{"id":2202,"date":"2007-03-23T10:22:13","date_gmt":"2007-03-23T09:22:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2202"},"modified":"2016-01-10T11:30:46","modified_gmt":"2016-01-10T10:30:46","slug":"die-zerstorung-wichtiger-sozialer-errungenschaften-gegen-den-wunsch-der-mehrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2202","title":{"rendered":"Die Zerst\u00f6rung wichtiger sozialer Errungenschaften gegen den Wunsch der Mehrheit"},"content":{"rendered":"<p>Der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael H&uuml;ther, kommentierte die Verabschiedung der Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre mit folgenden Worten: &bdquo;F&uuml;r die Investoren ist entscheidend, dass es der Regierung gelungen ist, ein Projekt gegen die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung durchzusetzen.&ldquo; (dpa\/Der Tagesspiegel vom 10.3.2007) Das k&ouml;nnte das Wort des Jahres werden.<br>\nEs ist typisch daf&uuml;r, wie die herrschenden neoliberalen Kreise ihre Arbeit verstehen. Sie zerst&ouml;ren eine wichtige soziale Einrichtung und Regelung nach der anderen und f&uuml;hlen sich dabei auch noch als Wohlt&auml;ter des Ganzen.<br>\n<!--more--><br>\nF&uuml;r das konkrete Beispiel der Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters gilt: Man kann diese politische Entscheidung in einer Zeit, die gekennzeichnet davon ist, dass 50j&auml;hrige aus dem Arbeitsleben ausgesondert werden, nur verstehen, wenn man bedenkt, dass die Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters den heute Vierzigj&auml;hrigen und den noch J&uuml;ngeren signalisiert, sie m&uuml;ssen eine K&uuml;rzung ihrer Rente um zweimal 3,6% hinnehmen, wenn sie mit 65 in Rente gehen wollen. Die Entscheidung von Anfang M&auml;rz war eine weitere politische Entscheidung zur Zerst&ouml;rung des Vertrauens in die gesetzliche Rente.<\/p><p>Das gleiche haben wir in Bezug auf die Arbeitslosenversicherung mit der Verabschiedung von Hartz IV erlebt. Die damit verbundene Entscheidung, ein echtes Arbeitslosengeld nur noch f&uuml;r ein Jahr nach Beginn der Arbeitslosigkeit zu zahlen, betrifft n&auml;mlich nicht nur die direkt davon betroffenen Arbeitslosen. Diese Entscheidung hat dar&uuml;ber hinaus den noch Arbeitenden das Gef&uuml;hl und das Wissen genommen, im Falle der Arbeitslosigkeit wenigstens nicht in kurzer Frist auf das Niveau der Sozialhilfe zu fallen &ndash; mit aller Konsequenz f&uuml;r die Aufl&ouml;sung des Angesparten, f&uuml;r die soziale Verankerung und das Wohnumfeld. Hartz IV betrifft Millionen und wirkt sich bis hinein in die Betriebe und die gewerkschaftliche Arbeit aus.<br>\nAuch die Zerst&ouml;rung dieser wichtigen Einrichtung Arbeitslosenversicherung ist gegen die Mehrheit der Menschen und ihre Interessen und W&uuml;nsche verabschiedet worden.<\/p><p>Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ist &uuml;brigens vor allem aus dem Motiv heraus gegr&uuml;ndet worden, die Entscheidungen der herrschenden Kreise gegen die W&uuml;nsche und Interessen der Mehrheit propagandistisch abzusichern. Zu den Hintergr&uuml;nden zitiere ich aus meinem Buch &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; eine l&auml;ngere Passage von Seite 65f.:<\/p><p><strong>Revolution von oben<\/strong><br>\nDer Stern berichtete am 18. Dezember 2003 &uuml;ber einen Vorgang, den er die &raquo;Revolution von oben&laquo; nennt: Der Pr&auml;sident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Martin Kannegiesser, las 1999 in einer Allensbach-Umfrage, dass 67 Prozent der Befragten mit dem Wort &raquo;Reformen&laquo; keine herrlichen Aussichten, sondern &raquo;Bef&uuml;rchtungen&laquo; und &raquo;Skepsis&laquo; verbinden. Kannegiessers Fazit &ndash; so der Stern: &raquo;Das, was die Bev&ouml;lkerung will, und das, was die F&uuml;hrungskr&auml;fte in der Wirtschaft f&uuml;r notwendig hielten, klaffte himmelweit auseinander.