{"id":2232,"date":"2007-04-03T13:11:40","date_gmt":"2007-04-03T11:11:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2232"},"modified":"2016-01-09T14:09:22","modified_gmt":"2016-01-09T13:09:22","slug":"mit-dem-demografiemythos-in-die-endlosschleife","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2232","title":{"rendered":"\u201eMit dem Demografiemythos in die Endlosschleife\u201c"},"content":{"rendered":"<p>So ist ein Kommentar von J&uuml;rgen Vo&szlig; zu einem Auftritt von Franz-Xaver Kaufmann in den WSI- Mitteilungen 3\/2007 &uuml;berschrieben. Den Beitrag von Vo&szlig; &uuml;bernehmen wir in die Rubrik Andere interessante Beitr&auml;ge.<br>\nEine Vorbemerkung zum Vorgang: Das ist schon der zweite mir heute begegnende Beleg daf&uuml;r, dass Gewerkschaften und ihre Einrichtungen erkl&auml;rten Gegnern der Arbeitnehmerinteressen Foren bieten. <a href=\"?p=2228\">Der andere Fall.<\/a> Da dies nicht mehr Zufall sein kann und man auch nicht so dumm sein kann, nicht zu erkennen, dass zum Beispiel Kaufmanns Demographieagitation und Systemkritik gegen wichtige Interessen der Arbeitnehmerschaft an einer sicheren und preiswerten Alters- und Gesundheitsvorsorge gerichtet ist, glaube ich langsam fest daran, dass wichtige Teile und Einrichtungen der Gewerkschaften von ihren Feinden unterwandert sind. Diese Feststellung spricht nicht gegen Gewerkschaften, im Gegenteil. Sie spricht aber dagegen, weiter zu schweigen. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>J&uuml;rgen Vo&szlig;<br>\nMit dem Demografiemythos in die Endlosschleife<\/strong><br>\nZu Franz-Xaver Kaufmanns Auftritt in den WSI-Mitteilungen 3\/2007<\/p><p>In den nachdenkseiten wurde schon h&auml;ufig auf die fatale Rolle der Demografiediskussion im Rahmen der gegenw&auml;rtigen &ldquo;Systemver&auml;nderung&rdquo; eingegangen, dient doch die seit &uuml;ber drei Jahrzehnten niedrige Geburtenrate den unterschiedlichsten politischen Gruppierungen als argumentativer Passepartout zur Durchsetzung ihrer politischen und materiellen Interessen, wobei die Umfinanzierung der sozialen Sicherungssysteme von &ldquo;&ouml;ffentlich&rdquo; auf &ldquo;privat&rdquo;, von &ldquo;solidarisch&rdquo; auf &ldquo;individuell&rdquo;, ganz oben auf der &ldquo;Agenda&rdquo; steht. <\/p><p>Die &ldquo;Rente mit 67&rdquo;, die groteske Umgestaltung des solidarischen Krankenversicherungssystems, die &ldquo;Riesterrente&rdquo;, die massiven Rentenabschl&auml;ge seit 1996, die (wahrscheinlich) bevorstehende Umwandlung der Pflegeversicherung in eine Kapitalversicherung, all dies sind nicht nur katastrophale Niederlagen der gewerkschaftlichen Bewegung, die tief in die individuelle Lebensgestaltung von Millionen Menschen eingreifen, sie sind &ndash; das ist ihr entscheidendes Merkmal &ndash; nicht zuletzt mit nicht selten obskuren Argumenten aus einer l&auml;ngst vulgarisierten Demografiediskussion (&ldquo;zu wenig Kinder &ndash; zu viele alte Menschen!&rdquo;) als zwingend notwendig begr&uuml;ndet worden.<\/p><p>Insofern ist es schon erstaunlich, wenn ausgerechnet die Gewerkschaften in ihrer wichtigsten wissenschaftlichen Publikation, den WSI-Mitteilungen, einem der militantesten Demografieideologen unserer Zeit, Franz-Xaver Kaufmann, Professor f&uuml;r Sozialpolitik und Soziologie in Bielefeld, der sich vor kurzem in der S&uuml;ddeutschen Zeitung dazu hinrei&szlig;en lie&szlig;, die bev&ouml;lkerungspolitische Situation in Deutschland mit der nach dem drei&szlig;igj&auml;hrigen Krieg (!!!) zu vergleichen, in ihrem neuesten Heft (3\/ 2007) eine Plattform f&uuml;r die Ausbreitung seiner Thesen bieten. (Siehe: <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/cps\/rde\/xchg\/SID-3D0AB75D-1ACCD6FE\/hbs\/hs.xsl\/119_85376.html\">Zusammenfassung<\/a>)<\/p><p>Unter der &Uuml;berschrift <strong>&ldquo;Bev&ouml;lkerungsr&uuml;ckgang