{"id":21911,"date":"2014-06-05T09:28:31","date_gmt":"2014-06-05T07:28:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21911"},"modified":"2019-01-12T11:25:22","modified_gmt":"2019-01-12T10:25:22","slug":"wettbewerbsfaehigkeit-wettbewerbsfaehigkeit-wettbewerbsfaehigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21911","title":{"rendered":"Wettbewerbsf\u00e4higkeit. Wettbewerbsf\u00e4higkeit? Wettbewerbsf\u00e4higkeit!"},"content":{"rendered":"<p>Kaum ein Begriff beherrschte die Medienlandschaft der vergangenen Jahre bis heute so stark wie &bdquo;Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo;. Inzwischen gibt  es kaum mehr eine Rede, Talkshow oder ein Interview, in dem der Begriff &bdquo;Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo; mit einem mahnenden oder fordernden Unterton nicht enthalten ist. Bundeskanzler von Schr&ouml;der bis Merkel, Wirtschaftsminister wechselnden Namens aus SPD, CSU und FDP, Arbeitsminister, Parteivorsitzende, Konzernchefs, sogar Gewerkschaftsbosse und Journalisten f&uuml;hren allerorten das Wort der Sicherung oder gar Steigerung der Wettbewerbsf&auml;higkeit im Mund. Doch nur selten war eine Begrifflichkeit so stark mit Mythen und falschen Assoziationen behaftet wie diese. Falsche Assoziationen, die das Verstehen und das Handeln grundlegend verzerren.<br>\nVon <strong>Lutz Hausstein<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21911#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Ein Begriff wird zum Mythos<\/strong><\/p><p>Mangelnde internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit war eine der am h&auml;ufigsten genannten Begr&uuml;ndungen f&uuml;r die Agenda2010, welche der damalige Bundeskanzler Schr&ouml;der nicht m&uuml;de wurde, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16494\">immer und immer wieder anzuf&uuml;hren<\/a>. Regelm&auml;&szlig;ig wird diese Behauptung <a href=\"http:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2013\/maerz\/das-neue-elendzehn-jahre-hartz-reformen-0\">gebetsm&uuml;hlenhaft wiederholt<\/a>, doch die Fakten sprechen eine ganz andere Sprache. Die deutschen Handelsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse (d.h. ein positiver Saldo zwischen Export und Import) &ndash; auch w&auml;hrend der Einf&uuml;hrung der Agenda2010 &ndash; belegen das genaue Gegenteil einer mangelnden Wettbewerbsf&auml;higkeit. Mit 59 Mrd. Euro (2000), 95 Mrd. Euro (2001), 133 Mrd. Euro (2002), 130 Mrd. Euro (2003) oder 156 Mrd. Euro (2004) (Quelle: <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/ZahlenFakten\/Indikatoren\/LangeReihen\/Aussenhandel\/lrahl01.html\">Statistisches Bundesamt<\/a>) waren sie nicht nur durchgehend im &Uuml;berschussbereich, sondern stiegen kontinuierlich sogar auf immer h&ouml;here Werte an. Von mangelnder Wettbewerbsf&auml;higkeit also nicht die geringste Spur. W&auml;re die Bundesrepublik nicht oder nicht ausreichend wettbewerbsf&auml;hig gewesen, so h&auml;tten die Importl&auml;nder ihre Waren aus anderen L&auml;ndern oder gar aus ihrem eigenen Inland bezogen und gleichzeitig eigene Produkte in erheblich gr&ouml;&szlig;erer Zahl nach Deutschland eingef&uuml;hrt. Stattdessen wurden in immer gr&ouml;&szlig;erem Umfang Waren aus Deutschland importiert