{"id":2261,"date":"2007-04-17T07:51:07","date_gmt":"2007-04-17T05:51:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2261"},"modified":"2016-01-08T12:21:34","modified_gmt":"2016-01-08T11:21:34","slug":"stirbt-die-erbschaftsteuer-der-kirmeskrach-um-steuersenkungen-geht-weiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2261","title":{"rendered":"Stirbt die Erbschaftsteuer? Der \u201eKirmeskrach\u201c um Steuersenkungen geht weiter"},"content":{"rendered":"<p>Wenige Tage nach seinem Vorsto&szlig; zur Senkung der Einkommensteuer (<a href=\"?p=2242\">Hinweise vom 10. April 2007 Ziffer 5<\/a>), woraufhin BILD ein tagelanges Trommelfeuer f&uuml;r diese Steuersenkung abgab, legt Wirtschaftsminister Glos nach und pl&auml;diert f&uuml;r die <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,477473,00.html\">Abschaffung der Erbschaftsteuer<\/a> &ndash; und wieder liefern <a href=\"http:\/\/www.bild.t-online.de\/BTO\/news\/2007\/04\/16\/erbschafts-steuer\/steuern-vermoegen-hinterlassenschaft.html\">BILD<\/a> und ihr Chefkolumnist Hugo M&uuml;ller-Vogg den Resonanzboden.<br>\nThomas Fricke  von der FTD nannte den <a href=\"?p=2259\">Steuerwahn<\/a> des Wirtschaftsministers zu Recht einen <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/meinung\/leitartikel\/185883.html?mode=print\">&bdquo;Kirmeskrach&ldquo;<\/a> und sprach von &bdquo;einer absurden Finanzpolitik nach Kassenlage&ldquo;.<br>\nAls Hauptargumente f&uuml;r die Abschaffung der Erbschaftsteuer werden genannt: Alles was vererbt werde, sei schon einmal versteuert worden,  erben sei eine Privatangelegenheit und die Erbschaftsteuer sei mit Einnahmen von 4 Milliarden j&auml;hrlich so niedrig, dass das Eintreiben der Steuer den Verwaltungsaufwand nicht lohne.<br>\nIn Wahrheit geht es um die generationen&uuml;bergreifende Verfestigung der Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich. Wolfgang Lieb.<br>\n<!--more--><br>\nDie Abschaffung der Erbschaftsteuer ist schon seit l&auml;ngerer Zeit auf der Agenda der Neokons und ihrer <a href=\"?p=2107\">Propagandaagenturen<\/a>. Der Chef des arbeitgebernahen IWWF Straubhaar nannte sie gar in Anlehnung an die Kampagne der Konservativen in den USA in abschreckender Absicht eine &bdquo;death-tax&ldquo;, also eine <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,465227,00.html\">&bdquo;Todessteuer&ldquo;<\/a>. <\/p><p>Einen trefflichen Anlass zu dieser Kampagne liefert ein Urteil des  Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahre 1996, das insbesondere die ungleichen Bewertungsregeln f&uuml;r unterschiedliche Verm&ouml;gensarten als Grundlage f&uuml;r die Erbschaftssteuer, etwa die Privilegierung von vererbten Immobilien gegen&uuml;ber Kapitalverm&ouml;gen beanstandet hat.<br>\nDas Urteil verpflichtet die L&auml;nder  die Regeln f&uuml;r die Erbschaftsteuer bis Ende 2008 neu zu fassen. Also hofft man vor einer Novellierung des Gesetzes &ndash; &auml;hnlich wie 1997 als die Regierung Kohl beschlossen hat, weil man keinen Weg finden wollte, die verschiedenen Verm&ouml;gensarten gleich zu besteuern, auf die Verm&ouml;gensteuer gleich ganz zu verzichten &ndash;  auch noch  bei der Erbschaftsteuer eine Abschaffung durchzusetzen.<\/p><p>Die Kampagne gegen die Erbeschaftsteuer ist ein Teilelement der neoliberalen Strategie den Staat &uuml;ber die Verk&uuml;rzung von Steuereinnahmen zur Zur&uuml;ckdr&auml;ngung staatlicher Regulationssph&auml;ren vor allem im Bereich der Daseinsvorsorge und des Sozialstaats zu zwingen. Ganz im Sinne der marktradikalen Friedmannschen Parole &bdquo;starve the biest&ldquo; (&bdquo;hungert die Bestie (Staat) aus&ldquo;).