{"id":2223,"date":"2007-03-30T15:04:56","date_gmt":"2007-03-30T14:04:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2223"},"modified":"2016-01-09T14:20:49","modified_gmt":"2016-01-09T13:20:49","slug":"nachtrag-zu-globalisierung-und-zdf-dreiteiler-dazu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2223","title":{"rendered":"Nachtrag zu Globalisierung und ZDF-Dreiteiler dazu"},"content":{"rendered":"<p>Zu den beiden Tagebucheintr&auml;gen <a href=\"?p=2216\">&bdquo;Globalisierung als Entschuldigung f&uuml;rs Nichtstun und f&uuml;r Fehlentscheidungen&ldquo; (28.3.) <\/a> und <a href=\"?p=2219\">&bdquo;Mein Gott, daf&uuml;r zahlen wir Geb&uuml;hren&ldquo; (29.3.)<\/a> schickte Werner Calmus erg&auml;nzende zugespitzte Hinweise mit vielen Fakten, im wesentlichen zum Beleg der These, dass gewaltige Globalisierungssch&uuml;be und Strukturver&auml;nderungen unserer Industrie schon hinter uns liegen. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nWerner Calmus am 29.3.:<\/p><p>Strukturprobleme vs. konjunkturelle Probleme, oder: Avanti, Dilettanti!<br>\nWer konjunkturelle Probleme nicht versteht, kann auch strukturelle sozio-&ouml;konomische Probleme nicht so recht begreifen &ndash; und macht eine Milchm&auml;dchenrechnung &agrave; la Sinn, Raffelh&uuml;schen oder R&uuml;rup (et al) auf. Ganz zum eigenen Nutzen, versteht sich. Das Ergebnis ist eine Flut an verschlagworteten L&uuml;gen, die t&auml;glich in Form eines Orwell&rsquo;schen Neusprech auf uns niederprasseln &ndash; entweder aus &ldquo;hochoffiziellem&rdquo; Munde, oder eben als &ldquo;Dokumentationen&rdquo;, oder gar mehr oder minder plump in &ldquo;Unterhaltungssendungen&rdquo; versteckt.  <\/p><p>Schon der Begriff &ldquo;Globalisierung&rdquo; f&uuml;r die heutige Entwicklung ist ein Witz: das Welthandelsvolumen sowie die globale Handelsvernetzung des letzten Jahrhunderts hatte zwei Spitzenwerte: den ersten 1914, den zweiten 1975 &ndash; erst ab dem letzteren Zeitpunkt wurde der Spitzenwert von 1914 wieder erreicht!<\/p><p>Aber betrachten wir nur einmal die letzten vier Jahrzehnte &ndash; sie waren beherrscht vom &ldquo;Schreckgespenst Japan&rdquo; &ndash;  hier nach Branchen gegliedert:<\/p><p>Die Zweiradindustrie: w&auml;hrend der 60er Jahre starb sowohl die britische als auch die deutsche Industrie motorisierter Zweir&auml;der nahezu v&ouml;llig aus. Der Grund hierf&uuml;r lag einerseits in der zunehmenden K&auml;ufergunst f&uuml;r Automobile, und andererseits darin, da&szlig; die japanischen Unternehmen motorisierte Zweir&auml;der als &ldquo;Freizeitger&auml;te&rdquo; begriffen und entspr. attraktive Produkte anboten. Die Folge: legend&auml;re deutsche (&ldquo;DKW&rdquo;, &ldquo;Horex&rdquo;, &ldquo;Z&uuml;ndapp&rdquo;, &ldquo;Kreidler&rdquo;, &ldquo;Victoria&rdquo;, &ldquo;Maico&rdquo;) und britische (&ldquo;BSA&rdquo;, &ldquo;Royal Enfield&rdquo;, &ldquo;Velocette&rdquo;, &ldquo;Triumph&rdquo;, &ldquo;Norton&rdquo;, &ldquo;Villiers&rdquo; u.v.m.) Marken verschwanden &ndash; einige nebst Produktionsanlagen nach China oder Indien &ndash;<br>\nund der Name &ldquo;Honda&rdquo; wurde weltweit zum Synonym f&uuml;r motorisierte Zweir&auml;der aller Gr&ouml;&szlig;en und Klassen.<\/p><p>Die Uhrenindustrie: im selben Zeitraum verschwanden die klangvollsten deutschen Namen quasi in der Versenkung, verloren massiv Marktanteile und konnten sich nur noch &uuml;ber massive Gesundschrumpfung, bzw. Konfektionierung eigener Baumuster mit japanischer Quartz-Uhrenelektronik retten. Statt &ldquo;Kienzle&rdquo;, &ldquo;Junghans&rdquo; u.v.a. wurden &ldquo;Seiko&rdquo; und &ldquo;Citizen&rdquo; weltweit zu Synonymen f&uuml;r moderne Armbanduhren. <\/p><p>Die Kamera- und optische Industrie: im selben Zeitraum verschwanden die einstals ber&uuml;hmtesten Namen dieser