{"id":22565,"date":"2014-07-29T12:27:36","date_gmt":"2014-07-29T10:27:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22565"},"modified":"2015-10-25T11:06:25","modified_gmt":"2015-10-25T10:06:25","slug":"jukos-urteil-startschuss-zum-wirtschaftskrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22565","title":{"rendered":"Jukos-Urteil: Startschuss zum Wirtschaftskrieg?"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140729_jukos.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Das gestrige Urteil des St&auml;ndigen Schiedshofs in Den Haag ist gleich in vielfacher Hinsicht eine Bombe: Die Richter gaben einer Gruppe von Anteilseignern des mittlerweile zerschlagenen russischen &Ouml;lkonzerns Jukos Recht und verurteilten den russischen Staat zu einer Entsch&auml;digungszahlung in Rekordh&ouml;he von etwas mehr als 50 Milliarden US$. Sollte das Urteil rechtskr&auml;ftig werden, droht ein Wirtschaftskrieg, der die ohnehin schon fragilen Ost-West-Beziehungen vollends ruinieren w&uuml;rde. Der Schaden w&auml;re auf beiden Seiten enorm, w&auml;hrend allein eine Handvoll russischer Exil-Oligarchen sich die H&auml;nde reibt. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Zur Vorgeschichte: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19739\">Jens Berger &ndash; Guter Oligarch, b&ouml;ser Putin<\/a><\/em><\/p><p><strong>Um was ging es beim Schiedsgerichtsverfahren in Den Haag?<\/strong><\/p><p>Bei der Zerschlagung des Jukos-Konzerns ging es nicht immer mit rechten Dingen zu. Mit der Abwicklung des privaten &Ouml;lmultis Jukos verfolgte Russlands Pr&auml;sident Putin vor allem das Ziel, die russische Energiewirtschaft vor &Uuml;bernahmen durch westliche Multis zu besch&uuml;tzen. Dieses Ziel hat er erreicht, doch der Zweck heiligt nicht immer die Mittel. Dies ist zumindest die Ansicht der drei Richter des St&auml;ndigen Schiedshofs in Den Haag, den die heutigen Inhaber der alten Unternehmensanteile als Kl&auml;ger angerufen haben. Da die russische Regierung Jukos mit voller Absicht in den Ruin getrieben hat, ist sie nun &ndash; nach Ansicht der Richter in Den Haag &ndash; dazu verpflichtet, den Gesch&auml;digten eine Ausgleichszahlung in H&ouml;he von 50,08 Milliarden US$ zu zahlen. <\/p><p>Dass es bei der Zerschlagung von Jukos nicht immer mit rechten Dingen zuging, bestreitet noch nicht einmal die russische Seite ernsthaft. Schlussendlich ging es im Schiedsverfahren vielmehr um die rechtliche Grundlage der Klage. Ohne internationale Rahmenvertr&auml;ge w&auml;ren die Kl&auml;ger gezwungen, sich an russische Gerichte zu wenden &ndash; ein wohl hoffnungsloses Unterfangen. Daher setzten die Kl&auml;ger auch darauf, diesen Fall auf Basis internationaler Abkommen zu bewerten. Konkret ging es um den &bdquo;Energiecharta-Vertrag&ldquo; (Energy Charter Treaty\/ECT). Auf Basis dieses Vertrags w&auml;re Russland in der Tat zu Entsch&auml;digungszahlungen verpflichtet. Russland hat diesen Vertrag zwar 1994 unterschrieben, aber nie ratifiziert, da man sich mit der EU nicht auf ein gemeinsames &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.encharter.org\/index.php?id=37\">Transitprotokoll<\/a>&ldquo; zum ECT einigen konnte. Russland hatte jedoch zuvor erkl&auml;rt, den ECT bis zur Einigung provisorisch anzuwenden. Dies reichte den Richtern offensichtlich, um Russland auf Basis eines Vertrags, der zwar unterzeichnet und in Teilen auch angewendet, aber nie offiziell ratifiziert wurde, zu verurteilen. <\/p><p><strong>Wer ist Kl&auml;ger, wer Beklagter?