{"id":22398,"date":"2014-07-16T09:20:47","date_gmt":"2014-07-16T07:20:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22398"},"modified":"2024-09-27T05:26:45","modified_gmt":"2024-09-27T03:26:45","slug":"die-verkehrung-der-welt-in-mehreren-akten-33","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22398","title":{"rendered":"Die Verkehrung der Welt in mehreren Akten (3\/3)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Karl-Heinz Kl&auml;r<\/strong> am 12. April 2014 im Gespr&auml;ch mit <strong>Kuno Rinke<\/strong> &uuml;ber den Finanzkapitalismus, die Krise der Europ&auml;ischen Union und die &Uuml;bert&ouml;lpelung der jungen Generation. Grundlage des Gespr&auml;chs ist der Artikel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16111\">Die Gro&szlig;eMittelKlasse<\/a>&ldquo;, den Karl-Heinz Kl&auml;r am 7. Februar auf den NachDenkSeiten ver&ouml;ffentlicht hat. Aufgrund der L&auml;nge haben wir das Gespr&auml;ch, das auch in der Zeitschrift <em>Politisches Lernen<\/em> erschienen ist, in drei Folgen unterteilt. Der <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22368\">erste Teil<\/a> erschien vorgestern,  der <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22390\">zweite Teil<\/a> gestern.<br>\n<!--more--><\/p><ol type=\"i\" start=\"8\">\n<li><strong>Eine schw&auml;bische Hausfrau<\/strong>\n<p><em>Kommen wir zur&uuml;ck zur Makro&ouml;konomie, zu den Folgen der Finanzkrise und zur &bdquo;Verkehrung der Welt&rdquo;, der Sie in diesem Gespr&auml;ch ein dreifaches Desaster angelastet haben. Sehen Sie einen politischen Ausweg daraus?<\/em><\/p>\n<p>Es gibt Ans&auml;tze. Da in der Europ&auml;ischen Union viel von Deutschland abh&auml;ngt, ist es ein Fortschritt, dass in unserem Land die Zahl derer zunimmt, die begreift, dass in der EU nicht nur welche &uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse gelebt haben, sondern auch welche darunter bleiben mussten, vor allem bei uns.<\/p>\n<p><em>Wen meinen Sie damit genau?<\/em><\/p>\n<p>Es sind vor allem diejenigen, die durch Schr&ouml;ders Agenda-Politik abgeh&auml;ngt wurden, aber ebenso die arbeitenden Mittelschichten, die in unserem Steuersystem wie Gro&szlig;verdiener behandelt und, anders als die wahren Gro&szlig;verdiener, tats&auml;chlich abgezockt werden.<\/p>\n<p><em>Ich vermute, der Anflug von Optimismus in Ihrer ersten Antwort hat mit dem aktuellen Ergebnis des Tarifstreits im &Ouml;ffentlichen Dienst zu tun?<\/em><\/p>\n<p>Unter anderem, ja. Da werden pl&ouml;tzlich von der Politik und in den Medien Lohnsteigerungen f&uuml;r gew&ouml;hnliche Besch&auml;ftigte hingenommen, die noch vor zwei Jahren als Anfang vom Ende des Abendlandes denunziert worden w&auml;ren. Bemerkenswert und objektiv erfreulich!<\/p>\n<p><em>Noch einen Ansatz?<\/em><\/p>\n<p>Die Sicht auf Steuerschuld und auf Steuerbetrug hat sich in Politik und Medien ebenfalls realistisch gewendet. Die Betr&uuml;ger sind keine stillen Helden mehr, und die Gro&szlig;verdiener geraten wieder in den Blick, wenn es darum geht, die Finanzbed&uuml;rfnisse der &ouml;ffentlichen Hand zu stillen.<\/p>\n<p><em>Wie weit gehen Sie? Halten Sie das schon f&uuml;r eine Wende?