urdeutschen Dom&auml;ne: Rollei und Voigtl&auml;nder fusionierten, und selbst die Auslagerung deren Fertigung nach Singapur zu Anfang der 70er Jahre konnte das &ldquo;Aus&rdquo; f&uuml;r diese Marken nicht mehr verhindern. Schneider-Kreuznach stellte seine &ldquo;Edixa&rdquo;-Kameraproduktion ein, und Zeiss-Oberkochen stellte die Kameraproduktion ebenfalls &ndash; etwa 3 Jahrzehnte sp&auml;ter endg&uuml;ltig, trotz Kooperation mit japanischen Kamera- und Optik-Herstellern. (Yashica-Contax). Leitz (jetzt &ldquo;Leica&rdquo;) schrumpfte zu einem Nischenanbieter f&uuml;r nostalgische Feinmechanik und Optik, und kann heute nur noch dank einer Kooperation mit Panasonic (Matsushita) &uuml;berleben. Nur noch einige wenige tausend Leicas sowie ein paar Hundert profssionelle Rolleis werden heute noch im &ldquo;Manufakturbetrieb&rdquo; in Deutschland hergestellt.  &ldquo;Nikon&rdquo; und &ldquo;Canon&rdquo; wurden hingegen weltweit zu Synonymen f&uuml;r professionelle und erschwingliche Kameratechnik.<\/p><p>Die Unterhaltungs-Elektronikindustrie: im n&auml;mlichen Zeitraum entdeckten die Japaner die &ldquo;Technisierung&rdquo; der westlichen Wohnlandschaften durch attraktive Stereo- und Fernsehger&auml;te, welche die tumb-biederen deutschen &ldquo;Musik- und Fernsehtruhen&rdquo; in der K&auml;ufergunst ziemlich schnell abl&ouml;sten. Firmen wie AEG-Telefunken, Philips, Grundig, Loewe, Saba und Metz erlebten daraufhin einen Niedergang ohnegleichen &ndash; zum weltweiten Synonym f&uuml;r Unterhaltungs-Elektronikger&auml;te wurden Namen wie Sony, Aiwa, Pioneer, u.v.m.      <\/p><p>Die Computer-Industrie: diese starb in Deutschland als entwicklungsf&auml;hige High-Tech Kernindustrie endg&uuml;ltig zum Anfang der 80er Jahre, mit dem Untergang von Telefunken und deren TR440-Gro&szlig;rechner. &Uuml;brig blieb Siemens, ein Unternehmen, da&szlig; als &ldquo;Bank mit angeschlossener Elektroabteilung&rdquo; bewitzelt  wurde, und statt Eigenentwicklungen (trotz Milliarden an &ouml;ffentlichen Forschungsgeldern!)  lediglich Speicherchip-Technologie von Toshiba lizenzierte, und<br>\nRechnertechnologie von Fujitsu zukaufte. Kleinere, durchaus leistungsf&auml;hige Unternehmen wie CTM (Computertechnik M&uuml;ller, Konstanz) oder Nixdorf (Paderborn) scheiterten am patriarchalischen, visionslosen F&uuml;hrungsstil und dem Mangel an Entwicklungs-Finanzierung. Heute stehen &ndash; weltweit &ndash; Namen wie Dell, Hewlett-Packard, Sun Microsystems und Apple als Synonyme f&uuml;r Computertechnik, bei allen Marken handelt es sich um in Asien gefertigte Ger&auml;te.<\/p><p>Nehmen wir jetzt noch die anderen &ldquo;strukturellen Katastrophen&rdquo; dieses Zeitraums hinzu, wie z.B. die Verdr&auml;ngung der heimischen Steinkohle durch das viel billigere Erd&ouml;l, z.B. die Abwanderung der Textil, Leder- und Schuhindustrie, zuerst in die s&uuml;deurop&auml;ischen, dann sp&auml;ter in die asiatischen L&auml;nder, dann mu&szlig; man sich fragen, wie Deutschland all&rsquo; dies &uuml;berleben &ndash; und dabei Spitzen-Exportnation bleiben konnte?  Lag dies nicht zu einem guten Teil an der tats&auml;chlich vorhandenen Flexibilit&auml;t und Qualifikation, sowie dem Flei&szlig; der deutschen Arbeitnehmer &ndash; Eigenschaften, die st&auml;ndig aus &ldquo;Expertenmund&rdquo; in Abrede gestellt werden? <\/p><p>Nun, mit den F&auml;higkeiten unserer derzeit die &ouml;ffentliche Meinung beherrschenden &ldquo;&Ouml;konomie-Experten&rdquo; w&auml;re dies sicherlich nicht m&ouml;glich gewesen. Denn diese h&auml;tten, dem britischen Beispiel folgend, schon damals Deutschland durch &ldquo;Thatcherismus&rdquo; zu einem binnenwirtschaftlichen &Ouml;dland gemacht. Dank einer klugen, die Binnenwirtschaft stets st&uuml;tzenden makro&ouml;konomischen Politik der Regierung Helmut Schmidts