{"id":22246,"date":"2014-07-03T11:21:30","date_gmt":"2014-07-03T09:21:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22246"},"modified":"2015-10-23T16:50:00","modified_gmt":"2015-10-23T14:50:00","slug":"was-soll-der-mindestlohn-grundsaetzliche-gedanken-zur-oekonomischen-mindestlohndebatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22246","title":{"rendered":"Was soll der Mindestlohn? Grunds\u00e4tzliche Gedanken zur \u00f6konomischen Mindestlohndebatte"},"content":{"rendered":"<p>Seit Jahren wird die Einf&uuml;hrung eines &bdquo;fl&auml;chendeckenden&ldquo; Mindestlohnes in Deutschland rege diskutiert. W&auml;hrend konservative Wirtschaftskreise den Untergang der deutschen Wirtschaft aufziehen sahen, wurde von anderer Seite her kritisiert, dass der gesetzliche Mindestlohn tats&auml;chlich nicht ganz so viel abdecken wird, wie es urspr&uuml;nglich im Wahlkampf 2013 angek&uuml;ndigt war. Vom Mindestlohn ausgenommen sind z. B.:<\/p><ul>\n<li>Jugendliche ohne Berufsausbildung<\/li>\n<li>Verpflichtende Praktika w&auml;hrend des Studiums, der Ausbildung oder der Schule<\/li>\n<li>bis zu sechs Wochen dauernde Praktika zur Orientierung f&uuml;r Beruf oder Studium<\/li>\n<li>Personen, die an einer Eingliederungsma&szlig;nahme (in den Arbeitsmarkt) teilnehmen<\/li>\n<li>Auszubildende und<\/li>\n<li>ehrenamtliche T&auml;tigkeiten.<\/li>\n<\/ul><p>Wer direkt aus der Langzeitarbeitslosigkeit eine Anstellung findet, ist f&uuml;r die ersten sechs Monate dieser Besch&auml;ftigung (gleichbedeutend mit der Probezeit) ebenfalls vom Mindestlohn ausgenommen (zu diesen Ausnahmen siehe <a href=\"http:\/\/www.bmas.de\/DE\/Service\/Presse\/Pressemitteilungen\/mindestlohn-kommt.html\">Bundesministerium f&uuml;r Arbeit und Soziales 2014<\/a>; Thomas Lakies via <a href=\"http:\/\/www.gegenblende.de\/27-2014\/++co++97449436-ea4d-11e3-88d0-52540066f352\">Gegenblende 2014<\/a>). Jetzt hat sich die gro&szlig;e Koalition auch noch dazu &bdquo;durchgerungen&ldquo;, in der Zeitungsbranche und der Saisonarbeit Ausnahmen zu machen (siehe auch die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22221\">NachDenkSeiten<\/a>).<\/p><p>Nun k&ouml;nnte die Kritik an diesen Ausnahmen die Diskussion um den Mindestlohn zumindest ein St&uuml;ck weit davon l&ouml;sen, allein die Mindestlohnwirkung auf Arbeitspl&auml;tze zu debattieren. Tats&auml;chlich wird auch in gewerkschaftlichen Kreisen der Mindestlohn damit verbunden, &bdquo;verbesserte Arbeits- und Einkommens- und Lebensbedingungen&ldquo; (<a href=\"http:\/\/blog.arbeit-wirtschaft.at\/eu-weiter-mindestlohn-fuer-alle\/#more-5090\">Bettina Csoka<\/a>) zu fordern. &Auml;hnlich auch die Mindestlohnkampagne des Deutschen Gewerkschaftsbunds, in der es ausdr&uuml;cklich hie&szlig;, dass (Menschen-) W&uuml;rde keine Ausnahme kennt (siehe <a href=\"https:\/\/www.mindestlohn.de\/aktiv-werden\/e-cards-versenden\/\">Flyer DGB<\/a>).