{"id":22250,"date":"2014-07-04T09:23:59","date_gmt":"2014-07-04T07:23:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22250"},"modified":"2019-07-31T12:33:08","modified_gmt":"2019-07-31T10:33:08","slug":"die-grundlagen-des-stabilitaets-und-wachstumspakts-o-heilige-dreifaltigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22250","title":{"rendered":"Die Grundlagen des Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspakts: O heilige Dreifaltigkeit!"},"content":{"rendered":"<p>Die Reaktionen auf Sigmar Gabriels Forderung in der vorletzten Woche, den Krisenl&auml;ndern der EU im Gegenzug f&uuml;r Reformen etwas mehr Zeit zum Abbau ihrer Staatsdefizite zu geben, waren vorhersehbar: W&auml;hrend der Vorschlag in Frankreich und Italien Zustimmung erntete, stie&szlig; er in Deutschland auf eine breite Front der Ablehnung, von &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/euro-stabilitaetspakt-merkel-und-gabriel-streiten-ueber-wachstum-a-975945.html\">Spiegel<\/a>&ldquo;, &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/eurokrise\/sigmar-gabriels-vorschlag-zum-solidaritaetspakt-ist-falsch-12999282.html\">FAZ<\/a>&ldquo;, &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/debatte\/kommentare\/article129224773\/Wird-Gabriel-jetzt-zum-reformfaulen-Franzosen.html\">Die Welt<\/a>&ldquo; bis hin zu &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.focus.de\/finanzen\/news\/wirtschaft-uns-droht-die-euro-dauerkrise_id_3938521.html\">Focus<\/a>&ldquo;.[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22250#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Von <strong>G&uuml;nther Grunert<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22250#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nAuch wenn sich Gabriel sp&auml;ter um Klarstellung bem&uuml;hte, dass damit nat&uuml;rlich nicht der Stabilit&auml;ts- und Wachstumspakt in Frage gestellt werden sollte, war die Emp&ouml;rung gro&szlig;: CSU-Generalsekret&auml;r Andreas Scheuer etwa warnte den Bundeswirtschaftsminister davor, &bdquo;mit den franz&ouml;sischen Schuldensozis zu mauscheln&ldquo;, der Bankenverband sah einen &bdquo;R&uuml;ckfall in l&auml;ngst &uuml;berwunden geglaubte Zeiten&ldquo; und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) wandte sich gegen eine erneute Aufweichung des Stabilit&auml;tspakts. Bundeskanzlerin Angela Merkel stellte sofort gemeinsam mit ihrem estnischen Kollegen Taavi Roivas fest: &bdquo;Wir sind beide der &Uuml;berzeugung, dass der Stabilit&auml;tspakt als einer der wichtigsten Teile der &Uuml;berwindung der Eurokrise weiter in Kraft bleiben muss, dass er nicht ge&auml;ndert werden darf.&ldquo; Und Bundesfinanzminister Wolfgang Sch&auml;uble beruhigte die &Ouml;ffentlichkeit nach einer Zusammenkunft mit seinen EU-Kollegen in Luxemburg: &bdquo;Niemand hat eine Aufweichung des Stabilit&auml;tspaktes gefordert&ldquo; (FR, 21.6.2014).<\/p><p>Obwohl der Stabilit&auml;tspakt nach seiner Entstehung im Jahr 1997 keineswegs auf ungeteilte Zustimmung stie&szlig;, genie&szlig;t er offenbar in der deutschen &Ouml;ffentlichkeit inzwischen ein so hohes Ansehen, dass selbst eine eher unbedeutende Forderung wie die von Sigmar Gabriel, den Pakt etwas flexibler zu gestalten, sofort heftige Abwehrreaktionen ausl&ouml;st.