als Problemgenerator alternder Gesellschaften&rdquo;<\/strong> bietet uns Kaufmann nach einem zun&auml;chst erstaunlich realistischen R&uuml;ckblick auf die segensreiche Wirkung von reduzierter Geburtenh&auml;ufigkeit (&ldquo;H&auml;tte sich dieser s&auml;kulare Sterblichkeitsr&uuml;ckgang bei unverminderter Fertilit&auml;t vollzogen, so w&auml;re es im 20 Jahrhundert zu einem explosiven Bev&ouml;lkerungswachstum in Europa gekommen. Deshalb war die Beschr&auml;nkung der Geburten&hellip;.. eine notwendige Anpassungsreaktion, die zwangsl&auml;ufig zu einem Altern der Bev&ouml;lkerung f&uuml;hrte&rdquo;, S.108) die auch von anderen Autoren l&auml;ngst bekannte Palette an Katastrophenszenarien, deren Zeithorizont sage und schreibe bis 2100 reicht und damit die des Statistischen Bundesamt noch um eine halbes Jahrhundert &uuml;bertrifft. <\/p><p>Aus dem fehlenden Nachwuchs folgert er drastische Produktivit&auml;tsr&uuml;ckg&auml;nge, mangelnde Innovationskraft und eine auf Dauer nicht mehr zu tragende Belastung der &ldquo;erwerbst&auml;tigen&rdquo; Generation, denn &rdquo; je mehr Alte zu versorgen sind, desto mehr Nachwuchs ist erforderlich&rdquo; (S. 112) &ndash; eine angesichts der chinesischen Situation mit ihren &ldquo;Ein-Kind-Familien&rdquo; schon fast kabarettistisch anmutende These: Permanentes Bev&ouml;lkerungswachstum als zwingendes Resultat gestiegener Lebenserwartung!<\/p><p>Da ein pl&ouml;tzlicher Anstieg der Geburtenh&auml;ufigkeit aber nicht zu erwarten ist, empfiehlt Kaufmann die bekannten Rezepte: Die &ldquo;Kapitalfundierung der Renten&rdquo; (wof&uuml;r es nach seiner Auffassung an sich schon zu sp&auml;t ist), eine &ldquo;massive Umverteilung &ouml;ffentlicher Mittel zugunsten der nachwachsenden Generation&rdquo;, eine Reduzierung der Renten von Kinderlosen &ldquo;zugunsten von Eltern mit mehr als zwei Kindern&rdquo; &auml;hnlich wie Sinn (!), und generell &ldquo;einen Abbau der Pr&auml;mien f&uuml;r Kinderlosigkeit&rdquo; (alle Zitate S. 112).<\/p><p>Kennzeichnend f&uuml;r Kaufmann ist ebenso wie f&uuml;r die anderen Streiter auf dem Feld der Demografie die augenf&auml;llige Ignoranz der &ouml;konomischen und machtpolitischen Sachverhalte, die ihn und seine Mitstreiter wohl auch blind daf&uuml;r machen, wie stark ihre an sich gut gemeinten wenn auch falschen Aussagen ideologisch mi&szlig;braucht werden. <\/p><p>Es ist hier nicht der Platz, alle bekannten Argumente gegen die teilweise absurden Demografieszenarien zu wiederholen, wie sie l&auml;ngst etwa von Christoph Butterwege (Autor in der selben Ausgabe!), Gerd Bosbach und auch von Claus Sch&auml;fer (des h&auml;ufigeren gerade in den WSI-Mitteilungen !) dargelegt worden sind: Der Hinweis auf die rein quantitativ biologische Argumentation, die wir wohl aus der Zeit der J&auml;ger und Sammler mit uns schleppen; die Ausblendung der Nachteile eines permanenten Bev&ouml;lkerungswachstums; die drastische Untersch&auml;tzung des Produktivit&auml;tsfortschritts; die Mi&szlig;achtung der seit Anfang der neunziger Jahre einseitig erfolgenden Verteilung der Zuw&auml;chse des Bruttoinlandsprodukts; die gigantische Solidarleistung, die kinderlose Erwerbst&auml;tige schon seit Jahrzehnten im Rahmen unseres Steuer- und Abgabenrechts f&uuml;r Familien aufbringen; die stur durchgehaltene Verwechslung von &ldquo;erwerbsf&auml;hig&rdquo; mit &ldquo;erwerbst&auml;tig&rdquo;; die &ldquo;20-60-Szenarien&rdquo; bei einer Altersgrenze von mittlerweile 67(!); der st&auml;ndige R&uuml;ckgang von sozialversicherungspflichtigen Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnissen und existenzsichernder Besch&auml;ftigung &uuml;berhaupt etc.. <\/p><p>Hier soll nur ein einziges weiteres Argument angesprochen werden, das an sich sehr naheliegt und es darum um so erstaunlicher ist, wie wenig es in der aktuellen Diskussion verwendet wird.