{"id":22481,"date":"2014-07-23T09:10:42","date_gmt":"2014-07-23T07:10:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22481"},"modified":"2019-04-29T09:59:12","modified_gmt":"2019-04-29T07:59:12","slug":"der-maidan-heute-ein-platz-ohne-zivilgesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22481","title":{"rendered":"Der Maidan heute: Ein Platz ohne Zivilgesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>Ein Rundgang durch das Stadtzentrum Kiews<br>\nKiew im Juli 2014: Die ukrainische Metropole flirrt tagelang vor Hitze. Klar, dass eher wenige Menschen im Zentrum unterwegs sind. Viele Kiewer sind gerade sowieso auf ihren Datschen (Nutzg&auml;rten mit Sommerh&auml;uschen) au&szlig;erhalb der Stadt. Auch nur wenige Touristen sind auszumachen, obwohl es hier quasi &bdquo;Geschichte Live&ldquo; zu sehen gibt.<br>\nGerade die Innenstadt Kiews erhielt vor einigen Monaten eine Menge internationale Aufmerksamkeit. Noch im Februar tobten hier extrem brutale K&auml;mpfe mit mehr als einhundert Toten, &uuml;ber tausend Verletzten, brennenden Geb&auml;uden und Barrikaden. Der Pr&auml;sident verlie&szlig; fluchtartig das Land: Eine &bdquo;Revolution&ldquo; &ndash; wie Maidan-Bef&uuml;rworter es nennen. Von <strong>Stefan Korinth<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Wie ein Freilichtmuseum<\/strong><\/p><p>Die Ereignisse der letzten acht Monate sind im Stadtzentrum Kiews allgegenw&auml;rtig. Die Innenstadt wirkt heute wie ein gro&szlig;es Freilichtmuseum. In jeder Ecke auf und um den Maidan sind Devotionalien ausgestellt, die an die K&auml;mpfe erinnern. Zu sehen sind Helme, Schilder, Gasmasken &ndash; als ob die Regierungsgegner sie gerade erst abgelegt h&auml;tten.<\/p><p>Zahlreiche Barrikaden an den Zug&auml;ngen des Platzes stehen immer noch teils meterhoch. Nur durch schmale Durchg&auml;nge kommen Menschen auf den Platz. Einschussl&ouml;cher in Geb&auml;uden und B&auml;umen oder ausgebrannte Polizeibusse machen nachdr&uuml;cklich deutlich, dass das Kiewer Stadtzentrum ein Schlachtfeld war.<\/p><p><strong>&Uuml;berall ist die &bdquo;Himmlische Hundertschaft&ldquo;<\/strong><\/p><p>Der blutige Machtkampf in Kiew wird in der Ukraine heute als &bdquo;Revolution der W&uuml;rde&ldquo; bezeichnet. Dies h&ouml;rt sich recht harmlos an. Dass die Vertreibung der damaligen Machthaber jedoch zahlreiche Leben gekostet hat, ist an vielen Stellen des Stadtzentrums zu sehen. Dort stehen Holzkreuze und Grabsteine und &uuml;berall h&auml;ngen Plakate, die an get&ouml;tete Regierungsgegner gedenken. Freilich nur an sie. An die 20 Polizisten (alles Ukrainer, 18 davon in Kiew) unter den Todesopfern wird hier nicht erinnert. An den kleinen Gedenkst&auml;tten legen Trauernde Blumen nieder und bekreuzigen sich &ndash; manche weinen.<\/p><p>Hinter dem Hotel &bdquo;Ukraina&ldquo; nahe bei der Stelle an der am 20. Februar viele der vorr&uuml;ckenden Maidan-K&auml;mpfer von Scharfsch&uuml;tzen erschossen wurden, steht nun sogar eine kleine Holzkirche zum Gedenken an die sogenannte &bdquo;Himmlische Hundertschaft&ldquo;. Der Ausdruck &bdquo;Hundertschaft&ldquo; bezieht sich auf die paramilit&auml;rischen Organisationseinheiten der &bdquo;Maidan-Selbstverteidiger&ldquo;. Der Begriff sollte jedoch nicht w&ouml;rtlich genommen werden. Einerseits gibt es bis jetzt keine einheitlichen Zahlen zu Opfern.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Andererseits steigen die Zahlen weiter: Bis heute sterben Menschen an den Verletzungen, die sie in jenen Tagen erlitten haben, oder an deren Folgen.