{"id":224,"date":"2005-11-18T14:21:01","date_gmt":"2005-11-18T13:21:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=224"},"modified":"2019-02-15T13:21:30","modified_gmt":"2019-02-15T12:21:30","slug":"weder-genug-mut-noch-menschlichkeit-cducsu-und-spd-bilden-eine-grose-koalition-gegen-den-sozialstaat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=224","title":{"rendered":"Weder genug Mut noch Menschlichkeit \u2013 CDU\/CSU und SPD bilden eine gro\u00dfe Koalition gegen den Sozialstaat"},"content":{"rendered":"<p>Von Christoph Butterwegge.<br>\n<!--more--><br>\nNach der Bundestagswahl vom 18. September 2005 wurde das &uuml;berraschend schlechte Abschneiden der CDU\/CSU und ihrer Kanzlerkandidatin Angela Merkel zu Recht auf Defizite im sozialen Bereich zur&uuml;ckgef&uuml;hrt. Vor allem die Debatte um den fr&uuml;heren Verfassungsrichter Paul Kirchhof und sein zwar relativ einfaches, aber sozial unausgewogenes und extrem ungerechtes Steuermodell mit dem f&uuml;r alle B&uuml;rger\/innen gleichen Einheitssteuersatz von 25 Prozent hatte den Unionsparteien schwer geschadet. Umgekehrt war die SPD in der W&auml;hlergunst offenbar nur deshalb nicht &ndash; wie allgemein erwartet &ndash; eingebrochen, weil Gerhard Schr&ouml;der im Wahlkampf die &bdquo;Seele&ldquo; der Partei angesprochen, sich wieder st&auml;rker am traditionellen Programm der Sozialdemokratie orientiert und seine Widersacherin &bdquo;sozialer K&auml;lte&ldquo; bezichtigt hatte.<\/p><p>W&auml;hrend der Sondierungsgespr&auml;che und zu Beginn der Koalitionsverhandlungen zwischen CDU\/CSU und SPD standen Personalfragen im Vordergrund, Politik und Programmatik blieben hingegen auf der Strecke. Im Laufe der Koalitionsverhandlungen wurde der Sozialstaat von zwei Seiten gleichzeitig in die Zange genommen: Auf der Finanzierungsseite entdeckten die zust&auml;ndigen Verhandlungsf&uuml;hrer von Union und SPD, Roland Koch und Peer Steinbr&uuml;ck, das &bdquo;gr&ouml;&szlig;te Haushaltsloch aller Zeiten&ldquo;, dem nur mit einem &bdquo;Sparpaket&ldquo; in H&ouml;he von 35 bis 70 Mrd. EUR beizukommen sei. Und auf der Leistungsseite machte der scheidende Wirtschafts- und Arbeitsminister Wolfgang Clement ungef&auml;hr 20 Prozent der Langzeitarbeitslosen als &bdquo;Parasiten&ldquo; aus, weil sie ohne Rechtsanspruch das mit Hartz IV geschaffene Arbeitslosengeld II bez&ouml;gen.<\/p><p>Was sich damit andeutete, scheint Wirklichkeit zu werden: eine gro&szlig;e Koalition gegen den Sozialstaat. Die am 18. November abgeschlossene Koalitionsvereinbarung ist von politischer Buchhaltermentalit&auml;t gekennzeichnet, wohingegen jedes Signal f&uuml;r einen Neuanfang, vision&auml;re Konzepte und Alternativen zum bisherigen Regierungskurs (Agenda 2010, sog. Hartz-Gesetze, Gesundheitsreform usw.) fehlen. &bdquo;Weiter so!&ldquo; bietet keine L&ouml;sung, selbst wenn man das F&uuml;hrungspersonal austauscht, zumal mehrere Minister (Wolfgang Sch&auml;uble, Peer Steinbr&uuml;ck und Sigmar Gabriel) die Vergangenheit repr&auml;sentieren. Um eine &bdquo;Wende zum Besseren&ldquo; einzuleiten, w&auml;re neben Optimismus und Aufbruchsstimmung mehr Mut gegen&uuml;ber den M&auml;chtigen im Land n&ouml;tig.<\/p><p><strong>Kritik am Koalitionsvertrag<\/strong><\/p><p>Schon die &Uuml;berschrift &bdquo;Gemeinsam f&uuml;r Deutschland &ndash; mit Mut und Menschlichkeit&ldquo; l&auml;sst deutlich erkennen, dass die neue Regierung nach Kontinuit&auml;t strebt. Gut w&auml;re es gewesen, nicht &ndash; wie die alte &ndash; den Wirtschaftsstandort D, sondern die (arbeitenden) Menschen in den Mittelpunkt aller Bem&uuml;hungen zu r&uuml;cken. F&uuml;r einen solchen Kurswechsel gibt es jedoch bislang keine Anzeichen &ndash; ganz im Gegenteil.