{"id":2217,"date":"2007-03-29T09:17:34","date_gmt":"2007-03-29T08:17:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2217"},"modified":"2019-03-02T13:25:00","modified_gmt":"2019-03-02T12:25:00","slug":"das-unsagliche-mittelmas-und-die-verantwortungslosigkeit-der-deutschen-bundesbank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2217","title":{"rendered":"Das uns\u00e4gliche Mittelma\u00df und die Verantwortungslosigkeit der Deutschen Bundesbank &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Gut beschrieben und seziert von Heiner Flassbeck in FTD Online: &bdquo;Am deutschen Wesen&hellip;&ldquo;<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Am deutschen Wesen&hellip;<\/strong><\/p><p>Von Heiner Flassbeck<br>\nFTD online, Wirtschaftswunder&hellip;<\/p><p>Sieh da, sieh da, die Bundesbank, die H&uuml;terin der volkswirtschaftlichen Wahrheit in Deutschland, hat den Verblendeten das Unerkl&auml;rliche erkl&auml;rt. Sie hat den Deutschen und den &uuml;brigen staunenden Europ&auml;ern in ihrer unvergleichlich bestimmten Art dargelegt, dass es gar kein Lohndumping in Deutschland gibt, dass die Partner in der europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion in den letzten Jahren in Sachen Marktanteile nur verloren haben, was sie zuvor in den 90er Jahren wegen des deutschen &Uuml;ber-die-Str&auml;nge-Schlagens gewonnen hatten, und dass jedes Mitgliedsland gef&auml;lligst dasselbe machen soll, wenn es seine &bdquo;preisliche Wettbewerbsf&auml;higkeit wiederherstellen und seine Attraktivit&auml;t als Produktions- und Investitionsstandort verbessern muss&ldquo;, weil es &bdquo;keine nachhaltigen effektiven Alternativen zu dem von Deutschland beschrittenen Weg gibt&ldquo;, Deutschland sei &bdquo;insofern ein klassisches Beispiel daf&uuml;r, wie marktkonforme Korrekturen unter den Spielregeln einer W&auml;hrungsunion ablaufen und wirken&ldquo; (Monatsbericht M&auml;rz 2007, S. 50).<\/p><p>Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Das gr&ouml;&szlig;te Land der Europ&auml;i-schen W&auml;hrungsunion (EWU) baut innerhalb von sechs Jahren einen Export&uuml;ber-schuss (Waren und Dienstleistungen) auf, der sich 2006 auf &uuml;ber 120 Mrd. Euro ge-gen&uuml;ber dem Rest der Welt bel&auml;uft und erzielt, in den Worten der Bundesbank, nach einem Defizit von 6 _ Mrd. Euro im Jahr 1998 gegen&uuml;ber den Partnern in der EWU einen &Uuml;berschuss seiner Exporte &uuml;ber die Importe von fast 64 Mrd. in 2006. Die Zentralbank dieses Landes aber empfiehlt den Partnerl&auml;ndern in der ganzen Welt und in Europa, doch einfach das Gleiche zu tun und schon werde alles gut. Sch&ouml;n und tr&ouml;stlich f&uuml;r die anderen auch die Graphik der Bundesbank, die zeigt, dass trotz des Vordringens vieler aufstrebender Entwicklungsl&auml;nder auf den Weltmarkt, Deutschland seine Weltmarktanteile im Vergleich zu 1989 fast gehalten hat, w&auml;hrend die der &uuml;brigen EWU Mitglieder dramatisch einbrechen. Warum tun die anderen nicht genau das Gleiche, warum erzielen nicht alle L&auml;nder gewaltige &Uuml;bersch&uuml;sse im Au&szlig;enhandel &ndash; mit dem Mond oder dem Mars vielleicht, und warum haben nicht alle Industriel&auml;nder der Welt ihre Marktanteile gehalten, obwohl da noch China und Indien waren, die auch ein wenig abbekommen wollten?<\/p><p>Nett auch, wie das Argument (so im Trade and Development Report 2006 der UNC-TAD) abgewatscht wird, Deutschland mit seinem riesigen &Uuml;berschuss trage zu den globalen Ungleichgewichten bei. Ein solches Argument verkenne, so die Bundesbank, dass der Euro-Raum ja insgesamt gegen&uuml;ber dem Rest der Welt keinen &Uuml;berschuss aufweise, deswegen habe der Euro Raum nicht zu den globalen Ungleichgewichten beigetragen. Komisch nur, h&auml;tte Deutschland keinen gewaltigen &Uuml;berschuss, wiese Europa insgesamt vielleicht ein Defizit auf, dann w&uuml;rde Europa wenigstens zum Abbau der Ungleichgewichte beitragen. W&auml;re ja was, oder sind Leistungsbilanzdefizite in Europa auch verboten?