<\/em><\/p>\n<p>Nein, aus mehreren Gr&uuml;nden nicht. Die Bundesregierung der Gro&szlig;en Koalition und die Meinung machenden Medien nehmen hier etwas hin, was von der EU-Kommission und den meisten Partnern in der Europ&auml;ischen Union leise gefordert und von der deutschen Bev&ouml;lkerung mit Mehrheit unterst&uuml;tzt wird. Ich sehe nicht, dass die Gro&szlig;e Koalition und die Medien in der Bundesrepublik davon auch &uuml;berzeugt w&auml;ren. Dazu m&uuml;ssten sie ja die volks- und weltwirtschaftlichen Zusammenh&auml;nge verstanden haben &mdash; nach meinen Erfahrungen ist das nicht der Fall.<\/p>\n<p><em>Ist das nicht ein &uuml;berhebliches Urteil?<\/em><\/p>\n<p>Fragen Sie die Bundeskanzlerin, ihre Minister und Staatssekret&auml;re, fragen Sie die Ministerpr&auml;sidenten und ihre Finanzminister, fragen Sie die Chefredakteure von Tagesschau, ZDF und SZ und die Herausgeber der FAZ unvorbereitet nach der Saldenmechanik von Wolfgang St&uuml;tzel (1958) und dem Theorem von Gerhard Mackenroth (1952). Wenn Sie auch nur f&uuml;nf ann&auml;hernd korrekte Antworten bekommen, spende ich einen namhaften Betrag zus&auml;tzlich an Terre des Hommes. Nebenbei, Noah kennen die alle &hellip;<\/p>\n<p><em>Was wollen Sie damit sagen?<\/em><\/p>\n<p>Ich will damit sagen, dass die Chefs und Chefinnen der deutschen Politik und ihrer Meinung machenden Medien in volks- und weltwirtschaftlichen Angelegenheiten extrem unterbelichtet sind. Diese biederen Leute glauben ernsthaft, die sogenannte schw&auml;bische Hausfrau sei ein Rollenvorbild f&uuml;r eine anst&auml;ndige Wirtschaft- und Finanzpolitik auf regionaler, nationaler und europ&auml;ischer Ebene. Von Standard- Erkenntnissen der wissenschaftlichen Volkswirtschaftslehre, die f&uuml;r die Wirtschafts- und Sozialpolitik von grundlegender und allt&auml;glicher Bedeutung sind, haben sie dagegen oft nicht die mindeste Ahnung.<\/p>\n<p><em>Sie meinen, daran habe sich im Gefolge der Finanzkrise nichts ge&auml;ndert?<\/em><\/p>\n<p>Nein, daran hat sich nichts ge&auml;ndert.<\/p>\n<p><em>K&ouml;nnen Sie vor dem Hintergrund der allgemeinen und unendlich anmutenden Schuldenmacherei zumindest die Sehnsucht nach dem Role Model &bdquo;schw&auml;bische Hausfrau&rdquo; verstehen?<\/em><\/p>\n<p>Ja, das schon. Aber woher kommt die Schuldenmacherei: Hier der Privaten, dort der Unternehmen, andernorts der &ouml;ffentlichen Hand und gelegentlich aller zusammen? Dahinter steckt ja nicht Dummheit, Gier oder sonst eine Bosheit! Enorm wachsende Kredite und Schulden liefern seit den 1980er Jahren den Schmierstoff f&uuml;r die gewaltige Ausdehnung der kapitalistischen Akkumulation. Das System der Plusmacherei, vulgo der Kapitalismus verlangt danach wie der Junkie nach Drogen, denn nur solange das Volumen der Gesch&auml;fte w&auml;chst, l&auml;uft die allgemeine Konjunktur und ist die Welt in Ordnung. Das meine ich nicht sp&ouml;ttisch. Alles wird leichter, wenn Output und Besch&auml;ftigung wachsen.<\/p>\n<p><em>Welche Rolle hat dann der Ruf nach der &bdquo;schw&auml;bischen Hausfrau&rdquo;?<\/em><\/p>\n<p>Die Frage haben Sie bereits selbst beantwortet: Es ist eine Sehnsucht. Sie ist besonders stark, wenn es wieder mal f&uuml;rchterlich gekracht hat.<\/p>\n<p><em>Aber die Sehnsucht verhindert den Krach nicht?<\/em><\/p>\n<p>Nein, nie. Sie verhindert auch den Krach nach dem Krach nicht. Denn wenn es gekracht hat, l&auml;uft jedes Mal der gleiche Film ab: Es wird restauriert.<\/p>\n<p><em>G&auml;be es denn eine realistische Alternative?<\/em><\/p>\n<p>F&uuml;r Radikalliberale und Kommunisten durchaus. Die sagen: Sinn einer solchen Krise ist die Reinigung. Die radikalen Liberalen hoffen, dass der Kapitalismus daraus gest&auml;rkt hervorgehen wird; die Kommunisten hoffen, dass die Leute endlich die Nase voll haben und etwas Neues haben wollen.