<\/p><p>Die zum 1. Januar 2007 angek&uuml;ndigte Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent ist nicht nur Gift f&uuml;r die Binnenkonjunktur, sondern auch f&uuml;r Familien, besonders von Geringverdienern, die einen Gro&szlig;teil ihres Einkommens in den Konsum stecken. Deshalb trifft sie die Mehrwertsteuer st&auml;rker als Besserverdienende (ohne Kinder). Indirekte bzw. Verbrauchssteuern sind eher unsozial, weil sie die Leistungsf&auml;higkeit und finanzielle Lage der Steuerpflichtigen nicht ber&uuml;cksichtigen. Dagegen bildet die &bdquo;Reichensteuer&ldquo;, von der B&uuml;rger erst ab einem Jahreseinkommen von 250.000 EUR bzw. Verheiratete ab einem Jahreseinkommen von 500.000 EUR erfasst werden, Unternehmer (Personengesellschaften, gewerbliche Eink&uuml;nfte) jedoch ausgenommen sind, nur eine Beruhigungspille f&uuml;r die SPD-Basis mit symbolischem Wert.<\/p><p>W&auml;hrend die Armut von ca. 1,7 Millionen Kindern, die heute schon auf Sozialhilfeniveau leben, eine zunehmende Tendenz aufweist, verspricht die neue Bundesregierung den Kindern von Million&auml;ren und Multimillion&auml;ren weitere Steuergeschenke. Wer ein Unternehmen erbt und es 10 Jahre lang nicht ver&auml;u&szlig;ert, wird laut Koalitionsvertrag von der Erbschaftsteuer befreit. Dies ist ein Armutszeugnis der Regierungspolitik, das angesichts der Belastung von Geringverdienern einer Bankrotterkl&auml;rung des Sozialstaates gleicht. Die negativen Auswirkungen von Sparma&szlig;nahmen im Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsbereich versperren k&uuml;nftigen Generationen die Zukunftsaussichten. Hierzu z&auml;hlt auch die Beschneidung der Bundeskompetenzen im Bildungsbereich, weil die F&ouml;deralismusreform mit dem &bdquo;Wettbewerbsf&ouml;deralismus&ldquo; einer desastr&ouml;sen Konkurrenz zwischen den Bundesl&auml;ndern nunmehr T&uuml;r und Tor &ouml;ffnet, was den (Hoch-)Sch&uuml;lern in finanzschwachen L&auml;ndern besonders schadet, k&ouml;nnen die guten Lehrkr&auml;fte doch leichter abgeworben werden.<\/p><p>Offenbar will man weniger die Armut von Kindern als die Armut an Kindern bek&auml;mpfen. Denn das k&uuml;nftig an die Stelle des Erziehungsgeldes tretende, ein Jahr lang gezahlte und bei 1.800 EUR pro Monat gedeckelte Elterngeld in H&ouml;he von 67 Prozent des Nettolohns bzw. -gehalts soll vor allem hoch qualifizierte, gut verdienende Frauen motivieren, (mehr) Kinder zu bekommen und schnell wieder in den Beruf zur&uuml;ckzukehren. Arbeitslose und Geringverdiener\/innen haben im Vergleich mit heute keine Vorteile.<\/p><p>Auch die Altersarmut wird l&auml;ngerfristig eher zunehmen, wof&uuml;r der geplante &bdquo;Nachholfaktor&ldquo; und h&ouml;here Abschl&auml;ge durch Anhebung des Rentenzugangsalters von 65 auf 67 Jahre sorgen d&uuml;rften. &bdquo;Nullrunden&ldquo; f&uuml;r Rentner\/innen sind mit Sicherheit kein Beitrag zur &bdquo;Generationengerechtigkeit&ldquo;: Erstens treffen sie nicht in erster Linie jetzige Rentner\/innen, sondern Jahrg&auml;nge, die gegenw&auml;rtig noch oder noch nicht erwerbst&auml;tig sind. Zweitens haben sie negative Folgen bez&uuml;glich des gesellschaftlichen Engagements und familialer Unterst&uuml;tzungsleistungen der Betroffenen, worunter Kinder und Enkel leiden w&uuml;rden. Auch verschlechtert die Erh&ouml;hung des Rentenzugangsalters die Arbeitsmarktchancen kommender Generationen. Gerade wer in den Ruf nach &bdquo;Generationengerechtigkeit&ldquo; einstimmt, m&uuml;sste darum bem&uuml;ht sein, dass auch Heranwachsende noch einen hoch entwickelten Wohlfahrtsstaat und das bisherige Ma&szlig; an sozialer Sicherheit vorfinden, statt es weiter zu verringern.<\/p><p>F&uuml;r eine noch gr&ouml;&szlig;ere soziale Schieflage sorgt die Verbesserung der Abschreibungsbedingungen f&uuml;r Unternehmen. Seit &uuml;ber 30 Jahren, als die sozial-liberale Koalition unter Helmut Schmidt damit begann, verabreicht jede Regierung dem Land im Grunde dieselbe Medizin: Entlastung des Kapitals und Entfesselung der Marktkr&auml;fte. Da sie nie wirkte, erh&ouml;hte man regelm&auml;&szlig;ig die Dosierung, ohne zu erkennen, dass in Wirklichkeit die Medizin die Krankheit ist. Die neue Regierung folgt der alten Philosophie, dass die Arbeitslosigkeit sinke, wenn man mit den Beitr&auml;gen (der Arbeitgeber) zur