<\/strong><\/p><p>Obgleich in den deutschen Medien meist der ehemalige Jukos-Eigner Michail Chodorkowski als &bdquo;Sieger&ldquo; von Den Haag bezeichnet wird, hat Chodorkowski mit dem Schiedsverfahren streng genommen gar nichts zu tun. Er hat seine Anteile an Jukos 2005 f&uuml;r eine unbekannte Summe an seinen ehemaligen Vize Leonid Nevzlin verkauft. Nevzlin, der Russland verlassen hat und mittlerweile israelischer Staatsb&uuml;rger ist, werden zahlreiche Verbrechen vorgeworfen &ndash; 2008 wurde er in Russland in Abwesenheit wegen eines von ihm beauftragten Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Ihm geh&ouml;ren Tochtergesellschaften in Zypern und der Isle of Man 70% der alten Anteile an Jukos. Damit ist Nevzlin der eigentliche Sieger des Schiedsverfahrens. Neben ihm d&uuml;rfen sich auch noch Platon Lebedew, ein weiterer Jukos-Vizepr&auml;sident, der zusammen mit Chodorkowski begnadigt wurde, zwei andere ehemalige Jukos-Manager, die allesamt im Ausland leben, und ein Pensionsfonds, dem 10% der Anteile geh&ouml;ren, freuen.<\/p><p><strong>Ist das Urteil rechtskr&auml;ftig?<\/strong><\/p><p>Sollte Russland binnen dreier Monate keinen Widerspruch einlegen, wird der Schiedsspruch rechtskr&auml;ftig. Da es keine &bdquo;zweite Instanz&ldquo; gibt, m&uuml;sste Russland den Schiedsspruch nun vor einem niederl&auml;ndischen Gericht anfechten. Dies ist jedoch nur dann erfolgsversprechen, wenn beim Schiedsverfahren ma&szlig;gebliche Verfahrensfehler begangen wurden. Sobald der Schiedsspruch rechtskr&auml;ftig wird, hat Russland rund sechs Monate Zeit, die Entsch&auml;digungssumme zu bezahlen. Sollte Russland dies nicht tun, haben die Kl&auml;ger einen Vollstreckungstitel in der Hand, mit dem sie ihre Anspr&uuml;che in den 150 L&auml;ndern, die das &bdquo;New Yorker &Uuml;bereinkommen &uuml;ber die Anerkennung und Vollstreckung ausl&auml;ndischer Schiedsspr&uuml;che&ldquo; ratifiziert haben, geltend machen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Wie geht es nun weiter?<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst wird Russland &ndash; so viel ist sicher &ndash; Widerspruch gegen den Schiedsspruch einlegen. Experten halten es jedoch f&uuml;r unwahrscheinlich, dass die niederl&auml;ndischen Zivilgerichte der russischen Argumentation folgen. Daher ist es nicht auszuschlie&szlig;en, dass die russische Regierung hinter den Kulissen einen Vergleich mit den Kl&auml;gern sucht, der eine wesentlich geringere Entsch&auml;digungssumme vorsieht. Sollte es zu keinem derartigen Vergleich kommen, droht ein handfester Konflikt. Mit ihrem Vollstreckungstitel k&ouml;nnen die Kl&auml;ger weltweit (s.o.) russisches Eigentum beschlagnahmen lassen. Wie dies aussehen kann, hat der M&uuml;nchner Baukonzern Walter Bau im Juli 2011 demonstriert, als er das Privatflugzeug des thail&auml;ndischen Kronprinzen auf dem M&uuml;nchner Flughafen beschlagnahmen und pf&auml;nden lie&szlig;, da Thailand ein Schiedsgerichtsurteil nicht befolgte. Das Gesetz s&auml;he in diesem Falle vor, dass russisches Auslands-Staatsverm&ouml;gen vollstreckbar w&auml;re &ndash; dies betrifft freilich nicht hoheitliche Verm&ouml;genswerte, wie Botschaften, die der diplomatischen Immunit&auml;t unterliegen. Fraglich ist, ob ausl&auml;ndische Verm&ouml;genswerte russischer Staatsunternehmen, die nicht zu 100% in staatlichem Besitz sind (was die Regel ist) vollstreckbar sind. Hier werden die lokalen Gerichte wohl das letzte Wort haben.