rammstein) durchaus einer &Auml;sthetik, die dem Nazismus entliehen ist, jedoch ist damit &ndash; wie auch die ZEIT analysiert &ndash; keine politische Aussage getroffen&hellip;<br>\nWer jedoch jemals Lieder von Landser geh&ouml;rt hat &ndash; der Musikstil unterscheidet sich auch klar von Rammstein &ndash; der wei&szlig;, was wirklich absto&szlig;end und gef&auml;hrlich ist. Dass Rammstein in dieser Szene gern geh&ouml;rt wird, ist schade. Aber man wird ja auch Wader nicht vorwerfen wollen, dass er okkupiert wird, oder? (St. S.)<\/p><\/blockquote><p>E.B. schl&auml;gt den Beitrag gar f&uuml;r die Rubrik Manipulation des Monats vor, u.a weil &bdquo;harte&ldquo; Musikrichtungen&ldquo; (Punk, Metal) gleich &bdquo;rechts&ldquo; eingestuft w&uuml;rden. Es w&uuml;rden Fakten ignoriert: <\/p><blockquote><p>Rammsteins Musiker werden seit gut zehn Jahren mit &auml;hnlichen Vorw&uuml;rfen konfrontiert, und &auml;u&szlig;ern sich regelm&auml;&szlig;ig sehr eindeutig gegen rechts, pro-links. Kein Wort davon bei Frau Huhnke. Die will Rammstein auch noch George W. Bush anh&auml;ngen. Und dabei hat Rammstein l&auml;ngst, wie so viele andere Musiker auch, ein Bush-kritisches Lied ver&ouml;ffentlicht. Kein Wort davon bei Frau Huhnke. &hellip; Warum ver&ouml;ffentlichen sie dann, obwohl sie offensichtlich keine Ahnung haben, einen Artikel &uuml;ber aktuelle Rockmusik? H&auml;tten sie doch wissen k&ouml;nnen, wie gro&szlig; die Chance der Blamage ist.<\/p><\/blockquote><p>J.S. schreibt: <\/p><blockquote><p>Sie stellen einen Artikel &ldquo; &ldquo;Neue deutsche H&auml;rte&rdquo; &ndash; die Rechten klauen linke Lieder &rdquo; auf die Nachdenkseiten, der leider gef&auml;hrliche Vorverurteilungen vornimmt.<br>\nDenn es ist wahr, dass die Band Rammstein oft als neonazistisch bezeichnet wird, es ist aber keineswegs wahr, dass dieser Vorwurf in irgendeiner Weise sinnvoll begr&uuml;ndbar w&auml;re. Sind ein rollendes R und die  Verwendung von Riefenstahlvideos wirklich ausreichende Beweise einer  neonazistischen Gesinnung?<br>\nWas man Rammstein auch gut begr&uuml;ndet vorwerfen kann, ist ihr Spielen mit allen R&auml;ndern. Den R&auml;ndern zum Tabubruch, zur Geschmacklosigkeit &ndash; vielleicht auch das Spielen mit neonazistischer Symbolik.<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Wenn es allerdings um Musik geht, scheiden sich schnell die Geister,  und ich m&ouml;chte Ihnen mitteilen, dass ich den Artikel &ldquo;Neue deutsche  H&auml;rte&rdquo; &ndash; die Rechten klauen linke Lieder nicht angemessen finde. Ich kenne mich in der rechten Musikszene nicht aus, m&ouml;chte das auch gar nicht. Ich kenne und sch&auml;tze allerdings die Band Rammstein. Offenbar teilt auch David Lynch meine Wertsch&auml;tzung, denn er verwendete zwei ihrer Songs f&uuml;r seinen Film Lost Highway und trug damit ma&szlig;geblich zum im Artikel angesprochenen Erfolg der Band in den USA bei. Dass Rammstein der rechten Szene zuzuordnen seien, ist eine falsche und<br>\nmittlerweile auch reichlich abgedroschene Behauptung. (A.B.)<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Was mich konkret an diesem Artikel st&ouml;rt, ist die offenkundig mangelhafte Recherche bei den genannten Musikgruppen und die &auml;u&szlig;erst subjektive &bdquo;Auswertung&ldquo; der oberfl&auml;chlichen Beobachtungen des Autors.