{"id":22431,"date":"2014-07-18T09:11:43","date_gmt":"2014-07-18T07:11:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22431"},"modified":"2019-07-05T10:43:37","modified_gmt":"2019-07-05T08:43:37","slug":"griechenland-die-krise-die-wir-nicht-sehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22431","title":{"rendered":"Griechenland: Die Krise, die wir nicht sehen"},"content":{"rendered":"<p>&Uuml;ber die Diskrepanz zwischen den &bdquo;Erfolgsgeschichten&ldquo; von Regierungschef Samaras  und der erlebten Realit&auml;t, &uuml;ber dessen geopolitischen Gr&ouml;&szlig;enwahn bei einer strategischen Partnerschaft mit China, &uuml;ber Mogelpackungen bei &bdquo;Verbesserungen&ldquo; f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung, &uuml;ber den Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und dem drohenden Bankrott der Rentenkassen und dar&uuml;ber, warum die schwere Krise an der Oberfl&auml;che der Gesellschaft weniger dramatisch in Erscheinung tritt, als sie es tats&auml;chlich ist, berichtet <strong>Niels Kadritzke<\/strong> &ndash; eine Lagebeschreibung &uuml;ber die Stimmung in Griechenland zu Beginn dieses Sommers und &uuml;ber das Glaubw&uuml;rdigkeits-Problem der politischen Klasse.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Gef&auml;hrliche Visionen<\/strong><\/p><p>Auf den NachDenkSeiten habe ich schon mehrfach auf die Neigung zu wahnhaften Prophezeiungen hingewiesen, der Griechenlands Regierungschef regelm&auml;&szlig;ig erliegt. Dass die Beschw&ouml;rung einer goldenen Zukunft dem Volk als Opium angedient wird, damit die eiserne Gegenwart ertr&auml;glicher erscheint, ist in allen politischen Systemen eine bekannte Taktik der herrschenden Klasse. Gef&auml;hrlich wird es f&uuml;r eine Gesellschaft, wenn ihre Politiker selbst an Zukunftsvisionen glauben, die mit der Realit&auml;t nichts zu tun haben.<\/p><p>Diesem gef&auml;hrlichen Punkt ist Antonis Samaras bei seinem Treffen mit dem chinesischen Staatspr&auml;sidenten auf Rhodos bedenklich nahe gekommen. Am 14. Juli machte Xi Jinping auf der Dodekanes-Insel zwar nur eine technische Zwischenlandung auf seinem Flug zum BRICS-Gipfel in Brasilien, aber die Griechen inszenierten den Stopp als eine Art Staatsbesuch, sodass selbst der greise Staatspr&auml;sident Papoulias nach Rhodos fliegen musste. Denn China wird in Athen als der gro&szlig;e &bdquo;strategischen Partner&ldquo; Griechenlands gesehen, der ma&szlig;geblich dazu beitragen soll, das Land aus der Krise heraus zu ziehen. Xi Jinping lie&szlig; sich nicht lumpen und versprach auf dem Flugplatz von Rhodos, die &bdquo;umfassende strategische Partnerschaft&ldquo; noch weiter auszubauen.<\/p><p>Diese Partnerschaft ist keine Fiktion. Sp&auml;testens seit 2010 ist offensichtlich, dass Griechenland den Wirtschaftsplanern in Peking tats&auml;chlich als idealer Umschlagplatz f&uuml;r den chinesischen Handel in Richtung Mittel- und Osteuropa ins Auge sticht. Das belegen die Investitionen der staatlichen Reederei Cosco in den Container-Hafen von Pir&auml;us (siehe dazu <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9602\">NachDenkSeiten vom 30. Mai 2011<\/a> und vom <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17985\">16. Juli 2013<\/a>) und das erkl&auml;rte Interesse der Chinesen an der &Uuml;bernahme des gesamten Hafens sowie am Einstieg in das (zu privatisierende) griechische Eisenbahnsystem (die Vor- und Nachteil des chinesischen Engagements in Griechenland werde ich in einem sp&auml;teren Beitrag untersuchen). Angesichts dieses Interesses kann man durchaus verstehen, wenn Samaras die chinesischen Investitionen &bdquo;in griechische H&auml;fen, Eisenbahnlinien und Flugh&auml;fen&ldquo; w&uuml;rdigt und sein Land dem strategischen Partner als &bdquo;Eingangstor zum EU-Markt&ldquo; andient.