<\/p><p>Zur Erinnerung: Im sog. Stabilit&auml;ts- und Wachstumspakt verpflichten sich die EU-L&auml;nder zur Wahrung einer dauerhaften und nachhaltigen Haushaltsdisziplin auch nach Eintritt in die W&auml;hrungsunion. Ein wesentliches Element dieses Pakts besteht darin, dass die EU-Staaten mittelfristig nahezu ausgeglichene &ouml;ffentliche Haushalte (oder &Uuml;bersch&uuml;sse) anstreben m&uuml;ssen. Als Obergrenze f&uuml;r die j&auml;hrlichen Haushaltsdefizite gilt dabei grunds&auml;tzlich die Marke von 3 Prozent des BIP, der Schuldenstand soll h&ouml;chstens 60 Prozent des BIP betragen. Nur in festgelegten seltenen Ausnahmef&auml;llen sind h&ouml;here Defizite zugelassen.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p>Wie aber kamen die Autoren des Vertrags von Maastricht auf diese H&ouml;chstwerte, die viele Politiker seither wie eine Monstranz vor sich hertragen und &uuml;ber deren Berechtigung in den hiesigen Medien kaum noch diskutiert wird? Dieser Frage wird in Abschnitt 2 dieses Beitrags nachgegangen. Abschnitt 1 soll zuvor noch einmal kurz die mit der 3-Prozent-Defizitgrenze verbundenen &ouml;konomischen Probleme aufzeigen. Abschnitt 3 beendet mit einem Fazit die Analyse.<\/p><ol>\n<li><strong>Die Problematik der Haushaltsdefizit-Grenze von 3 Prozent<\/strong>\n<p>Die Schw&auml;chen der Defizitregel des Stabilit&auml;tspakts zeigen sich insbesondere bei einer ung&uuml;nstigen wirtschaftlichen Entwicklung. So verringert ein starker negativer Nachfrageschock, der zu einem Konjunkturabschwung f&uuml;hrt, die Steuereinnahmen und erh&ouml;ht gleichzeitig die Sozialausgaben, so dass sich der Finanzierungssaldo des Staatssektors automatisch in Richtung Defizit (bzw. eines steigenden Defizits) bewegt, auch wenn weder die Staatsausgaben noch die Steuers&auml;tze durch politische Entscheidungen ver&auml;ndert werden. <\/p>\n<p>Was oft nicht verstanden wird, ist, dass das Budgetergebnis in starkem Ma&szlig;e durch die gesamtwirtschaftliche Entwicklung beeinflusst wird und deshalb zu einem gro&szlig;en Teil au&szlig;erhalb der Kontrolle des Staates liegt. Reduziert der Staat in einem &ouml;konomischen Abschwung seine Ausgaben, um eine &Uuml;berschreitung der 3-Prozent-Defizitgrenze zu vermeiden oder zu korrigieren, f&uuml;hrt dies wegen der R&uuml;ckkoppelungseffekte zu einer Versch&auml;rfung und Verl&auml;ngerung der Rezession, was dann mit gro&szlig;er Wahrscheinlichkeit weitere Verletzungen der Stabilit&auml;tsregeln (und dann nochmalige Ausgabenk&uuml;rzungen) nach sich zieht.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Das gilt erst recht, wenn der Staat obendrein versucht, die automatischen Stabilisatoren (allen voran Renten- und Arbeitslosenversicherung) zu beschneiden, wie dies etwa in S&uuml;deuropa mit den Austerit&auml;tsvorschriften der Troika aus EU-Kommission, IWF und EZB durchgesetzt wurde. Eine solche prozyklische Politik wird von Mitchell\/Muysken treffend als &bdquo;fiskalischer Vandalismus&ldquo; (Mitchell\/Muysken 2008, S. 142) bezeichnet.<\/p>\n<p>Da das Budgetergebnis weitgehend endogen bestimmt wird, kann der Staat es nicht einfach vorab als Ziel festlegen, d.h. die Verwendung willk&uuml;rlicher und rigider fiskalischer Regeln ist wenig sinnvoll. Brechen in einem konjunkturellen Abschwung die privaten Ausgaben ein und steigt damit das staatliche Defizit, so besteht die richtige Handlungsweise darin, die diskretion&auml;ren Staatsausgaben zu erh&ouml;hen und nicht etwa zu k&uuml;rzen. Denn der private Sektor (Unternehmen und Haushalte) reagiert auf eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in der Regel mit der Einschr&auml;nkung seiner Ausgaben, ein Verhalten, das aus einzelwirtschaftlicher Sicht verst&auml;ndlich, gesamtwirtschaftlich aber sch&auml;dlich ist, da es die Nachfrage schw&auml;cht und die Wirtschaft weiter nach unten treibt. Folglich muss der Staat in antizyklischer Weise intervenieren, indem er seine Ausgaben steigert und die Konjunktur stabilisiert.