<\/p><p><strong>Wirtschaftskrieg ante portas<\/strong><\/p><p>Vollstreckbare Forderungen in H&ouml;he von 50 Milliarden US$ w&auml;ren wohl ein Traum der Falken (im Westen, wie in Russland), die auf eine Konfrontation aus sind. Dies w&auml;re der Beginn einer endlosen &bdquo;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tit_for_Tat\">Tit-for-Tat-Orgie<\/a>&ldquo;, bei der es keine Gewinner, sondern nur Verlierer gibt. Als &bdquo;Vorbild&ldquo; kann hier der Streit um das &Ouml;l- und Gasfeld Sachalin II gelten. Nachdem der britisch-niederl&auml;ndische Shell-Konzern Royal Dutch Shell die russische Seite nach allen Regeln der &bdquo;Kunst&ldquo; &uuml;ber den Tisch gezogen hatte, entdeckte Russland &ndash; mit tatkr&auml;ftiger Hilfe von Greenpeace &ndash; Umweltprobleme bei Sachalin II. Das russische Umweltamt verdonnerte Shell zu einer Strafe in H&ouml;he von 30 Milliarden US$ &ndash; exakt die Summe, die Shell nach Ansicht der russischen Seite beim Deal ergaunert hatte. Gewinner gab es bei der ganzen Aff&auml;re keine &ndash; die 30 Milliarden US$ wechselten nur zweimal ihren Besitzer, der Schaden f&uuml;r die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen l&auml;sst sich jedoch nur schwer beziffern. <\/p><p>Sollte das Urteil von Den Haag dereinst vollstreckbar werden, k&ouml;nnte dies der Beginn einer weiteren Eskalationsspirale sein, bei der westliche und russische Akteure sich gegenseitig ihre Verm&ouml;genswerte wegpf&auml;nden, ohne das eine der beiden Seiten unter dem Strich etwas gewinnt. Daf&uuml;r gibt es zahlreiche Verlierer. Vor allem der deutschen Wirtschaft, die im internationalen Vergleich die gr&ouml;&szlig;ten Direktinvestitionen in Russland vorweisen kann, drohen in diesem Szenario Verluste. Die einzigen Gewinner von Den Haag &ndash; wenn man sie so nennen kann &ndash; sind einige Exil-Oligarchen, die sich die &bdquo;Verm&ouml;genswerte&ldquo;, um die es im Schiedsverfahren ging, ergaunert haben. Um die Herkunft des Verm&ouml;gens ging es beim Verfahren &uuml;brigens nicht. Da stellt sich nat&uuml;rlich die Frage, warum vor allem die deutsche Presse den Schiedsspruch mit einer derartigen H&auml;me und Schadensfreude kommentiert. Anscheinend passt der Spruch so gut ins momentan vorhandene Anti-Russland-Klima, das niemand sich ernsthafte Gedanken &uuml;ber die Folgen macht. Und auch das entspricht leider durchaus dem Zeitgeist.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/9543f081d79a45dca5558a4256f59832\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140729_jukos.png\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Das gestrige Urteil des St&auml;ndigen Schiedshofs in Den Haag ist gleich in vielfacher Hinsicht eine Bombe: Die Richter gaben einer Gruppe von Anteilseignern des mittlerweile zerschlagenen russischen &Ouml;lkonzerns Jukos Recht und verurteilten den russischen Staat zu einer Entsch&auml;digungszahlung in Rekordh&ouml;he von etwas mehr als 50<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22565\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,169,20,132],"tags":[964,963,930,1337,915,259],"class_list":["post-22565","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-landerberichte","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-chodorkowski-michail","tag-jukos","tag-justiz","tag-oligarchen","tag-putin-wladimir","tag-russland"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22565","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22565"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22565\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22566,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22565\/revisions\/22566"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22565"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22565"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22565"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}