<\/p><p><strong>Geopolitischer Gr&ouml;&szlig;enwahn<\/strong><\/p><p>Aber der vision&auml;re griechische Regierungschef  ging in Rhodos deutlich weiter. Griechenland wolle auch die &bdquo; maritime Kooperation&ldquo; mit China st&auml;rken, erkl&auml;rte er dem verbl&uuml;fften Gast. Sein Land k&ouml;nne etwa &bdquo;als ein regionales Zentrum&ldquo; f&uuml;r die Unterst&uuml;tzung und Wartung chinesischer Schiffe im Mittelmeer dienen, einschlie&szlig;lich der chinesischen Kriegsmarine, meinte Samaras und verwies konkret auf das Potential von  Kreta. Diese Insel verf&uuml;ge &uuml;ber &bdquo;die vollst&auml;ndige erforderliche Infrastruktur, um die Kriegsflotte Ihres Landes mit Treibstoff zu versorgen, zu warten und zu reparieren&ldquo;. Von seiner Phantasie befl&uuml;gelt, schw&auml;rmte Samaras auch noch von &bdquo;gemeinsamen Patrouillen von Kriegsschiffen&ldquo;, womit er offenbar eine dauerhafte Pr&auml;senz der chinesischen Marine im &ouml;stlichen Mittelmeer antizipiert. Was erstaunlich ist, weil von chinesischer Seite entsprechende Absichten noch nie ge&auml;u&szlig;ert wurden, wof&uuml;r man in Peking sicher gute Gr&uuml;nde hat. Aber das st&ouml;rt den Geopolitiker Samaras nicht, er wittert eine weitere &bdquo;success story&ldquo;. Fehlt nur noch das Angebot, der aufstrebenden Gro&szlig;macht China in Kreta eine Flottenbasis zu verpachten, wom&ouml;glich gleich neben der existierenden Nato-Flottenbasis in der Souda-Bucht.<\/p><p>Der geopolitische Gr&ouml;&szlig;enwahn war unterlegt mit dem besitzerstolzen Hinweis auf die historischen Hochkulturen der &bdquo;strategischen Partner&ldquo; Griechenland und China, die Samaras als &bdquo;Ecksteine&ldquo; f&uuml;r &bdquo;die Kultur der ganzen Menschheit&ldquo; bezeichnete, garniert mit der k&uuml;hnen Hypothese: &bdquo;Vielleicht h&auml;tten wir die globalen Probleme von heute nicht, wenn sich die Prinzipien und Werte unserer beiden Kulturen durchgesetzt h&auml;tten: Gerechtigkeit und das richtige Ma&szlig;, Harmonie und Altruismus&ldquo;.<\/p><p>Jenseits der Frage, ob diese &bdquo;Werte&ldquo;  tats&auml;chlich die &bdquo;Ecksteine&ldquo; der beiden Hochkulturen waren, k&ouml;nnen die heutigen Griechen die genannten Prinzipien in ihrem Alltag nicht entdecken, und erst recht nicht in der Politik ihrer Regierung. Mit tollk&uuml;hnen Reden wie in Rhodos best&auml;tigt Samaras bei seinen Landsleuten nur den Eindruck, dass er nicht auf derselben Welt lebt wie der Gro&szlig;teil der Bev&ouml;lkerung.<\/p><p><strong>Diskrepanz zwischen &bdquo;Erfolgsgeschichten&ldquo; und erlebte Realit&auml;t<\/strong><\/p><p>An der Diskrepanz zwischen fiktiven &bdquo;Erfolgsgeschichten&ldquo; und der erlebten Realit&auml;t der Bev&ouml;lkerung, die ich wiederholt beschrieben habe (zuletzt in meinen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19831\">Analysen vom 6.<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19953\">17. Januar 2014<\/a>), hat sich also seit den Gemeinde- und Europawahlen im Mai dieses Jahres wenig ge&auml;ndert. Deshalb steht am Anfang meines Berichts &uuml;ber die Stimmung in Griechenland zu Beginn dieses Sommers und &uuml;ber das Glaubw&uuml;rdigkeits-Problem der politischen Klasse (einschlie&szlig;lich der Opposition) eine Karikatur, die am 18. Juni in der konservativen Tageszeitung Kathimerini <a href=\"http:\/\/www.kathimerini.gr\/772125\/sketch\/epikairothta\/politikh\/skitso-toy-hlia-makrh\">erschienen<\/a> ist.<\/p><p>Der Karikaturist Ilias Makris zeichnet ein marodes Schiff, dessen Kapit&auml;n den Passagieren, die gro&szlig;enteils im Wasser treiben, durch ein Megaphon zuruft: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Liebe Mitb&uuml;rger, mit gro&szlig;er Freude geben wir die Senkung unserer Fahrpreise bekannt.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Hintergrund der Bilderstory ist die j&uuml;ngste &bdquo;volksfreundliche&ldquo; Ma&szlig;nahme der Regierung Samaras. Am 16. Juni verk&uuml;ndete Verkehrsminister Chrysochoidis (Pasok) eine Preissenkung f&uuml;r die Kunden der OASA, Tr&auml;ger des &ouml;ffentlichen Nahverkehrs in Athen. Ab 1. September 2014 wird nicht nur das Einzelticket billiger (1, 20 Euro statt 1, 40); auch die Monatskarte f&uuml;r das gesamte Verkehrsnetz (Busse, Trolleybuss, Stra&szlig;enbahn und Metro) wird dann statt 45 nur noch 30 Euro kosten, eine Ersparnis um immerhin ein Drittel.