{"id":21980,"date":"2014-06-10T09:31:48","date_gmt":"2014-06-10T07:31:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21980"},"modified":"2019-07-23T10:19:59","modified_gmt":"2019-07-23T08:19:59","slug":"auch-erbarmen-geht-nicht-ohne-coca-cola-nun-engagiert-sich-der-getraenkekonzern-auch-in-der-armutsoekonomie-der-tafeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21980","title":{"rendered":"Auch Erbarmen geht nicht ohne Coca Cola &#8211; Nun engagiert sich der Getr\u00e4nkekonzern auch in der Armuts\u00f6konomie der \u201eTafeln\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Angesichts eines Werbeplakats im &ouml;ffentlichen Raum stellt sich mir die Frage, ob es eher gut oder schlecht ist, wenn die eigenen Thesen von der Wirklichkeit &uuml;berholt werden. Es handelt sich dabei um eine Anzeige von Coca Cola Deutschland in einer Zeitschrift, auf dem die Unterst&uuml;tzung der &bdquo;Tafeln&ldquo; erkl&auml;rt wird, zu denen der Konzern nun eine &bdquo;stolze Partnerschaft&ldquo; aufgenommen hat. <\/p><p>Tafeln? Das sind doch die inzwischen als &auml;u&szlig;erst ambivalent eingesch&auml;tzten &bdquo;Lebensmittelretter&ldquo;, die bundesweit immer mehr arme Hartz-IV-Empf&auml;nger, Langzeitarbeitslose, Rentner und  mancherorts sogar Studierende versorgen. Regelm&auml;&szlig;ig werden die Tafeln kritisiert, weil sie dazu beitragen, das Problem der Armut zu entpolitisieren. Armut, so der Kern der Kritik, entwickele sich durch die stetige Pr&auml;senz der Almosensysteme in diesem Land von einem politischen Skandal zu einer gesellschaftlich arrangierten Bed&uuml;rftigkeit. Und innerhalb der sich immer weiter ausdifferenzierenden neuen Armutsarrangements lassen sich auch Gewinne erwirtschaften. Armuts&ouml;konomie bedeutet, dass Armut zur (ver)handelbaren Ware wird. Von <strong>Stefan Selke<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21980#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nCoca Cola Deutschland ist einer dieser Akteure, die mit Armut noch gute Gesch&auml;fte machen. Es stimmt nachdenklich, wenn ein Markenunternehmen (Coca Cola) &ouml;ffentlich erl&auml;utert, warum es ein anderes Markenunternehmen (die &bdquo;Tafeln&ldquo;) unterst&uuml;tzt. Was also haben eine bekannte Zuckerbrause und ein bekanntes Almosensystem gemeinsam? Und warum wird f&uuml;r diese Gemeinsamkeit &ouml;ffentlich geworben?<\/p><p>Betrachten wir zun&auml;chst das Plakat und die Werbebotschaft. <\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140610_tafeln_cocacola.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140610_tafeln_cocacola_small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p>Das Bild zeigt eine kopflose Person, die einen Korb mit Lebensmitteln tr&auml;gt oder h&auml;lt. Nein, das ist wohl noch keine (un-)bewusste Symbolik, sondern vielleicht eher eine Art der Generalisierung von Helfern sowie der Tatsache geschuldet, dass unter dem Bild noch Platz f&uuml;r ungew&ouml;hnlich viel Text sein muss. Die Person ist mit einem grob karierten Hemd bekleidet, ein typischer &bdquo;Macherlook&ldquo;. Dieser Kleidungsstil signalisiert, dass bei &bdquo;Tafeln&ldquo; Menschen anpacken k&ouml;nnen und wollen. Die Tafeln werden ja allein schon deshalb als L&ouml;sung des Armutsproblems angesehen, weil hier ad-hoc geholfen wird, anstatt &bdquo;immer nur zu diskutieren&ldquo; (was den Kritikern gerne als Zynismus und Ferne zur Praxis unterstellt wird). Gleichwohl steht der pragmatische Aktionismus in einem merkw&uuml;rdigen Kontrast zur tadellosen Sauberkeit des Hemdes und der Sch&uuml;rze. Diese ist mit dem Markennamen, dem Logo und dem Claim (&bdquo;Essen, wo es hingeh&ouml;rt&ldquo;) der Tafeln bedruckt. Markennamen, Logo und Claim &ndash; das sind Attribute aus der Welt der Wirtschaftsunternehmen. Und in der Tat haben es die &bdquo;Tafeln&ldquo; geschafft, sich ihren Markennamen juristisch sch&uuml;tzen zu lassen, als Basis f&uuml;r die Monopolisierung des Armutsmanagements im Land.