<\/p><p>Allerdings dringen Aspekte wie Arbeits- und Lebensbedingungen oder Menschenw&uuml;rde nur sehr z&ouml;gerlich in die breitere &ouml;ffentliche Diskussion vor. Von <strong>Sebastian Thieme<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nBislang wird sie weiter von der Frage beherrscht, ob Mindestl&ouml;hne Arbeitspl&auml;tze vernichten. Dazu existieren viele Studien, die zumindest keine negativen Effekte von Mindestl&ouml;hnen feststellen (siehe z. B. die Auflistung auf den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22183#h10\">NachDenkSeiten<\/a>). F&uuml;r gew&ouml;hnlich zieht dies von der Gegenseite her gegens&auml;tzliche Studien nach sich. Die Folge: Studien &uuml;ber Studien werden zitiert. F&uuml;r Dritte mag dieser Schlagabtausch sicher nicht immer verst&auml;ndlich sein und stattdessen sogar eher erm&uuml;den. Dar&uuml;ber hinaus beinhaltet die Konzentration auf die reine Masse an Arbeitspl&auml;tzen ein schwer wiegendes Problem.<\/p><p>Denn was ist damit gewonnen, die Wirkung von Mindestl&ouml;hnen auf die allgemeine Zahl an Arbeitspl&auml;tzen zu diskutieren, wenn es doch um &bdquo;gute Arbeit&ldquo; (Qualit&auml;t) geht? Selbst in dem Falle, in dem Studien belegen, dass der Mindestlohn tats&auml;chlich Arbeitspl&auml;tze vernichtet: W&auml;re es dann etwa ethisch legitim, L&ouml;hne zu zahlen, die jeder Menschenw&uuml;rde spotten? Sind menschenw&uuml;rdige L&ouml;hne nur dann menschenw&uuml;rdig, wenn sie keine Arbeitspl&auml;tze vernichten? Haben wir stattdessen menschenunw&uuml;rdige Arbeitspl&auml;tze um der m&ouml;glichst hohen Quantit&auml;t an Arbeitspl&auml;tzen willen zu akzeptieren? Was ist dann aber von der Menschenw&uuml;rde &uuml;brig, die als absoluter Wert eigentlich das Fundament einer Gesellschaft stiftet?<\/p><p>Alle diese Fragen tauchen in der Mindestlohndebatte allenfalls als Randnotizen auf und werden nicht weiter vertieft. Vor allem die vorherrschende &ouml;konomische Lehrmeinung h&auml;lt unbeirrt daran fest, den Mindestlohn nach dessen Wirkung auf das gesamte Arbeitsplatzangebot zu bewerten. Wie verk&uuml;rzt dieser &ouml;konomische Blick ist, das l&auml;sst sich daran demonstrieren, dass selbst die &ouml;konomische Perspektive auch ohne empirische Studien vern&uuml;nftige Gr&uuml;nde f&uuml;r einen Mindestlohn liefert. Damit soll ausdr&uuml;cklich nicht dem Primat der &Ouml;konomik &uuml;ber Politik das Wort geredet werden. Es lohnt sich aber, in diese &ouml;konomische Perspektive abzutauchen, um zu zeigen, mit welchen Widerspr&uuml;chen und M&auml;ngeln die &uuml;bliche &ouml;konomisch-&ouml;konomistische Argumentation gegen Mindestl&ouml;hne behaftet ist.<\/p><p><strong>&Ouml;konomische Gr&uuml;nde<\/strong><\/p><p>Menschenw&uuml;rdige Arbeit soll &ndash; so die altbekannte Gewerkschaftsforderung &ndash; dazu bef&auml;higen, von der eigenen H&auml;nde Arbeit leben zu k&ouml;nnen. In der Diskussion um Mindestl&ouml;hne wird dieser fundamentale Aspekt der <em>Selbsterhaltung<\/em> (Subsistenz) h&auml;ufig zugunsten <em>vermeintlich<\/em> &ouml;konomisch vern&uuml;nftiger (marktwirtschaftlicher) Argumente ausgeblendet. Exemplarisch daf&uuml;r steht die Behauptung, Mindestl&ouml;hne w&uuml;rden zum Abbau von Arbeitspl&auml;tzen f&uuml;hren, frei nach dem Motto &bdquo;Jede Arbeit ist gute Arbeit!