<\/p><p><strong>Wie verbilligte Tickets das Busfahren teurer machen<\/strong><\/p><p>Was eindrucksvoll klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Mogelpackung:  als &bdquo;Karikatur&ldquo; einer Preissenkung. Es handelt sich dabei um einen doppelten Bluff:<\/p><ol>\n<li>F&uuml;r das Einzelticket reduziert sich die Nutzungsdauer von 90 auf 70 Minuten. Das bedeutet, wie die Gewerkschaft der OASA-Angestellten erl&auml;utert, dass Fahrg&auml;ste, die die ganze Stadt durchqueren m&uuml;ssen, zwei Tickets brauchen werden (Efimerida ton Syntaktion vom 18. Juni 2014). Das gilt vor allem in der Athener rush hour, wenn die Busse nicht vom Fleck kommen (in den meist engen Stra&szlig;en gibt es nur wenig Busspuren). Zudem ist k&uuml;nftig mit noch l&auml;ngeren Fahrzeiten zu rechnen, weil einige Buslinien abgeschafft und die Fahrpl&auml;ne ausged&uuml;nnt werden.<\/li>\n<li>Ein dreister Bluff ist die &bdquo;Preissenkung&ldquo; der Monatskarten auf 30 Euro. Eine Ersparnis bringt sie n&auml;mlich nur den Nutzern des vollen Verkehrsnetzes (inklusive Metro), die bislang monatlich 45 Euro zahlen mussten. Das sind aber nur etwa 30 Prozent aller Monatskartenhalter. Die meisten Berufst&auml;tigen haben eine Monatskarte, die nur f&uuml;r Busse, Trolleybusse und Tram gilt, und bisher 20 Euro kostete. Diese Karte wird aus dem Angebot gestrichen. Folglich m&uuml;ssen 70 Prozent der OASA-Abonnenten ab 1. September die 30-Euro-Monatskarte kaufen, also eine Preissteigerung um 50 Prozent hinnehmen.<\/li>\n<\/ol><p>Die Verkehrsexperten der Syriza bezeichnen die angek&uuml;ndigte &bdquo;Verbesserung&ldquo; des OASA-Angebots zu Recht als &bdquo;Irref&uuml;hrung der &Ouml;ffentlichkeit&ldquo; (Avgi vom 17. Juni). Aus Sicht der Opposition ist dies nur ein weiteres Beispiel daf&uuml;r, dass die von der Regierung verk&uuml;ndeten &bdquo;success stories&ldquo; entweder schlecht erfunden sind, oder aber f&uuml;r die Masse der Bev&ouml;lkerung nichts bringen.(siehe dazu meine Bericht vom 6. und vom 17. Januar 2014).<\/p><p><strong>Die Krise, die wir nicht sehen<\/strong><\/p><p>An dieser Stelle m&ouml;chte ich eine Analyse weitergeben, die mein gesch&auml;tzter Kollege Nick Malkoutzis Ende Juni bei einem Journalistentreffen in Athen vorgetragen hat. Die Teilnehmer aus der T&uuml;rkei wunderten sich dar&uuml;ber, wie wenig man von der Krise im Athener Stra&szlig;enbild sieht (was nicht weiter verwundert, weil  etwa in Istanbul die sichtbare Armut weit krasser ist, was nur die extreme Spreizung der Einkommensverh&auml;ltnisse in der T&uuml;rkei widerspiegelt).<\/p><p>Malkoutzis beantwortete diese Fragen mit einer Darstellung der &bdquo;Krise, die wir nicht sehen&ldquo;. Hier seine zentralen Aussagen (von mir &uuml;bersetzt).<\/p><blockquote>\n<ol>\n<li>Seit die Rezession in der zweiten H&auml;lfte des Jahres 2008 eingesetzt hat, ist die griechische Volkswirtschaft in einem Ma&szlig;e geschrumpft wie nie zuvor seit der Okkupation durch die Nazis im Zweiten Weltkrieg. Diese Rezession hat die Gesellschaft so stark gebeutelt, dass immer mehr Griechen in den Zustand der &bdquo;sozialen Exklusion&ldquo; absinken. Nach den neuesten Zahlen der griechischen Statistik-Beh&ouml;rde ELSTAT waren 2012 mehr als ein Drittel (34,6 Prozent) der Bev&ouml;lkerung von Armut und sozialer Exklusion bedroht. Das ist der h&ouml;chste Prozentsatz innerhalb der EU. In der ersten Phase der Krise (2010) lag dieser Anteil noch bei 27,7 Prozent.<\/li>\n<li>Nach ELSTAT sind heute 19,5 Prozent der Griechen als sozial stark benachteiligt (&bdquo;severely materially deprived&ldquo;) einzustufen. Das ist der weitaus h&ouml;chste Anteil innerhalb der Eurozone, der deutlicher h&ouml;her liegt als in den Krisenl&auml;ndern Portugal und Spanien (8,6 bzw. 5,8 Prozent). Zum Vergleich: in den Niederlanden liegt der Anteil bei 2,3 Prozent.<\/li>\n<li>Das verf&uuml;gbare Einkommen der griechischen Haushalte hat sich seit Beginn der Krise im Durchschnitt um mehr als 30 Prozent vermindert; der Durchschnittslohn ist seit seinem H&ouml;chststand von 2010 um 25 Prozent zur&uuml;ck gegangen. In keinem OECD-Land sind die Haushaltseinkommen st&auml;rker geschrumpft als in Griechenland; die Einbu&szlig;e um &uuml;ber 30 Prozent betr&auml;gt mehr als das Vierfache des Durchschnitts in der Eurozone.<\/li>\n<li>Nach einem OECD-Report haben knapp 20 Prozent der Bev&ouml;lkerung nicht das n&ouml;tige Geld f&uuml;r eine regelm&auml;&szlig;ige Ern&auml;hrung. Das ist ein h&ouml;herer Prozentsatz als in einigen Schwellenl&auml;ndern mit weitaus niedrigerem Durchschnittseinkommen, wie etwa China und Brasilien.