<\/p><p>Die Bundesrepublik befindet sich n&auml;mlich &ndash; was sich zun&auml;chst absurd anh&ouml;rt &ndash; zur Zeit in einer demografisch gl&auml;nzenden Situation: Aufgrund niedriger Geburtenzahlen seit Beginn der siebziger Jahre und deutlich reduzierter Altersjahrg&auml;nge (so fehlen etwa die geburtenstarken M&auml;nnerjahrg&auml;nge aus den zwanziger Jahren kriegsbedingt fast v&ouml;llig, wie jede Bev&ouml;lkerungs&rdquo;pyramide&rdquo; zeigt; des weiteren kommen demn&auml;chst die geburtenschwachen 40er Jahrg&auml;nge ins Rentenalter) und eines Erwerbspersonenpotentials, das so zahlreich ist wie noch nie in den letzten 100 Jahren (52,5 Mio. Menschen) ist &ndash; zumindest tempor&auml;r &ndash; eine Idealsituation vorhanden: Die Gesamtlast &ldquo;Jugend plus&rdquo; Alter ist niedriger denn je. Komisch nur, dass das weder Rentner noch Arbeitnehmer, geschweige denn Berufsanf&auml;nger, zu sp&uuml;ren bekommen. Denn das Resultat von einem kompletten Jahrzehnt geburtenstarker Jahrg&auml;nge und damit gro&szlig;en Erwerbspersonenpotentials bei niedriger Gesamtlast ist nicht etwa ein wohlfahrtstaatliches Paradies mit traumhaften Wachstumsraten sondern Massenarbeitslosigkeit. Und selbst bei den l&auml;ngst erwerbsf&auml;higen Jahrg&auml;ngen 1970 &ndash; 1990 &ndash; geburtenschwach allesamt &ndash; ist die arbeitsmarktpolitische Situation nicht rosig sondern perspektivlos. Selbst bestens ausgebildete junge Menschen befinden sich im &ldquo;Prekariat&rdquo;. <\/p><p>Hier schlie&szlig;t sich die logische Frage an, was w&auml;re wohl geschehen, wenn sich die geburtenstarken Jahrg&auml;nge der sechziger Jahre bis heute fortgesetzt h&auml;tten und unser Erwerbspersonenpotential nicht 52,5 Mio. Menschen sondern vielleicht 62 &ndash; 63 Mio. umfassen w&uuml;rde, bei vielleicht noch 20 Mio. existenzsichernden Vollzeitjobs? <\/p><p>Doch ein solcher Blick zur&uuml;ck, der sich angesichts der leicht &uuml;berpr&uuml;fbaren Fakten ja anb&ouml;te, geh&ouml;rt nicht zum wissenschaftlichen Repertoire unserer Demografiemythologen. Wozu auch?: Das hie&szlig;e ja auf die W&auml;rmstube &ldquo;Mainstream&rdquo; zu verzichten und von Provinzial, MLP et. al. und vielleicht sogar von Christiansen nicht mehr eingeladen zu werden. Mit Horrorzahlen des Jahres 2090 l&auml;&szlig;t sich ja viel mehr Aufsehen erregen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So ist ein Kommentar von J&uuml;rgen Vo&szlig; zu einem Auftritt von Franz-Xaver Kaufmann in den WSI- Mitteilungen 3\/2007 &uuml;berschrieben. Den Beitrag von Vo&szlig; &uuml;bernehmen wir in die Rubrik Andere interessante Beitr&auml;ge.<br \/> Eine Vorbemerkung zum Vorgang: Das ist schon der zweite mir heute begegnende Beleg daf&uuml;r, dass Gewerkschaften und ihre Einrichtungen erkl&auml;rten Gegnern der Arbeitnehmerinteressen Foren<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2232\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[155,39,40],"tags":[745,453,273,479],"class_list":["post-2232","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-demografische-entwicklung","category-rente","category-riester-ruerup-taeuschung-privatrente","tag-erwerbstaetige","tag-hans-boeckler-stiftung","tag-privatvorsorge","tag-reservearmee"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2232","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2232"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2232\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30074,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2232\/revisions\/30074"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2232"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2232"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2232"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}