{"id":2277,"date":"2007-04-20T08:50:42","date_gmt":"2007-04-20T06:50:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2277"},"modified":"2016-01-07T11:34:30","modified_gmt":"2016-01-07T10:34:30","slug":"nachtrag-zu-setzt-die-politik-die-richtigen-prioritaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2277","title":{"rendered":"Nachtrag zu \u201eSetzt die Politik die richtigen Priorit\u00e4ten?\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der NDS-Leser Thomas Haug hat die in <a href=\"?p=2271\">meinem Beitrag<\/a> skizzierten Probleme, die aus der  Entsolidarisierung und Spaltung unserer Gesellschaft folgen, mit Fakten aus seiner praktischer Erfahrung in einer baden-w&uuml;rttembergischen Gemeinde angereichert. Lesenswert.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Thomas Haug an AM, NachDenkSeiten:<\/em><\/p><p>Als treuer Leser Ihrer Seiten (die ich &uuml;ber meine Mailsignatur auch weiterempfehle, s.u.), kann ich Ihren, im Artikel &ldquo;Setzt die Politik die richtigen Priorit&auml;ten? Und warum nicht?&rdquo; vom 18. April 2007 geschilderten Beobachtungen nur beipflichten.<\/p><p>Insbesondere der Punkt 2 &ldquo;Die Folgen der Entsolidarisierung und Spaltung unserer Gesellschaft.&rdquo; macht mir gro&szlig;e Sorgen, da ein zerst&ouml;rtes &ldquo;Miteinander&rdquo; nur sehr schwer zu restaurieren sein d&uuml;rfte. Gesetze kann man, wenn man dazu willens ist, wieder abschaffen oder &auml;ndern, soziale Strukturen m&uuml;ssen jedoch &uuml;ber Jahre\/Jahrzehnte wachsen und sind, einmal zerst&ouml;rt, nur schwer wieder aufzubauen.<\/p><p>Ich selbst erfahre als Vorsitzender eines Musikvereins immer wieder v&ouml;lliges Unverst&auml;ndnis gerade auch von den &ldquo;Jungen&rdquo; im Verein, wenn Gemeinschaftsaufgaben anstehen und eine Arbeitseinteilung hierf&uuml;r erstellt werden soll. Es bedarf hier immer wieder umfangreicher Erkl&auml;rungen, vor allem eben an die jungen Vereinsmitglieder, warum denn nun ausgerechnet sie mithelfen sollen. Sie verstehen dann zwar irgendwann, dass SIE eben der &ldquo;Verein&rdquo; sind und dass es ohne sie nicht geht, doch allein die Tatsache, dies erkl&auml;ren zu m&uuml;ssen, zeigt, wie wenig soziales Denken heute noch gepflegt und gef&ouml;rdert wird. (Nebenbei: die kritischen Anmerkungen sind nicht als Kritik an der Jugend sondern an der so gemachten Entsolidarisierung gemeint.)<\/p><p>In der Vereinsarbeit stelle ich allgemein immer st&auml;rker fest, wie sich die Umsetzung gewisser &ldquo;Reformen&rdquo; im Schulbereich auswirkt, da es uns immer gr&ouml;&szlig;ere Probleme bereitet, trotz vielf&auml;ltiger Angebote Nachwuchs f&uuml;r den Verein zu finden. Das geht, lt. Aussage befreundeter Vereinsvorsitzender aus anderen Vereinen, diesen genauso, d&uuml;rfte also ein allgemeines Problem sein.<\/p><p>Wir erhalten von Eltern immer h&auml;ufiger die Aussage, dass ihr Kind zwar gerne Musik machen w&uuml;rde, aber bereits jetzt mit Hausaufgaben und sonstigen schulischen und au&szlig;erschulischen Aktivit&auml;ten total ausgelastet sei. Je &auml;lter die Kinder sind, desto schwieriger wird das Ganze, da dann noch mehrere Nachmittags-Schultage pro Woche hinzukommen. Kein Wunder, wenn der Stoff von 13 Schuljahren in 12 Jahren mit immer weniger Lehrpersonal durchgezogen werden muss.<br>\nWenn dann noch die Ganztagsschule kommt, hat man als Verein nur noch dann eine Chance, &uuml;berhaupt Nachwuchs und die Zeit, diesen auszubilden, zu finden, wenn man sich an dieser Ganztagsschule mit eigenen Angeboten<br>\nbeteiligt und selbst den Musikunterricht in der Schule anbietet. Die Schulen sind daf&uuml;r &auml;u&szlig;erst dankbar, da zumindest die Schulen, mit denen ich gelegentlich zu tun habe, laut Aussage einiger Lehrer noch &uuml;berhaupt nicht wissen, wie sie die Sch&uuml;ler nachmittags mit dem vorhandenen Lehrpersonal sinnvoll betreuen sollen.<br>\nSomit wird sich &uuml;ber kurz oder lang die Situation ergeben, dass p&auml;dagogisch nicht geschultes Personal, das auch nicht im Auftrag der Schule t&auml;tig ist, unentgeltlich oder fremdfinanziert einen Teil des Schulunterrichts abh&auml;lt.