{"id":22508,"date":"2014-07-25T10:33:51","date_gmt":"2014-07-25T08:33:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22508"},"modified":"2014-07-25T10:33:51","modified_gmt":"2014-07-25T08:33:51","slug":"last-exit-weltkulturerbe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22508","title":{"rendered":"Last Exit Weltkulturerbe?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sinkende Zuschauerzahlen beim Stadttheater, erfundene Institutionsgeschichte, prek&auml;re Einkommen<\/strong><\/p><p>Die Zuschauerzahlen der hiesigen Stadttheater sinken trotz anderslautender Erfolgsmeldungen seit Jahren. Das Einkommen der Mehrheit der dort besch&auml;ftigten Schauspieler ist prek&auml;r. Diskutiert wird dar&uuml;ber im Verborgenen schon l&auml;nger. Jetzt soll die Musealisierung der &bdquo;deutschen Theaterlandschaft&ldquo; das Theater hierzulande als &bdquo;Weltkulturerbe&ldquo; retten. Von <strong>Wolfgang Hippe<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22508#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nEs gibt derzeit Bestrebungen des Deutschen B&uuml;hnenvereins (DBV), die &bdquo;historisch gewachsene Vielfalt k&uuml;nstlerischer Ausdrucksformen der einzigartigen deutschen Theater- und Orchesterlandschaft, insbesondere des Ensemble- und Repertoirebetriebs&ldquo; zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO erkl&auml;ren zu lassen. Die Entscheidung steht 2016 an. Als Reaktion auf die vielf&auml;ltige Kritik an diesem Vorhaben hat DBV-Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer Rolf Bolwin jetzt darauf hin gewiesen, dass diese <em>&bdquo;Institutionsgeschichte&ldquo;<\/em> (DBV) &bdquo;selbstverst&auml;ndlich die privaten Theater, die Freie Szene und die Festivals&ldquo; einschlie&szlig;e und sie &bdquo;ebenfalls Gegenstand der eingereichten Bewerbung&ldquo; seien, was f&uuml;r viele der so &bdquo;Einbezogenen&ldquo; neu und &uuml;berraschend gewesen sein mag. Zus&auml;tzlich lockte Bolwin: &bdquo;(Es) steht nat&uuml;rlich au&szlig;er Zweifel, dass K&uuml;rzungen der &ouml;ffentlichen Zuwendungen f&uuml;r Theater und Orchester &hellip;. schwieriger werden und in der &Ouml;ffentlichkeit &hellip;. als problematisch dargestellt werden k&ouml;nnen.&ldquo;<\/p><p>Schon vor einiger Zeit hat der Kultursoziologe Gerhard Schulze (&bdquo;Die Erlebnisgesellschaft&ldquo;) konstatiert, dass der gesellschaftliche &bdquo;Rechtfertigungskonsens&ldquo; f&uuml;r diese Form der &ouml;ffentlichen Zuwendungen ins Wanken geraten ist. Man sollte bei dieser Einsch&auml;tzung freilich den (kultur)politischen Einfluss der &bdquo;Theaterlobby&ldquo; und anderer vergleichbarer &ouml;ffentlich finanzierter Institutionen nicht untersch&auml;tzen. Kurt Eichler, Leiter der (st&auml;dtischen) Kulturbetriebe Dortmund und Vorstandsmitglied der Kulturpolitischen Gesellschaft, schreibt dazu in einem aktuellen Essay, das sich mit den Chancen einer l&auml;ngerfristigen, konzeptionell ausgerichteten Kulturpolitik auseinandersetzt: &bdquo;Die Frage ist, wer eigentlich die Kulturpolitik und damit die kulturelle Infrastruktur verantwortet: Kulturaussch&uuml;sse, Kultur&auml;mter, Kulturdezernate und -referate, gar der Bund und die L&auml;nder mit ihren Leitlinien und F&ouml;rderprogrammen? Weit gefehlt, denn die Kulturpolitik machen faktisch die <em>Institutionen<\/em>, von denen man es am wenigsten erwartet und die auch selbst eine solche Rolle von sich weisen w&uuml;rden. Es sind die Kulturinstitute selbst, die allein durch ihre Existenz der bestimmende kulturpolitische Faktor sind, denn sie binden automatisch bis zu 95 % der &ouml;ffentlichen Kulturetats durch ihr Personal, den laufenden Einrichtungsbetrieb und den Erhalt der Infrastruktur &ndash; selbst wenn f&uuml;r die eigentlichen Programmangebote die Mittel immer knapper werden. Die gro&szlig;en Institute verf&uuml;gen &uuml;ber bundesweit einflussreiche Fachverb&auml;nde, die Ziele und Forderungen entwickeln, Standards formulieren, Spielregeln aufstellen und bestens mit den politischen Entscheidungstr&auml;gern vernetzt sind.&ldquo;<br>\nDiese in anderen Politikfeldern gerne als <em>&bdquo;Lobbyismus&ldquo;<\/em> kritisierte N&auml;he engt nat&uuml;rlich nicht nur die Bandbreite der &ouml;ffentlich ausgetragenen Argumente, sondern auch &bdquo;die Grenzen einer planbaren, konzeptionellen Kulturentwicklung&ldquo; ein. Eichler: &bdquo;Tats&auml;chlich sind sie sehr eng und orientieren sich &ndash; sobald die Institutionen ins Blickfeld geraten &ndash; an der Fortschreibung des Bestehenden, wenn auch mit leichten Anpassungen&hellip;&ldquo;<\/p><p><strong>Fortschreibung des Bestehenden<\/strong><\/p><p>Die Forderung nach der Musealisierung der &bdquo;deutschen Theaterlandschaft&ldquo; wird nicht zum ersten Mal erhoben. Vor gut einem Jahrzehnt rief die Gr&uuml;ne Antje Vollmer erstmals dazu auf, das &bdquo;fl&auml;chendeckende System vom Drei-Sparten-Theater&ldquo; ebenso als &bdquo;immaterielles Erbe&ldquo; zu begreifen wie &bdquo;&uuml;berlieferte Dichtung, Sitten, Br&auml;uche und Traditionen&ldquo;. Mit dem UNESCO-Titel wollte die Politikerin die &bdquo;Einzigartigkeit&ldquo; des deutschen Systems als &bdquo;ein unglaubliches Geschenk der Demokratie an das Publikum&ldquo; best&auml;tigt sehen. &bdquo;Andere L&auml;nder haben leere Theaterh&auml;user&ldquo;, so Vollmer, &bdquo;und da ziehen Billigkompanien durch das Land.