{"id":22169,"date":"2014-06-27T09:00:46","date_gmt":"2014-06-27T07:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22169"},"modified":"2019-01-30T10:42:14","modified_gmt":"2019-01-30T09:42:14","slug":"die-schuesse-von-sarajevo-oder-von-der-abdrift-der-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22169","title":{"rendered":"Die Sch\u00fcsse von Sarajevo oder: Von der Abdrift der Geschichte"},"content":{"rendered":"<p>In der Schule bekamen wir beigebracht: Am 28. Juni 1914 hat in Sarajevo ein fanatischer Serbe den &ouml;sterreichischen Thronfolger Franz Ferdinand feige ermordet. Die Folge war der Erste Weltkrieg. Um 1968 herum hie&szlig; es dann: Papperlapapp &ndash; der Imperialismus und seine Widerspr&uuml;che f&uuml;hrten zum Krieg. Die Attent&auml;ter von Sarajevo kamen in dieser Version der Geschichte gar nicht mehr oder nur als willenlose Marionetten vor. Heute geht es unserem Autor <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> um die dialektische Vermittlung beider Erkl&auml;rungen, in der sowohl die konkreten Gestalten der Attent&auml;ter und ihre Intentionen, als auch der Imperialismus &ndash; als &uuml;bergreifender Rahmen und Bedingungsgef&uuml;ge der Ereignisse &ndash; vorkommen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>I. Besuch am &bdquo;Vidovdan&ldquo; (Veitstag)<\/strong><\/p><blockquote><p>&bdquo;Was einen Terroristen ausmacht, ist zun&auml;chst einmal eine bestimmte Art der Verzweiflung. Oder genauer gesagt, das Streben, &uuml;ber die Verzweiflung hinauszugehen, indem er sein Leben einsetzt und so der Verzweiflung einen Sinn gibt.&ldquo;<br>\n(John Berger)<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;Es war ein sch&ouml;ner Sommertag, wie es sich f&uuml;r einen 28. Juni geh&ouml;rte. Der Himmel war von einem makellosen Blau, und die Stadt badete geradezu im klaren Licht der Morgensonne. Ein herrliches Sonntagswetter f&uuml;r alle gebeten und ungebeten G&auml;ste, die heute nach Sarajevo kommen w&uuml;rden&ldquo;, dachte der Untersuchungsrichter Leo Pfeffer, als er an diesem Sonntagmorgen in Begleitung einer seiner T&ouml;chter das Haus verlie&szlig;. Sie schlugen den Weg zum Rathaus ein, um die Ankunft des &ouml;sterreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand mitzuerleben. Der war etwa um diese Zeit mit dem Zug in Sarajevo angekommen. In den Tagen zuvor hatte er Man&ouml;ver beobachtet, die unweit der bosnischen Landeshauptstadt stattgefunden hatten. Nun sollten er und seine Frau Sophie einen offenen Wagen besteigen, um in einem Konvoi zum Rathaus zu fahren. <\/p><p>Im Vorfeld des Besuchs waren Warnungen ausgesprochen worden. Der 28. Juni war der Vidovdan, der Veitstag, an dem sich die serbische Bev&ouml;lkerung an die Schlacht auf dem Kosovo Polje, dem Amselfeld, vor 525 Jahren erinnerte. Im Jahr 1389 war dem Serbentum dort durch die osmanischen Heere eine furchtbare Niederlage zugef&uuml;gt worden, in deren Folge das mittelalterliche serbische Reich zugrunde gegangen war. Damit begann die 500 Jahre w&auml;hrende Herrschaft der T&uuml;rken auf dem Balkan. Die Serben seien wahrscheinlich das einzige Volk auf der Erde, das die gr&ouml;&szlig;te und entscheidendste Niederlage seiner Geschichte zum Nationalfeiertag erhoben hat, merkt Milo Dor in seinem Buch <em>Die Sch&uuml;sse von Sarajevo<\/em> an. Die Gedenkfeiern w&uuml;rden 1914 besonders intensiv ausfallen, weil das Kosovo im Jahr zuvor im Zuge des Ersten Balkankriegs zur&uuml;ckerobert worden war. Ein Besuch des Thronfolgers ausgerechnet an diesem Tag k&ouml;nne als Affront empfunden werden, der m&ouml;glicherweise nicht unbeantwortet bleiben w&uuml;rde. Irgendein junger bosnischer Serbe habe wom&ouml;glich eine Kugel im Lauf, die auf den Thronfolger abgefeuert werden k&ouml;nnte, hatte der serbische Gesandte in Wien auf Gehei&szlig; von Nikola Pa&scaron;i&#263;, dem serbischen Regierungschef, der &ouml;sterreichischen Regierung gegen&uuml;ber etwas nebul&ouml;s verlauten lassen. Seit der Besuch des Thronfolgers zu Beginn des Fr&uuml;hlings bekannt geworden war, schwirrte die Stadt vor Anschlags- und Attentatsger&uuml;chten. Auf den Stra&szlig;en und in den Kneipen von Sarajevo sprachen die Jugendlichen unabl&auml;ssig &uuml;ber ein bevorstehendes Attentat. Wer immer wollte, konnte wahrnehmen, dass etwas in der Luft lag. Pa&scaron;i&#263; hatte dar&uuml;ber hinaus die Grenzbeh&ouml;rden des Landes angewiesen, streng darauf zu achten, dass in den Tagen vor dem Besuch des Thronfolgers keine Sch&uuml;ler und Studenten die Grenze nach Bosnien &uuml;berschritten. Diese Ma&szlig;nahme kam allerdings zu sp&auml;t, denn eine Gruppe junger M&auml;nner war bereits Ende Mai &uuml;ber die Grenze geschleust worden und inzwischen l&auml;ngst in Sarajevo eingetroffen. <\/p><p>Der Thronfolger lie&szlig; sich von der Reise nach Sarajevo nicht abhalten. Das w&auml;re ja noch sch&ouml;ner, wenn sich der k&uuml;nftige Kaiser von &Ouml;sterreich-Ungarn  von bosnischen Serben einsch&uuml;chtern und den Termin f&uuml;r den Besuch in einer seiner Provinzen vorgeben lie&szlig;e! Dabei war es in Sarajevo nach der &ouml;sterreichischen Annexion Bosniens im Jahr 1908 bereits verschiedentlich zu Attentaten und Attentatsversuchen gekommen. Der Student Bogdan &#381;eraji&#263; schoss 1910 bei der Er&ouml;ffnung des bosnisch-herzegowinischen Landtags auf den bosnischen Gouverneur, verfehlte ihn aber, woraufhin er sich mit der letzten Kugel selbst t&ouml;tete. &#381;eraji&#263; war der Held vieler junger Bosnier, die die Verwandlung ihrer Heimat in eine &ouml;sterreichische Kolonie nicht hinnehmen wollten. Sein Grab war eine Pilgerst&auml;tte f&uuml;r die revolution&auml;r und\/oder nationalistisch gesinnte bosnisch-serbische Jugend. Auch zwei der &uuml;ber die Grenze geschleusten jungen M&auml;nner besuchten in der Nacht vor der Tat noch einmal sein Grab und legten dort Blumen nieder. <\/p><p><strong>Missachtete Warnungen<\/strong><\/p><p>Ungeachtet all der Warnungen und diffusen Vorahnungen bestiegen der Thronfolger und seine Frau am Morgen des 28. Juni ein offenes Automobil. In Lebensgefahr, hatte er bei einer &auml;hnlichen Gelegenheit verlauten lassen, sei man immer und ansonsten m&uuml;sse man &bdquo;auf Gott vertrauen&ldquo;. Der Konvoi aus sechs Wagen setzte sich in Bewegung. Franz Ferdinand, Sophie und der &ouml;sterreichische Statthalter in Bosnien namens Potiorek sa&szlig;en im dritten Wagen. Trotz der Vorwarnungen gab es so gut wie keine Sicherheitsvorkehrungen entlang der Strecke. Die Wagenkolonne fuhr &uuml;ber den Appel-Kai entlang des Milja&#269;ka-Flusses praktisch ungesch&uuml;tzt an den dicht stehenden Menschen vorbei, die sich zum Empfang des Thronfolgers eingefunden hatten. Sogar Franz Ferdinands Leibwache fuhr nicht in seinem Wagen mit. Welchen Weg der Konvoi nehmen w&uuml;rde, hatte in den Tagen vor dem Besuch in den Zeitungen gestanden, um m&ouml;glichst viele Menschen zum Jubeln an die Strecke zu locken. So waren auch die Attent&auml;ter bestens informiert und hatten sich entlang der Strecke aufgestellt. <\/p><p>Sieben junge M&auml;nner hatten