<\/p><p><strong>Die Zivilgesellschaft ist verschwunden<\/strong><\/p><p>Die ukrainische Zivilgesellschaft, die von vielen Maidan-Bef&uuml;rwortern immer wieder lobend als Triebfeder der Proteste hervorgehoben wurde, ist vom Platz verschwunden. K&uuml;nstler, Studenten, Priester oder Menschenrechtsaktivisten sind dort nicht zu sehen. Letztere sitzen stattdessen etwa in der deutschen evangelischen Kirche ein paar Minuten Fu&szlig;weg weiter. Dort bieten sie Opfern Rechtsberatung oder erstellen medizinische Protokolle.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] <\/p><p>&bdquo;Heute leben auf dem Maidan vor allem Obdachlose und Alkoholiker&ldquo;, ist von Einheimischen mehr beschwichtigend als erkl&auml;rend zu h&ouml;ren. Die jetzigen Bewohner der Zeltstadt repr&auml;sentierten nicht den wahren Maidan. Doch ob die dort Lebenden tats&auml;chlich keine Wohnung haben und\/oder alkoholkrank sind, ist nicht auszumachen. Verh&auml;rmt oder betrunken wirkt dort niemand. Klar zu sehen ist jedoch, dass so gut wie alle Maidan-Bewohner Uniformen tragen &ndash; einige auch martialische Holzkn&uuml;ppel oder andere Schlagst&ouml;cke. Die &uuml;berw&auml;ltigende Mehrheit sind M&auml;nner. Fast alle Behausungen sehen aus wie Armeezelte, an denen die Nummern, Namen und Herkunftsorte der darin lebenden Kampfgruppen und Hundertschaften prangen.<\/p><p><strong>K&auml;mpfer statt B&uuml;rgeraktivisten<\/strong><\/p><p>Es h&ouml;rt sich paradox an: Der Platz im nun wieder friedlichen Stadtzentrum, der eigentlich die politischen Handlungen der neuen Machthaber kontrollieren wollte, beherbergt keine zivilgesellschaftlichen W&auml;chter. Stattdessen tummeln sich dort K&auml;mpfer, die nach ihrem Selbstverst&auml;ndnis doch eigentlich die Unabh&auml;ngigkeit und Einheit der Ukraine im Osten des Landes verteidigen sollten. Wer durch die Stra&szlig;en rund um den zentralen Unabh&auml;ngigkeitsplatz streift, wird  auch dort auf vermummte, mit Kn&uuml;ppeln ausger&uuml;stete, junge M&auml;nner treffen, die dort patrouillieren. Dass diese &bdquo;K&auml;mpfer&ldquo; die neuen Machthaber kontrollieren, ist schwer vorstellbar.<\/p><p>Doch so paradox, wie die Situation auf dem Maidan heute wirkt, ist sie gar nicht. Denn eine Trennung in friedliche Zivil-Aktivisten und gewaltbereite Regierungsfeinde war sp&auml;testens seit Mitte Januar Makulatur. Die Zivilgesellschaft des Euromaidan hat die Gewalt von &bdquo;Aktivisten&ldquo; nicht nur hingenommen, sie hat die Gewaltt&auml;ter im Verlauf der Proteste zuarbeitend unterst&uuml;tzt und von ihnen erst&uuml;rmte Geb&auml;ude von Beginn an mitgenutzt. Nach einigen Aufrufen zur Gewaltlosigkeit im Dezember hat sich kein f&uuml;hrender Kopf des zivilen Maidan von Hooligans, Rechtsradikalen und anderen Schl&auml;gern distanziert. Diese waren auch keine &bdquo;gewaltt&auml;tige Minderheit&ldquo;, die sich an den Barrikaden einschmuggelte. Die Maidan-K&auml;mpfer, die zum Teil eben auch heute noch auf dem Platz leben, waren und sind der &bdquo;Sicherheitsdienst&ldquo; im arbeitsteiligen Mikrokosmos der Zeltstadt.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Nationalismus regiert auf dem Platz und in den K&ouml;pfen<\/strong><\/p><p>Wer sich derzeit in der Ukraine aufh&auml;lt, erlebt eine ungebrochene Welle des Patriotismus&lsquo;. Im Fernsehen etwa ist auf allen Kan&auml;len die Rede von Banditen, Parasiten und  Terroristen, wenn es um Regierungsgegner im Osten des Landes geht. Regierungstreue Soldaten hingegen lesen an der &bdquo;Front&ldquo; f&uuml;r die TV-Kameras Briefe vor, die ihnen Kinder zur Motivation und Unterst&uuml;tzung geschickt haben. Sympathie f&uuml;r die eigene Seite, f&uuml;r den bewaffneten Kampf und f&uuml;r die Nation wird immer wieder gesch&uuml;rt. Der Hass auf die Gegner im Osten des Landes nat&uuml;rlich auch.