{"id":22619,"date":"2014-08-05T09:38:13","date_gmt":"2014-08-05T07:38:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22619"},"modified":"2014-08-06T19:11:31","modified_gmt":"2014-08-06T17:11:31","slug":"nie-wieder-krieg-in-europa-aber-gegen-russland-oder-sonst-wo-auf-der-welt-soll-man-schon-ueber-militaereinsaetze-nachdenken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22619","title":{"rendered":"\u201eNie wieder Krieg in Europa\u201c  &#8211; aber gegen Russland oder sonst wo auf der Welt soll man schon \u00fcber Milit\u00e4reins\u00e4tze nachdenken"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Tage wird aus vielen Anl&auml;ssen und an vielen Orten des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren gedacht. Staatsm&auml;nner der kriegsbeteiligten Staaten gedenken der Opfer und mahnen, aus der schrecklichen Lektion Lehren zu ziehen. Gestern in L&uuml;ttich und L&ouml;wen gab es Gedenken des Bundespr&auml;sidenten an den deutschen &Uuml;berfall auf Belgien, am Sonntag Friedensk&uuml;sse mit dem franz&ouml;sischen Staatspr&auml;sidenten am &bdquo;Menschenfresserberg&ldquo; Hartmannsweilerkopf im  Elsass.<br>\nWarum eigentlich nur Friedenspathos bei Gedenkveranstaltungen zu lang  zur&uuml;ckliegenden Kriegen? Warum nicht mindestens so emphatische Appelle f&uuml;r eine aktuelle Friedenspolitik etwa gegen&uuml;ber Russland, Israel und den Pal&auml;stinensern oder &uuml;berhaupt gegen Milit&auml;reins&auml;tze zur L&ouml;sung von Konflikten oder zur Durchsetzung von wie auch immer gearteten Interessen? Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_333\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-22619-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140806_Gauck_Militaereinsaetze_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140806_Gauck_Militaereinsaetze_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140806_Gauck_Militaereinsaetze_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140806_Gauck_Militaereinsaetze_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=22619-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140806_Gauck_Militaereinsaetze_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"140806_Gauck_Militaereinsaetze_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Da <a href=\"http:\/\/www.bundespraesident.de\/SharedDocs\/Reden\/DE\/Joachim-Gauck\/Reden\/2014\/08\/140804-Gedenken-Luettich.html\">beklagt der Bundespr&auml;sident in Belgien<\/a> &bdquo;das eklatante Versagen der Diplomatie&ldquo;, &bdquo;eine ma&szlig;lose Propaganda&ldquo; und eine &bdquo;unerh&ouml;rte Verteufelung des Feindes&ldquo; als Ursache f&uuml;r den Kriegsausbruch. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140805_europa_01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.bundespraesident.de\/DE\/Home\/home_node.html#\">bundespraesident.de<\/a><\/p><p>Und <a href=\"http:\/\/www.bundespraesident.de\/SharedDocs\/Reden\/DE\/Joachim-Gauck\/Reden\/2014\/08\/140803-Gedenken-Hartmannsweilerkopf.html\">in Frankreich<\/a> appellierte Joachim Gauck, Gegens&auml;tzlichkeit in Vielgestaltigkeit zu &uuml;berf&uuml;hren, Antagonistisches in Komplement&auml;res zu verwandeln, man m&uuml;sse sich stets aufs Neue darauf verpflichten, den politischen Willen nicht zu verlieren, der aus alten Feinden Partner  und Freunde mache: &bdquo;Entwickeln wir gemeinsam eine Kultur des Vertrauens, f&uuml;r eine Gegenwart und eine Zukunft des Friedens und der Freiheit &ndash; in ganz Europa.