Sozialversicherung die Lohnnebenkosten dr&uuml;ckt. Es kommt aber gar nicht auf deren H&ouml;he, vielmehr auf die H&ouml;he der Lohnst&uuml;ckkosten an, welche in der Bundesrepublik wegen einer &uuml;berproportional wachsenden Arbeitsproduktivit&auml;t seit Jahren weniger stark steigen als in den mit ihr auf dem Weltmarkt konkurrierenden L&auml;ndern. Dies hat 2004 zu dem kaum beachteten Rekordexport&uuml;berschuss in H&ouml;he von 156,7 Mrd. EUR gef&uuml;hrt, der 2005 trotz Dollarschw&auml;che und hohem Mineral&ouml;lpreis noch &uuml;bertroffen wird. Nicht zuf&auml;llig ist Deutschland &ndash; bezogen auf die Leistung pro Erwerbst&auml;tigem oder pro Kopf der Bev&ouml;lkerung &ndash; mit riesigem Abstand &bdquo;Exportweltmeister&ldquo;. Hinge das Wohl und Wehe einer Volkswirtschaft von niedrig(er)en Lohn- bzw. Lohnnebenkosten ab, wie allenthalben behauptet wird, m&uuml;ssten in Bangladesch und Burkina Faso eigentlich Vollbesch&auml;ftigung und Luxus herrschen. Wer die Massenarbeitslosigkeit in Deutschland auf Personalzusatzkosten zur&uuml;ckf&uuml;hrt, verwechselt Ursache und Wirkung: Die steigende Erwerbslosigkeit ist f&uuml;r hohe Lohnnebenkosten verantwortlich, aber nicht umgekehrt.<\/p><p>Die geplanten &bdquo;Korrekturen&ldquo; an Hartz IV, mit denen 3,8 Mrd. EUR eingespart werden sollen, kann man trotz Anhebung des Arbeitslosengeldes II in Ostdeutschland an seine H&ouml;he in Westdeutschland als &bdquo;Hartz V&ldquo; bezeichnen, stellen sie doch eine Fortsetzung und Versch&auml;rfung des Drucks auf (Langzeit-)Arbeitslose dar. Heranwachsende und junge Erwachsene unter 25 Jahren wieder in der Abh&auml;ngigkeit von ihren Eltern zu belassen und ihnen per Mittelentzug die M&ouml;glichkeit der Gr&uuml;ndung eines eigenen Hausstandes zu nehmen, ist einer so reichen und hoch individualisierten Gesellschaft unw&uuml;rdig. Das oft beschworene Problem der sinkenden Geburtenrate wird damit nicht gel&ouml;st, sondern eher versch&auml;rft.<\/p><p>Verlierer der Gro&szlig;en Koalition sind die Kleinen Leute, Hauptleidtragende d&uuml;rften Rentner\/innen, (Langzeit-)Arbeitslose, Sozialhilfebezieher\/innen und die Familien von Geringverdiener(inne)n sein.<br>\nGebildet wurde eine gro&szlig;e Koalition gegen den Sozialstaat, der nicht nur f&uuml;r Massenarbeitslosigkeit verantwortlich, sondern auch zum S&uuml;ndenbock einer verfehlten Wirtschafts-, Steuer- und Finanzpolitik der etablierten Parteien gemacht wird. Weniger Sozialstaat bedeutet aber nicht mehr Freiheit, sondern gr&ouml;&szlig;ere Ungleichheit, mehr soziale Ungerechtigkeit und wachsende Unzufriedenheit. Wohin eine Politik der Spaltung in Gewinner und Verlierer zusammen mit sozialr&auml;umlicher Segregation f&uuml;hrt, zeigt der n&auml;chtliche Aufruhr in den franz&ouml;sischen Trabantenst&auml;dten.<\/p><p><em>Prof. Dr. Christoph Butterwegge leitet die Abteilung f&uuml;r Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln. Seine aktuelle Buchver&ouml;ffentlichung: Krise und Zukunft des Sozialstaates, Wiesbaden 2005<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Christoph Butterwegge.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[145,137,132,190],"tags":[635,312,279,449],"class_list":["post-224","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sozialstaat","category-steuern-und-abgaben","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wahlen","tag-altersarmut","tag-reformpolitik","tag-spitzensteuersatz","tag-umsatzsteuer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/224","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=224"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/224\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49395,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/224\/revisions\/49395"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=224"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=224"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=224"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}