&ldquo;. Konsequent zu Ende gedacht, bedeutet dies, das Wirtschaften zum reinen Selbstzweck zu erkl&auml;ren: Arbeiten um &bdquo;der Wirtschaft&ldquo; willen. Und das hei&szlig;t, den Menschen mit seinen existenziellen Bed&uuml;rfnissen <em>hinter<\/em> die Bed&uuml;rfnisse der Wirtschaft zu stellen!<\/p><p>Doch diese Argumentation ist nur scheinbar &bdquo;&ouml;konomisch vern&uuml;nftig&ldquo;. Warum? Weil ganz allgemein nur jene Wirtschaftsform &bdquo;wirtschaftlich&ldquo; oder &bdquo;effizient&ldquo; sein kann, die sich selbst tr&auml;gt (erh&auml;lt). Das ist keine neue Einsicht, sondern unter dem Begriff der Kostendeckung auch in &ouml;konomischen Kreisen bekannt. Folglich ist ein Wirtschaften, das nicht einmal die aufgewendeten Produktionsfaktoren erneuern kann, ganz sicher alles andere als &bdquo;wirtschaftlich&ldquo; zu nennen. Das gilt f&uuml;r die &bdquo;Markt&ldquo;-Wirtschaft ebenso wie f&uuml;r landwirtschaftliche Selbstversorger, Genossenschaften oder gar eine Zentralverwaltungswirtschaft. Bezogen auf den Produktionsfaktor Arbeit bedeutet dies, dass eine &bdquo;wirtschaftliche&ldquo; Produktion <em>mindestens<\/em> die Selbsterhaltung der beteiligten Arbeitskr&auml;fte gew&auml;hrleisten muss.<\/p><p>K&ouml;nnen sich die Tr&auml;ger der Arbeit in einer &bdquo;Markt&ldquo;-Wirtschaft nicht ern&auml;hren, f&auml;llt der Produktionsfaktor Arbeit aus und damit das Angebot. Denn wer <em>kann<\/em> dann noch produzieren? Arbeit f&uuml;hrt auch zu Einkommen und somit zur Nachfrage. Wenn die Selbsterhaltung der Arbeitskr&auml;fte nicht m&ouml;glich ist, f&auml;llt deshalb ebenso die Nachfrage aus: Denn wer kann dann noch konsumieren? Und &uuml;berhaupt stellt sich dann die Frage, f&uuml;r wen noch produziert wird. Auf wen zielte eine Produktion, deren Tr&auml;ger (Arbeitskr&auml;fte) sich nicht ern&auml;hren k&ouml;nnen?<\/p><p>Hinzu tritt ein <em>Anreizproblem<\/em>: Ein &ouml;konomisch rationales Individuum h&auml;tte doch gar kein Motiv, an einem Produktionsprozess teilzunehmen, wenn es sich damit nicht am Leben halten kann. Wer Mindestl&ouml;hne ablehnt, weil damit Arbeitspl&auml;tze vernichtet w&uuml;rden, sollte deshalb zun&auml;chst erst einmal pr&uuml;fen, ob ein &ouml;konomisch rationales Individuum unter idealen &bdquo;Markt&ldquo;-Bedingungen (d. h. freiwillig und ohne Zwang) &uuml;berhaupt jene (schlecht entlohnten) Arbeitspl&auml;tze angenommen h&auml;tte, die unter einem Mindestlohn angeblich verloren gehen.<\/p><p>Streng &ouml;konomisch betrachtet w&auml;re sogar davon zu sprechen, dass der Mindestlohn auf diese Weise eine f&uuml;r &bdquo;den Markt&ldquo; notwendige &bdquo;Marktbereinigung&ldquo; bewirkt. Schlie&szlig;lich nimmt er nicht &bdquo;wirtschaftliche&ldquo; T&auml;tigkeiten\/ Produktionen &bdquo;vom Markt&ldquo;.