sich am Morgen in einer Konditorei getroffen. Dort wurden die Waffen &ndash; vier Pistolen und sechs kleine Bomben &ndash; verteilt und die Positionen an der Strecke zugewiesen. Gegen 10 Uhr passierte der Konvoi den ersten Attent&auml;ter, einen jungen Mann aus Montenegro namens Muhamed Mehmedba&scaron;i&#263;. Als er die im Hosenbund steckende Bombe scharf machen wollte, meinte er zu bemerken, dass jemand aus der Menschenmenge dicht hinter ihn trat. Vor Schreck war er wie gel&auml;hmt und er lie&szlig; die Wagenkolonne unverrichteter Dinge passieren. Der n&auml;chste in der Reihe der Attent&auml;ter war Nedeljko &#268;abrinovi&#263; . Er holte seine Bombe hervor und zerschlug das Z&uuml;ndh&uuml;tchen an einem Laternenpfahl. Er warf die Bombe in Richtung Erzherzog, der an seinem hoch aufragenden Federbusch gut zu erkennen war, aber sie landete hinter ihm auf dem Verdeck des Wagens und fiel von dort zu Boden. Die Bombe explodierte unter dem nachfolgenden Auto und verletzte den Adjutanten des Landeschefs Potiorek, den Oberst von Merizzi. Dieser blieb zwar bei Bewusstsein, erlitt aber eine stark blutende Kopfwunde, die im Krankenhaus versorgt werden musste. Au&szlig;erdem wurden einige umstehende Zuschauer leicht verletzt. &#268;abrinovi&#263; nahm das Zyankali ein, das jeder der Attent&auml;ter bei sich trug, und st&uuml;rzte sich &uuml;ber die Br&uuml;stung in die Milja&#269;ka. Das Gift war zu lange gelagert worden und zeigte au&szlig;er Ver&auml;tzungen in Mund und Rachen und einer leichten &Uuml;belkeit keine Wirkung. Der Fluss f&uuml;hrte zu wenig Wasser, um sich ertr&auml;nken zu k&ouml;nnen. Man &uuml;berw&auml;ltigte ihn und nahm ihn fest. Der Konvoi fuhr nach einer kleinen Pause weiter. Die an der Strecke zum Rathaus postierten &uuml;brigen Attent&auml;ter unternahmen nichts. Einem tat die Herzogin leid, ein anderer bekam es mit der Angst zu tun und war handlungsunf&auml;hig. Im entscheidenden Moment waren sie nicht so kaltbl&uuml;tig, wie sie sich das im Vorfeld des geplanten Attentats vorgestellt hatten. Der Konvoi erreichte das Rathaus ohne weitere Zwischenf&auml;lle. Der B&uuml;rgermeister von Sarajevo las eine vorbereitete Rede vor, unterbrochen von einem emp&ouml;rten Zwischenruf des Erzherzogs: &bdquo;Da kommt man nach Sarajevo, um einen Besuch zu machen, und man wirft auf einen mit Bomben. Das ist emp&ouml;rend!&ldquo; <\/p><p>Anschlie&szlig;end beriet man, wie es nun weitergehen sollte. Sollte man alles Weitere absagen oder mit dem Programm fortfahren? Das Attentat war vergleichsweise glimpflich abgegangen und aus der Sicht der Attent&auml;ter gescheitert. Franz Ferdinand beschloss, den verletzten Oberst von Merizzi im Garnisonsspital zu besuchen, das am westlichen Stadtrand lag. Man bestieg also die Wagen und der Konvoi setzte sich erneut in Bewegung. Da man vers&auml;umt hatte, die Fahrer von der &Auml;nderung der Route zu informieren, bog der Fahrer des ersten Wagens, statt geradeaus Richtung Garnisons-Krankenhaus weiterzufahren, vom Appel-Kai in die Franz-Joseph-Stra&szlig;e ein. Potiorek machte den Fahrer durch einen lauten Zuruf auf seinen Fehler aufmerksam. Dieser stoppte, kuppelte aus und setzte langsam auf die Hauptverkehrsstra&szlig;e zur&uuml;ck. <\/p><p>Dieser merkw&uuml;rdige Zufall ist verantwortlich daf&uuml;r, dass ein weiteres Mitglied der Verschw&ouml;rergruppe, Gavrilo Princip, eine zweite Chance erhielt und doch noch ins Geschehen eingreifen konnte. Dieser hatte sich nach der Bombenexplosion unschl&uuml;ssig wartend ans &bdquo;Schiller-Eck&ldquo;zur&uuml;ckgezogen. Er wusste nicht, wie es weitergehen sollte, und &uuml;berlegte, ob er das Zyankali einnehmen und seinem Leben ein Ende setzen sollte. Da kam der Wagen, in dem der Erzherzog und seine Frau sa&szlig;en, direkt vor dem Feinkostgesch&auml;ft Schiller an der Lateinerbr&uuml;cke zum Stehen. Da er in der Eile die Bombe nicht scharf machen konnte, zog er die Pistole, sprang ein paar Meter auf den Wagen zu und schoss zwei Mal aus n&auml;chster N&auml;he. Die eine Kugel durchschlug die T&uuml;r des Wagens und drang in den Unterleib der Herzogin, die zweite Kugel traf den Erzherzog am Hals und zerriss die Halsvene. Beide verbluteten in den n&auml;chsten Minuten. <\/p><p>Princip schluckte das Zyankali, das allerdings auch in seinem Fall ohne gr&ouml;&szlig;ere Wirkung blieb, und als er sich selbst erschie&szlig;en wollte, entriss man ihm die Pistole. Er wurde von umstehenden Leuten geschlagen und mit Spazierst&ouml;cken traktiert, und man h&auml;tte ihn auf der Stelle gelyncht, wenn es der Polizei nicht gelungen w&auml;re, in festzunehmen. Als sich kurz nach 11 Uhr die Nachricht vom Attentat verbreitete, begannen in ganz Sarajevo die Glocken zu l&auml;uten. <\/p><p>&#268;abrinovi&#263; und Princip wurden, vom Zyankali gehandicapt und mit Wunden und blauen Flecken &uuml;bers&auml;t, dem Untersuchungsrichter Pfeffer vorgef&uuml;hrt, der sie &auml;rztlich versorgen und nach einer ersten Vernehmung ins Gef&auml;ngnis einliefern lie&szlig;. Ein weiterer Verschw&ouml;rer, Danilo Ili&#263;, bei dessen Mutter Pincip in Sarajevo gewohnt hatte und den die Beh&ouml;rden als Agitator und Verfasser linker Artikel kannten, wurde noch am gleichen Tag verhaftet. Am Tag darauf wurde Trifun Grabe&#382;, ein enger Freund und Tatgenosse von &#268;abrinovi&#263; und Princip, beim Versuch festgenommen, die Grenze nach Serbien zu &uuml;berschreiten. Nach schweren Misshandlungen wurde auch er dem Untersuchungsrichter Pfeffer vorgef&uuml;hrt. Damit war der  harte Kern der Verschw&ouml;rergruppe aufgeflogen und verhaftet. <\/p><p>Die &ouml;sterreichischen Beh&ouml;rden verh&auml;ngten den Ausnahmezustand, die Gef&auml;ngnisse f&uuml;llten sich mit Verd&auml;chtigen und mehr oder weniger wahllos Verhafteten, die durch Folterungen und Schl&auml;ge zu irgendwelchen Gest&auml;ndnissen gebracht werden sollten. In der Stadt brachen unter Duldung der Beh&ouml;rden Pogrome aus, ein Lynch-Mob schlug serbische Gesch&auml;fte kurz und klein. Die inhaftierten Attent&auml;ter konnten die Schreie der Verhafteten h&ouml;ren und entschlossen sich nach einer ihnen von Pfeffer zugestandenen gemeinsamen Beratung, die Namen aller Beteiligten zu nennen. &bdquo;Ich werde alles erz&auml;hlen und die Schuldigen nennen, damit nicht unschuldige Menschen leiden&ldquo;, sagte Princip dem Richter. Danilo Ili&#263;, der mit 23 Jahren &auml;lteste und politisch erfahrenste der Verschw&ouml;rer, hatte vorher die Maxime ausgegeben, dass umfassende Gest&auml;ndnisse und eine politische Verteidigung vor Gericht die probaten Mittel seien, um ein breite politische Wirkung zu erzielen. <\/p><p>Ein Lehrer, einige Schmuggler und ahnungslose Bauern, die die jungen M&auml;nner &uuml;ber die Grenze gelotst, ihnen unterwegs geholfen oder Quartier geboten, Waffen transportiert oder versteckt hatten, wurden festgenommen. Der Prozess gegen alle an der Verschw&ouml;rung Beteiligten begann am 12. Oktober 1914 in einem Saal des Milit&auml;rgef&auml;ngnisses von Sarajevo. 