{"id":22145,"date":"2014-06-25T09:12:07","date_gmt":"2014-06-25T07:12:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22145"},"modified":"2019-01-12T11:24:23","modified_gmt":"2019-01-12T10:24:23","slug":"armut-und-ihre-verschiedenen-gesichter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22145","title":{"rendered":"Armut und ihre verschiedenen Gesichter"},"content":{"rendered":"<p>Dass sich Armut auch in Deutschland immer mehr breit macht, k&ouml;nnen auch konservative Kreise inzwischen nicht mehr l&auml;nger leugnen. Dennoch wird dieser Fakt immer wieder relativiert und kleingeredet. So wird dann argumentiert, dass in Deutschland ja kein Mensch hungern m&uuml;sse, nur weil er arm sei. Den Armen ginge es im Vergleich zu anderen L&auml;ndern noch sehr gut, denn &bdquo;unsere&ldquo; Armen seien ja nur &bdquo;relativ arm&ldquo;. Gelegentlich wird auch ein Vergleich zu fr&uuml;heren Zeiten gezogen: Menschen vor 50 Jahren h&auml;tten vor Freude in die H&auml;nde geklatscht, wenn sie all das gehabt h&auml;tten, was Arme in Deutschland heutzutage trotz ihrer Armut haben. Doch was ist dran an dieser These, dass Arme in Deutschland nur &bdquo;gef&uuml;hlt arm&ldquo; seien, sie sich quasi nur keinen Luxus leisten k&ouml;nnten? Bedeutet Armut hierzulande, ein bescheidenes, aber immer noch gutes Leben f&uuml;hren zu k&ouml;nnen? von <strong>Lutz Hausstein<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22145#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4877\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-22145-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140626_Armut_in_Deutschland_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140626_Armut_in_Deutschland_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140626_Armut_in_Deutschland_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140626_Armut_in_Deutschland_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=22145-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140626_Armut_in_Deutschland_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"140626_Armut_in_Deutschland_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Armut hat viele Erscheinungsformen. Doch viele Menschen haben, wenn sie diesen Begriff h&ouml;ren, zuallererst die Form der absoluten Armut vor Augen. Instinktiv sieht man ein Kind vor einer Bambush&uuml;tte auf staubigem Boden hocken, mit einer halbleeren Schale zu seinen F&uuml;&szlig;en. Dies ist in gewisser Hinsicht sogar richtig.  Denn allgemein formuliert, kann &bdquo;absolute Armut&ldquo; als eine unzureichende Befriedigung menschlicher Grundbed&uuml;rfnisse (Essen, Trinken, Wohnen, Kleidung, Gesundheit) und damit als direkte Bedrohung der Existenz beschrieben werden. W&auml;hrend in den s&uuml;d- und ostasiatischen sowie pazifischen Regionen und in Indien in den letzten Jahrzehnten absolute Armut erheblich zur&uuml;ckgedr&auml;ngt wurde, ist in Schwarzafrika erschreckenderweise immer noch fast jeder zweite Einwohner davon betroffen. In Deutschland hingegen ist absolute Armut deutlich seltener anzutreffen. Sie betrifft im Regelfall sowohl Obdachlose als auch Stra&szlig;enkinder. Da die Bundesregierung keine diesbez&uuml;gliche Statistiken erstellt, ist man auf qualifizierte Sch&auml;tzungen angewiesen. Diese listen <a href=\"http:\/\/www.bag-wohnungslosenhilfe.de\/de\/themen\/zahl_der_wohnungslosen\/\">284.000 Obdachlose (2012)<\/a> und gesch&auml;tzte 5.000 &ndash; 7.000 Stra&szlig;enkinder auf. Tendenz: nach R&uuml;ckg&auml;ngen bis 2008 wieder deutlich ansteigend. Es ist also keineswegs zutreffend, dass es in Deutschland keine absolute Armut geben w&uuml;rde. Sie nimmt sogar wieder zu.