<\/p><p>In diesem Zusammenhang sind die &Ouml;konominnen und &Ouml;konomen, die eine gesamtwirtschaftlich positive Wirkung einer Lohnflexibilit&auml;t nach unten preisen, vor ein au&szlig;erordentliches Problem gestellt: Sie m&uuml;ssen n&auml;mlich erkl&auml;ren, warum das Kostendeckungsprinzip, das f&uuml;r die gesamte Produktion eines Unternehmens (oder einer Volkswirtschaft) gilt, nicht f&uuml;r die Individuen (Arbeitskr&auml;fte) gelten soll. Dabei ist zu bedenken, dass die Individuen selbst als &ouml;konomisch-rational angenommen werden und somit faktisch wie kleine Unternehmen agieren. Den ansonsten so rationalen Individuen wird dann &uuml;blicherweise eine Irrationalit&auml;t mit existenziellen Folgen abverlangt, denn die Individuen sollen auf die Selbsterhaltung zu Gunsten &bdquo;der Wirtschaft&ldquo; verzichten. Und an dieser Stelle wird es echt famos: Denn f&uuml;r diese quasi altruistische Aufopferung ist in der Standard-Lehrbuch&ouml;konomik gar kein Platz.<\/p><p>Damit gelangen wir wieder zur erw&auml;hnten Anreizproblematik und haben bereits angedeutet, dass diese sich nicht nur auf einen abstrakten Produktionsprozess bezieht. In einer Gesellschaft, in der alle Menschen absolut abh&auml;ngig vom marktwirtschaftlichen Arbeitseinkommen sein sollen (Arbeits- und Marktgesellschaft), <em>muss<\/em> &bdquo;der Markt&ldquo; gew&auml;hrleisten, dass jede T&auml;tigkeit zu einer Entlohnung f&uuml;hrt, die <em>mindestens<\/em> den Selbsterhalt erm&ouml;glicht. Wenn nicht, dann steht nicht nur der Produktionsprozess in Zweifel, sondern die <em>gesamte Gesellschaft<\/em> und somit das, was in der &Ouml;konomik als &bdquo;sozialer Frieden&ldquo; bezeichnet wird.<\/p><p>Dabei gilt es als &ouml;konomische Binsenweisheit, dass ohne &bdquo;sozialen Frieden&ldquo; die sogenannten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Transaktionskosten\">Transaktionskosten<\/a> hoch sind: Investitionen sind dann unsicher, weil<\/p><ul>\n<li>Parallelstrukturen existieren (informelle Strukturen, Korruption usw.), die wiederum Investitionsvorhaben verteuert<\/li>\n<li>sich Personen nicht gen&ouml;tigt sehen, Gesetze\/ Vertr&auml;ge einzuhalten<\/li>\n<li>damit die Kosten f&uuml;r die betriebliche und pers&ouml;nliche Sicherheit steigen<\/li>\n<li>st&auml;ndig Arbeitsverweigerung und Streik drohen, so dass nachverhandelt werden muss und damit droht betrieblicher Verlust etc.<\/li>\n<\/ul><p>Nun l&auml;sst sich einwenden, dass &bdquo;dem Markt&ldquo; etwas Spontanes anhaftet und er nicht vom Ergebnis her geplant werden kann, was sich auch auf die Selbsterhaltung der Arbeitskr&auml;fte erstreckt. Es w&auml;re demnach nicht gewiss, ob &bdquo;der Markt&ldquo; die Selbsterhaltung und damit eine menschenw&uuml;rdige Entlohnung dann tats&auml;chlich auch zu gew&auml;hrleisten vermag.<\/p><p>Aber auch in diesem Fall gilt wieder: Warum sollte sich ein &ouml;konomisch rationales Individuum &uuml;berhaupt auf solch ein unsicheres Spiel einlassen? &Ouml;konomisch rational w&auml;re es, dann doch lieber auf Nummer Sicher zu gehen und selbst f&uuml;r sich zu sorgen oder mit anderen gemeinsam zu wirtschaften (Genossenschaft, Familie usw.), statt auf die Versorgung durch &bdquo;den Markt&ldquo; zu <em>hoffen<\/em>!