<br>\nBeginnen wir mit der Band &bdquo;Rammstein&ldquo;, die durch die Verwendung von Leni Riefenstahls Olympia-Propagandafilm in ihrem Musikvideo zum Cover (Original von &bdquo;Depeche Mode&ldquo;) von &bdquo;Stripped&ldquo; in die Schlagzeilen geraten ist. Zugegebenerma&szlig;en war diese Form der Provokation nicht sonderlich geschickt und selbstredend l&auml;sst sie auch gewisse Spekulationen zu, aber  Meinungsbildung sollte doch nicht aufgrund oberfl&auml;chlicher und subjektiver Einsch&auml;tzung erfolgen, oder? Man sollte im Zusammenhang mit der Band &bdquo;Rammstein&ldquo; auch auf Zeilen wie<br>\nSie wollen mein Herz am rechten Fleck<br>\nDoch seh ich dann nach unten weg<br>\nDann schl&auml;gt es links<br>\nLinks zwo drei vier links.<br>\neingehen, die Oskar Lafontaines Spruch &bdquo;Mein Herz schl&auml;gt links&ldquo; in das Lied gleichnamige Lied &bdquo;Links&ldquo; einbindet und eine Zeile aus einem alten Hannes Wader &ndash; Arbeitersong (&ldquo;Links zwo drei vier links zwo drei, wo dein Platz Genosse ist, reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront, wenn du auch ein Arbeiter bist&rdquo;) zitiert wird. B.D.<\/p><\/blockquote><blockquote><p>grundsaetzlich halte ich die im artikel von brigitta huhnke angesprochnen sachverhalte fuer richtig. was mir jedoch sauer aufstoesst ist die darstellung von rammstein. diese wird als speerspitze der rechten jugend und musikbewegung dargestellt. dies ist meiner auffassung nach grundsaetzlich falsch.<br>\nrichtig ist, dass die angesprochnenen musikrichtungen zunehmend von rechten fans unterwandert werden. diese entwicklung laesst sich jedoch auch bei originaer linken musikrichtungen ( industrial, folk usw koennen als eher unpolitisch angesehen werden), wie zb punk und insbesondere der hardcoreszene beobachten. bei letzterer unterscheiden sich linke und rechte fans haeufig nur durch die farbe ihrer schnuersenkel. auch der vor einiger zeit noch als &ldquo;negermusik&rdquo; verschrieene hip hop erfreut sich in rechten kreisen zunehmender beliebtheit (der begriff der neuen deutsche haerte entsstammt eben dieser subkultur. siehe aggro-label). die unterwanderung eher unpolitischer oder linker subkulturen durch rechte gruppen laesst sich also eher als gesamtgesellschaftliches problem begreifen als das von raeumlich eng einzugrenzenden jugendkulturen. die ursache liegt wohl auch im aufbruch trad. rechter milieus und dem rueckzug der rechten skinheadkultur.  aehnliches laesst sich ja auch bei der bearbeitung linker politikfelder (kapitalismus, umweltschutz usw.) durch rechte parteien und verbaende beobachten.<\/p>\n<p>nach dieser eher allgemeinen betrachtung des problems zurueck zum eigentlichen kritikpunkt. rammstein entstammt der ostdeutschen punkszene, hat seine wurzeln also eher an der linken seite des politischen spektrums. die ersten 2 alben waren auch voellig unpolitisch und behandelten insbesondere sexuelle pratiken und fetische die jeder &ldquo;aufrechte deutsche&rdquo; als &ldquo;entartet&rdquo; bezeichnen wuerde. der ihr bis heute nacheilende ruf ein teil des rechten spektrums zu sein erhielt die band erst 98, als im zuge des &ldquo;stripped&rdquo; videos der boulevard eine kampagne startete der sie genau in dieser ecke verortete (wohl ebenfalls aus unwissen). die band distanziert sich seit dem in jedem interview ausdruecklich davon rechtes gedankengut zu unterstuetzen (im video wurde bewusst kein einziges ns symbol verwendet). das rammstein mit diesem video provozieren wollte kann man nicht ausschliessen und halte ich auch fuer recht wahrscheinlich. (m.h.)<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Wenn es eine deutsche Band im Ausland gibt, dann sind es Rammstein. Die sind bekannter als die &Auml;rzte, tote Hosen und so weiter. Bisher trat Rammstein bei &uuml;ber 450 Konzerten in mehr als 35 L&auml;ndern auf. Ein faschistoider Zug wird der Band immer wieder seitens der Medien vorgeworfen, <a href=\"http:\/\/herzeleid.com\/en\/faq\/band#faq3\">jeder kann sich erkundigen, wie die Band dazu steht<\/a>.