{"id":2206,"date":"2007-03-26T08:26:07","date_gmt":"2007-03-26T07:26:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2206"},"modified":"2016-01-10T11:27:37","modified_gmt":"2016-01-10T10:27:37","slug":"innenansichten-pharmareferenten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2206","title":{"rendered":"Innenansichten: Pharmareferenten"},"content":{"rendered":"<p>Die Versprechen, die mit der Gesundheitsreform gegeben worden sind, sind vor allem mehr Qualit&auml;t, mehr Effizienz und damit Kosteneinsparung. Ergebnisse sind: h&ouml;here Krankenkassenbeitr&auml;ge, mehr Zuzahlung bei Medikamenten und &ndash; wenn das immer noch nicht reicht &ndash; pauschale Zusatzbeitr&auml;ge. Gespart werden soll auch bei den Krankenh&auml;usern und bei den &Auml;rzten. Die Pharmaindustrie blieb bei der &bdquo;Reform&ldquo; weitgehend au&szlig;en vor. Mit diesem Beitrag wollen wir uns mit der Pharmaindustrie, speziell mit deren Marketingkosten f&uuml;r Pharmareferenten besch&auml;ftigen. Einer unserer Leser, der Insider ist, gibt uns einen Einblick in das Innen- und Alltagsleben von Pharmareferenten.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Pharmareferenten<\/strong><\/p><p>Die Pharmaindustrie besch&auml;ftigt rd. 16.000 bis 18.000 Pharmareferenten. Diese lassen sich grob unterteilen in<\/p><ul>\n<li>Referenten f&uuml;r niedergelassene &Auml;rzte<\/li>\n<li>Klinikreferenten<\/li>\n<\/ul><p>Gesamt dann wiederum in<\/p><ul>\n<li>Festangestellte<\/li>\n<li>Bei &bdquo;Verleihfirmen&ldquo; wie z. B. Pharmex, Innovex, Careforce etc. Angestellte.<\/li>\n<\/ul><p>Unterscheidungsmerkmal hier ist, dass Festangestellte ein weitaus h&ouml;heres Gehalt und eine weitaus bessere Ausstattung (z.B. Auto) haben.<\/p><p>Die Pharmareferenten haben i.d.R. KEINE Verantwortung f&uuml;r Umsatz. Das ist z.B. im Klinikbereich den Key-Accountern &uuml;berlassen, die entsprechende Abschl&uuml;sse mit Kliniken oder deren Einkaufsorganisationen abschlie&szlig;en.<br>\nDer Pharmareferent ist lediglich ein sprechendes Marketingmaterial. <\/p><p>Aufgabe der Pharmareferenten ist es, den Arzt dazu zu bringen, das Medikament &bdquo;zum Wohle des Patienten&ldquo; zu verschreiben, bzw. in der Klinik zum Einsatz zu bringen.<br>\nEs entsteht durch die Arbeit der Pharmareferenten kein direkt messbarer Gesch&auml;ftserfolg in Form von Abschl&uuml;ssen oder dgl&hellip;.<\/p><p>Die fest angestellten Pharmareferenten der gro&szlig;en Unternehmen erhalten ein gro&szlig;z&uuml;gig bemessenes Gehalt und eine ebenso gro&szlig;z&uuml;gige Dienstwagenregelung. Kfz wie z.B. 530 d, Audi A 6 oder E-Klasse sind keine Seltenheit. Die Arbeit beschr&auml;nkt sich dagegen auf den &bdquo;Besuch&ldquo; von &Auml;rzten, auch wenn das Gespr&auml;ch oft nur wenige Minuten dauert. Daf&uuml;r wartet ein Pharmareferent oft Stunden auf den Arzt, schleicht &uuml;ber die G&auml;nge der Klinik oder vertreibt sich die Zeit in der Cafeteria. Immer auf der Suche nach potentiellen &bdquo;Opfern&ldquo; unter der &Auml;rzteschaft. Diese ist i.d.R. nur &auml;u&szlig;erst selten an einem tiefer gehenden Gespr&auml;ch mit einem Pharmareferenten Interessiert; nur dann, wenn es um Neuerungen bei Medikamenten oder wirklich interessante Studien &uuml;ber z.B. Nebenwirkungen geht.<br>\nDie Pharmareferenten m&uuml;ssen zw. 8 und 12 &Auml;rzte p. Tag besuchen. Einige Firmen, i.d.R. die Hersteller von Generika verlangen Unterschriften von den &Auml;rzten, dass der Besuch erfolgt ist.<br>\nObwohl sie keine unmittelbare Verantwortung f&uuml;r den Umsatz tragen, stehen die Pharmaberater in den meisten Firmen unter einem permanenten Druck. Sie k&ouml;nnen z.B. gar nicht die geforderte Zahl der Besuche ableisten, weil die &Auml;rzte sie aus Prinzip nicht oder nur selten empfangen oder unter hohem Zeitdruck stehend nur ein &bdquo;Guten Tag&ldquo; &uuml;brig haben.