{"id":228,"date":"2006-01-09T17:11:34","date_gmt":"2006-01-09T16:11:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=228"},"modified":"2019-07-23T18:59:23","modified_gmt":"2019-07-23T16:59:23","slug":"die-mar-vom-grosen-sozialabbau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=228","title":{"rendered":"\u201eDie M\u00e4r vom gro\u00dfen Sozialabbau\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Von Professorin Helga Spindler.<br>\n<!--more--><br>\nDer Autor der FAZ Carsten Germis meint, der gro&szlig;e Sozialabbau durch Hartz IV sei ein M&auml;rchen.<br>\nEr meint, den sozial Schwachen in Deutschland ginge es heute besser als vorher.<\/p><ol>\n<li>Sein erstes Argument: Statt der urspr&uuml;nglich geplanten 14,6 Mrd. Euro koste das Ganze etwa 25,6 Milliarden Euro, das sei eine der gr&ouml;&szlig;ten wohlfahrtsstaatlichen Umverteilungen seit langem. Die h&auml;tten wir in der Tat &ndash; wenn nicht die geplanten 14,6 Mrd. Euro ein M&auml;rchen in einem m&auml;rchenhaften Haushaltsplan gewesen w&auml;ren.<br>\nEnde 2004 wurden aber alleine f&uuml;r die Arbeitslosenhilfe knapp 19 Mrd. Euro gezahlt, f&uuml;r die Sozialhilfe knapp 10 Mrd. und f&uuml;r Wohngeld, das auch &uuml;berwiegend diesen Beziehern zugute kam, ca. 4,5 Mrd. Euro. Ausgaben f&uuml;r F&ouml;rderma&szlig;nahmen wie ABM, Fortbildung etc. noch nicht gerechnet. Hier ist nicht umverteilt worden, sondern eine Planungsgr&ouml;&szlig;e um den Betrag zu niedrig angesetzt worden, um den sich die Ausgaben jetzt scheinbar erh&ouml;ht haben.<\/li>\n<li>Sein zweites Argument: Vor allem f&uuml;r ehemalige Sozialhilfeempf&auml;nger habe sich die Lage verbessert. Es g&auml;be jetzt statt der einmaliger Leistungen, die fr&uuml;her beantragt werden mussten, regelm&auml;&szlig;ig mehr in die Haushaltskasse und zwar 345 &euro; statt der 296 &euro; im Jahr 2004. Auch das klingt nur &uuml;berzeugend &ndash; wenn man nicht wei&szlig;, wie hoch vorher die einmaligen Leistungen in der Sozialhilfe waren, welche Bedarfe vom Regelsatz in der Sozialhilfe abgedeckt wurden oder wovon Sozialhilfebezieher noch befreit waren, z.B. von Zuzahlungen zu Gesundheitsleistungen.<br>\nWer sich daran noch erinnert, wei&szlig; allerdings, dass mit der vordergr&uuml;ndigen Anhebung des Regelsatzes gegen&uuml;ber den bisherigen Gesamtsozialhilfeleistungen raffiniert gek&uuml;rzt worden ist.<br>\nDie wenigen, die sich damit besch&auml;ftigen, haben deshalb 2004, als mit der Regelsatzverordnung diese neuen Regels&auml;tze ermittelt worden sind, begr&uuml;ndet protestiert (Stellungnahmen von DPWV Gesamtverband 30.1.2004, Bundesarbeitsgemeinschaft Sozialhilfeinitiativen 2.2.2004, Diakonischem Werk 30.1.2004 und DGB-Bundesvorstand 28.1.2004. Stellungnahme von Wissenschaftlern : Das sozialkulturelle Existenzminimum in der Abw&auml;rtsspirale). Aber kaum eine der gro&szlig;en Zeitungen, auch nicht die FAZ, fand das einer Meldung wert. \n<p>Ein alleinerziehender, sozialhilfebeziehender Vater, der angeblich zu den besonders Beg&uuml;nstigten geh&ouml;rt und es wissen muss , hat vorgerechnet: nach der Reform blieben ihm nicht mehr , sondern knapp 103 &euro; weniger pro Monat in der Haushaltskasse, einschlie&szlig;lich der vor der Reform den Sozialhilfebeziehern gew&auml;hrten zus&auml;tzlichen Verg&uuml;nstigungen, die ebenfalls weggefallen sind. ( &bdquo;Das Hexeneinmaleins der Bundesregierung.&ldquo; Junge Welt vom 1.10.2004). Dieses Berechnungsbeispiel, das vom zust&auml;ndigen Sozialamt best&auml;tigt worden ist, wurde nur in einem Bericht in der Zeit aufgegriffen (&bdquo;Wie aus mehr weniger wird&ldquo; DIE ZEIT 52\/2004 ). Dieser Vater z&auml;hlte tats&auml;chlich noch zu den relativ &bdquo;Beg&uuml;nstigten&ldquo;, denn Familien mit Kindern &uuml;ber 6 Jahren hat es noch viel st&auml;rker getroffen.