<\/p><p>Der Maidan ist nur das sichtbarste Zeichen f&uuml;r diesen kampfbereiten Nationalismus. Abgesehen von den gelb-blauen Nationalfahnen und den zahlreichen Geldsammel-Boxen f&uuml;r &bdquo;Helden&ldquo; und Frontk&auml;mpfer ist der Platz gespickt mit Flaggen, Parolen und Symbolen rechter Organisationen. Das rot-schwarze Banner der ukrainischen Nationalisten weht hier &uuml;berall. Dreizack, Wolfsangel oder das Konterfei des &bdquo;Nationalhelden&ldquo; Stepan Bandera unterstreichen diesen Befund. Die politische Vielfalt der Bewegung, die Unterst&uuml;tzer immer wieder betonten, ist, zumindest was die Symbolik angeht, nicht auszumachen. Einzige Ausnahme ist ein stilisiertes Mitglied der Kommunistischen Partei. Die lebensgro&szlig;e Figur wurde an einem Mast aufgekn&uuml;pft.<\/p><p>Hauptfeind der Maidan-Bewegung neben dem fr&uuml;heren Staatsoberhaupt Janukowitsch ist jedoch der russische Pr&auml;sident Wladimir Putin. Die meisten Parolen, Zeichnungen oder Plakate richten sich gegen ihn. Ein Schriftzug fordert: &bdquo;Alle zusammen gegen Putin&ldquo;. Die zahlreichen Souvenirh&auml;ndler auf und um den Platz versuchen mit dem Hass ihr Gesch&auml;ft zu machen. Sie bieten Klopapier und Fu&szlig;abtreter mit Putins Gesicht darauf zum Kauf an. F&uuml;r die Europ&auml;ische Union, gegen Korruption oder gegen Oligarchie finden sich im &Uuml;brigen so gut wie keine Schriftz&uuml;ge.<\/p><p><strong>Desillusionierende Wirklichkeit<\/strong><br>\n&nbsp;<br>\nDer Maidan heute ist absolut desillusionierend f&uuml;r jeden, der offen f&uuml;r die idealistischen innergesellschaftlichen Reformziele der Maidan-Bewegung ist. Uniformierte &uuml;berall pr&auml;sentieren unzweifelhafte Symbolik und lassen auch keinen Zweifel daran, wer hier das Gewaltmonopol hat. Statt progressiver Reformforderungen oder kritischer Begleitung der aktuellen Machthaber gehen vom Maidan heute vor allem Hass und Nationalismus aus. Der Platz ist ein Ort zum F&uuml;rchten geworden.<\/p><p><em><strong>Anmerkung JB:<\/strong> Die Eindr&uuml;cke von Stefan Korinth werden auch durch eine aktuelle Studie der Friedrich Ebert Stiftung best&auml;tigt<\/em><\/p><p><strong>In Search of Sustainability &ndash; Civil Society in Ukraine<\/strong><\/p><ul>\n<li>In terms of number and variety of organizations, as well as levels and range of activities, civil society and free media in Ukraine are the richest in the former Soviet Union, despite difficult institutional conditions and irregular funding.<\/li>\n<li>The strength of civil society in Ukraine has been tested by time. Confronting historical socio-political challenges, ranging from political impasse, internal civil war-like conditions to external threats and aggression, from the Orange revolution in 2004 &ndash; 2005 to the Euro-Maidan uprising that started at the end of 2013, civil society in Ukraine is marked by spontaneous unity, commitment, and speedy mobilization of resources, logistics and social capital. It benefits from a confluence of grassroots activism, social networks and formalized institutions.