<\/p><p>&bdquo;Relative Armut&ldquo; hingegen wird in &ouml;ffentlichen Diskussionen hierzulande zumeist nur mit einem Schulterzucken quittiert. Sie wird allzu h&auml;ufig nur als rein statistischer Begriff verstanden, da sie auf den Median (mittlerer Wert &ndash; nicht das arithmetische Mittel!) des Netto-&Auml;quivalenzeinkommens Bezug nimmt. Das &Auml;quivalenzeinkommen ber&uuml;cksichtigt Kostenersparnis-Effekte aufgrund eines Mehrpersonen-Haushalts sowie eines niedrigeren Alters (Kinder, Jugendliche) der Haushaltsmitglieder gegen&uuml;ber einem Einperson-Haushalt und stellt so das gewichtete Einkommen einer einzelnen Person dar. Der Median besagt, dass 50 Prozent der Bev&ouml;lkerung ein h&ouml;heres Einkommen besitzen, w&auml;hrend die anderen 50 Prozent darunter liegen. Die Nutzung des Median und nicht des arithmetischen Mittels zeigt schon an, worauf die Feststellung von relativer Armut abzielt. Es geht bei diesem Konzept darum, welches Verhalten von einem Gro&szlig;teil der Gesellschaft praktisch gelebt werden kann und wem diese M&ouml;glichkeit aufgrund fehlender finanzieller Mittel verwehrt bleibt.<\/p><p>Die verschiedenen Armutsgrenzen lassen erkennen, wie weit der jeweils Betreffende in seinen finanziellen M&ouml;glichkeiten von dieser gesellschaftlichen Normalit&auml;t entfernt ist. Europaweit ist seit 2001 vereinheitlicht, dass Personen, die 60 Prozent vom Median des Netto-&Auml;quivalenzeinkommens zur Verf&uuml;gung haben, als &bdquo;armutsgef&auml;hrdet&ldquo;, mit 50 Prozent als &bdquo;relativ einkommensarm&ldquo; und mit 40 Prozent als &bdquo;arm&ldquo; gelten. Im Jahr 2012 wurde nach dieser Festlegung eine Person mit einem Netto-&Auml;quivalenzeinkommen von 869 Euro pro Monat in Deutschland als <a href=\"http:\/\/www.paritaetischer.de\/landesverband\/downloads\/Armutsbericht-2013.pdf\">armutsgef&auml;hrdet (PDF)<\/a> eingestuft. Laut Armuts- und Reichtumsbericht ist die Quote der Armutsgef&auml;hrdeten auf 15,2 Prozent der Bev&ouml;lkerung gestiegen. Dies ist mehr als jeder Siebente &ndash; eine mehr als bedr&uuml;ckende Zahl.<\/p><p>Doch immer noch steht die Frage im Raum, welche praktische Relevanz relative Armut wirklich besitzt. Reicht es nicht aus, wenn verhindert werden w&uuml;rde, dass keine absolute Armut auftritt? Kann man schon ein vern&uuml;nftiges und gutes Leben f&uuml;hren, wenn die grundlegenden Lebensbed&uuml;rfnisse abgedeckt sind? So (&uuml;berlebens-)notwendig es zuerst nat&uuml;rlich ist, dass der Mensch seine Grundbed&uuml;rfnisse decken kann, so ist der Mensch aber vor allem auch ein soziales Wesen. Er lebt nicht autark, sondern in seinem sozialen Umfeld, ist von diesem abh&auml;ngig. Er ist auf Interaktionen mit diesem Umfeld angewiesen, um sich &uuml;berhaupt als vollwertiger Mensch f&uuml;hlen zu k&ouml;nnen. Hat er diese M&ouml;glichkeit nicht, vegetiert er ausschlie&szlig;lich vor sich hin. Er &uuml;berlebt zwar, lebt aber nicht.<\/p><p>Jedes Land, jede Region, jede Kultur hat bestimmte, eigene Traditionen und Riten, die sich in h&auml;ufig praktizierten Verhaltensweisen eines breiten Bev&ouml;lkerungsteils widerspiegeln. Das sind eine Vielzahl kleinerer Selbstverst&auml;ndlichkeiten des t&auml;glichen Lebens und Miteinanders. Gelegentliche Ausfl&uuml;ge am Wochenende, das allmonatliche Freitags-Kegeln, der Besuch von Karnevalsveranstaltungen, die aktive Mitgliedschaft im Sportverein, der spontane Eiscaf&eacute;-Besuch, die regelm&auml;&szlig;igen Treffen im Biergarten oder einfach nur die Einladung an Freunde zu einem Besuch zuhause samt dazugeh&ouml;riger Bewirtung. Das alles ist weit entfernt von Luxus. Es sind die kleinen t&auml;glichen Dinge, Begegnungen und Erlebnisse, die unser aller Leben erst so bereichern und lebenswert machen. Dennoch k&ouml;nnen sich relativ Arme diese &ndash; mit sehr &uuml;berschaubarem Mitteleinsatz verbundene &ndash; Vergn&uuml;gen nicht leisten. Sie verlieren so den Kontakt zu ihren Freunden und Bekannten, k&ouml;nnen auf keine gemeinsamen Erlebnisse mehr zur&uuml;ckgreifen und vereinsamen auf diese Weise zunehmend. Sie erleiden damit zwar keine absolute Armut, sie verhungern nicht, ihre Entkopplung vom Gro&szlig;teil der Gesellschaft schreitet aber unter diesen Umst&auml;nden schnell voran.