{"id":22459,"date":"2014-07-21T13:32:57","date_gmt":"2014-07-21T11:32:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22459"},"modified":"2014-07-22T12:12:05","modified_gmt":"2014-07-22T10:12:05","slug":"leserbrief-zur-debatte-um-die-kapitalismus-kritik-zwischen-goetz-eisenberg-und-jens-berger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22459","title":{"rendered":"Leserbrief zur Debatte um die Kapitalismus-Kritik zwischen G\u00f6tz Eisenberg und Jens Berger"},"content":{"rendered":"<p>Die Debatte um die Kapitalismus-Kritik zwischen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22438\">G&ouml;tz Eisenberg<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22440\">Jens Berger<\/a> ist ausdr&uuml;cklich zu begr&uuml;&szlig;en; sie regt zur Beteiligung an der Diskussion an.<br>\nIn beiden Beitr&auml;gen werden wichtige Kritikaspekte erw&auml;hnt, und doch lassen sie den Leser einigerma&szlig;en ratlos zur&uuml;ck. Allzu eindimensional werden die jeweiligen Argumentationslinien gezeichnet; Positives und Negatives fein s&auml;uberlich voneinander getrennt. Dabei k&auml;me es doch darauf an, die Widerspr&uuml;che der kapitalistischen Entwicklung als Ganzes zu verstehen, schreibt <strong>Joke Frerichs<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nUm es an einem Beispiel zu demonstrieren: Jens Berger schreibt sinngem&auml;&szlig;, Robert Kurz habe viele seiner Kritikpunkte dem Kapitalismus als solchem zugeschrieben, dabei handele es sich in Wirklichkeit um dessen Ausw&uuml;chse! <\/p><p>Was bitte sind denn &ldquo;Ausw&uuml;chse&rdquo; des Kapitalismus? Ist die gegenw&auml;rtige Bankenkrise ein Auswuchs des Kapitalismus oder nicht vielmehr der legalisierte &ndash; wenn auch moralisch bedenkliche &ndash; Ausdruck kapitalistischer Profitlogik? Bis zu welchem Punkt ist die Ausbeutung &ldquo;normal&rdquo; und ab wann handelt es sich um einen Auswuchs?<\/p><p>Auch hinsichtlich der Gestaltungsmacht des Politischen bin ich skeptisch; die Politik ist l&auml;ngst ein Getriebener und Verb&uuml;ndeter der Entwicklung und mitnichten willens oder in der Lage, dieser Einhalt zu gebieten. Der Hinweis auf die soziale Marktwirtschaft hilft da nicht weiter; sie war m.E. Ausdruck eines historischen Kompromisses der Nachkriegszeit, als die Kumpanei der gro&szlig;en Unternehmen mit dem Faschismus noch stark im allgemeinen Bewusstsein vorhanden war und sogar die CDU in ihrem Ahlener Programm die &Uuml;berwindung des Kapitalismus forderte.<\/p><p>Nat&uuml;rlich ist es ebenso wenig hilfreich, die vorkapitalistische Produktionsweise in irgendeiner Weise zu idealisieren; dazu hat Jens Berger viel Richtiges gesagt. Allerdings bleibt er m.E. zu sehr einem gewissem Wachstumsdenken verpflichtet, das l&auml;ngst kritisch zu hinterfragen w&auml;re (vgl. diverse Beitr&auml;ge von K.G. Zinn in letzter Zeit). <\/p><p>Zum Verh&auml;ltnis von vorkapitalistischer und kapitalistischer Produktionsweise hat der Dialektiker Brecht im &ldquo;Dreigroschen-Roman&rdquo; in der ihm eigent&uuml;mlichen, plastischen Weise wunderbare Formulierungen gefunden:<br>\nMacheath, der Repr&auml;sentant des modernen Kapitalisten, erteilt dem Einbrecher Grooch, der als Vertreter eines &uuml;berholten, vorkapitalistischen Produktionstyps Raub angesehen werden kann, eine Lektion besonderer Art: &ldquo;Grooch, Sie sind ein alter Einbrecher. Ihr Beruf ist Einbrechen. Ich denke nicht daran, zu sagen, da&szlig; er seinem inneren Wesen nach veraltet w&auml;re. Das w&auml;re zu weit gegangen. Nur der Form nach, Grooch, ist er zur&uuml;ckgeblieben. Sie sind kleiner Handwerker, damit ist alles gesagt. Das ist ein untergehender Stand, das werden Sie mir nicht bestreiten. Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gr&uuml;ndung einer Bank? Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes? Sehen Sie, noch vor ein paar Jahren haben wir eine ganze Stra&szlig;e gestohlen, sie bestand aus Holzw&uuml;rfeln, wir haben sie ausgestochen, aufgeladen und weggef&uuml;hrt. Wir meinten wunder, was wir geleistet hatten. In Wirklichkeit hatten wir uns unn&ouml;tige Arbeit gemacht und uns in Gefahr begeben. Kurz darauf h&ouml;rte ich, da&szlig; man sich nur als Stadtrat etwas um die Auftragsverteilung k&uuml;mmern mu&szlig;. Dann bekommt man eine solche Stra&szlig;e in Auftrag und hat mit dem Verdienst dabei, f&uuml;r eine zeitlang ausgesorgt, ohne etwas riskiert zu haben. Ein anderes Mal verkaufte ich ein Haus, das mir nicht geh&ouml;rte; es stand gerade leer. Ich brachte ein Schild an: Zu verkaufen, Erkundigungen bei XX. Das war ich. Kinkerlitzchen! Wirkliche Unmoral, n&auml;mlich unn&ouml;tige Bevorzugung ungesetzlicher Wege und Mittel! Man braucht doch nur mit irgendwelchem Geld eine Serie bauf&auml;lliger Einfamilienh&auml;user aufzurichten, sie auf Abzahlung zu verkaufen und zu warten, bis den K&auml;ufern das Geld ausgeht! Dann hat man die H&auml;user doch auch, und das kann man mehrere Male machen. Und ohne da&szlig; es die Polizei etwas angeht!&hellip; Man mu&szlig; legal arbeiten&hellip; Man benutzt heute friedlichere Methoden. Die grobe Gewalt hat ausgespielt.&rdquo;<\/p><p>Brecht war sich nat&uuml;rlich im klaren dar&uuml;ber, dass Gewaltlosigkeit nur die Normalit&auml;t kapitalistischer Umgangsformen darstellt und dass, wenn es sein muss, auch brutalere Mittel bis hin zum Krieg angewandt werden m&uuml;ssen, um die Interessen des Kapitals durchzusetzen. Immerhin hatte Brecht, als er den Roman schrieb, den Faschismus vor Augen.<\/p><p>Worauf es ankommt ist, dass mit dem Aufkommen b&uuml;rgerlicher Verkehrsformen (Gesetze; Vertr&auml;ge; Tausch) die Ausbeutungsverh&auml;ltnisse nicht enden; im Gegenteil. Sie werden schwerer durchschaubar, weil sie legitimiert und staatlich sanktioniert sind. <\/p><p>Die alten, vorkapitalistischen Verh&auml;ltnisse waren dagegen einfacher, transparenter, das wei&szlig; auch Macheath: &ldquo;Sie warten nur darauf, Vertr&auml;ge machen zu k&ouml;nnen, dachte Macheath angewidert. Dabei ekelt mich, den einstigen Stra&szlig;enr&auml;uber, dieses Gefeilsche wirklich an! Da sitze ich dann und schlage mich um Prozente herum&hellip;.Was f&uuml;r eine unw&uuml;rdige Art, so an den Zigarren zu ziehen und Vertr&auml;ge aufzusetzen! S&auml;tzchen soll ich einschmuggeln und Andeutungen soll ich fallen lassen! Warum dann nicht gleich lieber: das Geld her oder ich schie&szlig;e? Immer dieses unw&uuml;rdige Sichverschanzen hinter Richtern&hellip;. Freilich ist mit der einfachen, schlichten und nat&uuml;rlichen Stra&szlig;enr&auml;uberei heute nichts mehr zu machen&hellip;. Der alte, ehrliche Gro&szlig;grundbesitz! Wie ist der heruntergekommen! Fr&uuml;her schlug der Gro&szlig;grundbesitzer dem P&auml;chter in die Fresse und warf ihn in den Schuldturm, heute mu&szlig; er sich vor ein Gericht hinstellen und den Sohn eines P&auml;chters, der dort als Richter sitzt, mit dem Gesetzbuch in der Hand zwingen, ihm einen Zettel Papier vollzuschmieren, mit dem er seinen P&auml;chter auf die Stra&szlig;e jagen kann. Fr&uuml;her hat ein Unternehmer seine Arbeiter und Angestellten einfach hinausgeworfen, wenn ihnen der Lohn oder ihm der Profit nicht ausreichte. Er wirft sie auch heute noch hinaus, nat&uuml;rlich, er macht auch heute noch Profit, vielleicht macht er sogar mehr Profit heute als fr&uuml;her, aber unter welchen entw&uuml;rdigenden Umst&auml;nden! Er mu&szlig; den Gewerkschaftsf&uuml;hrern erst die Zigarren in die ungewaschenen M&auml;uler stecken und ihnen eintrichtern, was sie den Herren Arbeitern sagen sollen, damit sie gn&auml;digst in seinen Profit einwilligen&hellip;. Einen anst&auml;ndigen Menschen w&uuml;rde unter solchen Umst&auml;nden sein Profit &uuml;berhaupt nicht mehr freuen, und wenn er noch so gro&szlig; w&auml;re!