25 Personen waren wegen Hochverrats, vors&auml;tzlichem Meuchelmord oder Beihilfe zu diesen Taten angeklagt. Nach seinen Motiven gefragt, sagte Princip vor Gericht: &bdquo;Ich bin ein jugoslawischer Nationalist. Mein Ziel ist die Vereinigung aller Jugoslawen, in welcher Staatsform auch immer und befreit von &Ouml;sterreich. &hellip; Das Hauptmotiv, das mein Handeln bestimmt hat, war die Rache f&uuml;r all das Leiden, welches mein Volk unter &Ouml;sterreich erdulden musste.&ldquo; Und er sagte auch, dass es ihm leid tue, die Frau des Erzherzogs get&ouml;tet zu haben. Das sei nicht seine Absicht gewesen. &#268;abrinovi&#263;, dem anarchistische Tendenzen nachgesagt wurden, erg&auml;nzte: &bdquo;Wir sind keine Verbrecher, wir sind ehrliche, edle, idealistische Menschen. Wir wollten etwas Gutes tun, wir lieben unser Volk.&ldquo;  Wer bereits vollj&auml;hrig, also &auml;lter als 20 Jahre war, wurde zum Tode verurteilt und am W&uuml;rgegalgen aufgeh&auml;ngt. Insgesamt wurden im Prozess von Sarajevo 16 Angeklagte verurteilt und neun freigesprochen. <\/p><p>Gavrilo Princip, der 27 Tage nach dem Attentat 20 Jahre alt geworden war, erhielt 20 Jahre Festungshaft, mit einem Fastentag im Monat und mit versch&auml;rfter Haft am 28. Juni jeden Jahres. Auch &#268;abrinovi&#263; und Grabe&#382; wurden zu je 20 Jahren verurteilt. Das Gesetz verbot bei den zum Tatzeitpunkt 19j&auml;hrigen die Verh&auml;ngung der Todesstrafe &ndash; aber es geht ja auch anders. Alle drei starben innerhalb weniger Jahre an den Folgen der grauenhaften Haftbedingungen in den Kasematten der Kleinen Festung von Theresienstadt. Princip war 417 Tage an der Kerkerwand angekettet und in strikter Isolationshaft gehalten worden. <\/p><p>Die Folgen des Attentats f&uuml;r die serbische Bev&ouml;lkerung Bosniens waren verheerend: Massenverhaftungen, Schnellverfahren, ein Klima der Verd&auml;chtigung, universaler Spionage-Verdacht, Internierungen in grauenhaften Lagern. Die Hoffnungen der Verschw&ouml;rer, das Attentat k&ouml;nnte die bosnische und s&uuml;dslawische Bev&ouml;lkerung wachr&uuml;tteln und zum Fanal eines Aufstands gegen die Besatzungsmacht &Ouml;sterreich werden, wurden entt&auml;uscht. Diejenigen, die mit ihrer Tat zum Kampf gegen die herrschenden Verh&auml;ltnisse aufr&uuml;tteln wollten, wurden selbst von diesen Verh&auml;ltnissen verschlungen. <\/p><p>Nachdem Gavrilo Princip am 28. April 1918 in der Haft an Knochentuberkulose gestorben war, fand man in seiner Zelle folgende mit einem L&ouml;ffelstiel in die Wand geritzten Zeilen: <\/p><blockquote><p>Unsere Schatten werden durch Wien wandern,<br>\ndurch die Pal&auml;ste irren<br>\nund die Herren erschrecken.<\/p><\/blockquote><p><strong>II. Die Attent&auml;ter und ihre Motive<\/strong><\/p><blockquote><p>&bdquo;Der politische Mord ist der Vorg&auml;nger der Revolution. &Uuml;berall ist das so &ndash; in Italien, Polen, Russland &ndash; Russland kann nur durch eine Revolution gerettet werden, dann aber wird es einer der f&uuml;hrenden Staaten sein. Und das faule &Ouml;sterreich wird durch eine Revolution vollst&auml;ndig vernichtet werden.&ldquo;<br>\n(Nedeljko &#268;abrinovi&#263; in der Vernehmung durch Leo Pfeffer)<\/p><\/blockquote><p>Was wissen wir &uuml;ber die Attent&auml;ter und ihre Motive? Princip, &#268;abrinovi&#263; und Grabe&#382; waren hochpolitische junge Leute und Teil der Bewegung Mlada Bosna (Junges Bosnien), die nach der Annexion Bosnien\/Herzegowinas durch &Ouml;sterreich-Ungarn aktiv wurde. Gavrilo Princip war an der Handelsschule in Sarajevo eingeschrieben. Er wohnte bei der Witwe Ili&#263;. Der Sohn der Vermieterin wurde sein Freund &ndash; ein flammender Revolution&auml;r und Verfasser aufr&uuml;hrerischer Artikel und Schriften. Er war w&auml;hrend seines Studiums in Z&uuml;rich Trotzki und Lunatscharski begegnet und in den Bannkreis sozialistischer Ideen geraten. Das sp&auml;tere Attentat erwuchs, schreibt Gregor Mayer in seinem Buch <em>Verschw&ouml;rung in Sarajevo<\/em>, aus der Dynamik dieser Beziehung. Als er 1916 in der Festung Theresienstadt mehrfach vom Wiener Psychiater Dr. Martin Pappenheim aufgesucht und in Gespr&auml;che verwickelt wurde, bezeichnete Princip das gescheiterte Attentat des Bogdan &#381;eraji&#263; im Jahr 1910 als Moment seiner politischen Erweckung. Das habe ihn und seine Freunde als 15j&auml;hrige aufger&uuml;ttelt. Seither wollten sie die &ouml;sterreichisch-ungarische Monarchie zerst&ouml;ren, weil diese die s&uuml;dslawischen V&ouml;lkerschaften in Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Dalmatien und Slowenien daran hinderte, sich mit Serbien zu einem s&uuml;dslawischen Staat zu vereinigen. Sie lasen die Schriften von Bakunin, Kropotkin, Netschajews &bdquo;Katechismus eines Revolution&auml;rs&ldquo; genauso wie nationalistische Pamphlete, die Milo&scaron; Obili&#263; feierten, der sich am Tag der Schlacht auf dem Amselfeld ins t&uuml;rkische Hauptquartier geschlichen und dem Sultan die Kehle durchgeschnitten hatte. Das Bewusstsein der jungen Rebellen war so eklektisch wie ihre Lekt&uuml;re, es schwankte zwischen serbischem Nationalismus, Anarchismus und Terrorismus. Alles war in der Schwebe, unfixiert wie Quecksilber &ndash; offen f&uuml;r neue Entwicklungen, aber auch f&uuml;r Beeinflussung. <\/p><p><strong>&bdquo;Propaganda der Tat&ldquo;<\/strong><\/p><p>Der Anarchismus war in der zweiten H&auml;lfte des 19. Jahrhunderts in S&uuml;deuropa noch sehr aktuell, und der Tyrannenmord geh&ouml;rte durchaus ins Repertoire seiner Praktiken. &bdquo;Propaganda der Tat&ldquo; schien das probate Mittel, blockierten geschichtlichen Prozessen auf die Spr&uuml;nge zu helfen und lethargische Massen wachzur&uuml;tteln. 1881 ermordete die russische Gruppe Narodnaja Volja Zar Alexander II. Lenins &auml;lterer Bruder geh&ouml;rte zu den M&ouml;rdern und wurde daf&uuml;r hingerichtet. Die unmittelbare Aktion gegen das System und seine Repr&auml;sentanten sollte demonstrieren, dass das System nicht so unverwundbar war, wie es schien, und dass seine Macht zu Anteilen darauf beruhte, dass die ihr Unterworfenen an sie glaubten und sich beeindrucken lie&szlig;en. &bdquo;Propaganda der Tat&ldquo; und &bdquo;Tyrannenmord&ldquo; stellen nat&uuml;rlich nur eine Facette des Anarchismus dar und er geht darin bei weitem nicht auf, wie man in denunziatorischer Absicht immer behauptet hat. Der Anarchismus tritt f&uuml;r eine antiautorit&auml;re Gesellschaft ein, ohne Herrschaft und Unterdr&uuml;ckung, ohne entfremdete und stupide Arbeit als Vollzeitbesch&auml;ftigung. Anarchisten sind eigentlich libert&auml;re Sozialisten, die wissen, dass der Sozialismus nicht nur unter dem Gesetz des revolution&auml;ren Pragmatismus steht, sondern auch der revolution&auml;ren Moral. Sein Ziel: der befreite Mensch muss in den Mitteln aufscheinen, die im Kampf gegen eine repressive Gesellschaft angewandt werden. Ein gutes halbes Jahrhundert sp&auml;ter trug Herbert Marcuse in der Auseinandersetzung mit dem Terror der RAF Argumente vor, die mutatis mutandis auch auf das Attentat von Sarajevo zutreffen: &bdquo;Revolution&auml;re Moral verlangt, solange die M&ouml;glichkeiten daf&uuml;r bestehen, den offenen Kampf &ndash; nicht die Verschw&ouml;rung und den hinterlistigen &Uuml;berfall. Und der offene Kampf ist der Klassenkampf.