<\/p>\n<p>Der grundlegende Fehler des Stabilit&auml;tspakts liegt in der Annahme, dass staatliche Budgetdefizite etwas prinzipiell Schlechtes sind, das es so weit wie m&ouml;glich zu vermeiden gilt. In Wirklichkeit aber sind staatliche Haushaltsdefizite eines Landes weder gut noch schlecht, sondern zwingend erforderlich, wenn die geplanten Ausgaben des nichtstaatlichen Sektors &ndash; d.h. des privaten heimischen Sektors (Haushalte und Unternehmen) und des externen Sektors (Ausland) &ndash; nicht ausreichen, um die vollst&auml;ndige Nutzung der verf&uuml;gbaren produktiven Ressourcen des Landes sicherzustellen.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Denn wenn die Ausgaben des privaten heimischen Sektors eines Landes dessen Einnahmen unterschreiten, private Haushalte und Unternehmen also zusammen genommen sparen, dann geht das aus Gr&uuml;nden der Logik nur dann mit nicht sinkendem Einkommen der Gesamtwirtschaft einher, wenn die beiden verbleibenden Sektoren, also Staat und Ausland, bereit sind, sich spiegelbildlich dazu zu verschulden. Dass die Verschuldung des Auslands auf Dauer aber keine L&ouml;sung ist, lehren die Eurokrise und die Diskussion um drohende Abwertungswettl&auml;ufe zwischen den gro&szlig;en Weltw&auml;hrungen. Bleibt also nur der Staat als Sektor &uuml;brig, den Sparw&uuml;nschen der Privaten mit Verschuldungsbereitschaft zu begegnen, um das gesamtwirtschaftliche Einkommen zu stabilisieren (zu den Zusammenh&auml;ngen zwischen den Finanzierungs&uuml;bersch&uuml;ssen resp. &ndash;defiziten der volkswirtschaftlichen Sektoren vgl. <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18350\">ausf&uuml;hrlicher hier<\/a>).<\/p>\n<p>M&ouml;glicherweise liegt die Aversion gegen staatliche Budgetdefizite in weiten Teilen der &Ouml;ffentlichkeit schon in der Begrifflichkeit, die sich vortrefflich f&uuml;r politische Zwecke missbrauchen l&auml;sst. Der Begriff &bdquo;Defizit&ldquo; zeigt einen Fehlbetrag an, was zwar im buchhalterischen Sinne richtig, aber dennoch irref&uuml;hrend ist, da dies den positiven Beitrag eines staatlichen Haushaltsdefizits f&uuml;r die Bildung von Netto-Geldverm&ouml;gen auf Seiten des nichtstaatlichen Sektors unterschl&auml;gt (Connors\/Mitchell 2013). Tats&auml;chlich sind Staatsdefizite die einzige Quelle des Netto-Geldverm&ouml;gens des nichtstaatlichen Sektors. Denn alle Transaktionen zwischen den wirtschaftlichen Akteuren im nichtstaatlichen Sektor gleichen sich zu Null aus.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/p><\/li>\n<li><strong>Zur Entstehung der Vorgaben des Stabilit&auml;tspakts<\/strong>\n<p>Wie bereits erw&auml;hnt, verlangt der Stabilit&auml;ts- und Wachstumspakt, dass die gesamten Schulden eines Staates nicht h&ouml;her als 60 Prozent seines BIP sein d&uuml;rfen; f&uuml;r das j&auml;hrliche Defizit im Haushalt gilt eine Obergrenze von 3 Prozent des BIP. Dies wirft die Frage auf, warum gerade diese Referenzwerte gew&auml;hlt wurden.<\/p>\n<p>Tats&auml;chlich wei&szlig; die herrschende Lehre trotz zahlloser Modelle und empirischer Untersuchungen so gut wie nichts &uuml;ber irgendeinen &bdquo;optimalen&ldquo; Schuldenstand eines Landes (in Relation zum BIP). Erinnert sei in diesem Zusammenhang nur an die Reinhart\/Rogoff-Studie vor einigen Jahren (Reinhart\/Rogoff 2010). Die beiden Autoren glaubten herausgefunden zu haben, dass eine Staatsschuldenquote, die den Schwellenwert von 90 Prozent &uuml;berschreite, das Wachstum signifikant verringere. Dieses Ergebnis wurde von Politik und Wissenschaft als (l&auml;ngst &uuml;berf&auml;lliger) Durchbruch in der Forschung zur Tragf&auml;higkeit staatlicher Schulden gefeiert, bis sich herausstellte, dass die behauptete 90-Prozent-Schwelle schlicht das Resultat peinlicher Rechenfehler war.