<\/li>\n<li>Despite its resilience in crisis, however, Ukraine&rsquo;s civil society is yet to develop sustainable interaction in policy dialogue and to have the desired impact on changing people&rsquo;s quality of life. State institutions lay down the terms of cooperation with civil society and not vice versa. In the current economic crisis, political turmoil and corruption, civil society has yet to become a systemic tool in policymaking, relying on outreach through grassroots communication, social and new media networks.<\/li>\n<li>Ukraine&rsquo;s civil society has campaigned mainly with non-violent means. Now, after the Euro-Maidan experience it is well placed to face the post-crisis development challenges; namely more transparency, overcoming social and political polarization and establishing a human rights-based approach to heal the broken social fabric. This will be successful only if, in parallel, genuine reform of the law enforcement and the judicial system is undertaken, with more assistance from the international and especially the European community.<\/li>\n<\/ul><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/library.fes.de\/pdf-files\/id-moe\/10862.pdf\">Friedrich-Ebert-Stiftung Study [PDF &ndash; 260 KB]<\/a><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Im Internet finden sich verschiedene Listen. Schon auf den ukrainisch-, englisch- und russischsprachigen Wikipedia-Seiten zu den Todesopfern gibt es jeweils mehrere voneinander abweichende Zahlen. Die derzeit h&ouml;chste Angabe stammt von der Initiative &bdquo;Euromaidan SOS&ldquo;. Sie spricht von 123 Toten. Zudem gibt es laut der Initiative immer noch 32 vermisste Personen. Problematisch ist bei allen Listen, wer als Opfer gez&auml;hlt wird und wer nicht. So z&auml;hlen einige etwa den 53-j&auml;hrigen Zurab Kurtsia mit. Der Georgier war aus Interesse zum Maidan gekommen und starb dort am 18. Februar an einem Herzinfarkt. Ebenso unklar ist etwa, ob der Tod der beiden Verkehrspolizisten Wladimir Jewtuschok und Petro Sawitzki etwas mit dem Maidan zu tun hatte. Beide wurden in der Nacht vom 18. Auf den 19. Februar bei einer Verkehrskontrolle au&szlig;erhalb des Kiewer Stadtzentrums vom selben unbekannten T&auml;ter aus einem Auto heraus erschossen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Siehe: &bdquo;Der Maidan wirkt nach&ldquo;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Rundgang durch das Stadtzentrum Kiews<br \/> Kiew im Juli 2014: Die ukrainische Metropole flirrt tagelang vor Hitze. Klar, dass eher wenige Menschen im Zentrum unterwegs sind. Viele Kiewer sind gerade sowieso auf ihren Datschen (Nutzg&auml;rten mit Sommerh&auml;uschen) au&szlig;erhalb der Stadt. Auch nur wenige Touristen sind auszumachen, obwohl es hier quasi &bdquo;Geschichte Live&ldquo; zu sehen gibt.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22481\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20,125],"tags":[912,282,911,260],"class_list":["post-22481","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-landerberichte","category-rechte-gefahr","tag-buergerkrieg","tag-buergerproteste","tag-maidan","tag-ukraine"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22481","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22481"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22481\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51276,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22481\/revisions\/51276"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22481"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22481"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22481"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}