<\/p><p>Wer dennoch f&uuml;r &bdquo;den Markt&ldquo; und &bdquo;Marktl&ouml;hne&ldquo; pl&auml;dieren will, muss deshalb durch irgendeine Institution (z. B. Staat) glaubhaft versichern, dass sich die Menschen &ndash; wenn sie sich auf dieses &bdquo;Marktspiel&ldquo; einlassen &ndash; von ihrer angebotenen Arbeitskraft ern&auml;hren k&ouml;nnen. Nat&uuml;rlich lassen sich damit keine Situationen ausschlie&szlig;en, in denen diese Garantie tats&auml;chlich schlecht umzusetzen ist, denken wir z. B. an Naturkatastrophen oder Kriege. Aber auf solche Situationen zielt der Mindestlohn ohnehin nicht ab. Es geht viel mehr um ein Versprechen (Anspruch auf Einkommen), das in den meisten F&auml;llen des erfahrbaren Alltags eine <em>Einkommenssicherheit<\/em> gew&auml;hren soll: Gemeint sind die Situationen, in denen das Wirtschaftssystem prinzipiell in der Lage w&auml;re, die Versorgung aller zu gew&auml;hrleisten, diese Versorgung aber aus Gr&uuml;nden von ungleich verteilter Marktmacht, von Intransparenz u. &auml;. nicht zustande kommt.<\/p><p>So gesehen ist der Mindestlohn auch der <em>Preis<\/em> daf&uuml;r, dass der &bdquo;soziale Frieden&ldquo; gewahrt wird, damit die Transaktionskosten niedrig bleiben und die Individuen &uuml;berhaupt einen Anreiz besitzen, immer wieder aufs Neue am &bdquo;Marktspiel&ldquo; teilzunehmen.<\/p><p>F&uuml;r eine Marktgesellschaft stellt der Mindestlohn deshalb sogar eine <em>Notwendigkeit<\/em> dar. Erst eine Einkommensgarantie in Form eines Mindestlohnes bewerkstelligt, dass die marktwirtschaftliche Produktion den spontanen und nicht planbaren Entscheidungen der Wirtschaftsakteure entspringen kann. Andernfalls h&auml;tte kaum jemand ein Interesse, an der zuf&auml;lligen und nicht planbaren marktwirtschaftlichen Produktion teilzunehmen. Denn ein &bdquo;Marktaustritt&ldquo; w&uuml;rde die davon Betroffenen vor existenzielle Probleme stellen. Erst mit einer <em>Einkommensgarantie<\/em> w&auml;re eine Marktwirtschaft und Marktgesellschaft funktionsf&auml;hig. Und nur dann w&auml;re sie ethisch auch legitimierbar. Zu verlangen, dass Menschen zu Marktl&ouml;hnen arbeiten, die sie nicht am Leben halten, ist aus der Perspektive der einzelnen Individuen heraus so &ouml;konomisch unsinnig wie es aus ethischer Sicht schlicht eine Zumutung w&auml;re.<\/p><p><strong>Mindestlohn: Selbsterhaltung im Arbeitsverh&auml;ltnis<\/strong><\/p><p>Diese genannten &ouml;konomischen Argumente lassen sich auch f&uuml;r einen allgemeinen Anspruch auf Selbsterhaltung (Subsistenzrecht) anf&uuml;hren, der allen Gesellschaftsmitgliedern zusteht &ndash; und zwar <em>unabh&auml;ngig<\/em> davon, ob sie erwerbst&auml;tig sind oder nicht. &Uuml;blicherweise kommt dieser allgemeine Anspruch in Sozialtransfers zum Ausdruck, wie z. B. im Arbeitslosgeld II (Hartz IV). Auf die Details einer entsprechenden Argumentation muss an dieser Stelle verzichtet werden (siehe ausf&uuml;hrlich Thieme 2012). Stattdessen ist auf ein Problem hinzuweisen, das damit im Zusammenhang steht. Bisweilen l&auml;sst sich n&auml;mlich beobachten, dass die Sozialtransfers mit dem Mindestlohn vermengt werden.<\/p><p>Sozialtransfers, so hei&szlig;t es h&auml;ufig, stellen bereits eine Untergrenze in der Lohnfindung dar &ndash; sie sind &bdquo;implizite Mindestl&ouml;hne&ldquo; (z. B. <a href=\"http:\/\/www.cesifo-group.de\/de\/ifoHome\/facts\/Aktuelles-Stichwort\/Topical-Terms-Archive\/Mindestlohn.html\">CesIfo M&uuml;nchen<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/-gqg-7773f\">FAZ 2013<\/a>). Mit dieser Gleichsetzung wird jedoch ein wichtiger Unterschied zwischen Sozialtransfers und Mindestl&ouml;hnen ignoriert.