&ldquo; Die Methoden der Terroristen sind nicht die der Befreiung. &bdquo;Die physische Liquidierung einzelner Personen, selbst der prominentesten, unterbricht nicht das normale Funktionieren des kapitalistischen Systems, wohl aber st&auml;rkt sie sein repressives Potential &ndash; ohne (und das ist das Entscheidende) die Opposition gegen die Repression zu aktivieren oder auch nur zum politischen Bewusstsein zu bringen.&ldquo;<br>\nDer individuelle Terror steht dort hoch im Kurs, wo Formen der Machtaus&uuml;bung anzutreffen sind, die &uuml;ber pers&ouml;nliche Herrschaft und k&ouml;rperliche Unterdr&uuml;ckung vermittelt sind. Es ist eine vorb&uuml;rgerlich-b&auml;uerliche Welt, die noch nicht durch Markt und Geld zusammengehalten wird, eine Welt der Herren und Knechte, wo die Peitsche des Aufsehers und k&ouml;rperliche Gewalt regieren und man die Ursachen der eigenen Misere tagt&auml;glich sehen und mit H&auml;nden greifen kann. Besonders unter der Besatzung durch fremde M&auml;chte bl&uuml;ht die Widerstandsform des Attentats. Das eigene Ungl&uuml;ck und das Elend des ganzen Volkes scheinen ihren Grund in der Fremdherrschaft zu haben, gegen die Kampf mit allen Mitteln geboten ist. Gavrilo Princip hat w&auml;hrend der Haft Lernprozesse durchlaufen, die ihn von terroristischen Praktiken Abstand nehmen lie&szlig;en. Dem Psychiater Pappenheim antwortete er auf dessen Frage, ob er nach dem, was er inzwischen wisse, noch einmal so handeln w&uuml;rde: &bdquo;Sagen wir so: Ich denk&lsquo; heit&lsquo; anders. Heut&lsquo; ist die soziale Revolution in ganz Europa meglich.&ldquo; (zitiert nach Gregor Mayer: Verschw&ouml;rung in Sarajevo)<\/p><p>Man diskutierte in Sarajevo aber nicht nur &uuml;ber Attentate und Terror, sondern auch, nach dem Vorbild der russischen Narodniki &bdquo;unters Volk zu gehen&ldquo;, das hei&szlig;t paarweise durch die D&ouml;rfer zu ziehen, um unter den Bauern f&uuml;r die Revolution zu agitieren. Daraus wurde nichts, und die drei Freunde beschlossen, im Alter von 17 Jahren, Bosnien zu verlassen und nach Belgrad zu gehen, um dort ihre schulische Ausbildung zu beenden oder sich, wie der Druckereiarbeiter &#268;abrinovi&#263;, eine ertr&auml;gliche Arbeit zu suchen. Grabe&#382; war der Schule verwiesen worden, nachdem er einen Lehrer geschlagen hatte. <\/p><p><strong>Serbisches Selbstbewusstsein<\/strong><\/p><p>Serbien strotzte nach der Befreiung aus 500-j&auml;hriger t&uuml;rkischer Herrschaft vor Selbstbewusstsein. Serbien war ein junger Staat, der aus einem antikolonialen, bewaffneten Aufstand heraus entstanden und immer wieder in milit&auml;rische Konflikte verstrickt war. Im Zuge der Balkankriege von 1912\/13 war es Serbien gelungen, sein Territorium beinahe zu verdoppeln und die Bev&ouml;lkerung zu vergr&ouml;&szlig;ern. Es war von einer kleinen zu einer Mittelmacht aufgestiegen. Gavrilo Princip, frisch aus Sarajevo eingetroffen, genoss es, ohne Angst vor den Gendarmen &bdquo;Nieder mit &Ouml;sterreich!&ldquo; rufen zu k&ouml;nnen. Junge serbische Bosnier stellten damals die gr&ouml;&szlig;te Gruppe unter den Belgrader Zuwanderern. Die meisten von ihnen waren Sch&uuml;ler und Studenten, die dem &ouml;sterreichischen Schulwesen entflohen oder aus diesem ausgeschlossen worden waren. Auf Belgrads Stra&szlig;en gingen die Menschen mit hocherhobenem Haupt, in den Gastst&auml;tten sprachen sie laut und lachten. Von der in Belgrad herrschenden nationalen Euphorie angesteckt, wollte sich Princip als Freiwilliger f&uuml;r den serbisch-bulgarischen Krieg melden. Er begab sich zur t&uuml;rkischen Grenze, aber ein b&auml;rtiger alter Haudegen wies ihn ab und sagte angesichts seiner Jugend und schm&auml;chtigen Gestalt: &bdquo;Geh zu deiner Mutter, Kleiner. Der Krieg ist eine Sache f&uuml;r M&auml;nner.&ldquo; In seinem Stolz verletzt und tief gekr&auml;nkt zog er von dannen. Eines Tages w&uuml;rde er es ihnen beweisen, dass er sehr wohl ein Mann war! <\/p><p><strong>Alte Haudegen und junge Revolution&auml;re<\/strong><\/p><p>Zur&uuml;ck in Belgrad besuchten Princip und Grabe&#382; weiter die Schule. Nach deren Abschluss hatten sie vor, ein Studium aufzunehmen. &#268;abrinovi&#263; hatte Arbeit in einer staatlichen Druckerei gefunden. Danilo Ili&#263; war arbeitsloser Lehrer und schlug sich so durch. Sie lebten unter bescheidenen Verh&auml;ltnissen, hatten aber ihr Auskommen. Belgrad befand sich in jenen Jahren im Kriegsfieber und vibrierte vor nationaler Euphorie und k&auml;mpferischer Energie. In den rauchgeschw&auml;ngerten Kneipen und Kaffeeh&auml;usern begegneten die bosnischen Immigranten alten serbischen K&auml;mpfern und Freisch&auml;rlern, sogenannten Komitatschis, die dort Hof hielten und Sch&uuml;ler und Studenten um sich versammelten, die ihnen an den Lippen hingen. <\/p><p>Zu den Komitatschis geh&ouml;rte auch ein alter Haudegen namens Dragutin Dimitrijevi&#263;, der wegen seiner imponierenden Gestalt Apis, Stier, genannt wurde. Dieser war der informelle F&uuml;hrer einer Geheimorganisation namens Schwarze Hand, die sich dem Kampf f&uuml;r ein Gro&szlig;-Serbien verschrieben hatte und an der Grenze zwischen Legalit&auml;t und Illegalit&auml;t operierte. Teile ihrer Mitglieder waren in den Staatsapparat integriert und bekleideten &ouml;ffentliche oder milit&auml;rische &Auml;mter, andere bewegten sich eher im Untergrund. Wegen seiner Rolle beim K&ouml;nigsmord von 1903, als eine Gruppe von Offizieren den K&ouml;nigspalast gest&uuml;rmt und den damaligen serbischen K&ouml;nig Alexander und seine Frau Draga ermordet hatten, genoss Apis unter den Soldaten und Komitatschis gro&szlig;e Beliebtheit. Die alten K&auml;mpfer erkannten, dass die jungen zugewanderten Bosnier reich an Idealismus, aber arm an Erfahrung waren, und nahmen sich ihrer an. Die unsicher schweifende Suchbewegung der jungen bosnischen Immigranten geriet ins Gravitationsfeld der alten Haudegen und des von ihnen propagierten kruden serbischen Nationalismus. <\/p><p><strong>Nationale Verblendung f&uuml;hrt zum Feindbild<\/strong><\/p><p>Man wird sagen k&ouml;nnen, dass von Apis und der Schwarzen Hand eine, wenn auch nicht gerade verlaufende, Linie zu Slobodan Milo&scaron;evi&#263; und Radovan Karad&#382;i&#263; f&uuml;hrt, deren serbischer Nationalkommunismus in den 1990er Jahren zu ethnischen S&auml;uberungen und Massakern an bosnischen Muslimen f&uuml;hrte. Wer Identit&auml;t durch nationale Zugeh&ouml;rigkeit definiert, grenzt den, der anders und nicht sichtlich Unsereiner ist, zwangsl&auml;ufig aus. Wer einer anderen Nation oder einer fremden Ethnie angeh&ouml;rt, geh&ouml;rt nicht zu uns, ist eigentlich kein Mensch und muss eliminiert werden. Wenn die Liebe zum Vaterland erst einmal zum Lebensgrundgef&uuml;hl der Leute geworden ist, haust sie innen und au&szlig;en pl&uuml;ndernd, mordend und vergewaltigend. Die von denselben Vorurteilen mobilisierten M&auml;nner werden sich zu Kameraden, deren Gehorsam sich mit B&ouml;sartigkeit und Feindseligkeit anreichert. Die