{"id":22001,"date":"2014-06-10T19:25:09","date_gmt":"2014-06-10T17:25:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22001"},"modified":"2015-10-23T15:50:47","modified_gmt":"2015-10-23T13:50:47","slug":"wie-meinungsmache-funktioniert-oder-wie-man-aus-dem-vertreter-einer-steueroase-die-hoffnung-europas-machen-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22001","title":{"rendered":"Wie Meinungsmache funktioniert. Oder: Wie man aus dem Vertreter einer Steueroase die Hoffnung Europas machen kann."},"content":{"rendered":"<p>Am 6. Juni erschien ein Aufruf von Wissenschaftlern und anderen Prominenten zur Wahl von Jean-Claude Juncker zum Kommissionspr&auml;sidenten. (Siehe den Text des Aufrufs und die Liste der Unterzeichner im Anhang.) Unterzeichnet haben auch Personen, die man normalerweise dem fortschrittlichen Lager zurechnet: Habermas, Horn, Offe zum Beispiel. Sie haben sich offenbar mit dem Kandidaten nicht n&auml;her besch&auml;ftigt. Juncker ist nett, aber er ist mit Banken und gro&szlig;en Medieninteressen verfilzt und auch noch der Geburtshelfer einer der gr&ouml;&szlig;ten Steueroasen. F&uuml;r ihn mit dem Argument zu streiten, er sei der Spitzenkandidat der siegreichen Europ&auml;ischen Volkspartei und deshalb gebiete der demokratische Anstand, ihn zum Pr&auml;sidenten der Kommission zu machen, ist ziemlich komisch. Damit, dass als fortschrittlich geltende Personen, den Aufruf unterschrieben haben, passiert das, was wir auch schon bei der Durchsetzung der Agenda 2010 und der Privatisierung der Altersvorsorge erlebt haben. Als einigerma&szlig;en links geltende Personen wie etwa R&uuml;rup und Walter Riester zur Unterst&uuml;tzung neoliberaler Interessen zu gewinnen, ist hilfreicher als die Unterst&uuml;tzung von Personen, denen man solche Ideen sowieso zutraut. Von <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>Werner R&uuml;gemer hat unter dem Titel &bdquo;Meister der Hintertreppe&ldquo; eine Reihe von wichtigen Einzelheiten zur Beurteilung der Person und der Politik Junckers zusammengetragen und ver&ouml;ffentlicht.<\/strong><\/p><p>Siehe hier in der <a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2014\/05-08\/042.php\">junge Welt vom 08.05.2014<\/a>. Es w&auml;re den Unterzeichnern des Aufrufs zu empfehlen, diesen Text wenigstens nachtr&auml;glich zu lesen. Dort wird nicht nur beschrieben und belegt, welche f&ouml;rdernde Rolle Juncker f&uuml;r die Banken und die Spekulanten, f&uuml;r die Anerkennung von Hedgefonds und Private-Equity-Fonds in der Europ&auml;ischen Union gespielt hat. Werner R&uuml;gemer erinnert auch an die Rolle Luxemburgs unter der &Auml;gide Junckers bei der Durchsetzung der Kommerzialisierung des Fernsehens in Deutschland. Weil ich damals im Kanzleramt den Widerstand gegen die Kommerzialisierung ein ganzes St&uuml;ck weit mitgestaltet habe, weis sich noch sehr genau, welche unsch&ouml;ne Rolle Luxemburg im Verein mit Bertelsmann bei der Zerst&ouml;rung unserer einigerma&szlig;en vern&uuml;nftigen Medienordnung gespielt hat. <\/p><p>Wenn jetzt die Unterzeichner f&uuml;r den Luxemburger Politiker und Spitzenkandidaten der europ&auml;ischen Christdemokraten und Konservativen Juncker gerade mit dem Argument werben, hier gehe es um Respekt vor der Demokratie, dann kann ich nur lachen. Junckers Luxemburg hat einen wichtigen Beitrag zur Erosion demokratischer Willensbildung in der Bundesrepublik Deutschland geleistet. Und sie haben das mit allen Mitteln versucht und geschafft und der Rand kr&auml;ftig verdient.<\/p><p><strong>Formal-demokratische Argumentation der Unterzeichner<\/strong><\/p><p>Die Unterzeichner des Aufrufs rufen die Mitglieder des Europ&auml;ischen Parlaments &bdquo;dazu auf, sich um den Kandidaten zu versammeln, dessen Partei die meisten Sitze erlangen konnte. Die europ&auml;ische Volkspartei ist aus den Wahlen als st&auml;rkste Parteiengruppe hervorgegangen. Der europ&auml;ische Rat sollte somit nun den Kandidaten der EVP vorschlagen: Jean-Claude Juncker.