&ldquo; Fachleute wie der ehemalige DBV-Pressesprecher Wolfgang J. Ruf waren angesichts dieser Thesen damals &bdquo;doch etwas &uuml;berrascht, wie wenig Politiker Bescheid wissen&ldquo;. Ruf verwies darauf, dass etwa L&auml;nder wie D&auml;nemark und Russland, Frankreich, die Niederlande oder ganz Skandinavien &uuml;ber eine &bdquo;vielf&auml;ltige staatlich subventionierte Theaterlandschaft&ldquo; verf&uuml;gten &ndash; allerdings &bdquo;mit flacheren Hierarchien&ldquo; und &bdquo;kosteng&uuml;nstiger&ldquo;. Deshalb sei es falsch, so Ruf, &bdquo;hierzulande st&auml;ndig die Meinung  aufrecht(zu)erhalten, (die deutsche) Theaterform sei ein Modell, um das uns die ganze Welt beneide&ldquo;. Auch die Kritik am jetzt vom DBV selbst vorgetragenen Antrag argumentiert &auml;hnlich. &bdquo;Nie, zu keiner Zeit gab es so viel organisierte Geschichte, so viel buchst&auml;blichen Konservatismus, so viel historische Sentimentalit&auml;t wie heute&ldquo;, <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/deutsche-theaterlandschaft-flucht-eines-kulturfunktionaers-1.1679552\">seufzte etwa Thomas Steinfeld<\/a> und schrieb von deutschen &bdquo;Anma&szlig;ungen&ldquo;. Das Vorhaben &bdquo;unterstellt n&auml;mlich nicht nur, dass im deutschen Theater etwas Besonderes zu erleben sei, sondern auch, dass es andere, minder sch&uuml;tzenswerte &sbquo;Theaterlandschaften&lsquo; gebe&ldquo;. <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/kultur\/buehne-konzert\/article116500410\/Stehen-Deutschlands-Theater-vor-der-Ausrottung.html\">Matthias Heine<\/a> sah in der &bdquo;Welt&ldquo; vor allem ein &bdquo;legitimes, aber triviales Lobbyanliegen&ldquo;. Man trage &bdquo;den Kampf um finanzielle Vorteile unter der Tarnkappe eines akzeptierten gesellschaftlichen Anliegens aus&ldquo;, dem &bdquo;Schutz der Kunst&ldquo;.<\/p><p>Einmal abgesehen von dem potentiellen Neid der anderen und &auml;hnlichen Petitessen ranken sich um das deutsche &bdquo;Modell&ldquo; bis heute zahlreiche, interessengeleitete Mythen. In seiner aktuellen Form ist das deutsche Stadttheatersystem vergleichsweise jung. Es wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg gegen die &bdquo;englisch-amerikanische Auffassung privater Kulturpflege mit &ouml;ffentlicher Unterst&uuml;tzung&ldquo; endg&uuml;ltig mit dem Argument durchgesetzt, &bdquo;das Theater- und Konzertwesen (wird) <em>nicht als Vergn&uuml;gen<\/em> angesehen, sondern als ein notwendiges Instrument der <em>Allgemeinbildung<\/em>&ldquo;, deshalb sei eine kommunale (oder staatliche) Tr&auml;gerschaft unabdingbar &ndash; so der &bdquo;Interzonale Kulturausschuss des Deutschen St&auml;dtetages&ldquo; 1947. Schon die vorgebliche Qualit&auml;t des deutschen Theaters als &bdquo;genuines literarisches Bildungstheater&ldquo; ist Legende. Tats&auml;chlich dominierte die Spielpl&auml;ne stets Unterhaltendes. Der Anteil der Klassiker Schiller, Goethe oder Lessing lag sogar bei den subventionierten Hoftheatern vom 19. Jahrhundert bis zur Weimarer Republik in aller Regel unter 5 Prozent, wobei auch die Resonanz auf diese St&uuml;cke gering war. Ein Zeitgenosse notierte etwa anl&auml;sslich einer Auff&uuml;hrung von Goethes &bdquo;Egmont&ldquo; in Frankfurt: &bdquo;Das Theater war klassisch leer.&ldquo;<br>\nSelbst mit der kommunalen Tr&auml;gerschaft ist es nicht so weit her. Zum Stichjahr 1900 gab es im Deutschen Reich rund 300 professionelle Theater &ndash; 19 davon waren h&ouml;fisch, ganze zwei in kommunaler Hand &ndash; Mannheim und Freiburg. Die anderen 130 damals so titulierten &bdquo;Stadttheater&ldquo; finanzierten sich wesentlich privat und &uuml;ber den Markt. Auch in der Weimarer Republik gab es mehr privatwirtschaftliche als &ouml;ffentlich finanzierte Theater. Die Zahl der staatlich gef&uuml;hrten H&auml;user nahm erst nach 1933 deutlich zu. Bis 1936 kletterte sie von 147 auf 299, um sp&auml;ter kriegsbedingt auf 248 zu sinken. Zeitgleich verdoppelte sich die Zahl der festangestellten und besser bezahlten Theatermacher auf rund 44.000. Damit waren die Rahmenbedingungen f&uuml;r das oben angesprochene deutsche &bdquo;Modell&ldquo; etabliert. Selbstverst&auml;ndlich gab es auch auf den deutschen B&uuml;hnen keine &bdquo;Stunde null&ldquo;. Nicht nur bei der Tr&auml;gerschaft, auch beim Personal wie beim Programm wurde auf Kontinuit&auml;t gesetzt. Man spielte weiter Klassiker und nat&uuml;rlich Unterhaltung in etwas korrigierten Varianten der Inszenierungen vor &rsquo;45 und setzte schlie&szlig;lich auf eine &bdquo;werktreue&ldquo; Interpretation der Stoffe. Salopp formuliert: das deutsche Stadttheatersystem und die deutsche Autobahn haben eine ganz &auml;hnliche Geschichte.