<\/p>\n<p>Was also tun? Die Verfasser des Vertrags von Maastricht entschieden sich f&uuml;r eine pragmatische L&ouml;sung: Der Schuldenstand lag im Durchschnitt aller EU-L&auml;nder im Jahr 1990 bei 60,2 Prozent, also orientierte man sich einfach an dieser Zahl und legte eine 60-Prozent-Grenze f&uuml;r den Schuldenstand fest, ohne zu wissen, ob diese Verschuldungsquote zu hoch, zu niedrig oder vielleicht zuf&auml;llig richtig, ja, ob eine solche Quote &uuml;berhaupt in irgendeiner Weise &ouml;konomisch relevant war (vgl. auch Bofinger 2005, S. 92).<\/p>\n<p>Noch willk&uuml;rlicher entstand die Haushaltsdefizitgrenze von 3 Prozent. Zun&auml;chst wurde noch vermutet (vgl. z.B. Bofinger 2005, S. 92), dass die H&ouml;chstmarke von 3 Prozent des BIP f&uuml;r die j&auml;hrliche Neuverschuldung deshalb gew&auml;hlt wurde, weil damit bei einer unterstellten Wachstumsrate des nominalen BIP von 5 Prozent der &ouml;ffentliche Schuldenstand im Verh&auml;ltnis zum BIP &uuml;ber die Zeit konstant bei 60 Prozent gehalten werden k&ouml;nnte.[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]<\/p>\n<p>Jedoch stammt die Idee einer Defizitgrenze von 3 Prozent &ndash; wie sich erst viel sp&auml;ter herausstellte (vgl. <a href=\"http:\/\/bilbo.economicoutlook.net\/blog\/?p=27236\">hier<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftswissen\/3-prozent-defizitgrenze-wie-das-maastricht-kriterium-im-louvre-entstand-12591473.html\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.voxeurop.eu\/en\/content\/news-brief\/2776341-secret-3-finally-revealed\">hier<\/a>) &ndash; urspr&uuml;nglich aus Frankreich. Das Haushaltsdefizit war dort im Jahr 1981 auf etwa 55 Mrd. Francs angewachsen und Prognosen f&uuml;r das Jahr 1982 gingen von einem weiteren Anstieg auf &uuml;ber 100 Mrd. Francs aus. Der im Mai 1981 neu gew&auml;hlte Pr&auml;sident Francois Mitterrand beauftragte daraufhin den damaligen stellvertretenden Leiter der Budgetabteilung im Finanzministerium, Pierre Bilger, eine einfache, praktische Defizitregel zu den Grenzen der j&auml;hrlichen Neuverschuldung zu finden. Bilger gab den Auftrag an einige &Ouml;konomen mit angeblich gro&szlig;em mathematischen Sachverstand weiter, unter ihnen Guy Abeille, der als Projektmanager im franz&ouml;sischen Finanzministerium arbeitete. Abeille verriet in den Jahren 2010 und 2012 der &Ouml;ffentlichkeit, wie die Haushaltsdefizit-Grenze von 3 Prozent des BIP zustande gekommen war. Seine Version wurde von wichtigen damaligen Entscheidungstr&auml;gern wie Ex-Bundesbank-Pr&auml;sident Hans Tietmeyer und dem sp&auml;teren EZB-Chef Jean-Claude Trichet im Wesentlichen best&auml;tigt.<\/p>\n<p>In einem Interview von 2012 berichtet Abeille: &bdquo;Wir dachten uns die 3%-Zahl in weniger als einer Stunde aus, es war eine Berechnung auf die Schnelle, ohne jede theoretische &Uuml;berlegung. &hellip; Mitterrand wollte, dass wir ihm rasch eine einfache Regel lieferten, die &ouml;konomisch klang und die er den Ministern, die in sein B&uuml;ro marschierten und um mehr Geld baten, entgegenhalten konnte. &hellip; Wir brauchten etwas Einfaches. &hellip; 3%? Das war eine gute Zahl, eine Zahl, die die Zeit &uuml;berdauert hat; sie erinnerte an die Dreifaltigkeit&ldquo; (Le Parisien 2012; zitiert und &uuml;bersetzt nach Mitchell 2014).