{"id":22201,"date":"2014-06-30T09:30:05","date_gmt":"2014-06-30T07:30:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22201"},"modified":"2015-10-23T16:35:16","modified_gmt":"2015-10-23T14:35:16","slug":"ein-ganz-alltaeglicher-fall-von-meinungsmanipulation-und-von-kampagnen-sowie-von-papageien-journalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22201","title":{"rendered":"Ein ganz allt\u00e4glicher Fall von Meinungsmanipulation und von Kampagnen- sowie von \u201ePapageien\u201c-Journalismus"},"content":{"rendered":"<p>Passend zum Inkrafttreten des sog. Rentenpakets am 1. Juli ver&ouml;ffentlicht der Bankenverband eine Umfrage, mit der die Wirtschaftslobby ihren politischen Kampf gegen die abschlagsfreie Rente mit 63 fortsetzt. Mit einem der plumpsten Propaganda-Tricks: Der Bankenverband gibt die von ihm bei der GfK Marktforschung bestellten Umfrageergebnisse exklusiv an die ihm ideologisch nahestehende &bdquo;Bild am Sonntag&ldquo; und an &bdquo;bild.de&ldquo;. Diese Redaktionen nutzen das &bdquo;Leckerchen&ldquo; gerne, um  ihre schon lange andauernde Kampagne gegen die Rente mit 63 mit einer die &Ouml;ffentlichkeit t&auml;uschenden Meldung fortzusetzen. Und wie Papageien, die Papageien nachkr&auml;hen, &uuml;bernehmen sogar Nachrichtenagenturen und sogenannte Qualit&auml;tsmedien kritiklos die irref&uuml;hrende Botschaft und machen bei der Meinungsmanipulation denkfaul oder ganz bewusst mit.<br>\nVon <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Reihe nach:<\/p><p>In der <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/rente\/41-prozent-wollen-laenger-als-65-arbeiten-36588428.bild.html\">Printfassung von &bdquo;Bild am Sonntag&ldquo; und auf &bdquo;bild.de&ldquo;<\/a> war gestern folgender Artikel zu lesen: <\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;<strong>Die W&uuml;nsche der Deutschen: 41 Prozent wollen l&auml;nger als 65 arbeiten<\/strong><\/em><br>\n<em><strong>Umfrage ergibt klare Mehrheit f&uuml;r flexibles Renteneintrittsalter<\/strong><\/em><br>\n<em>Mehr Rente f&uuml;r M&uuml;tter und abschlagsfreier Ruhestand schon ab 63: Zum 1. Juli tritt das Rentenpaket von Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) in Kraft. Dank einer Gesetzesl&uuml;cke k&ouml;nnen einzelne Arbeitnehmer mit 45 Beitragsjahren sogar schon mit 61 aus dem Job aussteigen.<\/em><\/p>\n<p><em>Viele Deutsche w&uuml;rden jedoch gern l&auml;nger arbeiten! So wollen 32 Prozent der Bundesb&uuml;rger am liebsten erst zwischen 65 und 69 Jahren in Ruhestand gehen. 9 Prozent wollen sogar &uuml;ber ihren 70. Geburtstag hinaus arbeiten.<\/em><\/p>\n<p><em>Und nur jeder zweite Deutsche bevorzugt die Rente zwischen 60 und 64. Das ergab eine repr&auml;sentative Umfrage der GfK Marktforschung f&uuml;r den Bundesverband deutscher Banken (1265 Befragte), die BILD am SONNTAG vorliegt.<\/em><\/p>\n<p><em>Interessant: Sogar 54 Prozent der Senioren (&uuml;ber 60) w&uuml;rden oder h&auml;tten gern l&auml;nger als bis 65 gearbeitet.<\/em><\/p>\n<p><em>Grunds&auml;tzlich ist eine &uuml;berw&auml;ltigende Mehrheit von 86 Prozent der Befragten der Meinung, der Renteneintritt solle flexibel gestaltet werden. Nur 14 Prozent pl&auml;dieren f&uuml;r ein starres Renteneintrittsalter&hellip;&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Bei Ihrer Kampagne gegen die abschlagsfreie Rente mit 63 nach 45 Versicherungsjahren scheut die &bdquo;Bild am Sonntag&ldquo; nicht vor mehreren dreisten Meinungsmanipulationen zur&uuml;ck: <\/p><p>Das beginnt schon mit der &Uuml;berschrift: &bdquo;41 Prozent wollen l&auml;nger als 65 arbeiten&ldquo;. H&auml;tte man geschrieben 59 Prozent wollen nicht l&auml;nger als 65 arbeiten, dann w&auml;re die Botschaft nat&uuml;rlich  schon eine ganz andere gewesen. <\/p><p>Noch mieser ist der Versuch der Irref&uuml;hrung mit dem Satz: &bdquo;Und <strong>nur<\/strong> jeder zweite Deutsche bevorzugt die Rente zwischen 60 und 64&ldquo; (Hervorhebung von mir). Was hei&szlig;t hier &bdquo;nur&ldquo; jeder Zweite? Die &Uuml;berschrift h&auml;tte lauten k&ouml;nnen, ja sogar m&uuml;ssen: &bdquo;Jeder Zweite will zwischen 60 und 64 in Rente gehen&ldquo;. Mehr als die H&auml;lfte der Befragten (n&auml;mlich 59 Prozent) will also nicht bis 65 arbeiten und schon gar nicht l&auml;nger als 65.