<\/p>\n<p><em>Und was genau macht die Bundeskanzlerin, die von vielen ja f&uuml;r den Inbegriff der schw&auml;bischen Hausfrau gehalten wird?<\/em><\/p>\n<p>Bei Griechen, Iren und Portugiesen ist sie radikalliberal, zu Hause wei&szlig; sie, dass die Leute mit Geld kein Geld verlieren wollen, dort ist sie eine zahnlose Restaurateurin der alten Verh&auml;ltnisse. Aber lieber w&auml;re ihr schon, man k&ouml;nnte den &Uuml;bertreibungen des Kapitalismus einen Riegel vorschieben.<\/p>\n<p><em>Daf&uuml;r m&uuml;ssten Sie doch Verst&auml;ndnis aufbringen, oder?<\/em><\/p>\n<p>Schauen Sie, ich bin in der Sache kein Kommunist wie oben beschrieben, ich mag Leute nicht leiden sehen. Ich bin aber auch kein schlapper Restaurateur und seufze melancholisch, wenn sich mit meinem Zutun wieder Verh&auml;ltnisse etablieren wie jene, die uns den letzten Krach beschert haben.<\/p>\n<p><em>Ich erinnere mich, Sie wollten vor Jahren das internationale Finanzkapital radikal neu reguliert sehen &hellip;<\/em><\/p>\n<p>2010 haben mir im Plenum des Ausschusses der Regionen am Ende drei Stimmen gefehlt, um die lokalen und regionalen Gebietsk&ouml;rperschaften der EU f&uuml;r eine radikale Neuregulierung der internationalen Finanzwirtschaft in Anspruch zu nehmen, ja. Der Versuch war ambitioniert &hellip;<\/p>\n<p><em>Sie sind bescheiden geworden?<\/em><\/p>\n<p>Weder intellektuell noch politisch. Mir geht es nun um einige wesentliche Schritte, die zwanglos machbar sind, wenn die deutsche Bundesregierung sich dazu entschlie&szlig;t. In unserem Land sind Steuern und Abgaben auf Arbeit bei kleinen und mittleren Einkommen hoch, die Abgaben sogar extrem hoch, sie m&uuml;ssen runter. Die geringe Besteuerung hoher und h&ouml;chster Einkommen und vor allem von Verm&ouml;gen ist ein Witz, was aber nicht am zu geringen H&ouml;chstsatz der Einkommenssteuer liegt, sondern an der unzul&auml;nglichen Besteuerung von Kapitaleink&uuml;nften inklusive Erbschaften, die muss wieder hoch.<br>\nIn der EU muss Schluss gemacht werden mit der dummdreisten Strategie &bdquo;Wie beschei&szlig;e ich meinen Nachbarn?&rdquo; Und es muss endlich eine wirksame Finanztransaktionssteuer her, die erstens den Zunder aus den Schie&szlig;- und Zockerbuden des Finanzkapitals nimmt und zweitens die Finanzkraft der Staaten substantiell st&auml;rkt.<\/p>\n<p>Schlie&szlig;lich ist die Zeit reif, weltweit die &uuml;blen Orte des organisierten Steuerbetrugs &mdash; ihre Liebhaber nennen sie &bdquo;Steueroasen &mdash; abzurei&szlig;en, notfalls durch schlichte Kapitalverkehrsverbote auch gegen den Willen der kommerziellen und politischen Hinterm&auml;nner dieses organisierten Verbrechens.<\/p>\n<p><em>Sie sagen, das sei &bdquo;zwanglos machbar&rdquo;. Glauben Sie wirklich, dass man den US-Bundesstaat Delaware so ohne weiteres abrei&szlig;en k&ouml;nnte oder auch nur das Haus 1209, Orange Street in der dortigen Stadt Wilmington, weil an dieser Adresse sage und schreibe 285 000 Anonyme Gesellschaften 2012 ihren Sitz hatten?<\/em><\/p>\n<p>Okay, &bdquo;zwanglos&rdquo; gilt nur f&uuml;r die politischen Ma&szlig;nahmen in der Bundesrepublik und weitgehend f&uuml;r jene in der EU.<\/p><\/li>\n<li><strong>Eine verst&ouml;rte Jugend<\/strong>\n<p><em>Selbst wenn man Ihren Optimismus gelten l&auml;sst, Herr Kl&auml;r, bleibt ein gravierender Einwand: Es wird dauern.