nationale Verblendung verhindert, dass der Mensch im anderen den Menschen entdeckt &ndash; der andere wird zum Gegenmensch und Feind, dem jedes Mitgef&uuml;hl entzogen wird. Der Fundamentalismus ist beherrscht vom Gespenst der Reinheit und Homogenit&auml;t der Gesellschaft. Dahinter steht die Idee von einer guten Gemeinschaft, die von ihren negativen Teilen gereinigt ist &ndash; von jenen Elementen, von denen man annimmt, dass sie die gute Gemeinschaft korrumpieren. <\/p><p>Die Vorstellung von einem homogenen sozialen K&ouml;rper, von einer &bdquo;guten Gemeinschaft&ldquo;, ist eine Wahnvorstellung und tr&auml;gt den Keim der Vernichtung in sich. Sie ist zutiefst undemokratisch, denn Demokratie ist keine dumpfe Gesinnungsgemeinschaft von Volksgenossen, sondern ein System von Verkehrsregeln, das vor allem die Entfaltung von Verschiedenheit und Dissens erm&ouml;glicht. Wahrhafte Demokratie, die es bislang immer nur in kurzen historischen Gl&uuml;cksmomenten gegeben hat, w&auml;re ein gesellschaftlicher Zustand, in dem nicht alle gleich sein m&uuml;ssen, sondern &bdquo;in dem man ohne Angst verschieden sein kann&ldquo;. (Adorno) Der gro&szlig;serbische Nationalismus von Apis und seinen Kampfgenossen, mit dem die jungen Bosnier in Belgrad Bekanntschaft machten, hatte die Vereinigung aller Serben in einem gemeinsamen Staat zum Ziel und war in diesem Sinne zutiefst antidemokratisch.<\/p><p><strong>Serbischer Nationalismus gegen die &ouml;sterreichisch-ungarische Kolonialmacht<\/strong><\/p><p>Im Bannkreis der alten Komitatschis bildeten sich die sozialistisch-anarchistischen Komponenten des Bewusstseins der jungen Bosnier zur&uuml;ck und wurden vom absoluten Primat des Kampfes gegen die &ouml;sterreichisch-ungarische Kolonialmacht im Namen eines serbischen Nationalismus &uuml;berlagert. Beg&uuml;nstigt wurde dieser Prozess durch die m&auml;nnerb&uuml;ndische Struktur des Milieus, das sie in Belgrad vorfanden. Sie hatten dort keine Gelegenheit, Frauen ihres Alters zu begegnen, ihre Sch&uuml;chternheit zu &uuml;berwinden, sich zu verlieben und sexuelle Erfahrungen zu machen. Ihr Drama bestand darin, wie Heiner M&uuml;ller mit Blick auf Ernst J&uuml;nger und seine Generation bemerkte, dass sie zun&auml;chst die Abenteuer des Krieges und des Kampfes und erst dann die Frauen und die Wonnen der k&ouml;rperlichen Liebe kennengelernt haben. &bdquo;Waren Sie je verliebt?&ldquo;, wurde Princip vom Psychiater Pappenheim, der von der Psychoanalyse beeinflusst war und zum engeren Kreis um Sigmund Freud geh&ouml;rte, bei einem seiner Besuche in der Festung Theresienstadt gefragt. Princip berichtete von seiner Verliebtheit in Vukosava, die Schwester seines Freundes und Mitgefangenen &#268;abrinovi&#263;. &bdquo;Fand diese Liebe auch k&ouml;rperliche Erf&uuml;llung&ldquo;, fragte Pappenheim weiter. Princip blickte &uuml;berrascht auf: &bdquo;Wo denken Sie hin, Herr Doktor. Es war &hellip; wie soll ich sagen? &hellip; eine ideale Liebe. Wir haben uns nicht einmal gek&uuml;sst.&ldquo; &bdquo;Will da nicht weiter aus sich heraus&ldquo;, notierte Pappenheim und stellte seine Nachforschungen zu diesem Thema ein. Nicht nur in diesem Punkt finden sich auff&auml;llige Parallelen zwischen den bosnischen Attent&auml;tern und dem Profil heutiger Selbstmordattent&auml;ter und jugendlicher Amokl&auml;ufer.<\/p><p>Bei den Treffen mit den erfahrenen Komitatschis im Milieu Belgrader Kneipen begegnete Princip einem alten Bekannten wieder, dem Oberst Tankosi&#263;. Dieser war es gewesen, der ihn bei seinem Versuch, sich als Freiwilliger zu melden, so r&uuml;de abgewiesen und zu seiner Mutter zur&uuml;ckgeschickt hatte. Die Anerkennung, die ihm und seinen Freunden nun durch ihn und seine Kampfgef&auml;hrten zuteil wurde, war Balsam f&uuml;r Princips verletzten Stolz und f&uuml;r alle ein starkes Motiv, etwas wirklich Gro&szlig;es zu planen und durchzuziehen. Christopher Clark schreibt in seinem Buch <em>Die Schlafwandler<\/em>: &bdquo;Innerhalb der nationalistischen Netzwerke gab es &auml;ltere M&auml;nner, die nicht nur bereit waren, ihnen mit Geld und Ratschl&auml;gen zur Seite zu stehen, sondern auch ihnen Zuneigung und Respekt zu erweisen. Dar&uuml;ber hinaus vermittelten sie ihnen das Gef&uuml;hl, dass ihr Leben einen Sinn hatte, dass sie in einem historischen Moment lebten und dass sie Teil eines gro&szlig;artigen und bl&uuml;henden Projekts waren &ndash; ein Gef&uuml;hl, das die jungen M&auml;nner bislang so sehr vermisst hatten.&ldquo;<\/p><p>Zum Ansprechpartner der jungen M&auml;nner bei der Schwarzen Hand wurde ein gewisser Milan Ciganovi&#263;, ein bosnischer Serbe, der unter Tankosi&#263; gegen die Bulgaren gek&auml;mpft hatte und nun bei der serbischen Eisenbahn arbeitete. Am 27. Mai 1914 bekamen sie von den beiden die Waffen: vier Pistolen und sechs kleine Bomben mit einem Gewicht von weniger als zweieinhalb Pfund, die aus serbischen Armeebest&auml;nden stammten. Dar&uuml;ber hinaus wurden sie mit Gift ausgestattet in Form von kleinen Phiolen mit Zyanid. Ciganovi&#263; ging mit Princip und Grabe&#382; in den Stadtwald, um sie im Umgang mit Schusswaffen zu trainieren. Getrennt wurden sie &uuml;ber die Grenze gef&uuml;hrt und nach Bosnien eingeschleust. Sie trafen sich in Tuzla, wo auch die Waffen zwischengelagert wurden. In Sarajevo stie&szlig;en dann noch drei weitere junge M&auml;nner zu der Verschw&ouml;rer-Gruppe hinzu, die Danilo Ili&#263; ausgew&auml;hlt hatte. Zwei dieser Einheimischen lernten die aus Serbien angereisten Attent&auml;ter erst nach der Tat im Garnisonsgef&auml;ngnis kennen. <\/p><p>Die serbische Regierung hatte von den wabernden Attentatsger&uuml;chten rund um den bevorstehenden Besuch des &ouml;sterreichischen Thronfolgers Wind bekommen und auf das Zentralkomitee der Schwarzen Hand eingewirkt, Apis anzuweisen, das Attentat zu stoppen. Die Schwarze Hand bildete eine Art Staat im Staate und war keineswegs immer auf Regierungskurs. Man wird den Auftrag der Regierung, die im Falle eines durchgef&uuml;hrten Attentats diplomatische Verwicklungen bef&uuml;rchtete, entsprechend halbherzig umgesetzt haben. Ili&#263; soll in Apis&lsquo; Auftrag am Abend vor dem geplanten Attentat den Versuch unternommen haben, den jungen M&auml;nnern die Sache auszureden, aber Princip lie&szlig; sich nicht mehr umstimmen. Die Dinge nahmen ihren eingangs geschilderten Lauf.<\/p><p><strong>III. Die Instrumentalisierung des Attentats<\/strong><\/p><blockquote><p>&bdquo;Das Problem beim Aufsp&uuml;ren der Ursachen des Ersten Weltkriegs besteht also nicht darin, &sbquo;den Angreifer&lsquo; ausfindig zu machen. Es liegt vielmehr in der Natur einer sich zusehends verschlechternden internationalen Lage, die zunehmend der Kontrolle der Regierungen entglitt.&ldquo;<br>\n(Eric J. Hobsbawm)<\/p><\/blockquote><p>Die Trauer der Wiener &uuml;ber den Tod des designierten Nachfolgers von Kaiser Franz Joseph, der die Kaiserkrone seit 1848 innehatte, hielt sich in Grenzen. Franz Ferdinand war bei den Leuten nicht sonderlich beliebt. Es mangelte ihm, wie Stefan Zweig in seinem autobiographischen Bericht <em>Die Welt von gestern<\/em> anmerkte, &bdquo;an pers&ouml;nlicher Liebensw&uuml;rdigkeit, menschlichem Charme und Umg&auml;nglichkeit der Formen&ldquo;. In einem Nachruf von Karl Kraus hie&szlig; es lapidar: &bdquo;Er war kein Gr&uuml;&szlig;er.