<\/p>\n<p>Statt hoher Mathematik also eher Religion (Dreifaltigkeit), was dann wieder gut zu dem religi&ouml;sen Eifer passt, mit dem fortan auf die Einhaltung dieser v&ouml;llig aus der Luft gegriffenen Defizitregel gepocht wurde.<\/p>\n<p>Das 3-Prozent-Kriterium wurde zun&auml;chst von Mitterrand in einer Richtlinie vom 9. Juni 1982 aufgegriffen (&bdquo;Die Obergrenze liegt bei 3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes &ndash; nicht mehr&ldquo;) und fast zehn Jahre sp&auml;ter von Jean-Claude Trichet, dem damaligen Leiter des franz&ouml;sischen Schatzamtes und sp&auml;teren Pr&auml;sidenten der EZB, in den festgefahrenen europ&auml;ischen Verhandlungen kurz vor Beginn der Maastricht-Konferenz Ende 1991 als Vorschlag Frankreichs in die Diskussion eingebracht. Die deutsche Seite stimmte der franz&ouml;sischen 3-Prozent-Idee schon nach relativ kurzer Zeit zu und so fand sie schlie&szlig;lich ihren Weg in den im Jahre 1997 geschlossenen Stabilit&auml;ts- und Wachstumspakt.<\/p><\/li>\n<li><strong>Fazit<\/strong>\n<p>Es ist grotesk und deprimierend zugleich: Zwei reine Phantasiezahlen ohne jede &ouml;konomische Fundierung schr&auml;nken in Europa den Handlungsspielraum der nationalen Fiskalpolitiken massiv ein und zwingen die Euro-Krisenl&auml;nder zu einer destruktiven prozyklischen Politik, mit verheerenden Auswirkungen auf die Besch&auml;ftigungssituation in diesen L&auml;ndern.<\/p>\n<p>Auch wenn es falsch ist, den Stabilit&auml;ts- und Wachstumspakt allein f&uuml;r die &ouml;konomische Misere im Euroraum verantwortlich zu machen (die eigentlichen Ursachen liegen vielmehr &ndash; wie schon oft erw&auml;hnt &ndash; in den hohen Leistungsbilanzungleichgewichten in der EWU, zu denen Deutschland ma&szlig;geblich beigetragen hat), so hat doch die auf dem Stabilit&auml;tspakt basierende restriktive Fiskalpolitik, die den Euro-Krisenl&auml;ndern von der Troika verordnet wurde, in einem stark rezessiven Umfeld die wirtschaftliche Lage noch einmal deutlich verschlechtert. (Dass die Drosselung von L&ouml;hnen und Geh&auml;ltern im &ouml;ffentlichen Dienst den Niedergang der L&ouml;hne in der Privatwirtschaft durch ihren &bdquo;Vorbildcharakter&ldquo; gef&ouml;rdert und damit die Destabilisierung des Privatsektors auch von dieser Seite mit vorangetrieben hat, liegt auf der Hand und d&uuml;rfte der fiskalischen Restriktion in der negativen Wirkung nicht nachstehen.) Trotzdem sollen sich &ndash; wenn es nach dem Willen der Stabilit&auml;tspakt-Bef&uuml;rworter geht &ndash; auch in Zukunft die nationalen Fiskalpolitiken strikt an einem Regelwerk orientieren, das quasi &uuml;ber Nacht zusammengeschustert wurde und das jeglicher theoretischer Grundlage entbehrt.<\/p><\/li>\n<\/ol><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Literatur<\/strong><\/p><ul>\n<li><strong>Bofinger, P.<\/strong> (2005): Wir sind besser, als wir glauben, M&uuml;nchen<\/li>\n<li><strong>Connors, L.\/Mitchell, W.<\/strong> (2013): <a href=\"http:\/\/e1.newcastle.edu.au\/coffee\/pubs\/wp\/2013\/13-06.pdf\">Framing Modern Monetary Theory, in: Centre of Full Employment and Equity [PDF &ndash; 681 KB]<\/a>, Working Paper No. 06-13, November; letzter Zugriff: 29.6.2014<\/li>\n<li><strong>Le Parisien<\/strong> (2012): 3% de d&eacute;ficit: &ldquo;Le chiffre est n&eacute; sur un coin de table&rdquo;, 28. September <\/li>\n<li><strong>Minsky, H. P.<\/strong>  (1986):  Stabilizing an Unstable Economy, New Haven and London<\/li>\n<li><strong>Minsky, H. P.