<\/p><p>Daneben ist fraglich, ob man noch so ohne weiteres von einem klassischen &bdquo;Ensemble- und Repertoirebetrieb&ldquo; sprechen kann &ndash; Vertr&auml;ge mit Schauspielern laufen heutzutage h&auml;ufig nur &uuml;ber einige Monate. Au&szlig;erdem war schon zu Vollmers Zeiten nicht jedes angeblich zu konservierende Haus ein &bdquo;Drei-Sparten-Theater&ldquo;.<\/p><p><strong>Rahmendaten<\/strong><\/p><p>In den (kommunalen) Kulturetats stellen nicht erst heute die f&uuml;rs Theater aufgewendeten Mittel in aller Regel den gr&ouml;&szlig;ten Posten dar. Deshalb ist interessant, sich die Entwicklung der Besuche der deutschen &ouml;ffentlichen Theater in den letzten Jahren zu vergegenw&auml;rtigen &ndash; zumal vor der Hintergrund, dass nun schon zum zweiten Mal das deutsche &bdquo;Modell&ldquo; als &bdquo;Weltkulturerbe&ldquo; eingeklagt wird. Dazu im Folgenden einige exemplarische Daten zu Schauspiel, Oper und den Theaterfinanzen. <\/p><p><em><strong>Zum Schauspiel:<\/strong><\/em><\/p><p>Mittlerweile ist auch einer aktuellen <a href=\"http:\/\/www.boell.de\/sites\/default\/files\/endf_brennen-ohne-kohle_v03_kommentierbar.pdf\">Publikation der Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung (HBS) [PDF]<\/a> zu entnehmen, dass die Schauspielbesuche, also die Zahl der verkauften Eintrittskarten, &uuml;ber die Jahrzehnte deutlich abgenommen haben. Mitte der 1950er Jahre waren es rund 10, in der Saison 2011\/12 noch gut 5,2 Millionen. Im gleichen Zeitraum stieg allerdings die Zahl der Spielst&auml;tten von rund 130 auf rund 840 (= plus 550 %). Dazu hat sich das Platzangebot von rund 95.000 auf fast 300.000 verdreifacht. Und: Die durchschnittliche Zuschauerzahl pro Auff&uuml;hrung hat sich halbiert.<\/p><p>Ein weiterer interessanter Aspekt: Die Zahl der Neuinszenierungen ist nicht gesunken, sondern sogar leicht gestiegen. So gab es 1990 \/91 bei rund 6 Mio. Besuchen 1.384 davon, 2011 \/12 waren es 1.474 &ndash; bei nur noch 5,2 Mio. Besuchen. Zusammengefasst: Es gibt keine signifikante Angebotsver&auml;nderung, sondern ein deutlich nachlassendes, weil sich ausdifferenziertes Publikumsinteresse. Das Schauspiel ist auf immer kleinere Spielst&auml;tten ausgewichen, um nicht vor halbleeren gro&szlig;en Theaters&auml;len spielen zu m&uuml;ssen.<\/p><p>(Mit diesem Trend steht es &uuml;brigens nicht allein. Beim Kino ist &Auml;hnliches zu beobachten. Den Kinopal&auml;sten der 1950er mit z.T. deutlich mehr als 1.000 Pl&auml;tzen folgten in den 1970ern die Schachtelkinos, in den 1990ern die Multiplexe, in den 2000ern die Miniplexe &ndash; jeweils unterschiedlich viele, aber deutlich kleinere Spielst&auml;tten an einem Ort. Zugleich wurde die seit Ende der 1990er Jahre immer wieder avisierte Marke von 200 Mio. verkauften Kinokarten nie erreicht. Vor diesem Hintergrund und der sich wandelnden Medienlandschaft wird jetzt ab und an schon vorbeugend gefordert, das Kino als &bdquo;kulturellen und urbanen Ort&ldquo; &auml;hnlich den Theatern zu f&ouml;rdern.)<\/p><p><em><strong>Zur Oper:<\/strong><\/em><\/p><p>Im Spartenvergleich sanken die Besuchszahlen der Oper nicht so stark. In der Spielzeit 1990\/91 gab es rund 5,3 Mio. Opernbesuche, 2011\/12 waren es 4, 1 Mio. Besuche. W&auml;hrend die durchschnittlichen Besuchszahlen pro Auff&uuml;hrung beim Schauspiel von 282 auf 225 (= minus 20 %) zur&uuml;ckgingen, sanken sie bei der Oper im selben Zeitraum von 714 auf 658 (= minus 8 %). Wenn man also von einer Krise des Stadttheaters reden will, handelt es sich vor allem um eine Krise des Schauspiels.<\/p><p>Aufschlussreich ist nichtsdestotrotz die Entwicklung des Opernpublikums. Es ist bekannt, dass es heute im Durchschnitt deutlich &uuml;ber 50 Jahre alt und &uuml;berwiegend weiblich (= 61 %) ist. Es ist besser gebildet und besser verdienend. Zugleich sind bei der Oper Mehrfachbesuche vergleichsweise h&auml;ufig. Die Zahl der Personen, die praktizierende Musiktheater-Fans sind, ist deshalb deutlich niedriger als 4 Mio. Sie d&uuml;rfte bundesweit zwischen ein und zwei Millionen liegen.<\/p><p>Interessanter als diese Fakten ist allerdings etwas anderes. Eine aktuelle &Uuml;bersicht f&uuml;r NRW weist aus, dass im Bundesland das allgemeine Durchschnittsalter der Bev&ouml;lkerung zwischen 1979 und 2012 nur um f&uuml;nf Jahre zugenommen hat &ndash; von 45 auf 50 Jahre. Im gleichen Zeitraum ist das durchschnittliche Alter des Opernpublikums aber um 21 Jahre von 41 auf 62 Jahre gestiegen!<br>\nDie Ursache hierf&uuml;r liegt in dem damaligen deutlich h&ouml;heren &bdquo;Opern-Interesse&ldquo; der J&uuml;ngeren. Sie waren im Opernpublikum ebenso &uuml;berrepr&auml;sentiert wie sie heute unterrepr&auml;sentiert sind. Damals waren die J&uuml;ngeren &uuml;brigens auch bei den Schauspiel- und Museumsbesuchern &uuml;berrepr&auml;sentiert. Die Zahlen zur &uuml;berproportional hohen Alterung des Opernpublikums legen jedenfalls nahe, dass Kulturpr&auml;ferenzen nicht alters-, sondern generationenspezifisch gepr&auml;gt sind. Erste Untersuchungen zu generationentypischen Unterschieden im Kulturverst&auml;ndnis und den daraus folgenden Nutzungen stammen schon aus den 1980ern und wurden von interessierter Seite lange angezweifelt. <\/p><p>Als Zwischenfazit ist jedenfalls festzuhalten: wir haben es anscheinend mit grunds&auml;tzlichen Ver&auml;nderungen in den kulturellen Orientierungen und der Abnahme eines allgemeinen gesellschaftlichen Interesses an Oper und Schauspiel zu tun. Dabei ist auch das verf&uuml;gbare Einkommen der Kulturinteressierten kein verl&auml;sslicher bildungsb&uuml;rgerlicher Indikator mehr.