&hellip;. Nat&uuml;rlich werden auch heute die Massen angehalten zu einem arbeitsamen und opferfreudigen Leben, aber unter welch j&auml;mmerlichen Begleitumst&auml;nden! Man sch&auml;mt sich nicht, sie erst zu bitten, selber mit Stimmzetteln in der Hand die Polizei zu w&auml;hlen, die sie niederhalten soll. Der allgemeine Mangel an Haltung macht sich auch hier bemerkbar.&rdquo;<br>\n(Siehe dazu Bertolt Brechts Dreigroschenroman oder: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10687\">Kapitalismus als Roman<\/a>)<\/p><p>Brecht bedient sich hier der Satire als Stilmitteln, um die Unterschiede zwischen vorkapitalistischen und modernen Produktionsverh&auml;ltnissen aufzuzeigen. Manchem wird dieses Denken zu plump erscheinen, zu wenig differenziert. Er verkennt, dass die herrschende Ideologie (Freiheit; Gerechtigkeit; Gleichheit) sich genau dieses Denkens bedient, um ihre Interessen durchzusetzen. <\/p><p>Dazu hat Walter Benjamin das Entsprechende gesagt: &ldquo;Es gibt viele Leute, die unter einem Dialektiker einen Liebhaber von Subtilit&auml;ten verstehen. Da ist es ungemein n&uuml;tzlich, dass Brecht auf das plumpe Denken den Finger legt&hellip; Plumpe Gedanken geh&ouml;ren gerade in den Haushalt des dialektischen Denken, weil sie gar nichts anderes darstellen als die Anweisung der Theorie auf die Praxis.&rdquo; Oder anders gesagt: das plumpe Denken formuliert die Interessen in der abstraktesten Form; nur deshalb ist die b&uuml;rgerliche Ideologie &uuml;berhaupt so wirksam, wenn sie im Gewande von Freiheit usw. daher kommt. Und deshalb ist es so schwierig, diese Verh&auml;ltnisse zu kritisieren, da die Medien in unserer Gesellschaft genau dieses Denken transportieren. <\/p><p>Auch dazu ein letztes Zitat von Brecht: &ldquo;Der Kapitalismus ist in der Praxis konsequent, weil er mu&szlig;. Ist er aber konsequent in der Praxis, dann ist er inkonsequent in der Ideologie. Die Wirklichkeit kommt dann an den Punkt, wo das einzige Hindernis f&uuml;r den Fortschritt des Kapitalismus der Kapitalismus ist.&rdquo; K&ouml;nnte es sein, dass wir uns an dieser historischen Schwelle befinden?<\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nJoke Frerichs<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Debatte um die Kapitalismus-Kritik zwischen <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22438\">G&ouml;tz Eisenberg<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22440\">Jens Berger<\/a> ist ausdr&uuml;cklich zu begr&uuml;&szlig;en; sie regt zur Beteiligung an der Diskussion an.<br \/> In beiden Beitr&auml;gen werden wichtige Kritikaspekte erw&auml;hnt, und doch lassen sie den Leser einigerma&szlig;en ratlos zur&uuml;ck. Allzu eindimensional werden die jeweiligen Argumentationslinien gezeichnet; Positives und Negatives fein s&auml;uberlich voneinander getrennt.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22459\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[201,103,154],"tags":[644,864,909,910],"class_list":["post-22459","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ideologiekritik","category-leserbriefe","category-wichtige-debatten","tag-berger-jens","tag-eisenberg-goetz","tag-kapitalismus","tag-kurz-robert"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22459","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22459"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22459\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22460,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22459\/revisions\/22460"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22459"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22459"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22459"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}