<\/em><\/p>\n<p>Bestreite ich nicht. Deswegen muss in der Bundesrepublik noch eine zentrale Weiche umgelegt und ein sehr deutscher Wahnwitz beendet werden.<\/p>\n<p><em>Ich habe eine Vermutung: Es geht Ihnen um die Staatsverschuldung &hellip;<\/em><\/p>\n<p>Ja, zu dieser Ahnung geh&ouml;rt keine Sehergabe. Was sich die Politik, was sich die Modelle bastelnden National&ouml;konomen und die Meinung machenden Medien in diesem Land seit Jahren in puncto Staatsverschuldung leisten, erf&uuml;llt den Tatbestand der gesteigerten Volksverdummung.<\/p>\n<p><em>Sie halten die Bundesrepublik nicht f&uuml;r &uuml;berschuldet, vermute ich.<\/em><\/p>\n<p>Zun&auml;chst: Deutschland als Ganzes ist in der Welt Nettogl&auml;ubiger, nicht Nettoschuldner. Die Schulden des Bundes, der L&auml;nder und Gemeinden sind ihrerseits in der Masse nichts Anderes als Forderungen der Bewohner dieses Landes an die deutschen Gebietsk&ouml;rperschaften. Die &ouml;ffentliche Hand hat bei den B&uuml;rgern Kredite aufgenommen in Form von Anleihen, die B&uuml;rger halten im Gegenzug Wertpapiere, die der Schuldner verzinst. Die Schulden hier sind die Guthaben dort. Wenn der Staat einmal keine Schulden mehr haben sollte, wird es auch keine Guthaben mehr geben, die diesen Schulden entsprechen.<\/p>\n<p><em>Saldenmechanik?<\/em><\/p>\n<p>Ja. Zwei und zwei ist vier, wie St&uuml;tzel sagte. Man braucht keine Theorie, um das zu verstehen, und ein &ouml;konometrisches Modell schon gar nicht.<\/p>\n<p><em>Aber bitte: Die deutschen L&auml;nder haben zu der Zeit, als Sie Bevollm&auml;chtigter von Rheinland-Pfalz waren, mit dem Bund eine Schuldenbremse ausgehandelt, daf&uuml;r gab es eine Zwei-Drittel-Mehrheit in beiden Kammern, Bundestag und Bundesrat!<\/em><\/p>\n<p>Das war das Werk der Finanzminister im Verein mit den Meinung machenden Medien. Die Finanzminister hatten den regelm&auml;&szlig;ig wiederkehrenden &Auml;rger bei der Haushaltsaufstellung satt und wollten einen dicken Kn&uuml;ppel; die Regierungschefs von Bund und L&auml;ndern besa&szlig;en in der Sache keine eigene Expertise und &Uuml;berzeugung; Vorsitzende der Kommission waren zwei Juristen, und die erste Geige spielte ebenfalls ein Jurist, noch dazu ein bajuwarischer; wer in den Landeskabinetten von der Chose abriet, bekam eine klassische politische Auskunft: Da kommen wir nicht drum herum, da m&uuml;ssen wir durch. Hier und da stellten Regierungschefs subkutan die Vertrauensfrage. Am Schluss stand die Bremse im Grundgesetz.<\/p>\n<p><em>Wenn man Ihnen zuh&ouml;rt, k&ouml;nnte man meinen, dass die &Uuml;berschuldung des Staates keine Gefahr sei.<\/em><\/p>\n<p>Nat&uuml;rlich kann &Uuml;berschuldung eine Gefahr sein. Aber wann kann man tats&auml;chlich von &Uuml;berschuldung reden? Wie wird &Uuml;berschuldung zur Gefahr und f&uuml;r wen konkret? Und wen holt die Gefahr ein, wenn die &Uuml;berschuldung in der Insolvenz des Staates endet? Die deutsche Diskussion hierzu ist aufschlussreich. In ihr wird nichts gekl&auml;rt, und doch ist die Illusion einer einzigen klaren Auskunft in aller Munde, von den Rechtspopulisten bis zu den Gr&uuml;nen: Die Verschuldungspolitik vers&uuml;ndigt sich an den Jungen, die Jungen werden die Zeche zahlen.<\/p>\n<p><em>Versteht sich das nicht von selbst?