<\/p><p>Sozialtransfers dienen &ndash; wie eben erw&auml;hnt &ndash; dem <em>allgemeinen<\/em> Anspruch eines <em>jeden<\/em> Gesellschaftsmitgliedes, sich in einer Gesellschaft erhalten zu k&ouml;nnen. Sie beziehen sich auf das allgemeine Leben in einer Gesellschaft, auf ein Recht auf (sozio-kulturelle) Existenz.<\/p><p>Mindestl&ouml;hne zielen dagegen ganz konkret auf <em>Arbeitsbeziehungen<\/em> ab. Sie m&uuml;ssen nat&uuml;rlich &ndash; ebenso wie die Sozialtransfers &ndash; die Selbsterhaltung in einer Gesellschaft erm&ouml;glichen, haben aber <em>zus&auml;tzlich<\/em> Einschr&auml;nkungen zu kompensieren, die mit dem <em>ganz konkreten Arbeitsverh&auml;ltnis<\/em> in Verbindung stehen. Denken wir z. B. an Wegzeiten, zeitliche und r&auml;umliche Flexibilit&auml;t oder generell an die &Uuml;berlassung der Arbeitskraft, die sich &ouml;konomisch in Opportunit&auml;tskosten ausdr&uuml;ckt (d. h. die zur Verf&uuml;gung gestellte Arbeitszeit l&auml;sst sich nicht zwei Mal verwenden!). Hinzu m&ouml;gen verteilungspolitische Aspekte treten: Der Mindestlohn als ein Mindestanspruch am erwirtschafteten Mehrwehrt (das, was &uuml;ber die Selbsterhaltung hinausgeht). Wichtig sind daran folgende Dinge:<\/p><p><em>Erstens<\/em> sind bereits die Sozialtransfers an allgemeine Sozialstandards und ethische Anspr&uuml;che gebunden, die sich auch nicht senken lassen, ohne den sozialen Frieden und die Akzeptanz der Gesellschaftsform in Gefahr zu bringen (Grundrechte, Sozialcharta der EU, Sozialpakt der Vereinten Nationen usw.). Insofern ist es nicht nur ethisch und zum Teil auch rechtlich fragw&uuml;rdig Lohnflexibilit&auml;t nach unten durch Senkung von Anspr&uuml;chen an den Sozialstaat zu bewirken &ndash; solche Vorhaben k&ouml;nnen auch &ouml;konomisch widerspr&uuml;chlich und sogar unvern&uuml;nftig sein (weil sie h&ouml;here Transaktionskosten bedeuten k&ouml;nnen).<\/p><p><em>Zweitens<\/em> ist es zwar richtig, dass die Sozialtransfers das Fundament f&uuml;r Mindestl&ouml;hne bilden, denn alles das, was die Sozialtransfers bewerkstelligen sollen, m&uuml;ssen Mindestl&ouml;hne nat&uuml;rlich auch <em>mindestens<\/em> garantieren: n&auml;mlich die menschenw&uuml;rdige Existenz in einer Gesellschaft. Aber dar&uuml;ber hinaus zielen Mindestl&ouml;hne ganz konkret auf <em>Arbeitsbeziehungen<\/em> ab, so dass sie deutlich mehr zu leisten haben als Sozialtransfers. In Geldbetr&auml;gen gedacht m&uuml;ssen sie betragsm&auml;&szlig;ig oberhalb der Sozialtransfers angesiedelt sein.<\/p><p>Als Konsequenz daraus verbietet es sich, Mindestl&ouml;hne als reine &bdquo;Sozialhilfel&ouml;hne&ldquo; zu berechnen. Damit ist gemeint, dass aus einem Sozialhilfesatz (o. &auml;.) nicht einfach ein Lohnsatz berechnet und <em>direkt<\/em> zum Mindestlohn deklariert werden kann: Solche &bdquo;Sozialhilfel&ouml;hne&ldquo; m&uuml;ssten noch um Elemente erg&auml;nzt werden, die &uuml;blicherweise in Arbeitsbeziehungen eine Rolle spielen (s. o.) und die aus verteilungspolitischen Gr&uuml;nden eine Mindestteilhabe am Arbeitsprodukt gew&auml;hrleisten.