{"id":2227,"date":"2007-04-02T11:58:05","date_gmt":"2007-04-02T10:58:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2227"},"modified":"2016-01-09T14:16:36","modified_gmt":"2016-01-09T13:16:36","slug":"zum-niedergang-der-spd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2227","title":{"rendered":"Zum Niedergang der SPD"},"content":{"rendered":"<p>Im Politikbarometer der Forschungsgruppe Wahlen vom 29.3.07 landete die SPD bei 31%; das sind sechs Punkte weniger, als f&uuml;r die CDU\/CSU gemessen wurden. Schon seit einiger Zeit gibt es auch innerhalb der SPD eine kritische Debatte &uuml;ber  diesen weiteren Niedergang einerseits und versehen mit Aggressionen gegen die neu gegr&uuml;ndete Linkspartei, einschlie&szlig;lich der grunds&auml;tzlichen Absage an eine k&uuml;nftige Zusammenarbeit andererseits. Ist der Niedergang eine &Uuml;berraschung? Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Eine F&uuml;lle von Zumutungen f&uuml;r die eigenen Anh&auml;nger<\/strong><br>\nDas R&auml;tselraten &uuml;ber die Ursachen des Niedergangs verstehe ich nicht. Wenn sich die SPD bis zum Nicht-mehr-wieder-erkennen an die konservative, neoliberale Grundlinie der Herrschenden anpasst, dann ist es kein Wunder, dass zun&auml;chst die Mitglieder und Multiplikatoren und dann auch die W&auml;hler davon laufen &ndash; in die Enthaltung oder gleich zum Wechsel von der Kopie zu den Originalen der neoliberalen Bewegung, zur CDU\/CSU und FDP.<br>\nIm Jahr 2002 habe ich in einem Beitrag f&uuml;r die Frankfurter Rundschau die Gr&uuml;nde f&uuml;r einen solchen Niedergang beschrieben. Siehe <a href=\"?p=30\">&bdquo;Sozialdemokraten haben sich als gestaltende Kraft verabschiedet&ldquo;<\/a>.<br>\nDem ist nicht viel hinzuzuf&uuml;gen au&szlig;er der Feststellung, dass die SPD seitdem ihren Anh&auml;ngern weitere gravierende Irritationen zugemutet hat: die Agenda 2010, Hartz I bis III, Hartz IV, mehrere Gesundheitsreformen mit Verschlechterungen f&uuml;r die Patienten, eine Nullrunde nach der anderen bei der Rente, Einf&uuml;hrung des Nachhaltigkeitsfaktors mit einer drastischen Rentenabsenkung und nicht zuletzt die Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters, eine neue Welle von Privatisierungen des &ouml;ffentlichen Eigentums, das &Ouml;PP-Beschleunigungsgesetz, das gegen&uuml;ber Geringverdienern ungerechte Elterngeld, die Senkung der Spitzensteuers&auml;tze, eine Unternehmensteuersenkung nach der anderen, die Freistellung von Spekulationsgewinnen, die F&ouml;rderung von &bdquo;Heuschreckken&ldquo;, und k&uuml;rzlich noch die Entscheidung, Tornados nach Afghanistan zu schicken wie auch das Offenbarwerden der Tatsache, dass die Regierung Schr&ouml;der trotz offiziellem Nein zum Irak-Krieg heimliche Hilfe f&uuml;r die Kriegsparteien geleistet hat. Eine bittere Entt&auml;uschung f&uuml;r jene, die sich bei der Wahl 2002 wegen des Neins zum Irak-Krieg noch einmal f&uuml;r die SPD engagiert hatten.<br>\nDiese Latte von Zumutungen wurde dann noch vom Neuwahlcoup des SPD-Bundeskanzlers Schr&ouml;der und des Parteivorsitzenden M&uuml;ntefering getopt. Die Fortsetzung der eigenen Kanzlerschaft und einer rot-gr&uuml;nen Koalition um ein weiteres Jahr wurde zu Gunsten einer (von vorneherein geplanten) schwarz-roten Koalition und der damit leichter durchsetzbaren neoliberalen Reformen gekappt. H&auml;tte die SPD-F&uuml;hrung durchgehalten, dann h&auml;tte sie im Herbst 2006 angesichts des immerhin leichten wirtschaftlichen Aufschwungs mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr Chancen gehabt, ihre Position im Deutschen Bundestag einigerma&szlig;en zu halten. So ist sie mit einem minus von 4,3% auf 34,2% abgerutscht. Ein solches Spiel mit dem Machtverlust der eigenen Partei finden sogar jener Anh&auml;nger der SPD schlimm, die inhaltlich nicht engagiert aber an der Macht interessiert sind.