<br>\nIhre Tabubr&uuml;che und bizarre Vorstellung von &Auml;sthetik in Musik und Video sind immer wieder Stein des Ansto&szlig;es. Das ist jedoch bei Kunst immer so, und niemand wird deswegen als Braun abgestempelt. Rammstein hat auch viel M&uuml;ll gemacht, jedoch kann man auch hier sehen, dass sie eindeutig innovativ und bahnbrechend sind, und so viele Leute zum Nachdenken bringen, was nie falsch sein kann. (P.L.) <\/p><\/blockquote><p><strong>2. Stellungnahme von Kai Ruhsert<\/strong><\/p><p>Brigitta Huhnkes Beitrag &bdquo;Neue deutsche H&auml;rte &ndash; die Rechten klauen linke Lieder&ldquo; hat unter NachDenkSeiten-Lesern heftigen Widerspruch ausgel&ouml;st. Die Kritik richtet sich haupts&auml;chlich gegen zwei Punkte:<\/p><ul>\n<li>Brigitta Huhnke stelle zu Unrecht einen Zusammenhang her zwischen eindeutig faschistischen Musikgruppen und solchen, deren Inszenierungen zwar faschistoid wirkten, die sich verbal aber von rechtsradikalem Gedankengut distanzierten, so z.B. Rammstein: &bdquo;Diese Band verwendet definitiv Nazi-&Auml;sthetik in ihren B&uuml;hnenshows und in ihrer Musik, aber m. E. eher aus Spa&szlig; an der Provokation und wahrscheinlich auch kommerziellem Kalk&uuml;l. (J.A.)&ldquo;. Nahezu alle Leserbriefschreiber r&auml;umen ein, dass diese Band eine faschistoide &Auml;sthetik nutze, bezeichnen dies unter Verweis auf Interviews und Liedzitate aber als mehr oder weniger harmlose Provokation. <\/li>\n<li>Es sei falsch, Fans von Gruppen wie z.B. Rammstein unter den Generalverdacht faschistoider Tendenzen zu stellen.<\/li>\n<\/ul><p>Der Zorn mancher Leser, die offenbar von der Musik und den Auftritten der Band beeindruckt sind, &uuml;ber die Autorin f&uuml;hrt zu eigent&uuml;mlichen Begr&uuml;ndungen und teilweise &uuml;berzeichnenden Darstellungen: <\/p><ul>\n<li>&bdquo;Die will Rammstein auch noch George W. Bush anh&auml;ngen. Und dabei hat Rammstein l&auml;ngst, wie so viele andere Musiker auch, ein Bush-kritisches Lied ver&ouml;ffentlicht.&ldquo; (E. B.)<br>\nTats&auml;chlich hatte Brigitta Huhnke geschrieben: &bdquo;Anfang des neuen Jahrhunderts wurde sie sogar zum Exportschlager deutscher Kultur, besonders beim wei&szlig;en, kriegsbegeisterten Mann in den USA. Da hatte sich das dortige Milieu des &bdquo;Neo-Macho Man&ldquo; gerade mit George W. Bush ihre tollste m&auml;nnliche Ikone an die Spitze gesetzt.&ldquo; &Uuml;ber die Einstellung von Rammstein zu Bush enth&auml;lt der Text kein einziges Wort. Brigitta Huhnke hat das US-amerikanische Milieu kommentiert, das einen gro&szlig;en Teil der Besucher von Rammstein-Konzerten in den USA stellt.<\/li>\n<li>B.D. schreibt: &bdquo;Der Zusammenhang mit &bdquo;rechtem Gedankengut&ldquo; &hellip; (ist, KR) &hellip; bei Joachim Witt &hellip; &uuml;berhaupt nicht ersichtlich (Er ist Wagner-Fan und bekennt sich zu seinem Heimatland).&ldquo;<br>\nSeit wann ist die Vorliebe f&uuml;r Wagner-Musik ein Beleg f&uuml;r Distanz zu rechter Gesinnung? Adolf Hitler w&uuml;rde dem gewiss widersprechen. Und an einem Video von Joachim Witt f&auml;nde er sicher auch Gefallen:<br>\n&ldquo;Witts bei Viva gespieltes Video &raquo;Die Flut&laquo;, das an &raquo;Das Boot ist voll&laquo;-Metaphern und sogar an Nazi-Filme mit Bilderwelten von Juden als Rattenplage erinnert, &uuml;bersteigt in Bezug auf rechte Inhalte jedoch alles, <a href=\"http:\/\/www.jungle-world.com\/seiten\/2003\/04\/172.php\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.jungle-world.com\/seiten\/2003\/04\/172.php\">was sich die B&ouml;hsen Onkelz je zu zeigen getraut hatten<\/a>.