<\/p><p>Beim Blick auf das Theaterprogramm zeigt sich noch eine andere Auff&auml;lligkeit. Eine unter &bdquo;Sonstiges&ldquo; gef&uuml;hrte Veranstaltungsform hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten verdreifacht. Dieses &ldquo;theaternahe Rahmenprogramm&ldquo; &ndash; Lesungen, Diskussionen usw. &ndash; umfasste 1991\/92 rund 6.500 Veranstaltungen, 2011\/12 waren es rund 18.600.<\/p><p><em><strong>Die Finanzen der Theaterh&auml;user:<\/strong><\/em><\/p><p>Zu den kulturpolitischen Ritualen geh&ouml;rt die stete Klage &uuml;ber fehlende Finanzen oder drohende K&uuml;rzungen der Kulturetats. Nat&uuml;rlich gibt es bei der finanziellen Ausstattung deutliche regionale und lokale Unterschiede, was mit den jeweiligen &ouml;rtlichen Gegebenheiten und der Organisation des Stadttheaters als Stadttheater zu tun hat. Aber: Aufs gro&szlig;e Ganze gesehen haben die &ouml;ffentlichen Theater heute inflationsbereinigt sogar mehr Geld zur Verf&uuml;gung als 1990 \/91. Die schon angesprochen HBS-Publikation fasst zusammen:<\/p><ul>\n<li>In der Spielzeit 1990\/91 lagen die Etats der &ouml;ffentlichen Theater umgerechnet bei 1,723 Mrd. Euro &ndash; davon 1,469 Mrd. Euro Zusch&uuml;sse der &ouml;ffentlichen Hand und 227 Mio. Euro Eigeneinnahmen.<\/li>\n<li>In der Spielzeit 2011 \/12 waren es insgesamt 2,723 Mrd. Euro. Das sind 58 % mehr als 90 \/91 &ndash; bei einer Inflationsrate von insgesamt 49 %. Zur gestiegenen F&ouml;rderung von 9 % treten h&ouml;here Eigeneinnahmen. Sie verdoppelten sich in 2011\/12 auf 473 Mio Euro.<\/li>\n<\/ul><p>Von einer auf breiter Basis vor allem durch Finanzierungsl&uuml;cken bedrohten &bdquo;Theaterlandschaft&ldquo; kann also zun&auml;chst einmal keine Rede sein.<\/p><p>Zugleich ist der &ouml;ffentliche Zuschuss zur einzelnen Theaterkarte &uuml;ber die Jahre stetig gestiegen und liegt im bundesweiten Durchschnitt mittlerweile bei etwas &uuml;ber 100 Euro (in den 1950ern waren es um die 10 DM). Inflationsbereinigt haben die Betriebskostenzusch&uuml;sse je Besuch doppelt so schnell zugenommen wie die Lebenshaltungskosten insgesamt. Allerdings schwanken die Zuzahlungen regional sehr stark. Die Stadt Duisburg etwa subventioniert jeden Besuch ihres Theaters (Auslastungsquote 60 %) mit 298 Euro. Finanziell besser gestellte St&auml;dte wie D&uuml;sseldorf wenden &bdquo;nur&ldquo; 125 Euro oder wie Bonn &bdquo;nur&ldquo; 168 Euro auf (Zahlen aus der Saison 2008\/09). G&ouml;tz Werner, Gr&uuml;nder der Drogeriekette dm und Verfechter eines garantierten Mindesteinkommens, hat diese Betr&auml;ge einmal mit den Worten kommentiert: &bdquo;Wenn Sie zweimal im Monat mit Ihrer Frau in die hochsubventionierte Oper gehen, erhalten Sie von der Gemeinschaft h&ouml;here Transferleistungen als die meisten Hartz-IV-Empf&auml;nger.&ldquo;<\/p><p><em><strong>Kreatives Prekariat<\/strong><\/em><\/p><p>Die steigenden Theateretats sind die eine Seite. Doch was kommt davon bei den Kreativen an? Nicht nur die Zeitungsverleger haben immer wieder vor der Einf&uuml;hrung des Mindestlohns gewarnt, auch zahlreiche Theaterverb&auml;nde votierten dagegen. Ohne Ausnahmeregelungen sei das Gesetz nicht akzeptabel, meinte etwa DBV-Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer Bolwin: &bdquo;Viele (kommunale) Betriebe k&ouml;nnen es sich nicht leisten, an alle Praktikanten 8,50 Euro die Stunde zu zahlen. Selbstverst&auml;ndlich sind wir daf&uuml;r, dass Praktikanten angemessen entlohnt werden. Man darf aber nicht au&szlig;er Acht lassen, dass am Theater viele Quereinsteiger arbeiten und viele Berufe keinen geregelten Ausbildungsweg haben.&rdquo; Anders formuliert: Ausbildungsverg&uuml;tung &ndash; nein danke. Das Berliner Ensemble (BE) etwa hat jetzt angek&uuml;ndigt, seine bisher 25 &bdquo;gehaltlosen&ldquo; Praktikumspl&auml;tze zu streichen. BE-Intendant Claus Peymann bedauerte zugleich: &bdquo;F&uuml;r uns wird es schwieriger, junge Talente zu finden, und den Studenten bleiben wertvolle Berufserfahrungen verwehrt.&ldquo; Die Bezahlung von Praktikanten, der hier nicht weiter nachgegangen werden soll, wirft bei den mit deutlich geringeren Summen gef&ouml;rderten Freien Theatern freilich ganz andere Fragen auf. Viele konnten und k&ouml;nnen einen Stundenlohn von 8,50 Euro kaum erwirtschaften. <a href=\"http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/mindestlohn-8-50-euro-fuer-theater-praktikanten.1013.de.html?dram:article_id=291727\">Ein Sprecher der Freien Szene in Berlin<\/a>: &bdquo;Das Problem ist, dass durch den gesetzlichen Mindestlohn die absurde Situation eintritt, dass die Praktikanten mehr verdienen als die ausf&uuml;hrenden K&uuml;nstler.