<\/p><p>Mit der Unter&uuml;berschrift der vom Bundesverband deutscher Banken bestellten Umfrage &ndash; &bdquo;klare Mehrheit f&uuml;r flexibles Renteneintrittsalter&ldquo; &ndash; wollen die Bauernf&auml;nger in Verbindung mit der &Uuml;berschrift nahelegen, als w&auml;re eine klare Mehrheit f&uuml;r einen flexiblen Renteneintritt jenseits 65 Jahren. <\/p><p>Selbst der Artikel kann aber nicht verschweigen, dass schon die H&auml;lfte der Befragten f&uuml;r einen flexiblen Renteneintritt zwischen 60 und 64 ist und nur 32 Prozent erst zwischen 65 und 69. <\/p><p>Kein Wunder, dass also dann insgesamt angeblich 86 Prozent eine flexible Gestaltung des Renteneintritts wollen, wobei eben schon mindestens die H&auml;lfte unter Flexibilit&auml;t das Alter zwischen 60 und 65 verstehen. Es werden also diejenigen die f&uuml;r einen flexiblen Renteneintritt bis 64 mit denjenigen, die f&uuml;r einen sp&auml;teren Renteneintritt sind, schlicht addiert. Nur so erkl&auml;rt sich der hohe Wert, der aber keinerlei Aussage dar&uuml;ber enth&auml;lt, was die Befragten unter Flexibilit&auml;t verstehen. <\/p><p>Dass die &bdquo;Bild am Sonntag&ldquo; und &bdquo;bild.de&ldquo; ihre Leser und Leserinnen f&uuml;r dumm verkaufen wollen ist schon schlimm genug, zu einer Blamage f&uuml;r den Journalismus wird der mediale Umgang mit dieser Meldung: Wenn n&auml;mlich  Presseagenturen daraus eine Nachricht machen und diese dann von ach so bedeutenden &bdquo;Qualit&auml;tsmedien&ldquo; wie etwa <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/news\/2014-06\/29\/deutschland-umfrage-86-prozent-der-bundesbuerger-fuer-flexi-rente-29001204\">Zeit Online<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/newsticker\/news1\/article129579671\/86-Prozent-der-Bundesbuerger-fuer-flexiblen-Rentenbeginn.html\">Welt.de<\/a> kritiklos nachgedruckt wird. Auch jede Menge anderer Medien belegen den Papageien-Journalismus bei uns im Lande, geben Sie einfach einmal &bdquo;41 Prozent wollen l&auml;nger arbeiten&ldquo; oder &bdquo;GfK Marktforschung Renteneintrittsalter&ldquo; in eine Suchmaschine ein. Sie werden erstaunt sein, wie hierzulande Meinung gemacht wird. <\/p><p>Wie sehr grunds&auml;tzlich die Ergebnisse von Umfragen vom Auftraggeber abh&auml;ngen, l&auml;sst sich einmal mehr daran ablesen, dass dasselbe Umfrageinstitut, n&auml;mlich GfK Marktforschung, im Januar dieses Jahres f&uuml;r die &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.apotheken-umschau.de\/Psyche\/Umfrage-Lieber-frueher-in-Rente-332801.html\">Apotheken Umschau<\/a>&ldquo; zu v&ouml;llig anderen Befunden und Botschaften kam:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Nur knapp jedem Vierten (23,7 Prozent) macht die Arbeit so viel Spa&szlig;, dass er es sich gut vorstellen kann, &uuml;ber das 67. Lebensjahr hinaus zu arbeiten.<\/em><br>\n<em>Mit 69 Prozent der weitaus gr&ouml;&szlig;ere Teil m&ouml;chte unbedingt weit vor dem gesetzlichen Renteneintrittsalter in den Ruhestand gehen, falls ihm dies die finanzielle Lage dann erlaubt. Eine Rolle bei diesem Wunsch k&ouml;nnte auch die Sorge um die k&ouml;rperliche Verfassung spielen: Fast die H&auml;lfte (47,3 Prozent) der im Arbeitsleben stehenden Befragten belastet der derzeitige Beruf gesundheitlich so stark, dass sie es sich nicht vorstellen k&ouml;nnen, wirklich bis zum Alter von 67 Jahren arbeiten zu k&ouml;nnen.&ldquo; <\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Solche Sorge darum, dass ihre derzeitige berufliche Belastung sie gesundheitlich stark belastet, scheinen sich die Redakteure, die solche Meldungen von Lobbyorganisation &uuml;bernehmen oder die solche Artikel nachplappern, nicht machen zu m&uuml;ssen. Bevor man nachdenkt, recherchiert und sich damit &uuml;berhaupt Arbeit macht, frisst man Lobbygruppen aus der Hand oder &uuml;bernimmt einfach manipulierende Meldungen, die von anderen Kampagnenmedien verbreitet werden, als Nachricht. Mit einer solchen Berufsauffassung k&ouml;nnen die Papagei- Journalisten nat&uuml;rlich noch bis ins hohe Greisenalter &bdquo;arbeiten&ldquo;. <\/p><p>&Uuml;brigens: Papageien erreichen auch unter den V&ouml;geln das h&ouml;chste Alter. Nachkr&auml;hen strengt offenbar nicht an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Passend zum Inkrafttreten des sog. Rentenpakets am 1. Juli ver&ouml;ffentlicht der Bankenverband eine Umfrage, mit der die Wirtschaftslobby ihren politischen Kampf gegen die abschlagsfreie Rente mit 63 fortsetzt. 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