&ldquo;<\/li>\n<\/ul><p>F&uuml;r den Vorwurf, die Rammstein-Musiker seien Faschisten, gibt es in der Tat keine eindeutigen Belege. Nun enth&auml;lt Brigitta Huhnkes Text allerdings an keiner Stelle die Behauptung, Rammstein vertrete faschistische Einstellungen. Sie wirft der Gruppe nur das vor, was sie unbestreitbar tut: Sich einer faschistischen &Auml;sthetik zu bedienen. Ob der gemeinsame Kontext mit den offen rechtsradikalen Musikgruppen tats&auml;chlich nur ein &auml;u&szlig;erlicher ist, mag diskutabel sein; zu &uuml;bersehen ist er allerdings nicht, und genau darauf kommt es Rammstein ja wohl auch an.<br>\nEine scheinbar unpolitische und unkritische Einstellung zu dieser Musik und ihrer Pr&auml;sentation ist gef&auml;hrlich. Die Meinungsunterschiede sind daher erheblich. Wir behaupten, dass die Bedeutung des Gebrauchs faschistischer Symbolik untersch&auml;tzt wird.<\/p><p>Gruppen wie Rammstein haben dazu beigetragen, faschistoide Elemente in die Alltagskultur zu integrieren. Welche Relevanz dies hat, ist ohne einige grundlegende Anmerkungen zum Faschismus nicht zu verstehen.<\/p><p>Der Faschismus ordnet die Interessen der gro&szlig;en Mehrheit der Menschen einer Herrschaftsideologie unter. Die Entscheidung f&uuml;r faschistisches Gedankengut ist selbstunterwerfend und irrational. Es ist daher prinzipiell unm&ouml;glich, jemanden mit aufkl&auml;rerischen  Argumenten vom Faschismus zu &uuml;berzeugen. Dazu ist es notwendig, die Emotionen anzusprechen, und dies auf eine so massive, &uuml;berw&auml;ltigende Weise, dass das kritische Denken weitgehend ausgeschaltet wird. Der Faschismus greift dazu auf eine vorgeschichtliche, atavistische Bildersprache zur&uuml;ck und ist genuin gewaltt&auml;tig: Die antizivilisatorische Gewalt des Faschismus beeindruckt (das wirkt auf manche attraktiv) und sch&uuml;chtert zugleich ein (durch die brutale Behandlung von Minderheiten und Gegnern wird Widerstand unterdr&uuml;ckt). <\/p><p>Um sich von dieser dunklen Phase der deutschen Geschichte abzugrenzen, waren Symbolik und Bildersprache des Faschismus im Nachkriegs-Deutschland lange Zeit tabuisiert. Dieser Form der Ablehnung haftete allerdings auch etwas Rituelles und gleichzeitig Antiaufkl&auml;rerisches an, weil die Analyse der Ursachen des Faschismus u.a. durch die R&uuml;cksichtnahme auf ungebrochene Politiker- und Beamten-Karrieren oder auf Kriegs- und Arisierungsgewinnler behindert wurde.<\/p><p>Vor allem in Ostdeutschland funktioniert das Nachkriegs-Arrangement mit dem faschistischen &bdquo;Erbe&ldquo; nicht mehr. Das vereinte Deutschland kann einem Teil der Jugendlichen dort keine attraktive Lebensperspektive bieten. Das sind ideale Bedingungen f&uuml;r faschistische Organisationen, um mit (nationalen) Allmachtsphantasien ihre braune Saat zu s&auml;en und Mitl&auml;ufer zu rekrutieren.<\/p><p>Ob gewollt oder ungewollt: Rammstein hat dabei eine Katalysatorfunktion, indem es das Publikum an eine faschistische oder dem Faschismus nachempfundene &Auml;sthetik gew&ouml;hnt. Damit f&auml;llt eine kulturelle Schranke. Die Ann&auml;herung an offen faschistische Gruppen wird erleichtert, wenn die Unterschiede nur noch durch Textkritik der Songs erkennbar sind.<br>\nEs gibt viele Faktoren, die dazu beitrugen, dass Nazis in einigen Regionen Deutschlands die Jugendkultur dominieren. Rammstein geh&ouml;rt dazu, obwohl tats&auml;chlich nichts ausdr&uuml;cklich darauf hindeutet, dass sie selber den Neonazis zuzuordnen sind. Sie bedienen einen Markt und denken (vielleicht) nicht dar&uuml;ber nach, was sie bewirken und ausl&ouml;sen. Vorw&auml;rts k&ouml;nnen sie nicht, denn Faschisten sind sie wohl nicht. Aber sie k&ouml;nnen auch nicht zur&uuml;ck, denn w&uuml;rden sie die Inszenierung ihrer Auftritte entsch&auml;rfen, br&auml;che ihr Erfolg beim Publikum ein, und kaum jemand w&uuml;rde mehr &uuml;ber sie reden.