<\/li>\n<li>Aus einer Umfrage des Instituts f&uuml;r Kleinunternehmen (IME) beim Griechischen Verband der Freiberufler, Handwerker und Kaufleute (GSEVEE) geht hervor, dass mehr als ein Drittel aller griechischen Haushalte (34, 8 Prozent) mit finanziellen Verpflichtungen &ndash; gegen&uuml;ber dem Staat, den Banken, den Sozialkassen oder &ouml;ffentlichen Einrichtungen &ndash;  im Verzug sind, weil ihnen schlicht das Geld fehlt.<\/li>\n<li>Rund 30 Prozent der Gesch&auml;fte und Betriebe in Attika (in dieser Region, die auch Athen umfasst, konzentriert sich die H&auml;lfte der &ouml;konomischen Aktivit&auml;ten des Landes) haben im Lauf der Krise dicht gemacht.<\/li>\n<li>Der drastische R&uuml;ckgang der Wirtschaftst&auml;tigkeit treibt nicht nur die Arbeitslosenrate in die H&ouml;he; auch die Situation derer, die noch Arbeit haben, wird immer prek&auml;rer: Der Gewerkschaftsverband GSEE sch&auml;tzt, dass etwa ein Viertel der Besch&auml;ftigten (das sind 1,2 Millionen Menschen) ihre L&ouml;hne und Geh&auml;lter mit drei bis 12 Monaten Versp&auml;tung ausgezahlt bekommen.<\/li>\n<li>Das gr&ouml;&szlig;te Problem ist und bleibt die Arbeitslosigkeit. Seit Krisenbeginn hat sich die Arbeitslosenrate vervierfacht: Sie stieg von 7,3 Prozent im 3. Quartal 2008 auf die Rekordh&ouml;he von 27,8 Prozent im 1. Quartal 2014. Das bedeutet, dass die verbliebenen 3,5 Millionen Besch&auml;ftigten &uuml;ber 4,7 Millionen arbeitslose oder &bdquo;inaktive&ldquo; Menschen ern&auml;hren m&uuml;ssen.<\/li>\n<li>71 Prozent aller Arbeitslosen, etwa eine Million Menschen, sind Langzeitarbeitslose, haben also seit mindestens 12 Monaten keinen Job mehr. Weil es in Griechenland kein allgemeines System der Sozialf&uuml;rsorge gibt, stehen diese Leute praktisch ohne Einkommen da. Das (pauschale) Arbeitslosengeld von 360 Euro wird maximal f&uuml;r zw&ouml;lf Monate gezahlt. Die Folge ist, dass heute nur 15 (f&uuml;nfzehn!) Prozent der fast 1,4 Millionen Arbeitslosen &uuml;berhaupt eine finanzielle Unterst&uuml;tzung vom Staat beziehen.<\/li>\n<li>Mehr als 20 Prozent aller vollj&auml;hrigen Griechen und Griechinnen leben in Haushalten ohne jedes Arbeitseinkommen. Keine Volkswirtschaft oder arbeitende Bev&ouml;lkerung der Welt kann einen solchen Zustand &uuml;ber l&auml;ngere Zeit aushalten, jedenfalls nicht ohne den gesellschaftlichen Zusammenhalt aufs Spiel zu setzen.<\/li>\n<li>Vor diesem Hintergrund ist die dramatische K&uuml;rzung der Staatsausgaben besonders verh&auml;ngnisvoll. Griechenland hat in den letzten Jahren einen Sparkurs praktiziert, wie ihn die Welt seit langem nicht erlebt hat: Von 2009 bis 2013 wurde ein Haushaltsdefizit von 15,6 Prozent abgebaut und sogar ein kleiner &Uuml;berschuss des Prim&auml;rhaushalts &bdquo;erwirtschaftet&ldquo;. Das Sparprogramm hat zwar auch etliche &uuml;berfl&uuml;ssige und ineffiziente Ausgabenposten gekappt, aber es hat zugleich und fatalerweise die Mittel f&uuml;r lebenswichtige &ouml;ffentliche Dienstleistungen gek&uuml;rzt&ndash; und zwar vornehmlich f&uuml;r solche, die angesichts der schwierigen Situation f&uuml;r viele Familien unentbehrlicher sind als je zuvor.<\/li>\n<li>Nach einer Analyse der OECD, hat Griechenland vor der Krise nahezu 30 Prozent seiner Budgetmittel f&uuml;r soziale Transferleistungen ausgegeben, aber dieses Geld landete h&auml;ufig bei Haushalten, die schon relativ wohlhabend waren. Anders ist es bei den jetzigen Etatk&uuml;rzungen: Sie treffen die &auml;rmeren Schichten am h&auml;rtesten. So sind seit dem Haushaltsjahr 2007\/2008 die realen Ausgaben f&uuml;r Sozial- und Gesundheitsleistungen um insgesamt 18 Prozent zur&uuml;ckgegangen; zum Vergleich: im selben Zeitraum sind diese Ausgaben im Durchschnitt aller OECD-L&auml;nder um 14 Prozent gestiegen.<\/li>\n<li>Seit 2008 ist die Anzahl der HIV-Erkrankungen erheblich angestiegen, auch die F&auml;lle von Tuberkulose (und die Zahl der Fehlgeburten) haben stark zugenommen. Bei den psychiatrischen Diensten der Krankenh&auml;user ist die Zahl der Patienten um 100 Prozent gestiegen. Eine Studie der Universit&auml;t Athen hat ermittelt, dass sich der Prozentsatz der Menschen, die unter klinischer Depression leiden, seit 2008 nahezu vervierfacht hat (von 3,3 Prozent auf 12,3 Prozent der Bev&ouml;lkerung).