<\/p><p>&Uuml;brigens zeigt z.B. die crossmediale Installation von Manuel Schroeder im Rahmen des Kunstprojekts &bdquo;<a href=\"https:\/\/caritas.erzbistum-koeln.de\/caritas\/thema\/thema\/erbarmen-als-soziale-form.html\">Erbarmen als soziale Form<\/a>&ldquo;, dass sich der Spruch &bdquo;Essen, wo es hingeh&ouml;rt&ldquo; auch anders interpretieren l&auml;sst. Der K&uuml;nstler spr&uuml;hte diesen Satz mittels einer Schablone an ganz tafeluntypische Orte im K&ouml;lner Stadtbild, um zum Nachdenken &uuml;ber Armut und die neuen Formen des Erbarmens anzuregen. <\/p><p>Zur&uuml;ck zum Plakat: Darauf sehen wir eine Kiste mit Lebensmitteln, die so nach Biss und Geschmack aussehen, dass man sich unwillk&uuml;rlich fragt, warum man selbst eigentlich nicht zur Tafel geht. Der Wirklichkeitssinn des Betrachters wird hier &uuml;berstrapaziert. In der einen Ecke der Kiste eine Flasche &bdquo;Apollinaris Classic&ldquo;, in der anderen eine Flasche &bdquo;Coca-Cola&ldquo;. &bdquo;Weil zum Essen auch Trinken geh&ouml;rt&ldquo; lesen wir auf dem Plakat und dann erfahren wir die eigentlichen Zusammenh&auml;nge: &bdquo;Tafeln&ldquo; w&uuml;rden eine &bdquo;wichtige soziale Aufgabe&ldquo; erf&uuml;llen und das schon so lange und so gut, dass Coca Cola Deutschland &bdquo;gerne Partner der Tafeln&ldquo; sei. Dies passt ganz gut ins eigene Werbeimage. Coca Cola &bdquo;ist f&uuml;r alle da&ldquo; &ndash; diese Unternehmensphilosophie macht einerseits das Engagement f&uuml;r die &bdquo;Tafeln&ldquo; m&ouml;glich, aber auch eine Verbreiterung der Zielgruppe &bdquo;nach unten&ldquo;. Bei 3,8 Milliarden Litern Absatzvolumen (2013) der konzerneigenen Fl&uuml;ssigkeiten werden nicht nur ein paar Flaschen Cola f&uuml;r die Tafeln &uuml;brig bleiben, sondern es werden wohl noch ganz neue Zielgruppen niedrigschwellig erreicht. <\/p><p>Denn genau das leisten die &bdquo;Tafeln&ldquo; ja ganz hervorragend: F&uuml;r alle diejenigen, die sich an die Armen dieses Landes heranpirschen wollen, um ihnen auch noch den letzten Cent aus der Tasche zu ziehen oder eine der vielen kreativen Hilfsma&szlig;nahmen zukommen zu lassen, ist das bestens institutionalisierte und vernetzte Almosensystem die perfekte Plattform und Zugangsm&ouml;glichkeit. &bdquo;Tafeln&ldquo; sind einerseits ein moralisches Unternehmen, das Firmen wie z.B. Coca Cola gerne hilft, das Umverteilen ihrer Produkte als Teil ihrer &bdquo;gelebten Verantwortung&ldquo; ausweisen zu k&ouml;nnen (z.B. in ihren sog. Nachhaltigkeitsberichten). Sie sind andererseits aber auch Teil einer Armuts&ouml;konomie, in der die Armen gnadenlos ausnutzt werden, weil Armut (wie auch das Soziale) nur noch nach &ouml;konomischen Ma&szlig;st&auml;ben behandelt und damit kommodifiziert (zur Ware (WL)) wird. Abgesehen davon, wird man sich trefflich dar&uuml;ber streiten k&ouml;nnen, ob die kostenlose Abgabe von Zuckerwasser an Arme eher eine Form der Verwirklichung von &bdquo;sozialer Teilhabe&ldquo; darstellt, oder ob damit ungesunde Lebensverh&auml;ltnisse und Erbarmen noch weiter zementiert werden.