<br>\nRammstein selbst l&ouml;st den Widerspruch zwischen faschistoider Pr&auml;sentationsform und formalem Bekenntnis zur Demokratie nicht auf. Sie beteuern zwar immer wieder, keine Nazis zu sein, doch die Interviews sind wenig gehaltvoll und lassen eher auf politische Indifferenz schlie&szlig;en. Damit nehmen sie billigend das Risiko in Kauf, ein Feld zu bestellen, auf dem andere ernten. Bei manchen Zuh&ouml;rern kann der Wunsch nach &bdquo;H&auml;rterem&ldquo; geweckt werden: <\/p><li>&ldquo;Rammstein sind vermittelnder Katalysator&hellip;Daher Daumen hoch f&uuml;r Rammstein und all dem, was in ihrem Fahrwasser auf uns zukommen mag&rdquo;! (Junge Freiheit &ndash; 29.3.96)&rdquo;<\/li><li>&ldquo;Josef Klumb, aus Bingen am Rhein, der wichtigste Musiker in der rechten Darkwave- und Gothicszene, sah im &bdquo;Fahrwasser von Rammstein&ldquo; pl&ouml;tzlich eine realistische Chance, in den Pop-Orbit aufzusteigen: &ldquo;Rammstein geh&ouml;ren zu uns, aber unwissend und unschuldig. Sie machen eine Art Volksmusik, sie marschieren in die Charts&hellip; und sie sind authentisch Deutsch!&rdquo;&rdquo;<br>\nDLF, 14.1.2001: &bdquo;Schwarzer Samt und schwarze Sonne&ldquo; (von Michael Wei&szlig;feld)<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/rz-home.de\/~dneitzer\/homepage3.htm#RIEFENSTAHL\">rz-home.de<\/a><\/li><li>&bdquo;Rammstein gibt sich unpolitisch. &hellip; offenbar wirkt nur die &Auml;sthetik, sie ist die Botschaft, nicht der Text. &hellip; den gr&ouml;&szlig;ten und medienwirksamsten Erfolg erzielte Rammstein mit dem Video zu ihrem Lied Stripped: Sie lie&szlig;en Zitate aus Leni Riefenstahls Film &uuml;ber die Olympischen Spiele im Jahr 1936 montieren. Nat&uuml;rlich war das als Provokation gedacht, denn die Lichtdome Albert Speers, damals durch hundertf&uuml;nfzig Flakscheinwerfer gebildet, geh&ouml;ren in der kollektiven Erinnerung zur nationalsozialistischen &Auml;sthetik par excellence. Leni Riefenstahl und ihre Methode, politische Inhalte mit den Stilmitteln s&auml;kularer Religionen zu vermitteln und somit bestimmte Formen der Popkultur zu antizipieren, ist vor allem deshalb problematisch, weil sie ihren Kern leugnet: gruppendynamische Gef&uuml;hle rituell einzu&uuml;ben. &hellip; Alec Empire von Atari Teenage Riot hielt die deutsche Band nicht f&uuml;r Nazis, aber er vermutete, dass sie viele Platten verkaufen w&uuml;rden, weil das Publikum denken w&uuml;rde, die Musiker w&auml;ren Nazis. Er erwartete, dass Rammstein sich zu den Vorw&uuml;rfen &auml;u&szlig;ert: &raquo;Man kann nicht ein Leni-Riefenstahl-Video machen und dann einfach sagen, das sei nur ein Scherz gewesen. Mein Gro&szlig;vater kam im KZ ums Leben &ndash; das finde ich nicht lustig.&laquo; &hellip; &Auml;sthetik ist immer auch Politik. Das Politische besteht darin, dass das Politische geleugnet wird. Daher stehen Bands wie Rammstein und Epigonen nat&uuml;rlich in der k&uuml;nstlerischen Tradition Riefenstahls. &hellip; Der fromme Schauder unter dem Lichtdom ist die Antizipation der freiwilligen Unterwerfung unter das Kollektiv.&ldquo;<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/2000\/44\/00441701.htm\">Freitag<\/a><\/li><li>&bdquo;Muss man Rammstein als Teil des Rechtsrocks sehen?<br>\nNat&uuml;rlich muss man das. Hier geht es um eine &auml;sthetische Aufbereitung, die klar zu einem politisch-geschichtlichen Kontext geh&ouml;rt. Politik spielt sich doch nicht nur &uuml;ber platte Parolen ab. Rammstein ist eindeutig ein Teil des Rechtsrock, nicht des Neonazirock, aber des Rechtsrock.<br>\nNur wird das von den meisten Fans entweder bestritten oder &uuml;berhaupt nicht gesehen.