{"id":22284,"date":"2014-07-07T10:54:23","date_gmt":"2014-07-07T08:54:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22284"},"modified":"2015-10-24T09:42:56","modified_gmt":"2015-10-24T07:42:56","slug":"warum-mangelnde-transparenz-zwar-kein-falsches-aber-auch-kein-gutes-argument-gegen-ttip-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22284","title":{"rendered":"Warum \u201emangelnde Transparenz\u201c zwar kein falsches, aber auch kein gutes Argument gegen TTIP ist"},"content":{"rendered":"<p>Eines der am h&auml;ufigsten vorgebrachten Argumente gegen die derzeitigen Verhandlungen &uuml;ber ein m&ouml;gliches EU-US-Freihandelsabkommen TTIP ist das der &bdquo;mangelnden Transparenz&ldquo;. Es werde hinter verschlossenen T&uuml;ren verhandelt, niemand erfahre etwas, da sei Misstrauen mehr als berechtigt. Falsch ist dieser Vorwurf nicht. Ein gutes Argument gegen TTIP aber auch nicht. Von <strong>Jan Peter Althoff<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Forderung nach &bdquo;mehr Transparenz&ldquo; und &bdquo;mehr Informationen&ldquo; wird schon seit Beginn der Verhandlungen &uuml;ber ein EU-US-Freihandelsabkommen von einer ganzen Reihe kritischer Organisationen und Personen erhoben. Sie findet sich in Entschlie&szlig;ungen und Stellungnahmen verschiedenster Verb&auml;nde, in Zeitungsartikeln, in parlamentarischen Protokollen und vielem mehr. Vor wenigen Wochen &uuml;bergaben &uuml;ber 250 Organisationen einen gemeinsamen offenen Brief an EU-Handelskommissar Karel De Gucht mit der Aufforderung, die TTIP-Verhandlungen endlich transparent zu gestalten. <\/p><p>Ein Ansinnen, das nicht falsch ist: Tats&auml;chlich ist es h&ouml;chst fragw&uuml;rdig und Grund f&uuml;r Misstrauen, wenn &uuml;ber ein derart weitreichendes Abkommen im Geheimen verhandelt wird. <\/p><p>Dennoch ist das Argument, TTIP sei fragw&uuml;rdig, weil es intransparent verhandelt werde, kein gutes. So sollte stutzig machen, dass auch zahlreiche Bef&uuml;rworter\/innen des Abkommens mittlerweile die Forderung nach mehr Transparenz im Munde f&uuml;hren. Die damalige Europa-Abgeordnete der FDP, Nadja Hirsch, schrieb etwa <a href=\"http:\/\/www.liberale.de\/content\/transparenz-vor-populismus-bei-ttip\">in einer Pressemitteilung<\/a> (Kommafehler im Original):<\/p><blockquote><p>\n<em>Hirsch fordert S&ouml;der auf, dass &bdquo;die CSU als Regierungspartei, Druck auf die Kommission und die USA aus&uuml;bt, die Verhandlungen offen und transparent zu f&uuml;hren. Die Zeiten sind vorbei, in denen geheim &uuml;ber Abkommen verhandelt wurde. Die Politik sollte aus ACTA gelernt haben. Wenn es S&ouml;der und der CSU ernst ist, dann m&uuml;ssen sie sich in Br&uuml;ssel und Washington f&uuml;r Transparenz einsetzen.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Eine Forderung, der sich auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/ttip102.html\">ohne Probleme anschlie&szlig;en kann<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n<em>Die Tatsache, dass es inzwischen eine Massenbewegung gegen etwas gibt, was wir nirgendwo nachlesen k&ouml;nnen, ist offensichtlich ein Beweis daf&uuml;r, dass am Anfang Fehler gemacht worden sind. Mehr Transparenz ist einer der zentralen Voraussetzungen daf&uuml;r, dass wir &uuml;berhaupt vorankommen.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Und der Bundestag konnte auf seiner Webseite &uuml;ber Kritik von Abgeordneten aller Fraktionen an der Intransparenz der TTIP-Verhandlungen berichten &ndash; einer Kritik also nicht nur von Seiten der Linken und der Gr&uuml;nen, die TTIP ablehnen, sondern auch von CDU\/CSU und SPD, <a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\/presse\/hib\/2014_02\/01\/262002\">die ein solches Abkommen bef&uuml;rworten<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n<em>Die Abgeordneten des Bundestages f&uuml;hlen sich im Hinblick auf die derzeitigen Verhandlungen &uuml;ber ein Transatlantisches Freihandelsabkommen (TTIP) unzureichend informiert. In einem &ouml;ffentlichen Expertengespr&auml;ch am Mittwochmittag im Umweltausschuss kritisierten Abgeordnete aller Fraktionen die Verhandlungen unter Ausschluss der &Ouml;ffentlichkeit als intransparent.