<\/p><p>So gesehen ist es nur konsequent, dass sich in Deutschland die erste &bdquo;Initiative gegen Armutshandel&ldquo; gr&uuml;ndet, die genau diese Warenwerdung von Armut anprangert. Beides, die perfekt inszenierte Partnerschaft eines Konzerns wie Coca Cola mit einem Sozialkonzern im Kontext einer wenig nachhaltigen &bdquo;Goodwill-Industrie&ldquo; sowie die Proteste gegen die Ums&auml;tze mit und durch Armut best&auml;tigen eine These, die ich in meinem Buch &bdquo;Schamland&ldquo; aufstelle: Mittlerweile ist es zu einer perfekten Dauersynchronisation der Interessen von Politik, Wirtschaft und &bdquo;Tafeln&ldquo; gekommen, die mit ihren Pr&auml;missen und Angeboten aufeinander verweisen, wobei sich die eigentlich angestrebte &bdquo;gesellschaftliche Verantwortung&ldquo; verfl&uuml;chtigt. Wenn Coca Cola die Lauf-App &bdquo;Miles for Meals&ldquo; sponsert, einen Hilfsfond einrichtet oder als Gro&szlig;-Caterer beim &bdquo;Deutschen Tafel-Tag&ldquo; auftritt, dann zeigt sich einmal mehr, dass wir im Zeitalter der inszenierten Solidarit&auml;t angekommen sind. Es ist heutzutage einfacher geworden, &ouml;ffentliche Sympathie f&uuml;r rituelle Armutslinderung zu erhalten, als politische Legitimation f&uuml;r nachhaltige Armutsbek&auml;mpfung durch Realpolitik. Und es wird sicher nicht bei Coca Cola bleiben. Der Resonanzraum der Markentafeln sind die Markenfirmen dieses Landes. Dort wird die eigentliche Botschaft der &bdquo;Tafeln&ldquo; sehr gut verstanden. Firma um Firma wird dazukommen, auf den Zug aufspringen und sich dem Reiz des &bdquo;Social Washing&ldquo; mit einer inzwischen kaum mehr zu &uuml;bertreffenden Perfektion hingeben. Und bei Coca Cola wird sie auch gleich im firmeneigenen Claim gespiegelt: &bdquo;Mehr Wert f&uuml;r Sie&ldquo;. Gemeint ist wohl eher Mehrwert im Sinne von mehr Umsatz.<\/p><p>Wertvoller w&auml;re es, wenn in den Firmen selbst mehr soziale Verantwortung gelebt w&uuml;rde &ndash; dann g&auml;be es auch weniger Menschen, die als &bdquo;Kunden&ldquo; die &bdquo;Tafeln&ldquo; und &auml;hnliche Almosensysteme aufsuchen m&uuml;ssen. Denn es gibt einen Zusammenhang zwischen dem eigentlich asozialen Verhalten in der neoliberalen Sph&auml;re dieser Gesellschaft, den zahlreichen euphemistisch als &bdquo;Freisetzungsprozessen&ldquo; titulierten Katastrophen unter dem Diktat vermeintlich &ouml;konomischer Sachzw&auml;nge sowie dem Auftreten von &bdquo;Tafeln&ldquo; und anderen eigentlich vormodernen armutslindernden Systemen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Vielleicht sollte der Spruch &bdquo;Weil zum Essen auch Trinken geh&ouml;rt&ldquo; einfach in &bdquo;Weil zur Gerechtigkeit auch das Soziale geh&ouml;rt&ldquo; umge&auml;ndert werden. Aber das schafft wohl keinen Mehrwert mehr &ndash; zumindest glaubt (fast) niemand mehr daran. Und das ist die eigentliche Katastrophe &ndash; politisch, sozial und humanit&auml;r. So gesehen w&auml;re es mir wirklich lieber, ich w&uuml;rde mich mit meinen Thesen irren, anstatt diese durch immer neue Projekte best&auml;tigt zu sehen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Autor:<br>\nAls &ouml;ffentlicher Soziologe und Professor f&uuml;r &bdquo;Gesellschaftlichen Wandel&ldquo; lehrt und forscht Stefan Selke an der Hochschule Furtwangen im Schwarzwald. 2013 gr&uuml;ndete er das &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.aktionsbuendnis20.de\">Kritische Aktionsb&uuml;ndnis 20 Jahre Tafeln<\/a>&ldquo;.<br>\nAktuelle Publikation zum Thema: <a href=\"http:\/\/www.ullsteinbuchverlage.de\/nc\/buch\/details\/schamland-9783430201520.html\">Schamland. Die Armut mitten unter uns.<\/a> ECON: Berlin, 2013. <\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angesichts eines Werbeplakats im &ouml;ffentlichen Raum stellt sich mir die Frage, ob es eher gut oder schlecht ist, wenn die eigenen Thesen von der Wirklichkeit &uuml;berholt werden. 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