&ldquo; <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140805_europa_02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.bundespraesident.de\/DE\/Home\/home_node.html#-gallery\">bundespraesident.de<\/a><\/p><p>Nimmt man allerdings die politische Rhetorik in der Zeit vor diesen Gedenkveranstaltungen, so kann man, ja man muss sogar den Eindruck gewinnen, als h&auml;tten Friedensappelle nur f&uuml;r lange zur&uuml;ckliegende Kriege ihre G&uuml;ltigkeit. <\/p><p>Wo war das Bem&uuml;hen, &bdquo;Antagonistisches zu &uuml;berwinden&ldquo;, seit Ausbruch des Ukraine-Konfliktes?<br>\nWarum hat eigentlich der Bundespr&auml;sident nicht auch zum 1. August eine Gedenkrede gehalten, als vor 100 Jahren das Deutsche Reich Russland den Krieg erkl&auml;rte?  Immerhin hat Russland im Ersten Weltkrieg auch Millionen an toten Soldaten und Zivilisten zu beklagen. An die Kriegserkl&auml;rung Gro&szlig;britanniens am 4. Augst hat der Bundespr&auml;sident hingegen auf dem Soldatenfriedhof St. Symphorien bei Mons gedacht. <\/p><p>Warum reiste der Bundespr&auml;sident zur Fu&szlig;ball-WM nach Brasilien und warum boykottierte er die Olympischen Spiele in Russland? Wo ist er gegen eine &bdquo;ma&szlig;lose Propaganda&ldquo; gegen Russland oder gegen eine &bdquo;Verteufelung&ldquo; Putins eingetreten. Wo war das Bem&uuml;hen zu erkennen, eine Kultur des Vertrauens zu schaffen als Putin im Dezember letzten Jahres das Schloss Bellevue besuchte und Gauck ihm die kalte Schulter zeigte. Er polemisierte danach sogar gegen die &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.euractiv.de\/ukraine-und-eu\/artikel\/gauck-nicht-die-grten-russlandversteher-sollen-bestimmen-008567\">Russlandversteher<\/a>&ldquo;. Statt nach friedlichen L&ouml;sungen im Konflikt des Westens mit Russland zu suchen, forderte er die Nato  auf <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article127972393\/Gauck-fordert-die-Nato-zur-Buendnistreue-auf.html\">zu ihren &bdquo;B&uuml;ndnisverpflichtungen&ldquo; zu stehen<\/a>. <\/p><p>Und wie anders als bei den kalendarisch erzwungenen Gedenkreden redete der Bundespr&auml;sident etwa <a href=\"http:\/\/www.bundespraesident.de\/SharedDocs\/Reden\/DE\/Joachim-Gauck\/Reden\/2014\/01\/140131-Muenchner-Sicherheitskonferenz.html\">auf der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz anfangs dieses Jahres<\/a>: &bdquo;Manchmal kann auch der Einsatz von Soldaten erforderlich sein&hellip; wenn schlie&szlig;lich der &auml;u&szlig;erste Fall diskutiert wird &ndash; der Einsatz der Bundeswehr &ndash;, dann gilt: Deutschland darf weder aus Prinzip &ldquo;nein&rdquo; noch reflexhaft &ldquo;ja&rdquo; sagen&hellip; Als &auml;u&szlig;erstes Mittel ist dann der Einsatz von Milit&auml;r m&ouml;glich&hellip;&ldquo; <\/p><p>Und wenige Tage vor  den Gedenkreden zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges konnte man noch <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/aussenpolitik-gauck-auch-zu-waffen-greifen.694.de.html?dram:article_id=289120\">folgendes von unserem Bundespr&auml;sidenten h&ouml;ren<\/a>: &bdquo;In diesem Kampf f&uuml;r Menschenrechte oder f&uuml;r das &Uuml;berleben unschuldiger Menschen ist es manchmal erforderlich, auch zu den Waffen zu greifen. So wie wir eine Polizei haben und nicht nur Richter und Lehrer, so brauchen wir international auch Kr&auml;fte, die Verbrecher oder Despoten, die gegen ihr eigenes Volk oder gegen ein anderes m&ouml;rderisch vorgehen, zu stoppen. Und dann ist als letztes Mittel manchmal auch gemeinsam mit anderen eine Abwehr von Aggression erforderlich. Deshalb geh&ouml;rt letztlich als letztes Mittel auch dazu, den Einsatz milit&auml;rischer Mittel nicht von vornherein zu verwerfen.