<\/em><\/p>\n<p>Von wegen, sachlich ist das ein grober Unfug. Und dennoch ziehe ich den Hut: Was f&uuml;r eine wirkm&auml;chtige, destruktive Angstmache ist hier in die Welt gesetzt worden! Die Jungen, vor allem die Jungen in den Medien &mdash; und diesmal nicht nur in den Meinung machenden &mdash; glauben ehrlich, sie seien die Gekniffenen, f&uuml;rchten, himmelhohe Schulden des Landes und dazu die angeblich f&uuml;rstlichen Renten der Alten stemmen zu m&uuml;ssen, die nicht sterben wollen &mdash; ohne Aussicht, selbst einmal eine anst&auml;ndige Rente zu beziehen.<\/p>\n<p>Das sieht nach einer sehr d&uuml;steren Zukunft aus &hellip;<\/p>\n<p><em>W&auml;re ja auch so &hellip;<\/em><\/p>\n<p>Ist aber nicht so und wird so nicht sein. In Wahrheit erzeugt diese Angstmache eine nahezu perfekte Verkehrung der Welt im Interesse der Superreichen und ihres Anhangs.<\/p>\n<p><em>Wie kommen Sie gleich wieder auf die Superreichen?<\/em><\/p>\n<p>Die geistige Vorwegnahme k&uuml;nftiger Schuldenr&uuml;ckzahlung und das Leiden daran sind das st&auml;rkste Druckmittel, alle heutigen Schulden zu begleichen. Das ist der Sinn der Angstmache. Und die gro&szlig;en Gl&auml;ubiger heute sind nun mal keine Hartz-4-Empf&auml;nger. Jung sind sie auch eher nicht.<\/p>\n<p><em>Ist es denn wirklich nur Angstmache?<\/em><\/p>\n<p>Ja. Bei durchschnittlicher Wirtschaftsentwicklung besteht nicht die mindeste Gefahr, dass die Bundesrepublik ihre Schulden nicht bedienen und eine ausk&ouml;mmliche Rente nicht gew&auml;hrleistet werden kann. Das gilt selbst f&uuml;r den Fall, dass B&uuml;rgschaften f&auml;llig werden. Auch die meisten Partner in der EU werden keine Probleme haben, sogar bei einer Schuldenquote von 100% nicht; f&uuml;r Griechenland, Irland und Portugal w&auml;re ein Schuldenschnitt angebracht und wird vermutlich auch kommen. Meine stillschweigende Voraussetzung bei dieser Prognose lautet: Die Europ&auml;ische Zentralbank wird nicht germanisiert.<\/p>\n<p><em>Noch was gegen den Strich?<\/em><\/p>\n<p>Ja. Diese unverfrorene und sagenhaft erfolgreiche Angstmache schadet vor allem den Jungen und ihnen mehr als alles Andere! W&auml;ren die Jungen nicht so verst&ouml;rt, dann ergingen sie sich nicht in belanglosem Generationsgepl&auml;nkel &agrave; la Mi&szlig;felder, sondern bliesen zum Kampf f&uuml;r eine Erneuerung der geistigen und materiellen Infrastruktur unseres Landes, IHRES Landes.<\/p>\n<p><em>Und skandierten die Parole: Jetzt &ouml;ffentlich Kredite aufnehmen!?<\/em><\/p>\n<p>Das h&auml;tte was! Die Bundesrepublik braucht nach der einigerma&szlig;en gelungenen Renovierung Ostdeutschlands nun dringend massive &ouml;ffentliche Investitionen in der gesamten Republik: von der Bildung &uuml;ber die Forschung bis zur materiellen Infrastruktur. Zu viel ist liegen geblieben oder vernachl&auml;ssigt worden. Wenn das Steuergeld (noch) nicht langt, m&uuml;ssen Kredite aufgenommen werden. F&uuml;r Investitionen, deren Nutzen weit in die Zukunft reicht, ist Kreditfinanzierung ohnehin vern&uuml;nftig.<\/p>\n<p><em>Sie wollen die deutsche Welt auf den Kopf stellen.<\/em><\/p>\n<p>Nein, vom Kopf wieder auf die F&uuml;&szlig;e. Haben Sie das Gewese um die sogenannte Schwarze Null beim Bundeshaushalt verfolgt? Ich kann nur sagen: Die Anbetung der Schwarzen Null in nahezu allen deutschen Parteien und in nahezu allen deutschen Medien ist noch d&uuml;mmer als die Anbetung des Goldenen Kalbs. Das ist G&ouml;tzendienst! Eine rationale Politik s&auml;he anders aus.<\/p>\n<p><em>Der Staat soll also nicht sparen, sondern investieren?