<\/p><p>Besonders absurd ist das Argument von Unions-Fraktions-Vize Michael Meister, die Einnahmen aus der Erbschaftsteuer lohnten den Aufwand ihrer Einziehung nicht. Daran ist zwar soviel richtig, dass die Steuern auf Verm&ouml;gen und Erbschaften in Deutschland mit einem <a href=\"http:\/\/wipo.verdi.de\/wirtschaftspolitik_aktuell\/data\/07_01_Vermoegensteuer.pdf\">Anteil von 0,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts [PDF &ndash; 60 KB]<\/a> gemessen an den meisten OECD-L&auml;ndern besonders niedrig liegt &ndash; nur in Mexiko, der Tschechischen und der Slowakischen Republik und in &Ouml;sterreich <a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/dataoecd\/30\/25\/37518017.pdf\">liegen sie niedriger [PDF &ndash; 1.2 MB]<\/a>. Das Argument folgt der Logik: Weil die Steuer ohnehin so niedrig ist, kann man sie auch gleich abschaffen.<\/p><p>In irref&uuml;hrender Argumentation, wird gegen die Erbschaftssteuer polemisiert, der Staat ginge dabei an das m&uuml;hsam ersparte sprichw&ouml;rtliche &bdquo;Oma ihr klein H&auml;uschen&ldquo;. Unterschlagen wird dabei bewusst, dass etwa pro Kind ein Freibetrag von &uuml;ber 200.000 Euro einger&auml;umt wird und dass vom Verkehrswert (der erhebliche unter dem wirtschaftlichen Wert liegt) eines Grundst&uuml;cks nur  50 Prozent steuerpflichtig sind. <\/p><p>Was die doppelte Besteuerung anbetrifft, so wird so getan, als m&uuml;sse der Verblichene ein zweites Mal sein erworbenes Verm&ouml;gen besteuern. Tats&auml;chlich geht es um eine minimale Besteuerung von &bdquo;leistungslosem Erwerb&ldquo; der Nachfahren von keineswegs nur ersparten sondern von Vielen erarbeiteten Gro&szlig;verm&ouml;gen. Die Erbschaftssteuer ist der letzte (zaghafte) Reflex auf die ungleiche Prim&auml;rverteilung in der Gesellschaft, die eine der wichtigsten Ausgangsbedingungen f&uuml;r die ungleiche Verteilung der Chancen in der Gesellschaft ist.<br>\nNach sehr groben Sch&auml;tzungen werden <a href=\"http:\/\/www.bild.t-online.de\/BTO\/tipps-trends\/geld-job\/bams\/2006\/10\/29\/erbschaftssteuer\/erbschaftssteuer.html\">bis 2010 &uuml;ber 400 Milliarden<\/a>, das ist etwa ein Viertel des gesamten Jahresinlandsprodukts in Deutschland, vererbt.<br>\nWarum sollte dieses leistungslos durch die Erben erworbene Verm&ouml;gen nicht wenigstens ein kleines St&uuml;ckchen dazu beitragen, das die Nachfolgegeneration der &Auml;rmeren (etwa &uuml;ber eine bessere Bildung) in eine ein wenig fairere Leistungskonkurrenz treten kann? Warum sollte der Erbe von Gro&szlig;verm&ouml;gen nicht wenigstens ein kleines St&uuml;ckchen beweisen m&uuml;ssen, dass er den &bdquo;Leistungen&ldquo; seines Erblassers gerecht wird? Warum sollte der Konzentration von Reichtum nicht ein kleines St&uuml;ckchen entgegengewirkt werden und ein kleines St&uuml;ckchen mehr &bdquo;Leistungs&ldquo;-Gesellschaft hergestellt werden? Es ist schon bemerkenswert, dass gerade die Anh&auml;nger der Abschaffung der Erbschaftssteuer ansonsten immer die &bdquo;Leistungsgesellschaft&ldquo; im Munde f&uuml;hren.<\/p><p>Man muss sich das mal vor Augen halten um welche Dimensionen es hier geht: Durch den seit den 80er Jahren eingeschlagenen Marsch in den Lohnsteuerstaat liegt die j&auml;hrliche Abgabenlast von leistungsbasiertem Arbeitseinkommen bei weit &uuml;ber 300 Milliarden und die Erbschaftssteuer f&uuml;r ererbtes Verm&ouml;gen bei unter 4 Milliarden Euro.<\/p><p>In einem Land wo die unteren 50% der Haushalte nur &uuml;ber 4% des Nettoverm&ouml;gens verf&uuml;gen, w&auml;hrend das reichste Zehntel seinen Anteil auf 47% steigern konnte (Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung), wo seit Jahren Arm und Reich immer weiter auseinanderklaffen, ist die sich generationen&uuml;bergreifend verfestigende Spaltung der Gesellschaft eben nicht, wie BILD &ndash; Kommentator M&uuml;ller-Vogg meint eine &bdquo;Privatangelegenheit&ldquo;, sondern ein immer unertr&auml;glicher werdender gesellschaftlicher Skandal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenige Tage nach seinem Vorsto&szlig; zur Senkung der Einkommensteuer (<a href=\"?p=2242\">Hinweise vom 10. 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