&rdquo;<\/p><p>Der politisch dekreditierte Stundenlohn wirft aber auch bei den k&uuml;nstlerisch-kreativen &bdquo;Normalarbeitsverh&auml;ltnissen&ldquo; der &ouml;ffentlichen B&uuml;hnen Fragen auf. Die monatliche Entlohnung liegt hier im Schnitt bei um die 1600 Euro brutto. H&auml;ufig ist damit eine w&ouml;chentliche Arbeitszeit von mehr als 40 Stunden verbunden. Dazu kommt eine Besch&auml;ftigungspolitik, die mitten in der &bdquo;neoliberalen Arbeitswelt&ldquo; verankert ist, <a href=\"http:\/\/www.nachtkritik.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=9072:debatte-um-die-zukunft-des-stadttheaters-viii-ulf-schmidts-vortrag-zum-agilen-theater-&amp;catid=101:debatte&amp;Itemid=84\">so der Theaterwissenschaftler Ulf Schmidt<\/a>. Er fasst zusammen: &bdquo;Wir sehen einen R&uuml;ckgang regul&auml;rer Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse: 14 % weniger Mitarbeiter gesamt. Ein Drittel weniger Schauspieler in den letzten 20 Jahren. Zugleich sehen wir die Tendenz zur Lohndr&uuml;ckerei dort, wo der gewerkschaftliche Widerstand offenbar schwach ist: bei den Schauspielern, deren reales Gehalt in den letzten 20 Jahren inflationsbereinigt um dramatische 50 % gesunken ist. Und wir sehen eine massive Zunahme irregul&auml;rer Zeit- und Werkvertr&auml;ge.&ldquo;<br>\nDie unter Theaterleuten im deutsch-sprachigen Raum erhobene <a href=\"http:\/\/www.theaterjobs.de\/verguetungsumfrage-2013\">&bdquo;Verg&uuml;tungsumfrage 2013&ldquo;<\/a> verdeutlicht die &bdquo;schwierige wirtschaftliche Lage der Tanz- und Theaterschaffenden&ldquo; noch einmal: &bdquo;Nur 11 Prozent der angestellten Theaterschaffenden haben einen unbefristeten Vertrag &ndash; alle anderen haben zeitlich befristete Angestelltenvertr&auml;ge, die in der Regel ein bis zwei Jahre dauern. Zudem arbeiten 16 Prozent der Befragten regelm&auml;&szlig;ig &uuml;ber 50 Stunden pro Woche in ihrem Beruf und trotzdem k&ouml;nnen davon 15 Prozent nicht von ihrer Theatert&auml;tigkeit leben.&ldquo; Ein Viertel der befragten Schauspieler sei &sbquo;dauerhaft armutsgef&auml;hrdet&lsquo; &ndash; der Median der Schauspieler-Gage liegt bei 1.800 Euro. Hinzu kommen &bdquo;gro&szlig;e Ungleichheiten der Bezahlung innerhalb einer Berufsgruppe.&ldquo;<\/p><p>Diese Verh&auml;ltnisse gelten freilich nicht nur f&uuml;r Besch&auml;ftigte des avisierten &bdquo;Weltkulturerbes&ldquo;. &Auml;hnlich sieht es bei den k&uuml;nstlerischen Berufen aus. Michael S&ouml;ndermann vom K&ouml;lner &bdquo;B&uuml;ro f&uuml;r Kulturwirtschaftsforschung&ldquo; hat die entsprechenden <a href=\"http:\/\/www.kupoge.de\/newsletter\/anlagen\/151\/Kulturberufe-Loccum_20140222.pdf\">Eink&uuml;nfte dieser Gruppen untersucht [PDF]<\/a>. Eines der Ergebnisse: die Einnahmen reichen bei vielen ohne Nebenjobs nicht aus. Etwa der H&auml;lfte <em>aller<\/em> erwerbst&auml;tigen K&uuml;nstler hierzulande stehen monatlich insgesamt zwischen 1.000 und 2.000 Euro brutto zur Verf&uuml;gung. Ein Viertel verdient weniger als 1.000 Euro. Besser sieht es im Schnitt bei den rund 120.000 Vollzeitbesch&auml;ftigten bei einem Verdienst von rund 2.900 Euro aus. Anders ist es bei den &bdquo;&uuml;berwiegend freiberuflichen K&uuml;nstlern&ldquo;. Hier driften die Eink&uuml;nfte extrem auseinander. Statistischer Durchschnitt sind monatlich rund 1.900 Euro (Jahreseinnahme: 22.614 Euro), der Medianwert liegt allerdings bei rund 700 Euro (Jahreseinnahme 8.625 Euro). S&ouml;ndermann: &bdquo;Hohe Extremwerte treiben den Durchschnitt nach oben, der Median ist deshalb vermutlich der realistischere Wert.&ldquo; Sein Fazit: &bdquo;Da K&uuml;nstlerinnen und K&uuml;nstler allein mit dem Ideal im Portemonnaie nicht einkaufen gehen k&ouml;nnen,  m&uuml;ssen viele von ihnen auch fachfremd arbeiten. Das f&uuml;hrt zu hybriden Lebensformen mit spezifischen Problemen, von denen viele &ndash; monet&auml;r gesehen &ndash; dauerhaft am Rande des Existenzminimums siedeln.&ldquo;<\/p><p>Nur noch einige Zahlen zur Orientierung: eine Friseurin verdient im Monat durchschnittlich 1.230 Euro brutto, ein Krankenpfleger zwischen 2.000 und 2.300 Euro. Bei den sozialen Berufen liegt das Einkommen &uuml;brigens bei einem Drittel bei weniger als 1.000 Euro &ndash; in diesem Punkt &bdquo;toppen&ldquo; sie die K&uuml;nstler.