und die Bundesrepublik erzielte fortw&auml;hrend einen sich stetig steigernden Export&uuml;berhang. Mangelnde Wettbewerbsf&auml;higkeit war also schon zum damaligen Zeitpunkt eine nicht belegbare Behauptung. Dessen ungeachtet wurde man nicht m&uuml;de, diesen Mythos best&auml;ndig weiter zu verbreiten, um breiten Teilen der Bev&ouml;lkerung die verschiedensten Zumutungen unter dem Deckmantel der vermeintlich unabdingbaren Steigerung der Wettbewerbsf&auml;higkeit als alternativlos darzustellen.<\/p><p>Doch auch bis zum heutigen Tag schwingt in beinahe jeder zweiten &ouml;ffentlichen Erkl&auml;rung von Bundesregierung, Opposition oder Wirtschafts- und Medienvertretern die unterschwellige Botschaft einer bedrohten Wettbewerbsf&auml;higkeit mit. Sei es zum Thema Wirtschaftskrise, Staatsausgaben, Sozialleistungen, Renten, L&ouml;hne, Energiepolitik oder Steuern &ndash; Wettbewerbsf&auml;higkeit ist der &Uuml;ber-Joker, welcher die anderen Spielkarten entgegen jeglicher Logik &uuml;bertrumpft. Die Begrifflichkeit findet so ihre Anwendung, um Entlassungen trotz gl&auml;nzender Unternehmensertragslage mit einer Begr&uuml;ndung zu versehen, um prek&auml;ren Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnissen einen alternativlosen Anstrich zu verleihen oder die sozialen Sicherungssysteme noch weiter auszuh&ouml;hlen. In Kombination mit dem Schlagwort &bdquo;Schaffung\/Sicherung von Arbeitspl&auml;tzen&ldquo; wurde so eine perfekte Phraseologie geschaffen, mit der man alle sachlichen Gegenargumente vom Tisch wischte.<\/p><p><strong>Der Mythos wird zur Religion<\/strong><\/p><p>Ganz in diesem Sinne dieses Totschlagarguments verwendet die Bundeskanzlerin Merkel &bdquo;Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo; als eines ihrer Lieblingsw&ouml;rter zur Begr&uuml;ndung jeglicher Zumutungen. Dabei wird v&ouml;llig negiert, dass die deutsche Wirtschaft schon lange viel zu wettbewerbsf&auml;hig ist. Die Darstellung einer &bdquo;zu starken Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo; mag auf den ersten Eindruck etwas irritierend wirken. Dies hat jedoch vor allem seine Ursache darin, dass wir alle durch die falsche Nutzung von Begriffen und Zusammenh&auml;ngen in gewisser Weise konditioniert sind, sodass eine solche Betrachtung absurd vorkommen mag. Durch die st&auml;ndige Wiederholung falscher Assoziationen in diesem Zusammenhang haben sich Denkstrukturen gebildet und verfestigt, welche abgerufen werden, sobald ein bestimmtes Schl&uuml;sselwort f&auml;llt. Dieser Pawlowsche Reflex wirkt aufgrund der st&auml;ndigen Wiederholung bei der Nennung von &bdquo;Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo; ebenso wie der Jubel zur &ndash; schon allein sprachlich manipulativ wirksamen &ndash; &bdquo;Export-Weltmeisterschaft&ldquo;. Gerade diese doppelte Konditionierung wirkt dabei umso kr&auml;ftiger, denn wer erinnert sich zum Beispiel nicht gern an die Euphorie &uuml;ber die Fu&szlig;ball-Weltmeister von &acute;54, &acute;74 oder &acute;90?