<\/strong> (1992): <a href=\"http:\/\/digitalcommons.bard.edu\/cgi\/viewcontent.cgi?article=1190&amp;context=hm_archive\">Yes, There is a Democratic Economics<\/a>, Hyman P. Minsky Archive, Paper 191; letzter Zugriff: 29.6.2014<\/li>\n<li><strong>Mitchell, B.<\/strong> (2014): <a href=\"http:\/\/bilbo.economicoutlook.net\/blog\/?p=27236\">Options for Europe &ndash; Part 40<\/a>; letzter Zugriff: 29.6.2014<\/li>\n<li><strong>Mitchell, W.\/Muysken, J.<\/strong> (2008): Full Employment Abandoned &ndash; Shifting Sands and Policy Failures, Cheltenham<\/li>\n<li><strong>Reinhart, C.\/Rogoff, K.<\/strong> (2010): <a href=\"http:\/\/media.mcclatchydc.com\/smedia\/2010\/01\/08\/12\/Hall-w15639.source.prod_affiliate.91.pdf\">Growth in a Time of Debt [PDF &ndash; 230 KB]<\/a>, in: NBER Working Paper 15639, Cambridge, January; letzter Zugriff: 29.6.2014<\/li>\n<li><strong>St&uuml;tzel, W.<\/strong> (1978): Ober- und Untergrenzen der &ouml;ffentlichen Verschuldung, in: Kredit und Kapital, 11. Jahrgang, S. 429-449<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>]  Grunert, G&uuml;nther, Dr., geb. 1955, ist an den Berufsbildenden Schulen der Stadt Osnabr&uuml;ck am Pottgraben vor allem im Bereich Berufs- und Fachoberschule Wirtschaft t&auml;tig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Makro&ouml;konomie, internationale Wirtschaftsbeziehungen, Arbeitsmarkt.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Ein herzlicher Dank f&uuml;r wertvolle Anmerkungen zu diesem Beitrag geht wiederum an Friederike Spiecker.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Eine Reform des Stabilit&auml;ts- und Wachstumspakts vom 13.12.2011 soll gew&auml;hrleisten, dass &ndash; wie es das deutsche Bundesfinanzministerium ausdr&uuml;ckt &ndash; &bdquo;mehr Budgetdisziplin nicht nur gefordert, sondern auch tats&auml;chlich durchgesetzt wird.&ldquo;<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Es entsteht so die Gefahr eines &ouml;konomischen Teufelskreises von staatlichen Ausgabenk&uuml;rzungen, abnehmendem Wachstum, zunehmender Arbeitslosigkeit, sinkenden Steuereinnahmen, wachsenden Sozialausgaben, damit steigenden Budgetdefiziten und neuen staatlichen Sparprogrammen etc.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Genau dies aber &ndash; n&auml;mlich die Nutzung aller verf&uuml;gbaren Ressourcen und nicht etwa die Erreichung irgendwelcher festgelegter Defizitziele &ndash; kennzeichnet eine erfolgreiche Wirtschaft: &bdquo;A successful economy fully uses its resources and creates resources. It achieves and sustains a close approximation to full employment. Its ability to produce grows as a by product to sustained full employment&rdquo; (Minsky 1992, S. 9).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Wenn der nichtstaatliche Sektor also netto sparen (d.h. in einer Periode weniger ausgeben als einnehmen, also einen Einnahmen&uuml;berschuss erzielen) m&ouml;chte, muss der Staat ein Budgetdefizit verzeichnen: Das staatliche Defizit ist immer gleich dem nichtstaatlichen &Uuml;berschuss.<br>\nBedeutende fr&uuml;here &Ouml;konomen hatten diesen Zusammenhang immer im Blick (anders als viele heutige Mainstream-&Ouml;konomen, die ihn schlicht ignorieren), so beispielsweise Wolfgang St&uuml;tzel in Deutschland: &bdquo;Gibt der Fiskus in der Bundesrepublik in einem Jahr, wie z.B. 1976, 42 Milliarden Deutsche Mark mehr aus als er selbst an Steuern einnimmt, dann haben die &uuml;brigen Wirtschaftssubjekte in der Welt genau denselben Betrag an Geh&auml;ltern, Zinsen oder Liefererl&ouml;sen mehr eingenommen als sie in der gleichen Zeit