&ldquo; So hei&szlig;t es im Aufruf. Das kann man ja so sehen. In einigen europ&auml;ischen L&auml;ndern gilt die Regel, dass der Spitzenkandidat der st&auml;rksten Partei mit der Regierungsbildung beginnt. Aber bei uns gilt das zum Beispiel nicht. Bei uns sind Koalitionen m&ouml;glich, auch gegen die st&auml;rkste Partei. Und dazu h&auml;tte man ja auch aufrufen k&ouml;nnen.<\/p><p>Hinzu kommt noch das schwache Ergebnis f&uuml;r jene Partei, die jetzt bestimmen soll, wer der Kommission vorsitzt. Die christlich-demokratische Parteienfamilie kam in der gesamten EU auf 28,23 Prozent der Stimmen und damit deutlich weniger als 2009 (35,77). Es folgen die Sozialisten mit 24,77 Prozent. &ndash; Wegen 28,23 % und noch dazu f&uuml;r einen Kandidaten der Finanzwirtschaft und der Steueroasen einen solchen Aufwand zu betreiben, wie es der Aufruf darstellt, ist schon beachtlich.<\/p><p>Der Vorgang zeigt auch, wie bescheiden es um die Intellektuellen in Europa steht. Immerhin geh&ouml;ren mit J&uuml;rgen Habermas, Ulrich Beck, Costas Simitis, Tony Giddens und Paul De Grauwe einige Pers&ouml;nlichkeiten zu den Unterzeichnern, die man als Repr&auml;sentanten des geistigen Lebens bezeichnen k&ouml;nnte. Umso trauriger, dass sie einen solchen Aufruf unterzeichnet haben.<\/p><p><strong>Anhang:<\/strong><\/p><p><strong>Der Aufruf im Wortlaut:<\/strong><\/p><blockquote><p><strong>Europas demokratisches Moment<\/strong><\/p>\n<p>Der Vertrag von Lissabon sieht vor, dass der Europ&auml;ische Rat einen Kandidaten f&uuml;r das Amt des Kommissionspr&auml;sidenten vorschl&auml;gt und dabei &ldquo;das Ergebnis der Wahlen zum Europ&auml;ischen Parlament&rdquo; ber&uuml;cksichtigt. Er f&uuml;gt hinzu: &ldquo;Das Europ&auml;ische Parlament w&auml;hlt diesen Kandidaten mit der Mehrheit seiner Mitglieder.&rdquo;<\/p>\n<p>Als die Regierungen der Europ&auml;ischen Union diese Worte im EU-Vertrag festschrieben, wurde dies weithin als ein w&uuml;nschenswerter Bruch mit der Vergangenheit anerkannt, da von nun an die Besetzung des einflussreichsten exekutiven Amtes der EU in einer offeneren und demokratischeren Weise stattfinden sollte.<\/p>\n<p>Wir finden es unredlich, zu behaupten &ndash; wie von einigen Regierungschefs getan &ndash;, dass diese Vertrags&auml;nderungen heute ohne Bedeutung seien. Ihr Anspruch ist, als Staats- und Regierungschefs den Kommissionspr&auml;sidenten auszuw&auml;hlen und dass das Europ&auml;ische Parlament diese Wahl lediglich zu ratifizieren habe. Das Parlament h&auml;tte bei dieser Interpretation ein Vetorecht, jedoch kein Vorschlagsrecht.<\/p>\n<p>Die gr&ouml;&szlig;ten politischen Parteien haben sich vor der Europawahl mit der Wahl von Spitzenkandidaten f&uuml;r das Amt des Kommissionspr&auml;sidenten einer anderen Sichtweise angeschlossen. Aus dieser Perspektive muss der Europ&auml;ische Rat das Ergebnis der Wahl ber&uuml;cksichtigen. Die europ&auml;ischen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger h&auml;tten somit ein Wort mitzureden bei der Ernennung des Pr&auml;sidenten der Kommission, die nach wie vor als einziges EU-Organ Vorschl&auml;ge f&uuml;r europ&auml;ische Gesetze unterbreiten kann.<\/p>\n<p>Die erste Sichtweise st&auml;rkt die Wahrnehmung, dass &ldquo;Br&uuml;ssel&rdquo; Entscheidungen f&auml;llt, &uuml;ber die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger keine Kontrolle aus&uuml;ben k&ouml;nnen. Die alternative Sichtweise zielt darauf ab, Souver&auml;nit&auml;t den europ&auml;ischen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern zur&uuml;ckzugeben. Sie strebt es an, die &uuml;berh&ouml;hte Macht des Europ&auml;ischen Rates durch ein demokratisch gew&auml;hltes Europ&auml;isches Parlament auszugleichen.<\/p>\n<p>Im Geiste des neuen Vertrages haben Europas Parteienfamilien vor der Wahl Kandidaten f&uuml;r das Amt des Kommissionspr&auml;sidenten nominiert. Diese Kandidaten haben auf dem ganzen Kontinent einen engagierten Wahlkampf gef&uuml;hrt. Es wurden mehrere TV-Debatten veranstaltet, und die Medien haben sich mit den Kampagnen der Kandidaten auseinandergesetzt. Dar&uuml;ber hinaus, und dies ist entscheidend, haben die Kandidaten &uuml;ber die Ausrichtung der Europ&auml;ischen Union gestritten. Kurz gesagt: Dies war die Geburt demokratischer Politik in der EU.