<\/p><p>F&uuml;r die Gewerkschaften bedeutet dies, ihren alten Slogan, gem&auml;&szlig; dem die arbeitenden Menschen von ihrer H&auml;nde Arbeit auch leben k&ouml;nnen sollen, neu zu &uuml;berdenken. Denn es geht nicht nur darum, menschenw&uuml;rdig existieren zu k&ouml;nnen, sondern dar&uuml;ber hinaus <em>die Einschr&auml;nkungen im Arbeitsprozess<\/em> zu einem Mindestma&szlig; kompensiert zu bekommen und zu einem Mindestma&szlig; auch an den Fr&uuml;chten der angebotenen Erwerbsarbeit beteiligt zu werden. Sich im arbeitsteiligen Prozess einer &bdquo;Markt&ldquo;-Wirtschaft mit der reinen Existenzsicherung zu begn&uuml;gen, das reicht schlicht nicht aus und ist &ouml;konomisch rational auch nicht zu rechtfertigen.<\/p><p><strong>Fazit<\/strong><\/p><p>Der vorliegende Beitrag sollte keineswegs den Eindruck erwecken, dass neben den &ouml;konomischen Gr&uuml;nden f&uuml;r einen Mindestlohn keine anderen Gr&uuml;nde existieren. Tats&auml;chlich bieten sich auch in ethischer Hinsicht verschiedene Bezugspunkte, aus denen heraus sich ein Mindestlohn rechtfertigen l&auml;sst (christliche N&auml;chstenliebe, Menschenw&uuml;rde, Kategorischer Imperativ usw.). Ebenso existieren gen&uuml;gend rechtliche Gr&uuml;nde, die f&uuml;r Mindestl&ouml;hne sprechen (z. B. der Sozialpakt der Vereinten Nationen, EU Sozialcharta usw.).<\/p><p>Der Beitrag konzentrierte sich nur deshalb auf die &ouml;konomischen Argumente, weil die Diskussion &uuml;blicherweise als &bdquo;&ouml;konomisch&ldquo; gef&uuml;hrt wird, sich dabei aber haupts&auml;chlich um die Quantit&auml;t von Arbeitspl&auml;tzen dreht und andere Gr&uuml;nde dann zwar als &bdquo;softe&ldquo; Faktoren genannt, aber nicht gerne weiter ber&uuml;cksichtigt werden. Von einzelnen &ouml;konomischen Gegenpositionen abgesehen entsteht so der Eindruck, dass Mindestl&ouml;hne &ouml;konomisch eher negativ zu bewerten sind (Hauptargument: Vernichtung von Arbeitspl&auml;tzen). Argumentativ verf&auml;ngt sich die Diskussion dann all zu h&auml;ufig in dem eingangs erw&auml;hnten Schlagabtausch, in dem die Gr&uuml;nde f&uuml;r oder gegen Mindestl&ouml;hne in Studien auslagert werden, anstatt z. B. die Bedeutung der Selbsterhaltung zu diskutieren, die ja eigentlich Zweck des Mindestlohnes ist. Dabei spricht auch aus &ouml;konomischer Sicht viel daf&uuml;r, den Menschen die Selbsterhaltung via Mindestlohn zu gew&auml;hrleisten. Aber nicht nur das: Es lassen sich auch &ouml;konomisch vern&uuml;nftige Gr&uuml;nde daf&uuml;r anf&uuml;hren, warum der Mindestlohn eine angemessene Entlohnung bedeutet, die nicht allein auf die Erhaltung des <em>Existenzminimums<\/em> beschr&auml;nkt ist. Dieser Beitrag sollte Anregung geben, sich einmal auf diese Perspektive einzulassen, um dann in zuk&uuml;nftigen Diskussionen die entsprechende Gegnerinnen und Gegner eines Mindestlohnes auf die Br&uuml;che und M&auml;ngel in ihrer Argumentation sowie auf die (rein) &ouml;konomischen Gr&uuml;nde f&uuml;r Mindestl&ouml;hne hinzuweisen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Literatur zur Vertiefung<\/strong><\/p><ul>\n<li>B&ouml;cklerimplus (2011): <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/impuls_2011_18_4-5.pdf\">Angemessener Mindestlohn: Orientierungsmarken gibt es schon. 