selbst ausgaben. Anders gewendet: Indem der deutsche Staat 42 Milliarden DM Ausgaben&uuml;bersch&uuml;sse t&auml;tigt, haben dadurch zwangsl&auml;ufig die &uuml;brigen Sektoren in der Welt 42 Milliarden DM Einnahme&uuml;bersch&uuml;sse&ldquo; (St&uuml;tzel 1978, S. 444f). &Auml;hnlich Hyman Minsky in den USA: &bdquo;A fundamental proposition in economics is that the sum of realized financial surpluses (+) and deficits (-) over all units must equal zero. This follows from the simple point that every time some unit pays money for the purchase of current output, some other unit receives money. Because the different sectors of the economy (e.g., households, business firms, government, and financial institutions) are consolidations of elementary units, this proposition also holds for the various aggregations. If the federal government spends $73.4 billion more than it collects in taxes, as it did in 1975, then the sum of the surpluses and deficits over all other sectors equals $73.4 billion surplus&rdquo; (Minsky 1986, S. 26f).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Dazu ein einfaches Zahlenbeispiel, das auch Bofinger (2005, S. 92f) bringt: Ein Land habe im Ausgangsjahr staatliche Schulden in H&ouml;he von 60 Euro und ein nominales BIP von 100 Euro. Der &ouml;ffentliche Schuldenstand im Verh&auml;ltnis zum BIP betr&auml;gt damit 60 Prozent. Das nominale BIP steige nun im Folgejahr um 5 Prozent (also 5 Euro) auf 105 Euro. Gleichzeitig betrage die neu aufgenommene Verschuldung im Folgejahr 3 Prozent des BIP, also 3 Euro. Damit w&auml;chst der Schuldenstand auf 63 Euro (60 + 3). Die Relation des Schuldenstandes zum BIP bleibt damit konstant bei 60 Prozent (63\/105 = 60 Prozent).<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Reaktionen auf Sigmar Gabriels Forderung in der vorletzten Woche, den Krisenl&auml;ndern der EU im Gegenzug f&uuml;r Reformen etwas mehr Zeit zum Abbau ihrer Staatsdefizite zu geben, waren vorhersehbar: W&auml;hrend der Vorschlag in Frankreich und Italien Zustimmung erntete, stie&szlig; er in Deutschland auf eine breite Front der Ablehnung, von &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/euro-stabilitaetspakt-merkel-und-gabriel-streiten-ueber-wachstum-a-975945.html\">Spiegel<\/a>&ldquo;, &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/eurokrise\/sigmar-gabriels-vorschlag-zum-solidaritaetspakt-ist-falsch-12999282.html\">FAZ<\/a>&ldquo;, &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/debatte\/kommentare\/article129224773\/Wird-Gabriel-jetzt-zum-reformfaulen-Franzosen.html\">Die<\/a><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22250\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[13,139,156,30],"tags":[423,290,401,325,454],"class_list":["post-22250","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-euro-und-eurokrise","category-schulden-sparen","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-austeritaetspolitik","tag-binnennachfrage","tag-gabriel-sigmar","tag-staatsschulden","tag-stabilitaetspakt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22250","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22250"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22250\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53864,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22250\/revisions\/53864"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22250"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22250"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22250"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}