trat dies jedoch nicht ein, Deutschland war und blieb &ndash; gemeinsam mit Japan &ndash; an der Spitze der Exportnationen. Dies alles sollte sich erst mit der &ldquo;&Auml;ra Kohl&rdquo; &auml;ndern &ndash; und zwar zum Schlechten, wohlgemerkt (!) &ndash; durch die wirtschaftlich au&szlig;erordentlich inkompetente, ja geradezu unverantwortliche Art der &ldquo;Wiedervereinigung&rdquo;, die den Grundstein f&uuml;r die nachfolgende Lawine der &ldquo;Umverteilung von unten nach oben&rdquo; legte. <\/p><p>Denn die massenhafte Vernichtung der ostdeutschen Betriebe, die den West-Konzernen zum Fra&szlig;e vorgeworfen wurden, bewirkte eine sich fl&auml;chenbrandartig ausbreitende Ost-Arbeitslosigkeit &ndash; was nicht nur eine gigantische Arbeitskr&auml;fte-Wanderbewegung in Richtung Westen verursachte, sondern zugleich die Gesamt-Arbeitslosenzahl schlagartig in die H&ouml;he trieb. Hier sei angemerkt, da&szlig; die Regierung Kohl tats&auml;chlich mit nahezu 3 Millionen Arbeitslosen (West!) in die Wiedervereinigung&rdquo;  hineinging, gesch&ouml;nt nur durch zahllose ABM-Ma&szlig;nahmen und &ldquo;Vorruhestandsregelungen&rdquo; &ndash; Geschenke an die West-Wirtschaft zu Lasten der Sozialkassen, die in den folgenden Jahren noch weitaus st&auml;rker gepl&uuml;ndert werden sollten. <\/p><p>So ist die heutige Entwicklung nur die logische Konsequenz Kohl&rsquo;scher Politik, fortgesetzt von Schr&ouml;der: Auszehrung der Sozialkassen durch die Hinnahme verfestigter hoher Arbeitslosigkeit, mit der Folge ungeheuren Lohndrucks und der Verarmung breiter Arbeitnehmerschichten. Das immer wieder heruntergeleierte Patentrezept &ndash; &ldquo;Lohnzur&uuml;ckhaltung schaffe Arbeitspl&auml;tze durch Wettbewerbsf&auml;higkeit&rdquo; &ndash; wird dabei best&auml;ndig und wie zum Hohn ad absurdum gef&uuml;hrt.  Die Gewinne und Manager-Geh&auml;lter der DAX-notierten deutschen Unternehmen sowie der Finanzwirtschaft explodieren Jahr f&uuml;r Jahr in Folge, die Au&szlig;enhandelsbilanz desgleichen, die Zahl der sozialversicherungspflichtig Besch&auml;ftigten sowie deren Einkommen schrumpft hingegen st&auml;ndig weiter &ndash; bei steigenden Energiekosten, Verbrauchssteuern, Sozialabgaben und &ldquo;eigenverantwortlichen&rdquo;, das immer magerer werdende Arbeitnehmer-Einkommen zus&auml;tzlich schm&auml;lernden Zuzahlungen f&uuml;r Krankheitsversorgung und Altersvorsorge. <\/p><p>Weder Lohnzur&uuml;ckhaltung, noch die in den letzten Jahren gro&szlig;z&uuml;gigst gew&auml;hrten Unternehmens-Steuererleichterungen haben tats&auml;chlich f&uuml;r mehr Arbeitspl&auml;tze gesorgt, sondern nur die Unternehmens- und Kapitalgewinne h&ouml;her getrieben &ndash; bei stetem Jammern der so reich Beschenkten &uuml;ber &ldquo;mangelnde internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit&rdquo;.    <\/p><p>Als Fazit l&auml;&szlig;t sich hieraus nur ziehen, da&szlig; unsere Gesellschaft unter die schlimmste Sorte von R&auml;ubern gefallen ist, die man sich vorstellen kann &ndash; einer wahrhaft asozialen &ldquo;Geld-Elite&rdquo; &ndash; und diese sitzt an den Schaltstellen der politischen und der medialen Macht, die sie mit ungeheurer Dreistigkeit mi&szlig;braucht! <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den beiden Tagebucheintr&auml;gen <a href=\"?p=2216\">&bdquo;Globalisierung als Entschuldigung f&uuml;rs Nichtstun und f&uuml;r Fehlentscheidungen&ldquo; (28.3.) <\/a> und <a href=\"?p=2219\">&bdquo;Mein Gott, daf&uuml;r zahlen wir Geb&uuml;hren&ldquo; (29.3.)<\/a> schickte Werner Calmus erg&auml;nzende zugespitzte Hinweise mit vielen Fakten, im wesentlichen zum Beleg der These, dass gewaltige Globalisierungssch&uuml;be und Strukturver&auml;nderungen unserer Industrie schon hinter uns liegen. 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