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Und auch der Pr&auml;sident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/industrieverband-zu-ttip-flammendes-plaedoyer-fuer-ein.694.de.html?dram:article_id=284513\">Ulrich Grillo, fordert mehr Transparenz<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n<em>Ein Problem ist nat&uuml;rlich bei diesem Freihandelsabkommen, dass ein gro&szlig;es Misstrauen da ist. Das hei&szlig;t, wir m&uuml;ssen Transparenz reinbringen, es muss klar gemacht werden der Politik, dem B&uuml;rger, worum es eigentlich geht und welche positiven Seiten dieses Abkommen hat.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Und Grillo an anderer Stelle im gleichen Interview:<\/p><blockquote><p>\n<em>Es muss ein sauberes, ein klares, vor allem transparentes Abkommen sein.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Die Liste lie&szlig;e sich noch lange fortf&uuml;hren. Stellt sich die Frage, weshalb ausgerechnet auch die genannten und viele andere TTIP-Bef&uuml;rworter\/innen die Forderung nach mehr Transparenz im Munde f&uuml;hren. <\/p><p>Die Vermutung liegt nahe, dass dahinter ein strategisches Vorgehen steckt: Der Vorwurf der Intransparenz ist von allen Vorw&uuml;rfen derjenige, den sie am leichtesten widerlegen k&ouml;nnen. Und in der Tat sind gleichzeitig die vermeintlichen Anstrengungen gro&szlig;, zu beweisen, dass die Verhandlungen transparenter seien, als die &Ouml;ffentlichkeit glaube. Eine Auswahl:<\/p><ol>\n<li>Die EU-Kommission gr&uuml;ndete einen Kreis mit Vertreter\/inne\/n auch der Zivilgesellschaft. Dort berichtet sie zwar nur vertraulich und bei Weitem nicht vollst&auml;ndig, aber doch ausf&uuml;hrlicher als anderswo. Sie stellt dies als einen gro&szlig;en Beitrag f&uuml;r mehr Transparenz dar.<\/li>\n<li>Sigmar Gabriel gr&uuml;ndete ebenso einen &auml;hnlichen Kreis mit Vertreter\/inne\/n auch der Zivilgesellschaft und mit gleicher Intention. Auch dies soll <a href=\"http:\/\/www.spd.de\/aktuelles\/120548\/20140522_gabriel_ttip_beirat.html\">ein Beitrag f&uuml;r mehr Transparenz sein<\/a>:<br>\n<blockquote><p>\n<em>Das Gremium sorge f&uuml;r mehr Transparenz, stellte Gabriel klar &ndash; und st&auml;rke so das Vertrauen in die TTIP-Verhandlungen.<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<\/li>\n<li>Die EU-Kommission f&uuml;hrt ein Anh&ouml;rungsverfahren zum Investorenschutz durch. Dabei wird zwar nicht nach dem Ob, sondern nur nach dem Wie gefragt. Gleichwohl l&auml;sst sich dies als Beitrag zu mehr Transparenz und Beteiligung verkaufen. Was die Kommission auch macht.<\/li>\n<li>Die EU-Kommission hat angek&uuml;ndigt, ihren ersten Vertragsentwurf in K&uuml;rze zu ver&ouml;ffentlichen. Wirklich fortschrittlich und relevant ist das nicht, denn das Dokument ist l&auml;ngst schon &bdquo;geleakt&ldquo;. Dennoch l&auml;sst es sich als Schritt zu mehr Transparenz darstellen. Was die Kommission auch macht.<\/li>\n<li>Zahlreiche andere Dokumente hat die Kommission schon auf ihre Homepage gestellt. Die wirklich entscheidenden sind dies zwar nicht, gleichwohl l&auml;sst sich dies als Beitrag zu mehr Transparenz verkaufen. Was die Kommission einmal mehr auch tut.