<\/li>\n<li>Besonders defizit&auml;r ist die Krankenversorgung f&uuml;r die arbeitslosen Griechen. F&uuml;r sie entf&auml;llt, nach heutigem Stand, nach sp&auml;testens zwei Jahren der Anspruch auf freie oder subventionierte Gesundheitsleistungen. In einem Bericht, den Forscher der Universit&auml;ten Oxford und Cambridge in der bekannten Fachzeitschrift &bdquo;The Lancet&ldquo; ver&ouml;ffentlicht haben, wurden die Athener Regierung und die Troika beschuldigt, sie w&uuml;rden die Auswirkungen ihrer Sparpolitik auf das griechische Gesundheitswesen schlicht verdr&auml;ngen.<\/li>\n<li>Die hohe Arbeitslosigkeit und die starke K&uuml;rzung der Sozialleistungen bedeuten,  dass f&uuml;r in Griechenland die Familie vollends zum wichtigsten &bdquo;Sicherheitsnetz&ldquo; geworden ist. Nach der oben zitierten IME-GSEVEE-Studie geben 48, 6 Prozent der befragten Familien als ihre wichtigste Einnahmenquelle Pensionen bzw. Renten an. Dazu muss man wissen, dass die durchschnittliche Grundrente in Griechenland heute auf unter 700 Euro pro Monat gesunken ist. Das bedeutet eine Reduzierung um 25 Prozent seit 2010, und weitere K&uuml;rzungen sind bereits absehbar.<\/li>\n<\/ol>\n<\/blockquote><p>Am Schluss seiner Darstellung verwies Malkoutzis auf die wichtige Rolle, die die Familien bei der Bew&auml;ltigung der Krise spielen. Dieses private &bdquo;soziale Netz&ldquo; und die zahllosen karitativen Aktivit&auml;ten im ganzen Land &ndash; von bestehenden Institutionen wie der Orthodoxen Kirche bis zu neuen Initiativen wie den Netzwerk von &bdquo;Volkskliniken&ldquo; f&uuml;r die steigende Zahl nicht versicherter B&uuml;rger &ndash; erkl&auml;ren zu einem Gro&szlig;teil, warum die schwere Krise an der Oberfl&auml;che der Gesellschaft weniger dramatisch in Erscheinung tritt als sie  es tats&auml;chlich ist. So ermutigend diese bewundernswerten Initiativen sind, so d&uuml;rfen sie doch nicht dar&uuml;ber hinweg t&auml;uschen, dass die soziale Landschaft weitaus d&uuml;sterer ist, als es f&uuml;r ein entwickeltes europ&auml;isches Land hinnehmbar sein sollte.<\/p><p>Zusammenfassend verglich Nick Malkoutzis die griechische Gesellschaft mit dem Kanarienvogel, der den Bergleuten in den Tiefen ihrer Kohlensch&auml;chte als &bdquo;Gaswarner&ldquo; dient: Wenn der Vogel nicht mehr singt, k&ouml;nnte dies ein Indiz f&uuml;r ein drohendes Schlagwetter sein. In Griechenland hat man schon lange keinen Gesang mehr geh&ouml;rt. Aber was das bedeutet, und wie die Gesellschaft die &ouml;konomischen Schl&auml;ge mittel- und langfristig verkraften wird, k&ouml;nne heute niemand seri&ouml;s voraus sagen, meint Malkoutzis. Aber er selbst ist skeptisch: &bdquo;Wird zum Beispiel die prognostizierte &ouml;konomische Erholung die Probleme vermindern und die Wunden verheilen lassen? Das wird sehr stark vom Tempo des Erholungsprozesses abh&auml;ngen. Nach der Kalkulation des griechische Gewerkschaftsverbands GSEE ben&ouml;tigt die griechische Wirtschaft 20 Jahre lang ein Wachstum von j&auml;hrlich 3 bis 4 Prozent, um die Zahl der Arbeitspl&auml;tze zu schaffen, die im Zuge der Krise verloren gegangen sind.&ldquo;<\/p><p><strong>Der Systemzusammenhang von Arbeitslosigkeit und Rentenkrise<\/strong><\/p><p>Diesen erhellenden Blick auf ein d&uuml;steres Bild will ich mit vier aktualisierenden Bemerkungen erg&auml;nzen. <\/p><ol>\n<li>Die neueste Arbeitslosenrate, f&uuml;r den April 2014, betr&auml;gt noch immer 27,3 Prozent, wie schon in den beiden Vormonaten. Die Zahl liegt zwar um 0,5 Prozent niedriger als der absolute H&ouml;chststand (vom September 2013),  aber der Abw&auml;rtstrend bleibt entt&auml;uschend schwach &ndash; obwohl mit dem Ostermonat April die touristische Saison begonnen hat, die sich offenbar (noch) nicht auf die Besch&auml;ftigung ausgewirkt hat. Die Arbeitslosenrate der Altersgruppe unter 25 Jahren ist leicht gesunken, liegt aber immer noch bei 56,3 Prozent. Ebenso besteht weiterhin eine betr&auml;chtliche Differenz zwischen der Arbeitslosigkeit der Frauen (30, 7 Prozent) und der M&auml;nner (24,6 Prozent), wobei die Rate bei den M&auml;nnern sogar noch leicht angestiegen ist.