<\/p><p>Doch anstatt dass die deutsche Wirtschaft im europ&auml;ischen Binnenmarkt als &bdquo;Konjunkturlokomotive&ldquo; fungiert, wie es immer wieder gern ebenso bildhaft wie realit&auml;tsverzerrend dargestellt wird, agiert sie vielmehr wie eine Planierraupe, die mit ihrer schieren M&auml;chtigkeit ausl&auml;ndische Volkswirtschaften niederkonkurriert und plattwalzt. Die &Ouml;konomien der europ&auml;ischen Binnenmarktstaaten h&auml;ngen jedoch nicht als Waggons an der Lokomotive Deutschland, wie dieses sprachliche Bild vermitteln m&ouml;chte. Wobei ihnen dann eine gr&ouml;&szlig;ere Geschwindigkeit der Lokomotive &ndash; in Form eines noch h&ouml;heren Export&uuml;berschusses Deutschlands &ndash; selbst eine h&ouml;here Geschwindigkeit verleihen w&uuml;rde. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade mit der Wahl dieses v&ouml;llig falschen sprachlichen Bildes werden aber auch die falschen Assoziationen bei den Menschen hergestellt, deren Bet&auml;tigungsfeld abseits volkswirtschaftlicher Zusammenh&auml;nge zu suchen ist.<\/p><p><strong>Entzauberung des Mythos<\/strong><\/p><p>In den &ouml;ffentlichen Darstellungen wird best&auml;ndig vernachl&auml;ssigt, dass &bdquo;Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo; kein Begriff ist, der einen absoluten Wert beschreibt. Wettbewerbsf&auml;higkeit stellt ein Verh&auml;ltnis, eine Relation dar. Steigert der Eine seine Wettbewerbsf&auml;higkeit, sinkt damit automatisch die Wettbewerbsf&auml;higkeit des Anderen, ohne dessen Zutun. Verlangt die Bundeskanzlerin Merkel von den vornehmlich s&uuml;deurop&auml;ischen Staaten die Steigerung ihrer Wettbewerbsf&auml;higkeit, indem diese mittels Lohnsenkungen ihre Herstellungskosten senken, sinkt dadurch gleichzeitig die Wettbewerbsf&auml;higkeit aller anderen, auch deutscher, Unternehmen, ohne dass diese bei sich etwas &auml;ndern. Schon an dieser Stelle l&auml;sst sich erkennen, wie absurd das Bild der Konjunktur-Lokomotive ist.<\/p><p>Doch der Weg, &uuml;ber Lohnsenkungen eine Kostensenkung und damit eine Steigerung der Wettbewerbsf&auml;higkeit zu erreichen, zieht noch ganz andere Folgen nach sich. Immer wieder aufs Neue wird missachtet, dass L&ouml;hne, auch volkswirtschaftlich betrachtet, eine duale Funktion besitzen. So sind zwar L&ouml;hne (und die Lohnh&ouml;he bzw. -summe) wichtiger Bestandteil der betrieblichen Kostenstruktur. Andererseits sind jedoch L&ouml;hne im selben Ma&szlig;e Einkommen der lohnabh&auml;ngig Besch&auml;ftigten und bilden in ihrer Gesamtheit das wesentliche R&uuml;ckgrat der gesamtgesellschaftlichen Nachfrage. Senkt man die L&ouml;hne zur Steigerung der Wettbewerbsf&auml;higkeit, senkt man damit gleichzeitig aber auch die Binnennachfrage.<\/p><p>Nun verbleibt vornehmlich nur der Weg, &uuml;ber gesteigerte Exporte den Absatz zu sichern. Ein Weg, den Deutschland kontinuierlich beschreitet und sogar best&auml;ndig weiter ausbaut. So erreichte der deutsche Handelsbilanz&uuml;berschuss, also der Differenzbetrag aus Exporten und Importen Deutschlands, im Jahr 2013 mit rund 198 Mrd. Euro ein erneutes Rekordhoch, welches auch weiterhin allgemein unkritisch bejubelt wurde. Doch kaum jemand stellte die Frage, womit ein solcher Export-&Uuml;berhang im Gegenzug denn bezahlt werden soll. Diese Exporte verdr&auml;ngen auf ausl&auml;ndischen M&auml;rkten zunehmend die dort hergestellten Waren und entziehen damit den dortigen Volkswirtschaften die finanziellen M&ouml;glichkeiten, diese Importe zu begleichen. Aus Deutschland (und weiteren &Uuml;berschussl&auml;ndern) exportierte Waren senken so den Verkauf einheimischer Produkte, damit die dortige Besch&auml;ftigung, die Arbeitseinkommen, die Unternehmens- und die Steuereinnahmen. So wird aus der vielzitierten Konjunktur-Lokomotive sehr schnell eine Planierraupe.