&laquo;<br>\n&raquo;Was sollte der Boss der Metall-Arbeitgeber tun? Aufgeben? Alle Hoffnungen fahren lassen, dass Rot-Gr&uuml;n einen wirtschaftsfreundlichen Kurs einschl&auml;gt? Gar auswandern, seine Waschmaschinenfirma gleich mit nach Asien verlagern? Oder hier bleiben und sich ein anderes Volk suchen?&laquo; fragte der Stern und fuhr fort: &raquo;&hellip; Kannegiesser entschied sich f&uuml;r letzteres. Weil man 82 Millionen Menschen nicht einfach auswechseln kann, griff er zu einer List. Er wollte die Leute ein bisschen umerziehen. &rsaquo;Aufkl&auml;ren&lsaquo;, nennt er das. Ihnen mit schlauen Parolen die Notwendigkeit von radikalen Reformen einh&auml;mmern, sie mit Plakaten, Anzeigen und TV-Spots &uuml;bersch&uuml;tten, auf dass die Leute die W&uuml;nsche der Wirtschaft als ihre eigenen begreifen.&laquo;<br>\nDie Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft wurde gegr&uuml;ndet und Hans Tietmeyer zum Kuratoriumsvorsitzenden gemacht. -Einige andere Herren, wie der Unternehmensberater Roland Berger, der fr&uuml;here Pr&auml;sident des Bundesverbands der Deutschen -Industrie Hans-Olaf Henkel und der ehemalige Bundespr&auml;sident Roman Herzog, machten ebenfalls mit oder gr&uuml;ndeten &auml;hnlich gelagerte Initiativen und Organisationen. Der Stern schreibt: &raquo;Es ist eine au&szlig;erparlamentarische Opposition von oben. Angef&uuml;hrt von alten M&auml;nnern (&hellip;) Die Old Boys wollen die K&ouml;pfe und Herzen der Bev&ouml;lkerung ver&auml;ndern und sie zu Wirtschaftsreformen &uuml;berreden. Dabei ist die Agenda 2010 f&uuml;r sie erst der Anfang eines viel weiter gehenden Abbaus sozialer Leistungen wie Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe. Ihr Einfluss geht mittlerweile so weit, dass von Sabine Christiansen bis Maybrit Illner keine Talkshow mehr ohne sie auskommt. Die Finanziers der Propaganda bleiben dabei gern im Hintergrund.&laquo;<br>\nUnd wirklich: Die Revolution von oben, die Umerziehung des Volkes erfolgt heute nicht mit Bajonetten und soldatischem Drill, nicht mit Gewalt, sondern auf sehr sanfte Weise, mit Mitteln der &Ouml;ffentlichkeitsarbeit und der Einflussnahme auf die Organe der politischen Willensbildung, auf die Parteien und die Medien. Aber es ist offenbar sehr schwierig, die &raquo;K&ouml;pfe und Herzen der -Bev&ouml;lkerung&laquo; zu ver&auml;ndern, wenn die Erfahrungen des Volkes dem Ver&auml;nderungswunsch widersprechen. Jedenfalls waren die Revolution&auml;re von oben mit ihrer Gehirnw&auml;sche bislang nicht sonderlich erfolgreich. Das Volk ist bockbeinig. Nach einer Umfrage der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen vom Anfang April 2004 hielten 64 Prozent der Deutschen die Schritte der &raquo;Agenda 2010&laquo; f&uuml;r falsch &ndash; mehr als im Februar mit 55 Prozent. In den Eliten von Interessenverb&auml;nden und Parteien wundert man sich und gr&auml;mt sich &uuml;ber die mangelnde Einsicht des Volkes. Mit Unverst&auml;ndnis hat man deshalb die gro&szlig;en Demonstrationen in Berlin, K&ouml;ln und Stuttgart verfolgt, wo insgesamt 500 000 gegen die Reformpolitik und f&uuml;r die Erhaltung des sozialstaatlichen Charakters unseres Landes demonstriert haben.<br>\nBei ihrem Versuch, das Volk umzuerziehen, liegt also noch ein weiter Weg vor den Eliten. &Uuml;ber die Diskrepanz zwischen Eliten und Volk hat der Stern mit dem Unternehmensberater Roland Berger gesprochen: &raquo;Berger findet es klasse, dass &uuml;berall nun -radikalliberale Konvente und Initiativen entstehen und die Reformbereitschaft der Bev&ouml;lkerung anheizen. &rsaquo;Das zeigt doch auch, dass immer mehr B&uuml;rger mit den gegenw&auml;rtigen Verh&auml;ltnissen unzufrieden sind.