<\/p><p><strong>Die neue G&ouml;tterd&auml;mmerung hat begonnen.<\/strong><br>\nJetzt wird auch begonnen, den neuen Parteivorsitzenden Kurt Beck nieder zu schreiben. Typisch daf&uuml;r ist ein aktueller Beitrag von SpiegelOnline und dem gedruckten Spiegel: (<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,475044,00.html\">&bdquo;Parteichef Beck verliert seinen Nimbus&ldquo;<\/a>). Es ist das gleiche Spielchen wie mit Scharping 1994. Erst hoch schreiben, dann runterschreiben. Das l&auml;sst nichts Gutes ahnen.<br>\nDer Beitrag im Spiegel k&ouml;nnte immerhin ja Anlass zur Selbstbesinnung bei der SPD-Spitze sein. Vielleicht d&auml;mmert es dort noch bei manchen, dass die SPD angesichts der Einstimmung vieler Medienmacher auf Angela Merkel nur noch eine Chance hat, Boden wieder gutzumachen, wenn sie Menschen und vor allem Multiplikatoren aus dem Arbeitnehmerbereich f&uuml;r sich zur&uuml;ck gewinnen kann. Die &Uuml;berlassung der politischen Linie an Politiker wie Steinbr&uuml;ck und M&uuml;ntefering ist allerdings nicht geeignet, diese Selbstbesinnung anzusto&szlig;en.<\/p><p><strong>Die SPD macht immer wieder selbst Platz f&uuml;r neue konkurrierende Parteien.<\/strong><br>\nDie Gr&uuml;ndung beziehungsweise West-Erweiterung einer Partei links von der SPD ist angesichts der Tatsache, dass die SPD selbst den Platz  auf der linken Seite des politischen Spektrums verlassen hat, eigentlich zwangsl&auml;ufig. Auch hier wiederholt sich Geschichte.<br>\nIn den siebziger Jahren begann die SPD ihr Potenzial an &ouml;kologischem Image, das nicht nur auf Reden sondern auf umweltpolitischen Taten basierte, zu verspielen. Einige Hinweise darauf: Willy Brandt&rsquo;s Forderung nach &bdquo;einem blauen Himmel &uuml;ber der Ruhr&ldquo; vom 28. April 1961  war in Deutschland sozusagen der Einstieg in die offizielle Debatte zum Umweltschutz. In der Regierungszeit Willy Brandts wurde dann ab 1969 &ndash; &uuml;brigens in Kooperation mit der FDP &ndash; auch faktisch mit einer gro&szlig;en Zahl von Umweltgesetzen und Verordnungen mit dem Umweltschutz begonnen. Das Benzin-Blei-Gesetz, die Abwasserabgabe und die Gr&uuml;ndung des Umweltbundesamtes geh&ouml;ren zu diesen ersten Taten der sozialliberalen Koalition.<br>\nIn einem Steuerreformprogramm der SPD vom November 1971 gibt es ein Kapitel &bdquo;IX. Besteuerung umweltfeindlicher Produkte&ldquo;. Der Vorsitzende dieser Kommission Erhard Eppler und auch der Sozialdemokrat und IG-Metall-Vorsitzende Otto Brenner waren damals Motoren der notwendigen Debatte um mehr Umweltschutz und damit eine bessere Lebensqualit&auml;t. 1972 hat die IG-Metall in Oberhausen eine wichtige Konferenz zum Thema abgehalten. Das Wahlprogramm der SPD von 1972 enthielt im Titel schon die Forderung nach mehr Lebensqualit&auml;t.<br>\nIn der Zeit von Helmut Schmidts Kanzlerschaft ist es sogar noch gelungen, im regierungsamtlichen Energieprogramm endlich die Prognose des Energiebedarfs von der prognostizierten Bruttoinlandsproduktsentwicklung abzukoppeln. Damit war auch die Planung einer Unzahl von Kernkraftwerken obsolet geworden. Selbst Helmut Schmidt hat also in seiner Kanzlerschaft umweltpolitische Akzente gesetzt. Aber durch seine Reden und auch durch Taten hat er sich derart schroff gegen die Friedens- und &Ouml;kologiebewegung abgegrenzt, dass  er dann zum eigentlichen Vater der Gr&uuml;nen wurde. Und zwar so gr&uuml;ndlich, dass sich hinterher niemand mehr an die Vorreiterrolle der SPD beim Umweltschutz erinnert hat und heute alle meinen, die Gr&uuml;nen h&auml;tten in Deutschland den Umweltschutz erfunden und politisch hoff&auml;hig gemacht.