<\/p><p>Der erzwungene Ausschluss aus der gesellschaftlichen Normalit&auml;t ist f&uuml;r die Betroffenen ebenso schlimm wie die schweren Entbehrungen absoluter Armut, nur auf eine andere Art. Sie lernen, dass sie der Gesellschaft nichts wert sind, dass sie nicht dazu geh&ouml;ren. Denn das, was ein Gro&szlig;teil der Gesellschaft v&ouml;llig selbstverst&auml;ndlich regelm&auml;&szlig;ig tut, bleibt ihnen verwehrt. Es ist also nicht mangelnder Luxus, sondern die fehlende Teilhabe an gesellschaftlichen Selbstverst&auml;ndlichkeiten, die relativ Armen ihre Lebensrealit&auml;t so bedr&uuml;ckend macht.<\/p><p>Der Anstieg der Armutsgef&auml;hrdungsquote (relative Armut) zeigt an, dass die <a href=\"http:\/\/umfairteilen.de\/fileadmin\/download\/material\/Downloadmaterial\/fakten_arm-reich.pdf\">Schere (PDF)<\/a> in Deutschland zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht. Ein immer gr&ouml;&szlig;er werdender Teil der Bev&ouml;lkerung ist von der gesellschaftlichen Normalit&auml;t abgekoppelt, w&auml;hrend die <a href=\"http:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/162284\/umfrage\/millionaere-in-deutschland\/\">Anzahl der Reichen und Superreichen gestiegen<\/a> ist &ndash; und gleichzeitig dazu auch deren <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/schweizer-sind-die-reichsten-menschen-der-welt-a-926932.html\">Verm&ouml;gen<\/a>. Die &bdquo;Mitte der Gesellschaft&ldquo; schmilzt so zunehmend.<\/p><p>Relative Armut ist also keineswegs &bdquo;gef&uuml;hlte Armut&ldquo; oder &bdquo;Jammern auf hohem Niveau&ldquo;. Sie besteht nicht darin, dass relativ Arme nur einen Polo fahren und auf den Mercedes des Nachbarn &bdquo;neidisch&ldquo; sind, wie relative Armut sehr h&auml;ufig falsch interpretiert wird. Relative Armut ist keine Petitesse. Sie ist vielmehr ein Indikator f&uuml;r die Spaltung einer Gesellschaft, praktisch vor allem aber die ganz konkrete Exklusion eines jeden einzelnen Betroffenen aus selbiger. Ein Ausschluss, der die Identit&auml;t der Armen als Mitglieder der Gemeinschaft infrage stellt. Sie gilt es genauso zu vermeiden wie absolute Armut mit all ihren schlimmen Auswirkungen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Lutz Hausstein (45), Wirtschaftswissenschaftler, ist als Arbeits- und Sozialforscher t&auml;tig. In seinen 2010 und 2011 erschienenen Untersuchungen &bdquo;Was der Mensch braucht&ldquo; ermittelte er einen alternativen Regelsatzbetrag f&uuml;r die soziale Mindestsicherung. Er ist u.a. Ko-Autor des Buches &bdquo;Wir sind emp&ouml;rt&ldquo; der Georg-Elser-Initiative Bremen sowie Verfasser des Buches &bdquo;Ein Pl&auml;doyer f&uuml;r Gerechtigkeit&ldquo;.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/ec42262aa1c049ef9571e8fa62ca28eb\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass sich Armut auch in Deutschland immer mehr breit macht, k&ouml;nnen auch konservative Kreise inzwischen nicht mehr l&auml;nger leugnen. Dennoch wird dieser Fakt immer wieder relativiert und kleingeredet. So wird dann argumentiert, dass in Deutschland ja kein Mensch hungern m&uuml;sse, nur weil er arm sei. Den Armen ginge es im Vergleich zu anderen L&auml;ndern noch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22145\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,165,146,132,161],"tags":[881,882,1183,218,687,291],"class_list":["post-22145","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-soziale-gerechtigkeit","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wertedebatte","tag-armut","tag-armutsgefaehrdung","tag-exklusion","tag-teilhabe","tag-ungleichheit","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22145","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22145"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22145\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48430,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22145\/revisions\/48430"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22145"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22145"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22145"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}