<\/li>\n<li>Am 7. Juli hat die staatliche Agentur f&uuml;r Besch&auml;ftigung (OAED) neue Zahlen &uuml;ber die Bezieher von Arbeitslosengeld ver&ouml;ffentlicht. Demnach beziehen nur knapp &uuml;ber 102 000, also nur 8 Prozent aller registrierten Arbeitslosen die maximal 12 Monate ausgezahlte Summe von 360 Euro. Ohne Unterst&uuml;tzung bleiben also nicht nur generell die 71 Prozent der Langzeitarbeitslosen (wie von Malkoutzis  hervorgehoben), sondern auch alle Arbeitslosen, die kein Anrecht auf Arbeitslosengeld haben, weil sie nicht lang genug einen legalen, also versicherten Arbeitsplatz hatten, oder weil ihre Arbeitgeber &ndash; wie es h&auml;ufig der Fall ist &ndash; ihre Beitr&auml;ge an die Kassen nicht oder nur unregelm&auml;&szlig;ig abgef&uuml;hrt haben.<\/li>\n<li>Der Arbeitswissenschaftler Prof. Savas Robolis (der hier schon h&auml;ufig zitiert wurde) hat k&uuml;rzlich auf die besondere Lage der &auml;lteren Arbeitslosen (Altersgruppe 45-64 Jahre) hingewiesen, die mit 360 000 Menschen doppelt so gro&szlig; wie die Altersgruppe von 15-24 Jahren (Bericht in Kathimerini vom 10. Juli). Diese &auml;lteren Arbeitslosen haben es in dreifacher Hinsicht besonders schwer:\n<ul>\n<li>Ihre Chance, irgendwann wieder einen Job zu finden, ist schon aus Altersgr&uuml;nden noch geringer als bei den J&uuml;ngeren. Das spiegelt sich im Prozentsatz der Langzeitarbeitslosen, der bei dieser Altersgruppe mit 77,6 Prozent noch h&ouml;her liegt als bei der Gesamtheit der Arbeitslosen.<\/li>\n<li>Diese Jahrg&auml;nge sind im Durchschnitt deutlich weniger qualifiziert als die j&uuml;ngeren Generation, aber dieses soziale Handicap wird nicht einmal ansatzweise durch Fortbildungsangebote kompensiert (wie in anderen EU-L&auml;ndern).<\/li>\n<li>Diese Gruppe steht vor dem akuten Problem, wie sie sich eine notd&uuml;rftige Alterssicherung verschaffen kann. Da nur maximal 200 Tage Arbeitslosigkeit auf ihre Rentenanspr&uuml;che angerechnet werden, sehen sich viele &auml;ltere Langzeitarbeitslose gezwungen, ihre Ersparnisse aufzul&ouml;sen, um weiter in die Rentenkasse einzuzahlen und sich damit minimale Altersbez&uuml;ge zu sichern.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li>Wenn die Aussichtslosigkeit auf dem Arbeitsmarkt die (stark gekappte) Rente zur letzten Hoffnung macht, ist das nicht nur eine pers&ouml;nliche Trag&ouml;die. Damit ist zugleich die n&auml;chste soziale Katastrophe vorprogrammiert: die totale &Uuml;berlastung und letztlich der Zusammenbruch der Rentenkassen. Der Trend zur Fr&uuml;hverrentung, der sich seit Beginn der Krise verst&auml;rkt hat, wird zu einer Lawine. Obwohl inzwischen auch in Griechenland eine fr&uuml;he Rente mit den &uuml;blichen Einbu&szlig;en verbunden ist &ndash; obligatorischen Abschl&auml;ge von 6 Prozent pro Jahr wurden erst im Zuge der Sparprogramme eingef&uuml;hrt -, erscheint sie vielen als letzter Rettungsanker, da sie als Langzeitarbeitslose mit null Einkommen dastehen w&uuml;rden.\n<p>Eine Renten-Ratgeberin empfiehlt deshalb in der Wirtschaftszeitung Imerisia (vom 12. Juli): &bdquo;Jeder Versicherte, der seine Arbeit verliert, sollte pr&uuml;fen, inwieweit eine Verrentung ihm finanziell mehr bringt als die Suche nach einer anderen Arbeit.&ldquo; F&uuml;r viele wird diese &bdquo;Pr&uuml;fung&ldquo; eindeutig ausfallen: Die Rente, und sei sie noch so gering, ist sicher, die Chance, einen versicherten Job zu finden, vergleichsweise gering. Geringer jedenfalls als die Chance, als Fr&uuml;hrentner eine Schwarzarbeit zu finden. F&uuml;r die Gesellschaft bedeutet dies jedoch eine zus&auml;tzliche Belastung der Rentenkassen: Zum einen durch die steigende Anzahl der Fr&uuml;hrentner, zum anderen durch die weitere Zunahme der Schwarzarbeit.<\/p><\/li>\n<\/ol><p>Mit dem Drang von Langzeitarbeitslosen des privaten Sektors in die Fr&uuml;hrente kommt auf das griechische Rentensystem bereits die zweite Welle von Anspr&uuml;chen zu. Die erste Welle war der rasante Anstieg der Fr&uuml;hpensionierungen von Staatsbediensteten, der in ersten Krisenjahren (bis 2012)  die Pensionskassen des &ouml;ffentlichen Dienstes &uuml;berrollt hat. Beide Wellen akkumulieren sich zu Defiziten, die eigentlich eine Umstellung auf eine steuerfinanzierte Alterssicherung unumg&auml;nglich machen. Aber das erscheint nat&uuml;rlich ausgeschlossen in einem Land, dessen Regierung auf Jahre hinaus einen &Uuml;berschuss im Prim&auml;rhaushalt zum h&ouml;chsten Staatsziel erkl&auml;rt hat.