<\/p><p><strong>Kulturangebot und Kulturpublikum<\/strong><\/p><p>Seit den 1970er Jahren ist die &bdquo;Kulturelle Teilhabe&ldquo; m&ouml;glichst vieler Menschen eines der zentralen kulturpolitischen Ziele gewesen. Entscheidendes Mittel, um das zu erreichen, war ein massiver Ausbau der kulturellen Infrastruktur. Nach einschl&auml;gigen Sch&auml;tzungen hat sich seither das Kulturangebot mehr als verzehnfacht. Neben den &ouml;ffentlichen Angeboten hat sich dazu ein breites Spektrum neuer privatwirtschaftlich agierender Anbieter etabliert. Zur Erinnerung:  die Kultur-, bzw. Kreativwirtschaft wurde wiederentdeckt und bis heute als Wachstumsbranche gefeiert. Sie hat f&uuml;r die Nachfrage kultureller und k&uuml;nstlerischer Produkte aller Art in der Tat eine gro&szlig;e Bedeutung. In ihren Kategorien stellt etwa die &bdquo;Freie Szene&ldquo; ein kulturwirtschaftliches Angebot dar, das es in den 1950ern und 1960ern, der Hochzeit des Stadttheaters, so gar nicht gab. <\/p><p>Insgesamt haben sich so die Wahlm&ouml;glichkeiten f&uuml;r Kulturinteressierte enorm erh&ouml;ht, die Konkurrenz zwischen &ouml;ffentlichen und privaten Anbietern ist auf allem Ebenen gestiegen. Zugleich hat sich das einstige, zu gro&szlig;en Teilen bildungsb&uuml;rgerlich gepr&auml;gte Publikum in viele Publika aufgel&ouml;st, die teilweise ganz unterschiedliche Pr&auml;ferenzen in Sachen Kultur haben. Sie sind in unterschiedlichsten Milieus, Szenen oder Lebensstilen ausdifferenziert. Wenn es heute um die sogenannten Publikumspotentiale geht, bedarf es also einer genaueren Beschreibung der Zielgruppen.<\/p><p>Ein weiterer Aspekt ist vielleicht noch entscheidender. Das kulturelle Angebot ist gewachsen, aber das ansprechbare Publikum hat insgesamt quantitativ nicht in gleichem Ma&szlig;e zugenommen. &bdquo;Dem quantitativen Wachstum und der Vielfalt der Kulturangebote steht heute eine intensivierte und differenzierte Nachfrage gegen&uuml;ber, aber nicht eine angemessene Vermehrung der Teilnehmer und Nutzer insgesamt&ldquo;, fasst eine Expertise zusammen. Diese These wird von zahlreichen internationalen Studien nicht nur f&uuml;r Deutschland gest&uuml;tzt. Man kann deren Ergebnisse als eine Art Faustregel zusammenfassen: die H&auml;lfte der Bev&ouml;lkerung interessiert sich f&uuml;r Kulturangebote &uuml;berhaupt nicht, ein Viertel ist ein wenig an Angeboten der Breitenkultur (z.B. Volks- und Stra&szlig;enfeste) interessiert. Das letzte Viertel setzt sich zun&auml;chst aus &bdquo;Begleitern&ldquo; zusammen. Diese Bezeichnung hat eine Kultursoziologin erfunden. Ihr liegt Folgendes zugrunde: Das &uuml;berwiegend weibliche Kulturpublikum wird h&auml;ufig von (m&auml;nnlichen) Gatten, Freunden, Bekannten begleitet, die selbst kein ausgepr&auml;gtes kulturelles Interesse haben, aber eben mitgehen. Den Kern der tats&auml;chlich Kulturinteressierten macht je nach Umfrage 5 &ndash; 10 % der Gesamtbev&ouml;lkerung aus. <\/p><p>Dazu unterliegt auch die Nutzung kultureller Angebote gewissen Grenzen des Wachstums. Eine wichtige ist hier neben dem Finanz- das individuelle Zeitbudget. Dazu nur ein Hinweis. Die Zeitbudgeterhebungen des Statistischen Bundesamtes in den Jahren 1991\/92 und 2001\/02 haben keine signifikante Zunahme der kulturellen Teilhabe &ndash; also der Nutzung kultureller Angebote &ndash; ergeben. Obwohl die formalen Voraussetzungen daf&uuml;r gegeben waren &ndash; u.a. mehr Kaufkraft, mehr Freizeit, h&ouml;here formale Schulabschl&uuml;sse.<\/p><p><strong>Lobbyismus statt Kulturpolitik<\/strong><\/p><p>Wenn man die kulturpolitischen Debatten rund ums Theater aus den letzten Jahrzehnten &uuml;berfliegt,  stellt sich schnell der Eindruck einer erm&uuml;denden Redundanz ein. Die tats&auml;chlichen gesellschaftlichen Entwicklungen &ndash; etwa die Etablierung der Einwanderungsgesellschaft und damit zusammenh&auml;ngende unterschiedliche kulturelle Pr&auml;ferenzen, die Pluralisierung der Lebensstile usw. &ndash; kommen kaum zur Sprache. Es ist auch fraglich, ob mit dem &bdquo;bildungsb&uuml;rgerlichen&ldquo; Medium Theater so ohne Weiteres andere Bev&ouml;lkerungsschichten erreicht werden k&ouml;nnen, wie die Hamburger Intendantin Karin Baier einmal formuliert hat.<\/p><p>Stattdessen wird immer wieder die Bedeutung des Theatralen an sich beschworen. Standardargumente dabei: das Theater sei &ndash; trotz Film, Internet &amp; Co &ndash; so etwas wie das Leitmedium wenn schon nicht der gesamten gesellschaftlichen Kommunikation, so doch mindestens der jeweiligen Stadtgesellschaft. Es wird stets die &bdquo;bildungsb&uuml;rgerliche Tradition&ldquo; beschworen und der Bildungsanspruch der darstellenden Kunst hervorgehoben, Theater als &bdquo;systemrelevant&ldquo; &auml;hnlich wie &bdquo;Banken oder Parlamente&ldquo; erkl&auml;rt. Angesichts der sinkenden Zuschauerzahlen wird &bdquo;das&ldquo; Theater in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden aufgefordert, sich darum zu bem&uuml;hen &bdquo;die Zuschauer <em>wirklich<\/em>&ldquo; zu erreichen, &bdquo;sich <em>besser verst&auml;ndlich<\/em> zu machen und das Interesse des Publikums <em>wieder<\/em> st&auml;rker zu wecken&ldquo;, wie es die sogenannte Rau-Kommission (offizieller Titel: Arbeitsgruppe &bdquo;Zukunft von Theater und Oper in Deutschland&ldquo; beim Bundespr&auml;sidenten) vor einem Jahrzehnt zeitlos formuliert hat. Und da man sich &bdquo;die Welt ohne S&auml;nger, Schauspieler, T&auml;nzer, Musiker &mdash; und Kritiker&ldquo; nur &bdquo;noch trister als ohnehin schon&ldquo; vorstellen kann, m&ouml;chte man aufs etablierte Stadttheater nicht verzichten, auch wenn die Kosten steigen und es nur von einer Minderheit genutzt