<\/li>\n<li>Politiker\/innen der SPD forderten in den letzten Wochen nachdr&uuml;cklich, das der EU-Kommission erteilte Verhandlungsmandat offenzulegen. Als vor &uuml;ber einem Jahr im Europaparlament ein Antrag der Gr&uuml;nen auf Offenlegung des Verhandlungsmandats zur Abstimmung stand, haben zwar nur drei Abgeordnete der SPD daf&uuml;r gestimmt. Heute aber fordert die Partei genau das &ndash; wohl wissend, dass das Verhandlungsmandat in deutscher und englischer Sprache mittlerweile l&auml;ngst &bdquo;geleakt&ldquo; ist. Eine Forderung also, die keinem mehr weh tut, v&ouml;llig sinnlos ist, aber kritisch und berechtigt erscheint. Man nehme die Bedenken der Menschen ernst, wird damit suggeriert.<\/li>\n<\/ol><p>Man mag all dies als Einknicken der TTIP-Bef&uuml;rworter\/innen vor dem &ouml;ffentlichen Druck werten. Das w&auml;re ein Erfolg der TTIP-Proteste und der kritischen Berichterstattung. Allerdings: Bei diesen Ma&szlig;nahmen f&uuml;r und Forderungen nach mehr Transparenz geht es keinesfalls darum, eine Debatte dar&uuml;ber zu f&uuml;hren, ob TTIP wirklich sinnvoll ist. Nicht zuletzt Gabriels oben zitierte &Auml;u&szlig;erung, dass mehr Transparenz ist eine der zentralen Voraussetzungen daf&uuml;r sei, dass die Verhandlungen &uuml;berhaupt vorankommen, zeigt dies &uuml;berdeutlich. Genauso wie seine Erwartung, dass mehr Transparenz zu mehr Vertrauen in die Verhandlungen f&uuml;hre. Und ebenso Grillos Verst&auml;ndnis von Transparenz; er versteht darunter schlicht, den Menschen die angeblich &bdquo;positiven Seiten dieses Abkommens&ldquo; klarzumachen.<\/p><p>Es besteht die reale Gefahr, dass es den Bef&uuml;rworter\/inne\/n gelingt, durch solche halbherzigen Ma&szlig;nahmen oder durch irrelevante, nur scheinbar weitreichende Forderungen die Debatte um TTIP zu beruhigen. Auch, weil Medien und &Ouml;ffentlichkeit das (falsche) Gef&uuml;hl vermittelt bek&auml;men, ad&auml;quat in die Prozesse eingebunden zu sein. <\/p><p>Man sollte dabei die Bedeutung der Medien in den aktuellen TTIP-Debatten nicht untersch&auml;tzen. Ihre kritische Haltung d&uuml;rfte ganz wesentlich aus dem Eindruck heraus gespeist sein, als Vermittler von Informationen und als demokratische Instanzen nicht angemessen ber&uuml;cksichtigt zu werden. Ebenso schnell aber, wie sie (aus diesem Grund?) in den vergangenen Monaten die TTIP-Debatte vorangetrieben haben, k&ouml;nnten sie davon wieder ablassen.<\/p><p>Ein &auml;hnlicher Effekt l&auml;sst sich bei Podiumsdiskussionen oder Diskussionsveranstaltungen zu TTIP heute schon beobachten. Auf kein kritisches Gegenargument k&ouml;nnen dort TTIP-Bef&uuml;rworter\/innen so einfach reagieren wie auf den Vorwurf der Intransparenz. Denn Beispiele f&uuml;r Ma&szlig;nahmen f&uuml;r mehr Transparenz lassen sich, wie beschrieben, immer finden. Und zur Not fordern sie pseudo-radikal die offizielle Ver&ouml;ffentlichung eines l&auml;ngst bekannten Dokuments. In der Regel ist das Thema Transparenz danach erledigt.<\/p><p>Das macht die Forderung nach mehr Transparenz nicht falsch, strategisch nicht und inhaltlich schon gar nicht. Sehr viel wichtiger scheint aber eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Gefahren zu sein, die von den TTIP-Verhandlungen ausgehen. Und die sind ja zahlreich, wie auch die guten Argumente der Kritiker\/innen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/d0dd1ea4f82a4f3cabaea96daccc40f8\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines der am h&auml;ufigsten vorgebrachten Argumente gegen die derzeitigen Verhandlungen &uuml;ber ein m&ouml;gliches EU-US-Freihandelsabkommen TTIP ist das der &bdquo;mangelnden Transparenz&ldquo;. Es werde hinter verschlossenen T&uuml;ren verhandelt, niemand erfahre etwas, da sei Misstrauen mehr als berechtigt. Falsch ist dieser Vorwurf nicht. Ein gutes Argument gegen TTIP aber auch nicht. 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