<\/p>\n<p>Dieses System ist in der Tat nicht perfekt. Nichtsdestotrotz war es ein ermutigender Beginn. Der demokratische Prozess, der in Gang gekommen ist, muss gest&auml;rkt werden und wird mit der Zeit europ&auml;ische B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger dazu bef&auml;higen, sich mit EU-Politik intensiver und besser auseinanderzusetzen, als dies bis jetzt der Fall war.<\/p>\n<p>Wir rufen die Staats- und Regierungschefs deshalb dazu auf, diesen neuen demokratischen Prozess nicht schon bei seiner Geburt zu begraben. Wir rufen die Mitglieder des Europ&auml;ischen Parlaments dazu auf, sich um den Kandidaten zu versammeln, dessen Partei die meisten Sitze erlangen konnte. Die Europ&auml;ische Volkspartei ist aus den Wahlen als st&auml;rkste Parteiengruppe hervorgegangen. Der Europ&auml;ische Rat sollte somit nun den Kandidaten der EVP vorschlagen: Jean-Claude Junker.<\/p>\n<p>Dies w&uuml;rde dem Geiste des neuen Vertrags gerecht, und es w&auml;re im Einklang mit der Art und Weise, wie die Wahl des h&ouml;chsten exekutiven Amts in den meisten unserer nationalen Verfassungen festgeschrieben ist: Nach einer Wahl l&auml;dt der Pr&auml;sident oder Monarch den Kandidaten der gr&ouml;&szlig;ten Partei dazu ein, den ersten Versuch zu unternehmen, eine Mehrheit auf sich zu vereinen.<\/p>\n<p>Jemand anderes als Jean-Claude Juncker vorzuschlagen k&auml;me einer Ablehnung der Fortschritte in den Vertr&auml;gen gleich. Es w&uuml;rde zudem die ohnehin unsichere demokratische Grundlage der EU weiter aush&ouml;hlen &ndash; und somit Europaskeptiker auf dem ganzen Kontinent st&auml;rken.<\/p>\n<p>Stefan Collignon<br>\nSimon Hix<br>\nJ&uuml;rgen Habermas<br>\nCostas Simitis<br>\nLorenzo Bini Smaghi<br>\nTony Giddens<br>\nClaus Offe<br>\nUllrich Beck<br>\nHans-Werner Sinn<br>\nChristian Lequene<br>\nBrian Unwin<br>\nAntonio Padoa Schioppa<br>\nSebastian Dullien<br>\nUlrich Preuss<br>\nNadia Urbinati<br>\nRoberto Castaldi<br>\nEttore Greco<br>\nLucio Levi<br>\nGianfranco Pasquino<br>\nEnrico Calossi<br>\nMassimilano Guderzo<br>\nGiuseppe Martinico<br>\nFrancesco Gui<br>\nDaniela Schwarzer<br>\nFlavio Brugnoli<br>\nGraham Bishop<br>\nBernard Steunenberg<br>\nGustav Horn<br>\nGraham Avery<br>\nKarl Kaiser<br>\nPaul Jaeger<br>\nJohn Loughlin<br>\nLeila Simona Talani<br>\nFrancisco Pereira Coutinho<br>\nJer&oacute;nimo Maillo<br>\nEdoardo Bressanelli<br>\nMario Tel&ograve;<br>\nPiero Graglia<br>\nBertrand de Maigret<br>\nSt&eacute;phanie Novak<br>\nAnnabelle Laferr&egrave;re<br>\nMatej Avbelj<br>\nSteven Hasleler<br>\nPaul De Grauwe<br>\nSebastian Diessner<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 6. Juni erschien ein Aufruf von Wissenschaftlern und anderen Prominenten zur Wahl von Jean-Claude Juncker zum Kommissionspr&auml;sidenten. (Siehe den Text des Aufrufs und die Liste der Unterzeichner im Anhang.) Unterzeichnet haben auch Personen, die man normalerweise dem fortschrittlichen Lager zurechnet: Habermas, Horn, Offe zum Beispiel. Sie haben sich offenbar mit dem Kandidaten nicht n&auml;her<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22001\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,136,22,11,190],"tags":[1600,685],"class_list":["post-22001","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-banken-boerse-spekulation","category-europaische-union","category-strategien-der-meinungsmache","category-wahlen","tag-eu-parlament","tag-juncker-jean-claude"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22001","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22001"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22001\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22003,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22001\/revisions\/22003"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22001"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22001"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22001"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}