&lsaquo; B&uuml;rger? Oder sind das eher Eliten, die da eine andere Republik propagieren? Berger kontert: &rsaquo;Die Tatsache, dass es Eliten sind, die Dinge in Bewegung bringen, ist doch nicht neu. Es gibt keine Revolution, die nicht von der Elite ausging. Auch Lenin war Elite.&lsaquo;&laquo;<\/p><p><strong>Interessen im Hintergrund<\/strong><br>\nHinter dem Dr&auml;ngen auf Strukturreformen stecken massive Interessen. Wenn zum Beispiel die gesetzliche Rentenversicherung -erg&auml;nzt und Schritt f&uuml;r Schritt ersetzt wird durch private Lebensversicherungen und Pensionsfonds, dann k&ouml;nnen Versicherungswirtschaft und Banken ihr Gesch&auml;ft betr&auml;chtlich ausdehnen. Es geht um Milliarden. Wenn nur 10 Prozent des Umsatzes der staatlichen Rentenversicherung umgelenkt werden k&ouml;nnen, gewinnt die private Versicherungswirtschaft j&auml;hrliche Umsatzzuw&auml;chse von etwa 15 Milliarden Euro (vergleiche Denkfehler Nr. 5, 6 und 7, S. 104, 115 und 126). Und wenn die sogenannte Kopfpauschale in der Krankenversicherung eingef&uuml;hrt wird und die Elemente -solidarischen Ausgleichs, die heute zu einer Mitfinanzierung von Kindern und Familienangeh&ouml;rigen &uuml;ber die Krankenkassenbeitr&auml;ge f&uuml;hren, nicht mehr z&auml;hlen, werden sich Menschen ohne Familie -massenhaft privat krankenversichern. Am Ende steht dann vermutlich die totale Privatisierung der Krankenversicherung, weil die gesetzlichen Krankenkassen als Sammelbecken schlechter -Risiken immer teurer und unattraktiver werden. In der &Ouml;ffentlichkeit kommen diese Interessenverflechtungen mit gutem Grund nicht zur Sprache.<br>\nHinter den Attacken auf den Sozialstaat, auf die Tarifautonomie und die angeblich zu hohen L&ouml;hne stecken Meinungsf&uuml;hrer aus der Wirtschaft. Sie haben Interesse an einem schwachen K&uuml;ndigungsschutz, an Niedrigl&ouml;hnen und geringeren Sozialleistungen. Nicht alle Unternehmer sehen das so. Aber die einflussreiche Mehrheit wohl schon.<br>\nAn Privatisierungen von ehemals staatlichen Unternehmen wird kr&auml;ftig verdient &ndash; manche der privaten Erwerber ergattern ein Schn&auml;ppchen, andere wie die Banken und die Broker, die -gro&szlig;en Beratungsunternehmen und die Wirtschaftsanw&auml;lte verdienen an Provisionen und &uuml;ppigen Beraterhonoraren.<br>\nSo kommen mehrere Interessen zusammen. Sie st&uuml;tzen die Reformdebatte, sie heizen sie an bis hin zur Forderung nach einem Systemwechsel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael H&uuml;ther, kommentierte die Verabschiedung der Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre mit folgenden Worten: &bdquo;F&uuml;r die Investoren ist entscheidend, dass es der Regierung gelungen ist, ein Projekt gegen die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung durchzusetzen.&ldquo; (dpa\/Der Tagesspiegel vom 10.3.2007) Das k&ouml;nnte das Wort des Jahres werden.<br \/> Es ist<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2202\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[128,123,39],"tags":[282,312,301],"class_list":["post-2202","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-insm","category-kampagnentarnworteneusprech","category-rente","tag-buergerproteste","tag-reformpolitik","tag-rentenalter"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2202","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2202"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2202\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30094,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2202\/revisions\/30094"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2202"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2202"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2202"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}