<\/p><p>Auch hier trifft wieder die neoliberale Maxime &ldquo;Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren&rdquo; zu: Der &ldquo;Gewinn&rdquo; f&uuml;r die Wirtschaft kommt in der Form von stre&szlig;erprobten, jungen (=billigen) und willf&auml;hrigen Arbeitskr&auml;ften aus den Schulen\/Hochschulen, die angesichts des dahinsiechenden Arbeitsmarktes erst einmal froh sind, &uuml;berhaupt einen Job zu finden. Diese lernen in den Schulen\/Hochschulen nur noch das, was &ouml;konomisch sinnvoll ist und &ldquo;verwurstet&rdquo; werden kann. Wer unter diesen Voraussetzungen dann auch noch gute Noten mitbringt, kann getrost eingestellt werden, denn alle, die diesem Tempo nicht folgen k&ouml;nnen, landen schon vorher auf dem &ldquo;Abstellgleis Hauptschule&rdquo;.<\/p><p>Der Verlust zeigt sich auf verschiedenen Ebenen:<\/p><ol>\n<li>Die &ldquo;Qualit&auml;t&rdquo; der Schulabg&auml;nger verschlechtert sich, da immer mehr Stoff in immer weniger Zeit vermittelt wird. Durch die auf Grund des gr&ouml;&szlig;eren Drucks entstehenden schlechteren Notenschnitte haben<br>\ninteressierte Kreise dann auch gleich gute Argumente, weitere &ldquo;Reformen&rdquo; zu fordern, die nat&uuml;rlich nur das Ziel der &Ouml;konomisierung der Bildung haben, die Qualit&auml;t interessiert nicht. Durch diese &ldquo;Reformen&rdquo; wird die Zukunftsf&auml;higkeit und der soziale Zusammenhalt Deutschlands nicht gest&auml;rkt, sondern aus kurzfristigem Profitdenken heraus nachhaltig ge- und zerst&ouml;rt.<\/li>\n<li>Das Gemeinschaftsleben, das nun mal gerade im l&auml;ndlichen Bereich von Vereinen gepr&auml;gt ist, leidet immer mehr unter den gestre&szlig;ten Jugendlichen, da sie in der wenigen Freizeit, die ihnen noch verbleibt, nicht auch noch eine weitere &ldquo;Verpflichtung&rdquo; auf sich nehmen wollen. So geht der Trend zur &ldquo;Individualisierung&rdquo; weiter, die Menschen werden immer mehr nur noch Arbeitskr&auml;fte und Konsumenten, die pers&ouml;nliche Kreativit&auml;t und soziales Engagement bleiben auf der Strecke.<\/li>\n<\/ol><p>Wir als gemeinn&uuml;tziger Verein, der im g&uuml;nstigsten Fall (sehr selten) die Jugendausbildung kostendeckend betreibt, konkurrieren mittlerweile mit professionellen, privaten Musikschulen, die Kindern bereits im Kleinkindalter (lt. Homepage eines Anbieters aus meiner Region ab einem Alter von 4 Monaten) zu ihren ersten musikalischen Erfahrungen verhelfen.<br>\nEs mag sein, dass das sinnvoll ist, doch was ist das eigentliche Ziel dieser Aktion? &ndash; Nat&uuml;rlich, Kinder fr&uuml;hestm&ouml;glich an einen Anbieter zu binden, um auf Jahre hinaus die Unterrichtsgeb&uuml;hren von den Eltern kassieren zu k&ouml;nnen. Sp&auml;ter landen die Kinder dann im Einzel- oder Kleinstgruppenunterricht und die meisten davon sind f&uuml;r die kulturell<br>\nt&auml;tigen Vereine erst mal verloren.<\/p><p>Ich pers&ouml;nlich kann nur hoffen, dass die Menschen endlich aufwachen und ihrem &Auml;rger Luft machen, bevor es zu sp&auml;t ist und die Strukturen unseres sozialen Zusammenlebens vollends zerst&ouml;rt sind. Dass es schwer ist, sich der medialen Gehirnw&auml;sche zu entziehen, steht au&szlig;er Frage. Gerade junge Menschen, die durch die Schulen nicht nur (aus-)gebildet, sondern eben auch &ldquo;geformt&rdquo; werden, haben dieser Indoktrination noch keine Lebenserfahrung entgegenzusetzen. F&uuml;r sie sind Lehrer Vertrauenspersonen.<br>\nDiese sind oft leider nicht in der Lage dazu, den wahren Hintergrund einer kostenlosen Unterlage zur Unterrichtsgestaltung von irgendeinem Institut oder einer Stiftung zu erkennen (die ja oft genug sogar &uuml;ber die<br>\nSchul&auml;mter verteilt werden) und setzen diese ohne eine kritische W&uuml;rdigung deren Inhaltes im Unterricht ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der NDS-Leser Thomas Haug hat die in <a href=\"?p=2271\">meinem Beitrag<\/a> skizzierten Probleme, die aus der Entsolidarisierung und Spaltung unserer Gesellschaft folgen, mit Fakten aus seiner praktischer Erfahrung in einer baden-w&uuml;rttembergischen Gemeinde angereichert. 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