<\/p><p>Das heute extrem niedrige Lohnniveau in Deutschland im Vergleich zu den Partner-l&auml;ndern in der EWU wird von der Bundesbank sozusagen wegdefiniert, obwohl man es ja nicht wegdefinieren muss, wenn man zuerst seine Ergebnisse anerkennt und vehement verteidigt. Die Behauptung, dass Deutschland seit dem Ende der 90er Jahre lediglich wieder einen Teil des Bodens gutgemacht habe, der im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung verloren gegangen war, kann ja nur hei&szlig;en, dass Deutschland Mitte der 90er Jahre &uuml;berbewertet war und jetzt erst wieder normal bewertet ist. Das aber ist, wie die Leistungsbilanzentwicklung und die Entwicklung der Marktanteile unmissverst&auml;ndlich zum Ausdruck bringen, falsch. <\/p><p>Aber noch einmal langsam und zum Mitschreiben: Ein Land, dessen Leistungsbilanz sich, getrieben von einem gewaltigen Exportboom, innerhalb weniger Jahre von einem Defizit zu einem der gr&ouml;&szlig;ten &Uuml;bersch&uuml;sse der Welt verwandelt (w&auml;hrend es bei den engsten Handelspartnern genau umgekehrt ist), ist nicht normal bewertet, sondern eindeutig unterbewertet. Zu behaupten, ein Land, das in einer W&auml;hrungsunion seine Weltmarktposition gegen m&auml;chtige Konkurrenz h&auml;lt, w&auml;hrend die der W&auml;hrungspartner drastisch einbricht, hat nicht blo&szlig; Boden gut gemacht, den es vorher verloren hat, sondern hat sich absolute Vorteile (&uuml;brigens durch massiven politischen Druck auf die Tarifpartner) verschafft.<\/p><p>Schaut man genau hin, zeigt selbst der dubiose von der Bundesbank verwendete Indikator f&uuml;r preisliche Wettbewerbsf&auml;higkeit (Indikator auf der Basis der Deflatoren des Gesamtabsatzes, S. 44) genau das an: Im Jahr 2001 schon war das Niveau von 1989 wieder erreicht. Alles was danach kam an realer Abwertung innerhalb der W&auml;hrungsunion war netto, also ein absoluter Gewinn an Wettbewerbsf&auml;higkeit, der die heutige Unterbewertung klar belegt. Der Indikator auf der Basis &bdquo;Durchschnitt seit 1975 = 100&ldquo; weist mit einem Stand von nahe 90 im Jahre 2006 klar darauf hin, dass die Unternehmen der Bundesrepublik gegen&uuml;ber allen Partnern in der EWU einen dauerhaften Vorsprung von 10 % bei der preislichen Wettbewerbsf&auml;higkeit gewonnen haben, denn niemand wird behaupten, dass Westdeutschland seit 1975 durchg&auml;ngig &uuml;berbewertet war. <\/p><p>Der zentrale Fehler der Bundesbank liegt darin, zu unterstellen, die D-Mark sei 1989, dem Jahr, an dem sie alles misst, normal bewertet gewesen? Daf&uuml;r spricht nichts. Auch damals wies die Bundesrepublik (zusammen mit Japan) den h&ouml;chsten Leistungsbilanz&uuml;berschuss der Welt auf, die D-Mark war unter Aufwertungsdruck auf den internationalen Devisenm&auml;rkten und der gro&szlig;e Verlust an Wettbewerbsf&auml;higkeit in einigen EU-L&auml;ndern, die Mitglied des W&auml;hrungssystems waren (Italien und Gro&szlig;britannien), war evident.<\/p><p>Mit der drastischen realen Abwertung und der inzwischen erreichten Unterbewertung des impliziten deutschen Wechselkurses in der EWU wird die W&auml;hrungsunion als solche als auch das Inflationsziel der EZB fundamental in Frage gestellt. Wenn die Bundesbank den Handelspartnern in der EWU empfiehlt, es Deutschland mit Lohndumping nachzutun, empfiehlt sie eine deflation&auml;re Lohnpolitik, die, angesichts der zentralen Bedeutung der Lohnst&uuml;ckkosten f&uuml;r die Preise, es der EZB (wie in Japan zu beobachten) schlie&szlig;lich unm&ouml;glich machen w&uuml;rde, ihr Inflationsziel nahe zwei Prozent zu erreichen. <\/p><p>&Uuml;brigens, wie fr&uuml;her einfach alles besser war, so war die H&uuml;terin der Wahrheit fr&uuml;her auch besser darin, in solchen &bdquo;Analysen&ldquo; ihre wahren Absichten und ihre Interessen zu verschleiern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gut beschrieben und seziert von Heiner Flassbeck in FTD Online: &bdquo;Am deutschen Wesen&hellip;&ldquo;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[157,30],"tags":[286,499,288],"class_list":["post-2217","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wettbewerbsfaehigkeit","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-bundesbank","tag-handelsbilanz","tag-prekaere-beschaeftigung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2217","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2217"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2217\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49752,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2217\/revisions\/49752"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2217"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2217"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2217"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}