<br>\nDamit bewegt sich der Pharmareferent immer am Rande der fristlosen K&uuml;ndigung. ABER: es wird keiner sich beschweren, da die Stellen so gut ausgestattet sind und  Job-Aussichten f&uuml;r viele Chemiker und Biologen so schlecht sind, dass die T&auml;tigkeit als Pharmareferent oft der einzige Ausweg ist. Wer sonst kann es sich leisten, mit einem guten Gehalt und tollen Auto OHNE direkte wirtschaftliche Verantwortung zu arbeiten.<br>\nNoch st&auml;rker auf die Abh&auml;ngigkeit der Angestellten als oft nur einzige Job-Chance setzen die Verleihfirmen. Das Gehalt ist oft nur halb so hoch wie bei Festangestellten. Die Pharmafirmen erkaufen sich mit Leiharbeitskr&auml;ften eine billige Alternative, die auch sehr flexibel zu handhaben ist.<br>\nDas zeigt sich aktuell bei den gro&szlig;en Pharmafirmen, die im Zuge des allgemeinen Personalabbaus sich zuerst der Leiharbeitskr&auml;fte entledigen.<\/p><p>Bei Licht betrachtet ist die Arbeit der Pharmaberater absurd und skurril.<\/p><p>Sie sind dazu angehalten, den &Auml;rzten Gespr&auml;che &uuml;ber DAS Medikament, das sie vertreten, aufzuzwingen. F&uuml;r den Arzt gibt es nur ein Entkommen durch schroffes Ablehnen oder bei den h&ouml;hergestellten durch die Sekret&auml;rin. Ein Arzt wird oftmals t&auml;glich von mehreren Pharmaberatern anzusprechen versucht; letztendlich muss er &uuml;ber Medikamente verschiedener Hersteller entscheiden, die eigentlich die gleiche Wirkung haben. Die Pharmafirmen verkaufen das unter der &Uuml;berschrift &bdquo;zum Wohle des Patienten&ldquo;. Das spricht der Sache blanken Hohn. Es geht nur um Absatz und Gewinn der Pharmabranche.<\/p><p>Die Gespr&auml;che mit dem Arzt dauern, bis auf Ausnahmen wohlwollender oder mal interessierter &Auml;rzte abgesehen, nur wenige Minuten.<br>\nDaf&uuml;r wird f&uuml;r Milliarden EURO ein Heer von Pharmaberatern unterhalten und mit den unterschiedlichsten Methoden unter Druck gesetzt, auf die &Auml;rzte einzureden, damit diese ja das besprochene und kein anderes Medikament verordnen bzw. in der Klinik einsetzen.<br>\nDie Pharmaberater sind straff organisiert wie eine Dr&uuml;ckerkolonne. Regionalleiter &uuml;berwachen die Arbeit, setzen die Mitarbeiter unter Druck, wenn die Zahlen nicht stimmen. Die Zahlen, das ist die Anzahl der feststellbaren Verk&auml;ufe an Kliniken oder Verschreibungen der &Auml;rzte. NUR, dass die Pharmaberater keinerlei direkten Einfluss auf diese Zahlen haben. Sie schlie&szlig;en nun mal keine Vertr&auml;ge wie andere Verk&auml;ufer.<br>\nDennoch haben die Pharmareferenten sogar auf den Absatz bezogene Zielvorgaben&hellip;<br>\nMit unterschiedlichsten Methoden werden die Pharmaberater auf der einen Seite unter Druck und auf der anderen Seite bei Laune gehalten. Es werden Detektive zur &Uuml;berpr&uuml;fung der T&auml;tigkeit angesetzt, &Auml;rzte befragt, ob sie mit den Beratern gesprochen haben und Belege detailliert auf Plausibilit&auml;t gegengepr&uuml;ft. Auf der anderen Seite winkt das gute Gehalt und die Chance einen Wagen zu fahren, von dem die allermeisten sonst nur tr&auml;umen.<br>\nDie unterprivilegierten Pharmaberater der Verleihfirmen m&uuml;ssen mit weniger Privilegien alles schlucken, um nicht als studierter oder sogar promovierter Hartz IV-Empf&auml;nger auf der Stra&szlig;e zu sitzen.<br>\nDie Maschinerie aus Zuckerbrot und Peitsche funktioniert bestens. <\/p><p>Das Ganze wird in der heutigen Zeit in seiner Absurdit&auml;t auf die Spitze getrieben, da immer mehr &Auml;rzte gegen die fr&uuml;her durchaus &uuml;blichen Zuwendungen wie Geschenke, Einladungen an sch&ouml;ne Orte bis hin zu direkten Geldgeschenken bei Verordnung der richtigen Medikamente immun sind. Sie haben Angst, erwischt zu werden. Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass die Klinikleitungen ein wachsames Auge auf die Einflussnahme der Pharmafirmen haben.