18\/ 2011 [PDF &ndash; 635 KB]<\/a>.<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/conventions.coe.int\/Treaty\/ger\/Treaties\/Html\/035.htm\">Europ&auml;ische Sozialcharta<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/cae\/servlet\/contentblob\/360806\/publicationFile\/3618\/IntSozialpakt.pdf\">Internationaler Pakt &uuml;ber wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte [PDF]<\/a><\/li>\n<li>Lakies, Thomas (2014): Der Mindestlohn ist auf dem Weg &ndash; zu sp&auml;t und zu niedrig? Auf <a href=\"http:\/\/www.gegenblende.de\/27-2014\/++co++97449436-ea4d-11e3-88d0-52540066f352\">Gegenblende.de<\/a> (3.6.2014)<\/li>\n<li>Thieme, Sebastian (2014): Subsistenz, Viabilit&auml;t und Sozialstaat. Grundz&uuml;ge einer Subsistenzethik. In: Zeitschrift f&uuml;r Wirtschafts- und Unternehmensethik, Jg. 15, Heft 2 (im Erscheinen).<\/li>\n<li>Thieme, Sebastian (2012): Das Subsistenzrecht: Begriff, &ouml;konomische Traditionen und Konsequenzen. Marburg: Metropolis.<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Dr. rer. pol. Sebastian Thieme<\/strong>, Jahrgang 1978, ist Volkswirt und derzeit Mitarbeiter am Zentrum f&uuml;r &Ouml;konomische und Soziologische Studien an der Universit&auml;t Hamburg. Er forscht zu Heterodoxie und Orthodoxie, &Ouml;konomischer Misanthropie, Subsistenz(-ethik), Wirtschaftsethik, Wirtschaftsstilforschung und &Ouml;konomischer Ideengeschichte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Jahren wird die Einf&uuml;hrung eines &bdquo;fl&auml;chendeckenden&ldquo; Mindestlohnes in Deutschland rege diskutiert. W&auml;hrend konservative Wirtschaftskreise den Untergang der deutschen Wirtschaft aufziehen sahen, wurde von anderer Seite her kritisiert, dass der gesetzliche Mindestlohn tats&auml;chlich nicht ganz so viel abdecken wird, wie es urspr&uuml;nglich im Wahlkampf 2013 angek&uuml;ndigt war. Vom Mindestlohn ausgenommen sind z. B.:<\/p>\n<ul>\n<li>Jugendliche ohne<\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22246\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,145,132,161],"tags":[890,317,291],"class_list":["post-22246","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-sozialstaat","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wertedebatte","tag-menschenwuerde","tag-mindestlohn","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22246","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22246"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22246\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22256,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22246\/revisions\/22256"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22246"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22246"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22246"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}