wird &ndash; so schon ein Feuilletonredakteur Anfang der 1970er Jahre. Zu den Tiraden gesellt sich der routinem&auml;&szlig;ige Vorwurf gegen &bdquo;sparw&uuml;tige oder kulturferne Lokal- und Landespolitiker&ldquo;, sie w&uuml;rden &bdquo;die&ldquo; Kultur &bdquo;zum Abschuss freigeben&ldquo;. <\/p><p>Alles in Allem hat diese Debatte Z&uuml;ge einer extremen Fan-Kultur. Argumente spielen in einem solchen System nur dann eine Rolle, wenn sie in das System der Fans passen und sich zur Verteidigung des eigenen Fan-Gef&uuml;hls eignen. Dabei sind Fans grunds&auml;tzlich konservativ eingestellt. Intuitiv wissen sie: wenn sich das Objekt ihrer Begierde &auml;ndert, wird es nie mehr so sein wie fr&uuml;her und f&uuml;r sie in ihrer Welt nie mehr einen vergleichbar hohen Distinktionsgewinn abwerfen. Derlei k&ouml;nnte man normalerweise vernachl&auml;ssigen. Aber der Theateretat ist nun einmal der gr&ouml;&szlig;te Posten in den kommunalen Kulturhaushalten und schl&auml;gt deshalb auf alle anderen Budgets durch.<\/p><p>Anschauungsmaterial f&uuml;r diese Haltung bieten teilweise die Diskussionen um die vielerorts anstehende Renovierung\/Restaurierung der vorhandenen Bausubstanz der Theater. So hat man etwa in K&ouml;ln die alten St&auml;dtischen B&uuml;hnen in gleicher Gr&ouml;&szlig;e saniert, obwohl die Zahl der vor Ort verkauften Karten &uuml;ber die Jahre ganz im Trend kontinuierlich gesunken ist. Lagen die B&uuml;hnenbesuche in der Spielzeit 1990\/1991 bei rund 577.000, waren es 2009\/2010 noch rund 389.000. Das sanierte Haus soll nun ab 2015 im optimalen Fall insgesamt rund 380.000 Karten verkaufen, so ein Gutachten im Auftrag der Stadt. An anderer Stelle werfen die Autoren der Studie die Frage auf, ob denn ein Besucherzuwachs &bdquo;&uuml;berhaupt erreicht werden kann&ldquo;.<\/p><p>Sieht man einmal davon ab, dass das Theater in seiner Wirkung &bdquo;traditionsgem&auml;&szlig; &uuml;bersch&auml;tzt&ldquo; wird (H.Daiber) und l&auml;sst das eigent&uuml;mliche Lob des traditionellen Bildungsb&uuml;rgertums [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] beiseite, bleibt eine paradoxe Situation. Es ist offensichtlich, dass sich das &bdquo;Modell&ldquo; Stadttheater in seiner jetzigen Form in einem existenziellen Dilemma befindet. Wegen der &bdquo;Prekarisierung insbesondere der k&uuml;nstlerischen Mitarbeiter&ldquo; erodiert es innen, wie U. Schmidt formuliert hat. Zugleich d&uuml;rfte das Publikumsinteresse weiter sinken &ndash; schon wegen demografischer und kultureller Aspekte. Die Bev&ouml;lkerung in der Fl&auml;che nimmt ab, es zeichnet sich eine st&auml;rkere Konzentration auf eine &uuml;berschaubare Zahl von Metropolen ab. Dort d&uuml;rfte die Stadtgesellschaft insgesamt noch bunter und weniger &bdquo;bildungsb&uuml;rgerlich&ldquo; werden. <\/p><p>In aller Regel sind Institutionen kaum in der Lage, sich aus sich heraus zu reformieren. Dazu m&uuml;ssten sie im Extremfall auch ihre eigene Existenz in Frage stellen (k&ouml;nnen). Eine Debatte &uuml;ber die Zukunft des &bdquo;Stadttheaters&ldquo; ist denn auch weniger eine Auseinandersetzung &uuml;ber Etats und Finanzen als vielmehr eine Kl&auml;rung der inhaltlich-konzeptionellen Misere. Und das w&auml;re eine kultur- und gesellschaftspolitische Aufgabe.<\/p><p><strong>Nachbemerkung<\/strong><\/p><p>Zum Schluss sei noch an einen Aspekt erinnert, der in kulturpolitischen Diskussionen in der Regel kaum eine Rolle spielt, obwohl es um die gesellschaftspolitische Rolle von Kultur und damit verbundene Konkurrenzen geht. Dabei sind nat&uuml;rlich auch staatliche Zuwendungen im Spiel.<\/p><p>Die Kultur(politik) beansprucht f&uuml;r sich, wesentlich zum Gemeinschaftsgef&uuml;hl und zur &bdquo;Identit&auml;t&ldquo; des deutschen Gemeinwesens beizutragen und begr&uuml;ndet u.a. damit die Kulturf&ouml;rderung.<\/p><p>Damit ist ein interessanter Punkt angesprochen. F&uuml;r die &bdquo;nationale Identit&auml;t&ldquo; war &bdquo;1954&ldquo; wichtiger als das deutsche Stadttheatersystem. Das &bdquo;neue&ldquo; Deutschland &ndash; bunt, offen, tolerant, gastfreundlich &ndash; wurde medial im eigenen Lande erneut mit der Fu&szlig;ball-WM 2006 ausgerufen. Das hat sich bei der aktuellen WM in Brasilien noch einmal wiederholt. Die Bedeutung des Sports (und von SportlerInnen) in der Gesellschaft ist kontinuierlich gewachsen und hat der &ouml;ffentlich gef&ouml;rderten Kultur l&auml;ngst den Rang als Identit&auml;tsstifter, Leuchtturm, Gemeinschaftserlebnis usw. abgelaufen. Neuere Elitestudien unterstreichen diese Tendenz. Inzwischen beruft man sich in gehobenen Kreisen gerne auch auf seine sportliche Vergangenheit und nicht nur oder nicht mehr auf kulturelle Qualifikationen. <\/p><p>Einiges tut sich dazu in der Sportpolitik. Man vergleicht zunehmend offensiv die staatlichen und kommunalen Aufwendungen f&uuml;r den Sport, vor allem f&uuml;r den Breiten- und Vereinssport mit anderen Ressorts. Der Landessportbund NRW beispielsweise  tritt f&uuml;r eine &bdquo;nachhaltige und faire Balance zwischen Sport und Kultur&ldquo; ein. Dazu hat dessen Pr&auml;sident j&uuml;ngst konstatiert: in K&ouml;ln verursache &bdquo;jeder Besuch eines st&auml;dtischen Schwimmbads einen Zuschuss von 7,09 Euro&ldquo;, ein Besuch der St&auml;dtischen B&uuml;hnen dagegen &bdquo;einen Zuschuss von 178 Euro&ldquo;, ein Museumsbesuch werde &bdquo;im Schnitt mit 88 Euro subventioniert&ldquo;. Seine Schlussfolgerung: &bdquo;Vergleicht man die Bedingungen (des Sports) mit denen der Hochkultur, stellt man fest, dass dies nicht fair abl&auml;uft.