<br>\nSchon damals war also die Anpassung der SPD an eindimensionale Wirtschaftsinteressen und neokonservatives Denken der eigentliche Grund f&uuml;r das Verlieren  wichtiger W&auml;hler-Segmente und vor allem f&uuml;r den Verlust wichtiger Multiplikatoren an eine neue Partei. <\/p><p><strong>Verschiebung der Verantwortung f&uuml;r die eigenen Unzul&auml;nglichkeiten auf die Linkspartei.<\/strong><br>\nAuch der Umgang der SPD-F&uuml;hrung mit der Linkspartei beziehungsweise mit der Option einer Zusammenarbeit mit ihr erinnert mich an fr&uuml;here ganz &auml;hnlich verlaufene Geschichten: die SPD-Spitze reagierte schon in den siebziger und achtziger Jahren undifferenziert aggressiv auf die Gr&uuml;nen und machte die Ablehnung von Rot-gr&uuml;n &uuml;ber Jahre zu ihrem &bdquo;Vaterunser&ldquo;. Sie verlor dabei Image und Bewegungsf&auml;higkeit und f&ouml;rderte die Anti-rot-gr&uuml;n-Kampagne der Union.<br>\nDie SPD hat aus dieser Erfahrung offenbar nichts gelernt. Jetzt wiederholt sie mit der Linkspartei den gleichen Fehler.<br>\nF&uuml;hrende Sozialdemokraten tun so, als w&auml;re die Linkspartei schuld am Verlust einer Mehrheit links von der Mitte. Was w&auml;re denn, wenn es die Linkspartei 2005 nicht gegeben h&auml;tte und  2009 nicht g&auml;be?<br>\nDie SPD w&auml;re nach der Wahl 2005 genau die gleiche Gro&szlig;e Koalition eingegangen, die wir heute haben. Sie zu erreichen und damit noch h&auml;rtere Reformen durchzusetzen, war das eigentliche Ziel der Neuwahlentscheidung.<br>\nAuch im Jahr 2009 w&uuml;rde die SPD selbst dann, wenn es keine Linkspartei g&auml;be, die absolute Mehrheit nicht erreichen. Sie w&uuml;rde dann, wenn nicht mit der CDU\/CSU, mit FDP und\/oder Gr&uuml;nen koalieren. Das w&auml;re angesichts der nahezu abgeschlossenen Wende der Gr&uuml;nen zu einer &Ouml;ko-FDP im Ergebnis auch keine so viel andere Politik als heute im Zeichen der gro&szlig;en Koalition.<br>\nEine Abkehr von der neoliberalen Linie w&auml;re nur mit der Linkspartei m&ouml;glich. Wenn es in der SPD eine noch Kr&auml;fte f&uuml;r eine  Linie der linken Mitte g&auml;be, dann m&uuml;ssten diese Gruppen daf&uuml;r sorgen, dass die Kooperation mit der Linkspartei nicht grunds&auml;tzlich ausgeschlossen wird.<\/p><p><strong>Die Linkspartei m&uuml;sste man erfinden, wenn es sie nicht g&auml;be.<\/strong><br>\nDer alleine durch ihre Existenz schon ausgehende Druck auf die innere programmatische Entwicklung von SPD, Gr&uuml;nen und sogar der CDU\/CSU, sich nicht v&ouml;llig von allen sozialen Wurzeln zu l&ouml;sen, ist eine segensreiche Erscheinung. Wenn es die Drohung  eines weiteren W&auml;hlerverlustes an die Linkspartei nicht g&auml;be, dann w&uuml;rde sich angesichts der Macht- und Medienverh&auml;ltnisse in der Bundesrepublik das Koordinatensystem noch erheblich weiter nach rechts und in Richtung neoliberal verschieben. Die meinungsf&uuml;hrende Elite wei&szlig; das. Deshalb haben sich die Meinungsf&uuml;hrer die Stigmatisierung dieser neuen Parteienverbindung und die Diffamierung von Oskar Lafontaine und Gregor Gysi zur Aufgabe gemacht. Das k&ouml;nnte man verstehen, wenn es nur um ein paar W&auml;hler ginge. Strategisch ist es ausgesprochen dumm und es ist einmal mehr das eingetreten, was ich schon sehr oft beobachtet habe: Die SPD l&auml;sst sich ihre eigene Strategie von ihren politischen Gegnern unterjubeln, sie l&auml;sst sich fremd bestimmen sozusagen. Denn nat&uuml;rlich freuen sich Union, FDP und Gr&uuml;ne, wenn die SPD keine andere Option mehr hat als die Zusammenarbeit mit ihnen.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Politikbarometer der Forschungsgruppe Wahlen vom 29.3.07 landete die SPD bei 31%; das sind sechs Punkte weniger, als f&uuml;r die CDU\/CSU gemessen wurden. 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