<\/p><p>Die Kluft zwischen den rapide steigenden Rentenanspr&uuml;chen und dem drastischen R&uuml;ckgang der Beitragszahlungen wird also weiter anwachsen. Der Verband der Rentenversicherten (POKOPK) hat f&uuml;r die drei gr&ouml;&szlig;ten Rentenkassen (IKA f&uuml;r den Privatsektor, OGA f&uuml;r den &ouml;ffentlichen Dienst, OAEE f&uuml;r die Freiberufler) einen Beitragsr&uuml;ckstand in H&ouml;he von 15,5 Milliarden Euro errechnet. Allein bei der IKA ist die Beitragsl&uuml;cke von Ende 2010 bis Ende 2013 von 4,8 Milliarden auf 8,1 Milliarden Euro angewachsen, also um fast 70 Prozent. Bei der OAEE zahlt inzwischen die H&auml;lfte der versicherten Freiberufler keine Beitr&auml;ge mehr, was das Beitragsloch von 5,9 Milliarden Euro erkl&auml;rt, das bis Jahresende 2014 noch anwachsen wird (Angaben nach der Wirtschaftszeitung &bdquo;Navtemporiki&ldquo; vom 30. Juni).<\/p><p>F&uuml;r das griechische Rentensystem insgesamt haben die POKOPK-Experten ausgerechnet, dass sich das Finanzierungsloch in den Krisenjahren &ndash; wohlgemerkt nach den Verlusten durch den Schuldenschnitt (PSI) vom M&auml;rz 2011, bei dem die Rentenkassen 12 Milliarden Euro einb&uuml;ssten &ndash; um weitere 20 Milliarden Euro vergr&ouml;&szlig;ert hat (Kathimerini vom 15. Juni). Dieses Loch resultiert vor allem aus drei Effekten: <\/p><ul>\n<li>Wegen der exorbitanten Arbeitslosigkeit fielen Beitr&auml;ge in H&ouml;he von rund 7 Milliarden Euro aus;<\/li>\n<li>die drastische Beschneidung der Lohneinkommen minderte die Einnahmen um weitere 3 Milliarden Euro;<\/li>\n<li>durch die Schwarzarbeit und die Beitragshinterziehung bzw. die schwindende Beitragsdisziplin (oder &ndash; f&auml;higkeit) der Arbeitgeber und der Freiberufler entgegen den Kassen 8,5 Milliarden Euro.<\/li>\n<\/ul><p>Am st&auml;rksten bedroht ist die Kasse der Freiberufler, die ab September keine Renten mehr auszahlen kann, wenn die Regierung nicht 400 Millionen Euro zuschie&szlig;t. F&uuml;r alle drei Kassen beziffert sich der akute Deckungsbedarf bis zum Jahresende auf mindestens zwei Milliarden Euro. Diese Summe erh&ouml;ht sich auf 5,1 Milliarden Euro, wenn man die 3,1 Milliarden einbezieht, mit denen die Kassen bei ihren Auszahlungen gegen&uuml;ber Versicherten im R&uuml;ckstand sind. <\/p><p>In der Verwaltung der Kassen und im Arbeitsministerium ist man verzweifelt am Rechnen, wie diese &bdquo;alptraumhafte Entwicklung&ldquo; (Kathimerini vom 29. Juni 2014) abgewendet werden kann. Aber das favorisierte Konzept, die Beitragsmoral der Arbeitgeber durch gro&szlig;z&uuml;gigere Ratenregelungen f&uuml;r die geschuldeten Beitr&auml;ge (im Gespr&auml;ch sind statt der 12 Raten wie bisher 24 oder sogar 48), wird die Einnahmen nicht wesentlich aufbessern. Am Ende wird der vollst&auml;ndige Bankrott der Kassen nur durch &bdquo;alternativlose&ldquo; Rentenk&uuml;rzungen abzuwenden sein. Deshalb sieht Nick Malkoutzis &ndash; wie andere realistische &Ouml;konomen &ndash; f&uuml;r die kommenden Jahre nochmals eine Halbierung des durchschnittlichen Rentenniveaus voraus. Man kann sich ausmalen, was dies angesichts der Tatsache bedeutet, dass schon heute die Rentenbez&uuml;ge f&uuml;r nahezu die H&auml;lfte der griechischen Bev&ouml;lkerung die Haupteinnahmequelle darstellen (siehe oben Pkt. 15).<\/p><p>Es sind diese aktuellen und sich weiter zuspitzenden Probleme, die den Alltag der Bev&ouml;lkerung pr&auml;gen und den demonstrativen Optimismus und die Erfolgsgeschichten der Regierung  L&uuml;gen strafen. Dieser &bdquo;Grundwiderspruch&ldquo; zwischen der offiziellen Proklamation des &bdquo;Krisenendes&ldquo; durch Ministerpr&auml;sident Samaras und der allt&auml;glichen Realit&auml;t ist auch der wichtigste Erkl&auml;rungsfaktor daf&uuml;r, dass das griechische W&auml;hlervolk die beiden Regierungsparteien und insbesondere die Nea Dimokratia von Regierungschef Samaras bei den Europa-Wahlen vom 25. Mai abgestraft hat. <\/p><p><strong>Die &uuml;bliche Regierungsumbildung<\/strong><\/p><p>Die Art und Weise, wie Samaras auf den Verlust an W&auml;hlerstimmen (gegen&uuml;ber den Parlamentswahlen vom Juni 2012) reagiert hat, ist ein weiterer Beleg daf&uuml;r, dass bei dieser Regierung, die sich gegen&uuml;ber den EU-Partnern als die gro&szlig;e und einzig m&ouml;gliche &bdquo;Reformkraft&ldquo; anpreist, nur eines richtig funktioniert: die altbekannten klientelistischen Reflexe.