&ldquo;<\/p><p>(Zur Gleichsetzung von Polizei und Milit&auml;r siehe <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22062#h02\">hier<\/a>).<\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich fordert Gauck nicht unmittelbar Milit&auml;reins&auml;tze, aber er wei&szlig; genau, dass mit seinen S&auml;tzen das Milit&auml;rische &ndash; oder um es deutlich zu sagen &bdquo;Krieg&ldquo; &ndash; als Mittel der Politik der (mehrheitlich ablehnenden) Bev&ouml;lkerung wieder eingew&ouml;hnt werden soll. <\/p><p>Stellt man den Gedenkreden an die Zeit vor hundert Jahren die Reden &uuml;ber die aktuellen Konflikte oder gar &uuml;ber zuk&uuml;nftige Auseinandersetzungen gegen&uuml;ber, so entpuppt sich die &bdquo;Erinnerungskultur&ldquo; des obersten Repr&auml;sentanten der Bundesrepublik Deutschland als schal, ja als hohles Ritual. Vom viel zitierten Lernen aus der Geschichte ist da nicht viel zu merken. <\/p><p>Doch es w&auml;re v&ouml;llig falsch diese Bewusstseinsspaltung zwischen historischem Erinnern und dem Vergessen der Geschichte gegen&uuml;ber der Gegenwart nur dem Bundespr&auml;sidenten anzulasten. Die Schizophrenie herrscht auch in der &ouml;ffentlichen Debatte vor. Ein Musterbeispiel lieferte die gestrige FAZ auf ihrer Titelseite. <\/p><p>Da schreibt <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/kommentar-der-ferne-sinn-13079758.html\">Reinhard M&uuml;ller<\/a> in einem Leitartikel pathetisch: &bdquo;Das heutige Europa ist eine Versicherung gegen Verf&uuml;hrung und Gewalt, die immer wieder erneuert werden muss. Dass Konflikte friedlich zu l&ouml;sen sind, gemeinsame Werte, wie die Freiheit des Einzelnen und die Gleichheit vor dem Recht, aber auch verteidigt werden m&uuml;ssen, das ist eine zentrale Lehre aus jenem Hineinschlittern in das gro&szlig;e europ&auml;ische Schlachten vor hundert Jahren. Wird dieses Verm&auml;chtnis erf&uuml;llt, dann hat das Sterben unserer Vorfahren eben doch einen fernen Sinn gehabt.&ldquo;<\/p><p>Und gleich darunter <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ukraine-konflikt-staerke-zeigen-13079628.html\">fordert Reinhard Veser in einem Leitkommentar<\/a> den &bdquo;Westen&ldquo; dazu auf &bdquo;politische und milit&auml;rische Abwehrbereitschaft (zu) st&auml;rken und auch (zu) demonstrieren.&ldquo; <\/p><p>Das millionenfache Sterben unserer Vorfahren vor hundert Jahren, scheint offenbar wirklich keinen Sinn gehabt zu haben. Aber selbst die Milit&auml;reins&auml;tze in diesem Jahrhundert scheinen schon vergessen zu sein: Wozu haben die westlichen Milit&auml;reins&auml;tze in Afghanistan,  im Irak, im Libanon, in Libyen eigentlich gef&uuml;hrt?<br>\nDas Resultat sehen wir nahezu jeden Abend in der Tagesschau: n&auml;mlich zu noch mehr Sterben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Tage wird aus vielen Anl&auml;ssen und an vielen Orten des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren gedacht. Staatsm&auml;nner der kriegsbeteiligten Staaten gedenken der Opfer und mahnen, aus der schrecklichen Lektion Lehren zu ziehen. 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