<br>\nF&uuml;r die Fans ist das ein bisschen Grusel, Party, ein bisschen Schocking, und dann geht man nach Hause. Mehr verbinden die damit nicht. Und das ist die Problematik. W&uuml;rden wir diese Diskussion mit den vielen Fans f&uuml;hren, dann m&uuml;ssten wir weit zur&uuml;ckgehen und fragen, was ist eigentlich Rechtsextremismus, was ist eigentlich Faschismus. Zuerst muss ein Verst&auml;ndnis daf&uuml;r da sein, bevor man erkl&auml;ren kann, was man meint. Aber dieses Verst&auml;ndnis existiert nicht.&ldquo;<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/2006\/46\/06461701.php\">Freitag<\/a><\/li><p>Der faschistoide Charakter der Inszenierungen von Rammstein kann nicht ernsthaft bestritten werden:<\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.rammstein.de\/_Voelkerball\/News\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.rammstein.de\/_Voelkerball\/News\/\">Menschen in Trance.<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.rammstein.de\/_Voelkerball\/Tour\/\">NS-Lichtdome<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.rammstein.de\/_Voelkerball\/Band\/\">KZ-Look<\/a><\/li>\n<li>\n<a href=\"http:\/\/www.rammstein.de\/_Voelkerball\/Newsletter\/\">Fascho-Gestik<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/music\/clipserve\/B000IY041I001015\/1\/ref=mu_sam_ra001_015\/302-9763171-7199264\">H&ouml;rbeispiel<\/a><\/li>\n<\/ul><p>Ein paar gestammelte Worte, dass man mit den Rechten nichts am Hut habe, gen&uuml;gen angesichts dieser Bilder und Eindr&uuml;cke nicht.<br>\nEs f&auml;llt schwer, sich der Wirkung faschistischer Inszenierungen ganz zu entziehen. Das pr&auml;zise kalkulierte Spiel mit den Emotionen funktioniert oft sogar noch bei der Betrachtung 70 Jahre alter Wochenschau-Aufnahmen. Niemand braucht sich dessen zu sch&auml;men; es kommt darauf an, den Zweck zu durchschauen.<br>\nAuch den Umgang mit Musikindustrie-Produkten wie Rammstein muss man durch die eigene Sozialisation gelernt haben. Viele Fans sind faschistischer Neigungen unverd&auml;chtig, aber doch von brachialer &Auml;sthetik fasziniert, wollen sich diesen Spa&szlig; von niemandem verderben lassen und verweigern &ndash; vielleicht auf Grund emotionaler &Uuml;berw&auml;ltigung &ndash; sich jeglicher Analyse. Doch nur wer dies alles in einen historischen und politischen Kontext einzuordnen wei&szlig;, ist gegen Missbrauchsm&ouml;glichkeiten immunisiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><a href=\"?p=2163\">Dieser Beitrag von Brigitta Huhnke vom 8.3.<\/a> hat relativ viele und heftige NDS-kritische Reaktionen ausgel&ouml;st. Vor allem die Kritik unserer Autorin an &bdquo;Rammstein&ldquo; hat Gegenreaktionen ausgel&ouml;st. Unter den Kritikern waren einige, die seit langem die NachDenkSeiten nutzen und mitarbeiten. Diese Reaktionen haben mich zun&auml;chst verunsichert.<br \/> Ich kann f&uuml;r mich nicht beanspruchen, dass ich ein<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2184\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[917,125],"tags":[1678,955],"class_list":["post-2184","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur-und-kulturpolitik","category-rechte-gefahr","tag-kuenstler","tag-neonazismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2184","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2184"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2184\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30108,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2184\/revisions\/30108"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2184"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2184"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2184"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}