<br>\nSomit werden die Pharmaberater zu z.T. akademisch gebildeten Prospektaustr&auml;gern und &Uuml;berreichern von irgendwelchen auf DAS Medikament vorteilhaft ausgerichteter Studien. Neutralit&auml;t zum Wohle des Patienten&hellip;? Weit gefehlt.<\/p><p>Und das interessante an der ganzen Sache ist, es wird sich kein Pharmaberater im aktiven Dienst finden lassen, der das Beschriebene best&auml;tigt. Alle sind froh, entweder einen lockeren Job zu haben, bzw. einen Audi A 6 zu fahren.<\/p><p>Die Ausgaben f&uuml;r die Pharmareferenten belaufen sich mal grob &uuml;berschlagen auf rd. 1,6 MRD Euro pro Jahr! (16.000 Pharmareferenten X rd. 100.000 &euro; Kosten p.a gesamt = Gehalt, Auto, Sozialleistungen etc.). Hinzu kommt das umfangreiche Marketingmaterial, die Zustellung per Kurier zu den Leuten quer durch ganz Deutschland, usw&hellip;UND nicht zu vergessen ein weitere Schar von Innendienst-Mitarbeitern, die wiederum den Au&szlig;endienst verwalten.<\/p><p>Gesch&auml;tzt sind das am Ende bestimmt 2 bis 2,5 MRD Euro daf&uuml;r, dass die &Auml;rzte und Apotheken t&auml;glich mit dem Marketing der Pharmaindustrie pers&ouml;nlich traktiert werden.<\/p><p>Diese Kosten werden, und das ist das Problem an der Sache, aus dem Gemeinwohl der Versicherten auf die Spezies der Pharmaberater umverteilt. Dazu kommen noch die aus diesen Aktivit&auml;ten resultierenden Gewinne der Pharmaindustrie, da eine Penetration dieser Art nicht g&auml;nzlich ohne Wirkung bleiben kann. D. h. es wird doch h&auml;ufig das am ehesten beim Arzt in Erinnerung haftende Medikament verordnet.<\/p><p>Andererseits hat die Berufsgruppe der 16.000 bis 18.000 Pharmaberater + dem Innendienst eine volkswirtschaftliche Dimension. Von dem Gehalt leben Familien, die Autoindustrie freut sich ob der st&auml;ndig erneuerten PKW, die Paketservice-Dienstleister sind besch&auml;ftigt, Naturwissenschaftler haben wenigsten eine gute Chance auf einen Job&hellip;<\/p><p>Aber am Ende bleibt das Ganze absurd und skurril. <\/p><p>In Frankreich gibt es m.W. keine Pharmaberater in unserem Sinne mehr &ndash; und kein Patient stirbt wegen fehlender Medikamente&hellip;.<\/p><p>Interessant ist noch eine Betrachtung am Rande: In Deutschland gibt es Bereiche, in denen im Vergleich zu anderen L&auml;ndern marktwirtschaftlicher Ausnahmezustand herrscht &ndash; und wir Verbraucher ertragen das wie gottgegeben. <\/p><p>Wir haben z. T. mit Abstand die h&ouml;chsten Preise f&uuml;r Medikamente, f&uuml;r Gas und Strom, f&uuml;r Autos und f&uuml;r mobiles Telefonieren. Und die Konzerne wissen nicht wohin mit dem Geld; oder doch&hellip;? Ab ins Ausland damit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Versprechen, die mit der Gesundheitsreform gegeben worden sind, sind vor allem mehr Qualit&auml;t, mehr Effizienz und damit Kosteneinsparung. Ergebnisse sind: h&ouml;here Krankenkassenbeitr&auml;ge, mehr Zuzahlung bei Medikamenten und &ndash; wenn das immer noch nicht reicht &ndash; pauschale Zusatzbeitr&auml;ge. Gespart werden soll auch bei den Krankenh&auml;usern und bei den &Auml;rzten. Die Pharmaindustrie blieb bei der &bdquo;Reform&ldquo;<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2206\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[149],"tags":[704,438],"class_list":["post-2206","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gesundheitspolitik","tag-gesundheitsreform","tag-pharmaindustrie"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2206","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2206"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2206\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30092,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2206\/revisions\/30092"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2206"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2206"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2206"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}