&ldquo; Die Leute auf der Stra&szlig;e waren sich einig, dass der T&auml;ter ein Serbe sein m&uuml;sse, ma&szlig;en aber dem Ereignis in einem entlegenen Winkel Europas ansonsten keine gro&szlig;e Bedeutung bei. &bdquo;Gottlob kein Jud&ldquo;, l&auml;sst Karl Kraus einen vermutlich j&uuml;dischen Korsobesucher zu seiner Frau sagen, nachdem ihnen zu Ohren gekommen war, wie Zeitungsausrufer die Nachricht aus Sarajevo verk&uuml;ndet hatten: &bdquo;Extraausgabee -! Ermordung des Thronfolgers. Da T&auml;ta ein Serbee!&ldquo;  <\/p><p><strong>Das Attentat als Anlass f&uuml;r die Kriegspropaganda<\/strong><\/p><p>Die Propaganda-Maschinerie lief an. Die &bdquo;Kriegspartei&ldquo; in der Wiener Hofburg frohlockte und beschloss, Kapital aus dem Zwischenfall auf dem Balkan zu schlagen. Leute wie Au&szlig;enminister Graf Berchtold und Generalstabschef Conrad von H&ouml;tzendorf  warteten schon seit einiger Zeit auf eine Gelegenheit, einen Pr&auml;ventivkrieg gegen das in ihren Augen zu m&auml;chtig gewordene und weiter expandierende Serbien f&uuml;hren und es der K.u.K.-Monarchie einverleiben zu k&ouml;nnen. In der Serbien-Frage hatte Franz Ferdinand eher zu jenen geh&ouml;rt, die zur M&auml;&szlig;igung rieten, wenn auch aus eher pragmatischen Erw&auml;gungen. Im Gespr&auml;ch mit Erzherzog Eugen hatte er 1913 gesagt: &bdquo;Nehmen wir sogar den Fall an, dass kein anderer uns st&ouml;rt und wir in aller Ruhe mit Serbien abrechnen k&ouml;nnen. Was h&auml;tten wir davon? Nur einen Haufen Diebe und M&ouml;rder und Halunken mehr, und ein paar Zwetschkenb&auml;ume.&ldquo; <\/p><p>Von Clausewitz hatte die &bdquo;Kriegspartei&ldquo; aber gelernt, dass der Krieg mit der Verteidigung beginnt, sonst ist er nur ein einseitiger Gewaltakt. Auch der Angreifer kann nicht darauf verzichten, seinen Angriff als Verteidigung zu deklarieren und als Notwehr erscheinen zu lassen. Solange es Wehrpflichtarmeen gab, war man, wenn man Krieg f&uuml;hren wollte, auf die Mitwirkung von Massen von Menschen angewiesen. Sie mussten, zumindest in der Anfangsphase, mit dem Krieg einverstanden sein, ihn im g&uuml;nstigsten Fall wollen und herbeiw&uuml;nschen. Es gibt immer Konflikte, auf die man sich st&uuml;rzen und die man zum Anlass eines Krieges nehmen kann, wenn massenhafte Bed&uuml;rfnisse danach existieren, sich zu schlagen und in den Krieg zu ziehen. <\/p><p>Das Attentat in Sarajevo lieferte einen solchen Anlass, und die Stimmung in der Bev&ouml;lkerung schien kriegsbereit. Der Ruf zu den Waffen stie&szlig; nirgends in Europa auf nennenswerten Widerstand. Mit der patriotischen Begeisterung, die 1914 um sich griff, hatte allerdings niemand gerechnet. Der &ouml;sterreichische Schriftsteller Robert Musil, der die Erziehung in einer Kadettenanstalt &uuml;ber sich ergehen lassen musste, die den Erfahrungshintergrund des Romans <em>Die Verwirrungen des Z&ouml;glings T&ouml;rle&szlig;<\/em> bildet, meldete sich im August 1914 freiwillig und wusste &uuml;ber die Stimmung jener Tage zu berichten: &bdquo;Leute werfen sich vor den Zug, weil sie nicht ins Feld d&uuml;rfen.&ldquo;<\/p><p><strong>Auf der Suche nach einem Kriegsgrund<\/strong><\/p><p>Man wartete in Wien darauf, dass der mit der Untersuchung des Attentats beauftragte Richter Leo Pfeffer den Kriegsgrund lieferte, indem er nachwies, dass die T&auml;ter im Auftrag der serbischen Regierung gehandelt hatten. Das tat der aber keinesfalls. Leo Pfeffer war ein Jurist, der es mit der Wahrheitsfindung genau nahm. Er sprach tagelang mit den jungen Attent&auml;tern und kam zu dem Schluss, dass sie im Wesentlichen aus eigenem Antrieb gehandelt hatten. Der aus Wien angereiste Sonderbeauftragte des &Ouml;sterreichischen Au&szlig;enministeriums, Herr von Wiesner, suchte Leo Pfeffer auf und lie&szlig; sich vom Stand der Ermittlungen berichten. Er h&ouml;rte sich an, was Pfeffer herausgefunden hatte, und sagte dann: &bdquo;Mich interessiert aber die Beziehung der Attent&auml;ter zur serbischen Regierung.&ldquo; &bdquo;Da gibt es keine.&ldquo; &bdquo;Auch nicht &uuml;ber Mittelsm&auml;nner?&ldquo; &bdquo;Ciganovi&#263; und sein Freund, der Komitatschif&uuml;hrer Major Tankosi&#263;, sind Gegner der gegenw&auml;rtigen serbischen Regierung, &hellip;&ldquo; Pfeffer zitierte aus seinem Bericht: &bdquo;Mitwisserschaft serbischer Regierungsleitung an Attentat oder dessen Vorbereitung und Beistellung der Waffen durch nichts erwiesen oder auch nur zu vermuten. Es bestehen vielmehr Anhaltspunkte, dies als ausgeschlossen anzusehen.&ldquo; Und wie stehe es mit der Schwarzen Hand, fragte Wiesner weiter. Dieser Geheimbund, entgegnete Pfeffer, verfolge eigene Ziele, die den Intentionen der Regierung oft entgegengesetzt seien. Dieser Geheimbund sei auch nicht an die jungen Leute herangetreten und habe sie f&uuml;r seine Zwecke eingespannt? &bdquo;Nein, nein, keineswegs&ldquo;, erwiderte Pfeffer. &bdquo;Die Initiative f&uuml;r das Attentat ist eindeutig von den jungen bosnischen Verschw&ouml;rern ausgegangen. Niemand in Belgrad hat sie dazu verleitet. Sie haben dort nur nach Helfern gesucht und sie in den zwei Dunkelm&auml;nnern Tankosi&#263; und Ciganovi&#263; gefunden.&ldquo;  <\/p><p>Leo Pfeffer musste in der Folge erleben, dass er bei gewissen Leuten in Wien in Ungnade fiel, weil er ihnen nicht prompt den Beweis f&uuml;r die Beteiligung der serbischen Regierung am Attentat geliefert hatte. In Milo Dors Roman <em>Die Sch&uuml;sse von Sarajevo<\/em> sagt Leo Pfeffer seinen Freunden gegen&uuml;ber abschlie&szlig;end: &bdquo;Ich habe keine Beweise f&uuml;r ihre Schuld gefunden. Im juristischen Sinn ist sie also nicht schuldig. Und das ist das einzige, was f&uuml;r mich z&auml;hlt. Ich bin Jurist, kein Politiker, &hellip;&ldquo;<\/p><p><strong>Der Automatismus der B&uuml;ndnisverpflichtungen<\/strong><\/p><p>Man beschloss, die Ergebnisse der Pfefferschen Untersuchung zu ignorieren. Serbien steckte hinter diesem feigen Meuchelmord am Thronfolger, und damit basta! Da Russland eine Art Patenschaft f&uuml;r Serbien &uuml;bernommen hatte, musste man im Falle eines Angriffs auf Serbien mit einem Eingreifen Russlands rechnen. F&uuml;r diesen Fall wollte man sich des deutschen Beistands sicher sein. Nach R&uuml;cksprache stellte man den &Ouml;sterreichern von Seiten des Deutschen Kaiserreichs den ber&uuml;hmten &bdquo;Blankoscheck&ldquo; aus und versicherte ihnen, dass man sie gegen Serbien und gegebenenfalls auch gegen Russland bedingungslos unterst&uuml;tzen werde. Berlin h&auml;tte das Verh&auml;ngnis stoppen k&ouml;nnen, stattdessen aber goss man &Ouml;l ins Feuer. &bdquo;Mit den Serben muss aufger&auml;umt werden &hellip;&ldquo;, notierte Kaiser Wilhelm II, und General von Moltke stellte fest: &bdquo;Lieber jetzt als sp&auml;ter.