<\/p><p><strong>Wettbewerbsf&auml;higkeit mit Verstand<\/strong><\/p><p>Eine angemessene Wettbewerbsf&auml;higkeit ist an und f&uuml;r sich nichts Negatives. Doch, wie so h&auml;ufig im Leben, ist das richtige Ma&szlig; der springende Punkt. Kurzfristig kann eine zu wettbewerbsf&auml;hige Volkswirtschaft mit ihrem Handelsbilanz&uuml;berhang tempor&auml;r zwar toleriert werden. Aber schon mittelfristig ist es, auch im eigenen Interesse, zwingend notwendig, f&uuml;r eine ausgeglichene Bilanz von Import und Export zu sorgen, um den Partnern gen&uuml;gend Luft zum Atmen zu lassen. W&uuml;rde sich Deutschland darauf besinnen, die einheimische Nachfrage mittels einer deutlich erh&ouml;hten inl&auml;ndischen Massenkaufkraft zu steigern, k&ouml;nnte von der extremen Exportorientierung abgelassen werden, ohne der deutschen Wirtschaft Schaden zuzuf&uuml;gen. Parallel hierzu w&uuml;rden die ausl&auml;ndischen Volkswirtschaften in die Lage versetzt, in ihren L&auml;ndern selbst wieder so viele Werte zu produzieren, um sich nachhaltig zu stabilisieren. Eine unter diesen Pr&auml;missen ausgeglichene Handelsbilanz, als Ausdruck einer nicht zu &uuml;berm&auml;chtigen Wettbewerbsf&auml;higkeit, w&uuml;rde sowohl Deutschland als auch den L&auml;ndern des europ&auml;ischen Binnenmarktes zum Vorteil gereichen. Der jetzige Weg hingegen &ndash; das Dogma der Steigerung der Wettbewerbsf&auml;higkeit deutscher Unternehmen einerseits und die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18350\">Austeri&auml;tspolitik<\/a> mit katastrophaler Verarmung und Rekordarbeitslosigkeit in S&uuml;deuropa auf der anderen Seite &ndash; gleicht einem Rattenrennen mit best&auml;ndig sinkendem Niveau. Davon wird keine Seite profitieren, weder die Bev&ouml;lkerungen in Deutschland und den anderen &Uuml;berschussl&auml;ndern, noch die Menschen in den Defizitstaaten in S&uuml;deuropa.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Lutz Hausstein (45), Wirtschaftswissenschaftler, ist als Arbeits- und Sozialforscher t&auml;tig. In seinen 2010 und 2011 erschienenen Untersuchungen &bdquo;Was der Mensch braucht&ldquo; ermittelte er einen alternativen Regelsatzbetrag f&uuml;r die soziale Mindestsicherung. Er ist u.a. Ko-Autor des Buches &bdquo;Wir sind emp&ouml;rt&ldquo; der Georg-Elser-Initiative Bremen sowie Verfasser des Buches &bdquo;Ein Pl&auml;doyer f&uuml;r Gerechtigkeit&ldquo;.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/05b9d648b9834d09a76ffad721a7afb2\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaum ein Begriff beherrschte die Medienlandschaft der vergangenen Jahre bis heute so stark wie &bdquo;Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo;. Inzwischen gibt es kaum mehr eine Rede, Talkshow oder ein Interview, in dem der Begriff &bdquo;Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo; mit einem mahnenden oder fordernden Unterton nicht enthalten ist. 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