<\/p><p>Nicht nur in Griechenland pflegt eine amtierende Regierung auf den ersichtlichen Vertrauensverlust bei den W&auml;hlern mit einer Umbildung der Regierung zu reagieren. Das hat auch Samaras getan, indem er zum Beispiel den unbeliebten Gesundheitsminister Georgadis auswechselte, der sich auf extrem unfl&auml;tige Art mit allen Gruppen des &ouml;ffentlichen Gesundheitssektors angelegt hatte (ersetzt wurde Georgadis durch den ND-Fraktionschef Voridis, der wie sein Vorg&auml;nger seine politische Karriere in der rassistischen und antisemitische Laos-Partei begonnen hat). Auch die Abl&ouml;sung von Finanzminister Stournaras, der seit Sommer 2012 den Pr&auml;zeptor einer strengen, von der Troika diktierten Sparpolitik gegeben hat, k&ouml;nnte man als symbolisches Opfer eines unbeliebten Ministers sehen, aber das ist eine optische T&auml;uschung. Seit Monaten war bekannt, dass sich Stournaras, nachdem er einen Gro&szlig;teil der &bdquo;Drecksarbeit&ldquo; erledigt hatte, an die Spitze der Zentralbank treten wollte, die mit Ablauf der Amtszeit seines Vorg&auml;ngers Provopoulos frei wurde.Tats&auml;chlich wurde  Stournaras am 27. Juni als neuer Pr&auml;sident der &bdquo;Bank von Griechenland&ldquo; vereidigt. Sein Nachfolger als Finanzminister wurde der akademische Volkswirtschaftler Gikas Chardouvelis, den die griechischen Medien &uuml;bereinstimmend entweder als &bdquo;alter ego&ldquo; oder als &bdquo;Azubi&ldquo; von Stournaras bezeichnen. Wobei Letzterer in seiner neuen Rolle mindestens ebenso viel Einfluss auf die Staatsfinanzen aus&uuml;bt wie zuvor. <\/p><p>Schon im Vorfeld der Regierungsumbildung fiel allerdings eine Personalentscheidung, die im Ausland kaum registriert wurde, obwohl sie viel interessanter und wichtiger ist als alle neuen Ministernamen. Gemeint ist der Wechsel an der Spitze des &bdquo;Generalsekretariats f&uuml;r die Steuereinnahmen&ldquo;, abgek&uuml;rzt GGDE (Genik&iacute; Grammate&iacute;a Dimos&iacute;on Eis&oacute;don), deren Leiter Charis Theocharis am 5. Juni, noch vor der Regierungsumbildung, zur&uuml;ckgetreten ist &ndash; angeblich &bdquo;aus pers&ouml;nlichen Gr&uuml;nden&ldquo;.<\/p><p>Welche Bedeutung dieser R&uuml;cktritt hat und was er &uuml;ber die F&auml;higkeit der Regierung zur Sanierung der Steuereinnahmen besagt, soll im zweiten Teil dieser Analyse dargestellt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&Uuml;ber die Diskrepanz zwischen den &bdquo;Erfolgsgeschichten&ldquo; von Regierungschef Samaras und der erlebten Realit&auml;t, &uuml;ber dessen geopolitischen Gr&ouml;&szlig;enwahn bei einer strategischen Partnerschaft mit China, &uuml;ber Mogelpackungen bei &bdquo;Verbesserungen&ldquo; f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung, &uuml;ber den Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und dem drohenden Bankrott der Rentenkassen und dar&uuml;ber, warum die schwere Krise an der Oberfl&auml;che der Gesellschaft weniger dramatisch in<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22431\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[139,173,156,132],"tags":[423,379,479,907],"class_list":["post-22431","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-euro-und-eurokrise","category-griechenland","category-schulden-sparen","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-austeritaetspolitik","tag-china","tag-reservearmee","tag-samaras-antonis"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22431","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22431"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22431\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53074,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22431\/revisions\/53074"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22431"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22431"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22431"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}