&ldquo; Dieses &bdquo;ungleiche Verh&auml;ltnis&ldquo; m&uuml;sse man ausgewogen korrigieren. In seiner Argumentation ahmt der Pr&auml;sident konsequent die Statements der Kulturfunktion&auml;re und -lobbyisten nach. Um derlei &bdquo;Attacken&ldquo; zu begegnen, hat die Kulturpolitik offensichtlich einen gewissen Trainingsr&uuml;ckstand. Und nur am Rande:  Das Unternehmen, das die Stadt K&ouml;ln in Sachen St&auml;dtische B&uuml;hnen beraten hat, hat den Zeitgeist l&auml;ngst erkannt und am Rhein noch einen zweiten Gro&szlig;kunden: den 1.FC K&ouml;ln als einen weiteren Vertreter der K&ouml;lner Hochkultur. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Literatur (Auswahl)<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.actori.de\/\">actori<\/a> &bdquo;Wirtschaftlichkeits- und Organisationsuntersuchung der B&uuml;hnen K&ouml;ln. Abschlussunterlage&ldquo; M&auml;rz 2014<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.boell.de\/sites\/default\/files\/endf_brennen-ohne-kohle_v03_kommentierbar.pdf\">Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung (Hrsg.) &bdquo;Brennen ohne Kohle. Theater zwischen Niedergang und Aufbruch&ldquo; Berlin 2014<\/a><\/li>\n<li>Kurt Eichler &bdquo;Vor allem zu wenig und immer wieder Neues. Warum es Kinderg&auml;rten und Abwasserkan&auml;le in der Stadtpolitik einfacher haben&ldquo; in KuMi 144 (I\/2014), S. 36 ff.<\/li>\n<li>Karl-Heinz Reuband &ldquo;Konstanz und Wandel in der Sozialstruktur des Opernpublikums. Ein Langzeitvergleich auf der Basis von Publikumsbefragungen in NRW von 1979 bis 2012&ldquo; in &bdquo;Jahrbuch f&uuml;r Kulturpolitik 2013&ldquo; Essen 2013, S. 409 ff.<\/li>\n<li>Susanne Keuchel\/Zentrum f&uuml;r Kulturforschung (Hg.) &bdquo;Rheinschiene &ndash; Kulturschiene. Mobilit&auml;t &ndash; Meinungen &ndash; Marketing&ldquo; Bonn 2003<br>\nTheaterstatistik des Deutschen B&uuml;hnenvereins<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.unesco.de\/immaterielles-kulturerbe.html\">Zum Immateriellen Kulturerbe<\/a>: Das UNESCO-Abkommen trat 2006 in Kraft, im April 2013 ist auch Deutschland beigetreten.<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_*\" name=\"foot_*\">&laquo;*<\/a>] Wolfgang Hippe hat Rechtswissenschaften und P&auml;dagogik in K&ouml;ln studiert; er war in der Jugendarbeit und der Umweltbewegung t&auml;tig; Redakteur der StadtRevue K&ouml;ln; freier Journalist; A.R.T. &ndash; Agentur f&uuml;r Recherche und Text mit Schwerpunkten Kultur- und Medienwirtschaft und Kultur- und Medienpolitik, seit 2001 freie Mitarbeit beim IfK. Autor mehrerer kulturpolitischer B&uuml;cher.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>]  Das Bildungsb&uuml;rgertum war &uuml;berwiegend elit&auml;r und alles andere als demokratisch eingestellt. Der Antisemitismus machte einen wesentlichen Teil seiner Weltanschauung aus. Es half, den Nationalsozialismus hoff&auml;hig zu machen und begr&uuml;&szlig;te dessen Bestrebungen f&uuml;r eine &bdquo;deutsche&ldquo; Kunst.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Sinkende Zuschauerzahlen beim Stadttheater, erfundene Institutionsgeschichte, prek&auml;re Einkommen<\/strong><\/p>\n<p>Die Zuschauerzahlen der hiesigen Stadttheater sinken trotz anderslautender Erfolgsmeldungen seit Jahren. Das Einkommen der Mehrheit der dort besch&auml;ftigten Schauspieler ist prek&auml;r. Diskutiert wird dar&uuml;ber im Verborgenen schon l&auml;nger. Jetzt soll die Musealisierung der &bdquo;deutschen Theaterlandschaft&ldquo; das Theater hierzulande als &bdquo;Weltkulturerbe&ldquo; retten. Von <strong>Wolfgang Hippe<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22508#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,917,132],"tags":[918,288,394],"class_list":["post-22508","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-kultur-und-kulturpolitik","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-kulturlandschaft","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-subventionen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22508","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22508"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22508\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22513,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22508\/revisions\/22513"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22508"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22508"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22508"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}