&ldquo; <\/p><p><strong>Vaterland statt Klassenkampf<\/strong><\/p><p>Die deutsche Generalit&auml;t sah ihre Felle davonschwimmen und f&uuml;rchtete, in ein paar Jahren einer russischen &Uuml;bermacht gegen&uuml;berzustehen. Das Deutsche Reich sah sich seit Jahren mit einer von Wahlen zu Wahlen erstarkenden Sozialdemokratie konfrontiert. Der Krieg erschien als eine M&ouml;glichkeit, ein gro&szlig;es nationales Wir, ein Pseudo- oder Schein-Ganzes, in und &uuml;ber der zerrissenen Klassengesellschaft entstehen zu lassen, die SPD zu domestizieren und ins System hineinzunehmen. Die SPD konnte man aber nur zur Mitwirkung gewinnen, wenn es gelang, Russland als Aggressor erscheinen zu lassen und damit die Urangst vor dem zaristischen Despotismus zu aktivieren. Je deutlicher Russland die Partei Serbiens ergriff, desto mehr wuchsen die Aussichten, dass sich diese Wirkung erzielen lie&szlig;. Und tats&auml;chlich tat Russland den Deutschen den Gefallen, als erste die Generalmobilmachung zu verk&uuml;nden. Die Versicherung des Kaisers, er kenne nun keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche, wurde auch von vielen Sozialdemokraten begeistert aufgenommen, die sich zuvor ausgegrenzt und als &bdquo;vaterlandslose Gesellen&ldquo; beschimpft f&uuml;hlten und es genossen, nun endlich dazuzugeh&ouml;ren. Am 4. August stimmte die SPD den Kriegskrediten einstimmig zu. Der Parteivorsitzende Hugo Haase erkl&auml;rt vor dem Reichstag pathetisch: &bdquo;Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich.&ldquo;<\/p><p><strong>Imperialismus und Kriegsgefahr<\/strong><\/p><p>Der Krieg geh&ouml;rt zum Wesen einer Gesellschaft, die auf Ausbeutung und Unterdr&uuml;ckung gr&uuml;ndet und basal auf K&auml;lte, Konkurrenz und Feindseligkeit gestimmt ist. Die b&uuml;rgerlich-kapitalistische Gesellschaft zwingt die Menschen, ihre physischen und geistigen Energien im st&auml;ndigen Kampf um ihre Existenz, um Status und Vorteile zu verausgaben und in einem Universum permanenter Verteidigung und Aggression zu leben. Unter einem d&uuml;nnen Firniss des sozialen Friedens ist ein Kern von Gewaltf&ouml;rmigkeit verborgen, der jederzeit abrufbar ist und nach innen und au&szlig;en durchbrechen kann. Der soziale Verkehr in einer &uuml;ber den Markt integrierten, klassengespaltenen Gesellschaft hat die permanente Kriegsdrohung zu ihrem verborgenen Kern. Das Kommando des Kapitals, dem die Menschen unterstellt sind, beruht auf einem suspendierten Todesurteil, das, wie Canetti wusste, &bdquo;unter jedem Befehl durchschimmert&ldquo;. Im Alltag existiert diese Drohung f&uuml;r uns nur noch als unendlich vermittelte &ndash; f&uuml;r gew&ouml;hnlich entkommt man dem Tod, aber der Schrecken vor ihm, die Drohung ist immer darin enthalten. Sobald die Menschen sich nicht mehr f&uuml;gen, kommt irgendwo Gewalt hervor, die stets in Reserve gehalten wird und auf der Lauer liegt. <\/p><p>Das imperialistische Stadium, in das der Kapitalismus seit den 1880er Jahren eingetreten war, hat diese Gefahren aus der Abstraktion gerissen und zu einer greifbaren M&ouml;glichkeit werden lassen. Die Atmosph&auml;re in Europa war seit Jahren auf Krieg gestimmt. In verschiedenen Weltregionen war es zu geopolitischen und wirtschaftlichen Konflikten um M&auml;rkte, Rohstoffe und Einflusssph&auml;ren gekommen, die &uuml;ber kurz oder lang zu einem gro&szlig;en Krieg f&uuml;hren konnten. Nach 1890 wuchs die Kriegsgefahr derart, dass man fortw&auml;hrend Friedenskongresse einberief und ein Friedensnobelpreis gestiftet wurde. Nach 1900 r&uuml;ckte ein Krieg in sichtbare N&auml;he, und nach 1910 rechnete man allgemein fest mit seinem baldigen Ausbruch. <\/p><p><strong>Krieg als Erneuerung der Gesellschaft<\/strong><\/p><p>Eine Phase hektischer R&uuml;stungsanstrengungen hatte eingesetzt, und die beiden gro&szlig;en europ&auml;ischen Bl&ouml;cke, die sich nach und nach herausgebildet hatten, belauerten sich wie Duellanten, die darauf warten, dass die Hand des Kontrahenten zum Revolver zuckt. Als ideologische Begleitmusik der sich zuspitzenden imperialistischen Interessensgegens&auml;tze wurde der Nationalismus gesch&uuml;rt, der sich mitunter zu einer Art kollektiven Hysterie auswuchs und ins Groteske steigerte. <\/p><p>Heinrich Mann hat das nationale Tschingderassabum in seinem Buch <em>Der Untertan<\/em> f&uuml;r Preu&szlig;en-Deutschland karikierend beschrieben. Viele Zeitgenossen waren sich einig in der Wahrnehmung: Es herrschte im Vorkriegs-Europa eine unertr&auml;gliche Gewitterschw&uuml;le aus Vorahnungen, Bef&uuml;rchtungen und Sorgen. Der Krieg wurde wie ein reinigendes Gewitter erwartet, ja mitunter regelrecht ersehnt. Vom Krieg erhoffte man sich das Ende der Oberfl&auml;chlichkeit und der Frivolit&auml;ten der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft. Der Krieg, so nahm man an, hie&szlig;: Entscheidung, Erneuerung und Wiederentdeckung alter Tugenden. <\/p><p><strong>Krieg aus Gr&uuml;nden des staatlichen Zusammenhalts<\/strong><\/p><p>Inmitten dieser Atmosph&auml;re beschloss die &ouml;sterreichische Kriegspartei, das Attentat von Sarajevo als den Funken zu benutzen, um das ganze hochexplosive Gemisch, das sich zwischen den europ&auml;ischen Gro&szlig;m&auml;chten angesammelt hatte, in die Luft gehen zu lassen. Im Vielv&ouml;lkerstaat &Ouml;sterreich-Ungarn waren starke Zentrifugalkr&auml;fte wirksam, die das Habsburger Reich zu zerrei&szlig;en drohten. Der Krieg erschien als ein probates Mittel, den inneren Zerfall zu stoppen und ein marodes System aufrechtzuerhalten, indem man die heterogene Bev&ouml;lkerung gegen einen Au&szlig;enfeind mobilisierte. Am 23. Juli stellte man Serbien ein Ultimatum, das Klauseln enthielt, die ein souver&auml;ner Staat unm&ouml;glich akzeptieren konnte. Die &Ouml;sterreicher verlangten, auf serbischem Hoheitsgebiet mit eigenem Personal Ermittlungen wegen des Attentats durchf&uuml;hren zu d&uuml;rfen. Karl Kraus l&auml;sst in der 5. Szene seines Buches <em>Die letzten Tage der Menschheit<\/em> einen Grafen und einen Baron am Wiener Ballhausplatz zusammentreffen und die Lage rund um das Ultimatum kommentieren: <\/p><p>&bdquo;Graf Leopold Franz Rudolf Ernest Vinzenz Innocenz Maria: Das Ultimatum war prima! Endlich, endlich!<br>\nBaron Eduard Alois Josef Ottokar Ignazius Eusebius Maria: Foudroyant! No aber auf ein Haar h&auml;tten sie&rsquo;s angenommen.<br>\nDer Graf: Das h&auml;tt mich aber rasend agassiert. Zum Gl&uuml;ck hab&rsquo;n wir die zwei Punkterln drin ghabt, unsere Untersuchung auf serbischem Boden und so &ndash; na dadrauf sinds halt doch nicht geflogen. Haben&rsquo;s sich selber zuzuschreiben jetzt die Serben.&ldquo;<\/p><p>Am 25. Juli beantwortete Serbien das Ultimatum &Ouml;sterreichs derart entgegenkommend, dass selbst Wilhelm II. nun keinen Kriegsgrund mehr sah. Da Serbien sich aber au&szlig;er Stande sah, seine Souver&auml;nit&auml;t aufzugeben und deswegen nicht auf alle der &ouml;sterreichischen Bedingungen einging, erkl&auml;rte &Ouml;sterreich-Ungarn am 28. Juli um 11 Uhr vormittags Serbien den Krieg. Die Kriegserkl&auml;rung an Belgrad l&ouml;ste wiederum eine Kettenreaktion von b&uuml;ndnisbedingten milit&auml;rischen Beistandshandlungen aus, die geradewegs in den Gro&szlig;en Krieg f&uuml;hrten, in dem schlie&szlig;lich rund 17 Millionen Menschen ums Leben kamen. <\/p><p><strong>Die wechselvolle Geschichte der Aneignung des Attentats<\/strong><\/p><p>Die Intentionen der Verschw&ouml;rer von Sarajevo wurden, wie wir gesehen haben, von fremden Interessen mehrfach durchkreuzt und negiert. Zun&auml;chst gerieten sie in Belgrad unter den Einfluss der alten Komitatschis, die sie vor den serbischen Karren zu spannen und ihre sozialistisch-anarchistischen Ideen national einzuf&auml;rben versuchten.