<\/em><\/p>\n<p>Jetzt sind wir zwanglos am Knackpunkt angelangt. Auch wenn es dem Alltagsverstand nicht einleuchten mag: Der Staat kann nicht sparen! Der Staat kann sparsam mit den Steuergeldern umgehen, das ja, und das soll er gef&auml;lligst auch tun. Aber der Staat kann kein Geld f&uuml;r schlechte Zeiten auf die hohe Kante legen, das funktioniert im Rahmen der Volkswirtschaft nicht, und im Rahmen der Weltwirtschaft w&auml;re der Versuch reine Zockerei. Die schlichte Wahrheit in Sachen Staat und Sparen lautet: Der Staat spart, indem er zu Hause investiert.<\/p>\n<p><em>Investieren macht reich?<\/em><\/p>\n<p>Ja. Gut investieren macht die Reichen reicher, wenn das Gleiche dem Staat im Interesse der B&uuml;rgerschaft gelingt, werden alle reicher. Und die Pointe im Jahr 2014 ist dann noch diese: Nie waren seit den 1960er Jahren die Kreditkosten niedriger als heute.<\/p>\n<p><em>Abschlie&szlig;end: K&ouml;nnen Sie sich ernsthaft vorstellen, dass die deutsche Politik einer solchen Wegweisung einmal folgen wird?<\/em><\/p>\n<p>Sie werden sich wundern, wie rasch das gehen wird.<\/p>\n<p><em>Jetzt machen Sie Witze.<\/em><\/p>\n<p>Keineswegs. Nachdem wieder mal durch ist, dass Kredite unbedingt zur&uuml;ckgezahlt werden m&uuml;ssen &ndash; ich gr&uuml;&szlig;e David Graeber! &ndash; werden die gro&szlig;en Anleger unger&uuml;hrt darauf dringen, dass gerade auch die solventen Staaten erneut ordentlich Schulden machen. Diese Anleger werden nicht hinnehmen, dass die M&ouml;glichkeit, Geld risikoarm, wertgesch&uuml;tzt, ja leicht profitabel zu verwerten, durch einen sehr erfolgreichen Kreuzzug in eigener Sache verbaut sein sollte.<\/p>\n<p><em>Klingt nach Verschw&ouml;rungstheorie.<\/em><\/p>\n<p>Ist original James Carville. Der Mann war Bill Clintons &uuml;berragender Wahlkampfchef 1990 und hatte urspr&uuml;nglich als Pr&auml;sident oder Papst wiedergeboren werden wollen. Aber dann entdeckte er, wo die wahre Macht steckt, und verk&uuml;ndete: &bdquo;But now I want to come back as the bond market. You can intimidate everybody&rdquo;.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Karl-Heinz Kl&auml;r<\/strong> am 12. April 2014 im Gespr&auml;ch mit <strong>Kuno Rinke<\/strong> &uuml;ber den Finanzkapitalismus, die Krise der Europ&auml;ischen Union und die &Uuml;bert&ouml;lpelung der jungen Generation. Grundlage des Gespr&auml;chs ist der Artikel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=16111\">Die Gro&szlig;eMittelKlasse<\/a>&ldquo;, den Karl-Heinz Kl&auml;r am 7. Februar auf den NachDenkSeiten ver&ouml;ffentlicht hat. Aufgrund der L&auml;nge haben wir das Gespr&auml;ch, das auch in<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22398\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[209,156,137],"tags":[909,902,299,312,392,735,325],"class_list":["post-22398","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-interviews","category-schulden-sparen","category-steuern-und-abgaben","tag-kapitalismus","tag-klaer-karl-heinz","tag-konjunkturprogramme","tag-reformpolitik","tag-schuldenbremse","tag-schwaebische-hausfrau","tag-staatsschulden"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22398","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22398"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22398\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":122054,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22398\/revisions\/122054"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22398"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22398"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22398"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}