<br>\nNach der Tat geriet das Attentat ins Gravitationsfeld &ouml;sterreichisch-ungarischer Gro&szlig;machtinteressen und imperialistischer Interessengegens&auml;tze. Die Tat riss sich von den Attent&auml;tern los und gewann ein Eigenleben. Man bediente sich ihrer zur Erreichung fremder Zwecke. Die Tat kam gewissen Leuten wie gerufen, wirkte wie bestellt. Jean-Paul Sartre sprach angesichts solcher Entfremdungsprozesse von &bdquo;Gegenfinalit&auml;t&ldquo;, worunter er den R&uuml;cksto&szlig; des kollektiven Resultats gegen die individuellen Handlungsziele verstand. Unter Bedingungen gesellschaftlicher Entfremdung werden Handlungen von Individuen vom sozialen Feld, in dem sie stattfinden, in einer Weise totalisiert, die den Handlungszielen der individuellen Akteure zuwiderl&auml;uft und &ndash; wie Marx sagte &ndash; &bdquo;ihre Erwartungen durchkreuzt, ihre Berechnungen zunichte macht&ldquo;. Solche Entfremdungs- und Enteignungsprozesse kann man auch als Abdrift der Geschichte bezeichnen. <\/p><p>In einem dritten Schritt sorgte eine Ironie der Geschichte daf&uuml;r, dass nach dem vier Jahre w&auml;hrenden Gemetzel des Ersten Weltkriegs die Tr&auml;ume der Attent&auml;ter doch noch in Erf&uuml;llung gingen, und aus den Tr&uuml;mmern des Habsburger Reiches ein K&ouml;nigreich Jugoslawien entstand. Man kann annehmen, dass das zweite, sozialistische Jugoslawien, das nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Geist des titoistischen Partisanentums entstand, den urspr&uuml;nglichen Hoffnungen der Verschw&ouml;rer eher entsprochen h&auml;tte.<\/p><p>Die wechselvolle Geschichte der Aneignung des Attentats spiegelt sich auch in den Inszenierungen seines Gedenkens. Zun&auml;chst errichteten die &Ouml;sterreicher am Ort des Geschehens ein zw&ouml;lf Meter hohes &bdquo;S&uuml;hnedenkmal&ldquo; f&uuml;r das Thronfolgerpaar. Nach dem von den Mittelm&auml;chten verlorenen Krieg wurde es 1918 unverz&uuml;glich entfernt. Stattdessen brachte man nun an selber Stelle eine granitene Gedenktafel zu Ehren Gavrilo Princips an. Diese wiederum wurde nach dem &Uuml;berfall der Wehrmacht auf Jugoslawien im April 1941 entfernt und Hitler zum 52. Geburtstag als Kriegssouvenir &uuml;berreicht. Nachdem Sarajevo 1945 von den Tito-Partisanen befreit worden war, wurde eine neue Gedenktafel an Stelle der nach Berlin verschleppten angebracht. Die Lateinerbr&uuml;cke wurde in Gavrilo-Princip-Br&uuml;cke umbenannt. An der Stelle, von der aus Princip geschossen hatte, lie&szlig; man eine Steinplatte mit seinen Fu&szlig;abdr&uuml;cken in den Gehsteig ein. Beide Platten wurden w&auml;hrend des Bosnienkrieges 1992 zerst&ouml;rt. <\/p><p>Dieser Tage war zu lesen, dass man zum 100. Jahrestag des Attentats eine Statue von Gavrilo Princip auf der Festung Kalemegdan in Belgrad errichten wird. Wie man sieht, nimmt die Geschichte der Instrumentalisierung der jungen bosnischen Revolution&auml;re und ihrer Tat kein Ende. Auch bei Spiegel-Online, der diese Meldung mit den S&auml;tzen einleitet: &bdquo;Mit seinen Sch&uuml;ssen auf Thronfolger Franz Ferdinand l&ouml;ste Gavrilo Princip den Ersten Weltkrieg aus. F&uuml;r viele Serben ist er dennoch ein Held. Die Regierung in Belgrad will den Nationalisten zum 100. Jahrestag des Attentats mit einem Denkmal ehren.&ldquo; <\/p><p><strong>Das alte Feindbild unserer Gro&szlig;v&auml;ter oder Ur-Gro&szlig;v&auml;ter, die bei Kriegsbeginn 1914 &bdquo;Serbien muss sterbien&ldquo; riefen, das w&auml;hrend der Nato-Angriffe auf Serbien 1999 wiederbelebt wurde, wirkt bis heute fort.<\/strong> Das Bild des &bdquo;B&ouml;sen&ldquo;, das uns in Gestalt des jeweiligen S&uuml;ndenbocks und Feindes pr&auml;sentiert wird, ist das beste Gef&auml;&szlig; f&uuml;r alle m&ouml;glichen Bedrohtheits- und Unsicherheitsgef&uuml;hle, und der Krieg scheint nach wie vor als eine M&ouml;glichkeit, sich von inneren Spannungen und Konflikten zu entlasten. Man m&ouml;chte sich eine Erfahrung ersparen, die Heiner M&uuml;ller wie folgt umschrieben hat: &bdquo;Wer keinen Feind mehr hat, trifft ihn im Spiegel.&ldquo;<\/p><p>Aber auch die Prophezeiung des Gavrilo Princip ist eingetroffen: Die Schatten der Attent&auml;ter von Sarajevo geistern noch immer durch die Hauptst&auml;dte der westlichen Welt, irren durch die Regierungspal&auml;ste und versetzen die Herren in Schrecken.<\/p><p><strong>Literaturhinweise:<\/strong><\/p><p>Canetti, Elias: Masse und Macht, M&uuml;nchen 1976<br>\nClark, Christopher: Die Schlafwandler, M&uuml;nchen 2013<br>\nDor, Milo: Die Sch&uuml;sse von Sarajewo, M&uuml;nchen 1989<br>\nGu&eacute;rin, Daniel: Anarchismus, Frankfurt\/Main 1969<br>\nHobsbawm, Eric J.: Das imperiale Zeitalter, Frankfurt\/Main ; New York 1989<br>\nMayer, Gregor: Verschw&ouml;rung von Sarajevo, St. P&ouml;lten &ndash; Salzburg &ndash; Wien 2014<br>\nKraus, Karl: Die letzten Tage der Menschheit, Frankfurt\/Main 1986<br>\nKrumeich, Gerd: Der erste Weltkrieg. Die 101 wichtigsten Fragen, M&uuml;nchen 2014<br>\nMann, Heinrich: Der Untertan, Berlin und Weimar 1984<br>\nMarcuse, Herbert: Mord darf keine Waffe der Politik sein, in: Die Zeit vom 16. September 1977<br>\nWinkler, Heinrich August: Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte 1806 &ndash; 1933, M&uuml;nchen 2000<br>\nZweig, Stefan: Die Welt von Gestern, Frankfurt\/Main 1982<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Schule bekamen wir beigebracht: Am 28. Juni 1914 hat in Sarajevo ein fanatischer Serbe den &ouml;sterreichischen Thronfolger Franz Ferdinand feige ermordet. Die Folge war der Erste Weltkrieg. Um 1968 herum hie&szlig; es dann: Papperlapapp &ndash; der Imperialismus und seine Widerspr&uuml;che f&uuml;hrten zum Krieg. Die Attent&auml;ter von Sarajevo kamen in dieser Version der Geschichte<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22169\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[212,171],"tags":[966],"class_list":["post-22169","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gedenktagejahrestage","category-militaereinsaetzekriege","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22169","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22169"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22169\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48843,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22169\/revisions\/48843"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22169"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22169"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22169"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}