<\/p>\n<p>Wer einen detaillierten Vergleich zu den vorherigen Sozialhilfes&auml;tzen und den durchschnittlich gezahlten einmaligen Beihilfen sucht und die K&uuml;rzungen in den Einzelpositionen nachvollziehen will, dem sei Heft 4\/2004 der Informationen zum Arbeitslosen- und Soziahilferecht, &bdquo;info also&ldquo;, empfohlen ( Dokumentation S. 184 f.; Erl&auml;uterungen: Helga Spindler: Die neue Regelsatzverordnung &ndash; Das Existenzminimum stirbt in Prozentschritten S. 147 f. ) . Nur um das ehemalige Sozialhilfeniveau zu wahren, das auf sehr alten Daten der Einkommens- und Verbrauchsstatistik (EVS) basierte, m&uuml;sste nach dieser Unersuchung der aktuelle Regelsatz mindestens 40 &euro; pro Monat h&ouml;her sein und die Regels&auml;tze der Kinder zwischen 6 und 18 Jahren m&uuml;ssten zus&auml;tzlich wieder um 5 %,bzw. 10 % erh&ouml;ht werden. (&bdquo;Offensichtlich wurde die Statistik manipuliert&ldquo; Junge Welt vom 18.12.2004) Au&szlig;erdem sind diese Regels&auml;tze seit 2003 nicht mehr &ndash; wie fr&uuml;her die Sozialhilferegels&auml;tze jedes Jahr &ndash; der Preissteigerung angepasst worden.<\/p>\n<p>Der Deutsche Parit&auml;tische Wohlfahrtsverband (DPWV) hat Ende 2004 nach einer aktuellen Auswertung der EVS und dem daraus erkennbaren Ausgabenverhalten der unteren Einkommensschichten, das auch fr&uuml;her zur Ermittlung der Regels&auml;tze in der Sozialhilfe herangezogen wurde, eine Expertise ver&ouml;ffentlicht. Danach m&uuml;sste der Eckregelsatz zu diesem Zeitpunkt 67 &euro; h&ouml;her liegen. ( DPWV Gesamtverband :Zum Leben zu wenig&hellip; , Dezember 2004) Das alles sind wohlgemerkt nur Vergleiche mit dem bisherigen Sozialhilfeniveau.<br>\nEs gibt auch Stimmen, die mit nachvollziehbarer Begr&uuml;ndung h&ouml;here Regels&auml;tze fordern. Aber es geht hier nur darum, wie sich die Lage gegen&uuml;ber der Sozialhilfe ver&auml;ndert hat und um das Ausma&szlig; der Absenkung.<br>\nEine zusammenfassende Darstellung dieser Vorg&auml;nge ist auch zu finden bei Joachim Rock in: Bischoff u.a. Schwarzbuch Rot-Gr&uuml;n, VSA 2005 und als Auszug &bdquo;Zuviel zuwenig&ldquo; in Junge Welt vom 10.8.2005.<\/p><\/li>\n<li>Das dritte Argument: Auch viele ehemalige Arbeitslosenhilfebezieher, so sie nicht relativ hohe Arbeitslosenhilfe bezogen h&auml;tten oder ihre Partner jetzt verst&auml;rkt herangezogen w&uuml;rden, seien Gewinner der Neuregelung. Das stimmt &ndash; wenn man nur den reinen Arbeitslosenhilfeanspruch vorher vergleicht. Wenn man aber den erg&auml;nzenden Wohngeldanspruch oder den erg&auml;nzenden Sozialhilfeanspruch, den diese Leute vorher gehabt haben (s.o.) heranzieht, was keine der Simulationsrechnungen &ndash;auch die des IAB nicht &ndash; enth&auml;lt, dann sieht das Ergebnis auch anders aus. Sie haben ebenfalls weniger.<\/li>\n<li>Bei dieser breit angelegten Senkung des Existenzminimums in Deutschland gibt es nur folgende Gruppen von Gewinnern und &uuml;ber die wird z.T. nur ungern berichtet.<br>\nEs sind einmal die, denen vorher die einmaligen Beihilfen vorenthalten wurden oder (oft als kommunale Modellprojekte getarnt)zu niedrig bemessen wurden. Die werden jetzt mit den anderen wenigstens auf niedrigem Niveau gleichbehandelt, was aber nun wirklich keine Umverteilung darstellt.<br>\nZweitens wurden die Regels&auml;tze f&uuml;r Kinder unter 6 Jahren um 10% erh&ouml;ht und Alleinerziehende mit Kindern &uuml;ber 6 Jahren erhalten in bestimmten Konstellationen einen Mehrbedarf von 12 %. Dadurch werden in diesen Haushalten die allgemeinen K&uuml;rzungen mehr oder weniger ausgeglichen, eine nennenswerte Erh&ouml;hung der Leistungen wird aber auch nicht bewirkt. Drittens hat die Gruppe der jungen Erwachsenen gewonnen, die im Haushalt der Eltern leben, weil sie nach der neuen gesetzlichen Regelung ohne ihr Dazutun nicht nur als eigene Bedarfsgemeinschaft gelten, sondern auch einen Eckregelsatz erhalten, der 20 % h&ouml;her ist als der, den sie in der Sozialhilfe bekamen.<br>\nDas hat nichts mit leichtfertigen Umz&uuml;gen zu tun und ist deutlich von einer weiteren Neuregelung zu trennen, die verdienende, ja sogar gut verdienende Eltern von erwachsenen Kindern, die nicht mehr im Haushalt leben und sich nicht mehr in Ausbildung befinden, von der Unterhalts&uuml;berleitung befreit. Arme Eltern konnten da auch vorher schon nicht herangezogen werden. Aber die Auswirkung dieser Neuregelungen war angeblich nicht gewollt und wird den Betroffenen schon jetzt in einer Desinformationskampagne als Missbrauch in die Schuhe geschoben.<\/li>\n<li>Wer wissen will, f&uuml;r welche Bedarfe pro Tag und Monat die aktuellen Regels&auml;tze noch reichen, kann sich sehr anschaulich in der Brosch&uuml;re des Arbeitslosenzentrums Dortmund: &bdquo;Fragen und Antworten. Der Sozialhilferegelsatz und die Regelleistungen des ALG II\/Sozialgeldes&ldquo; vom Juni 2005 informieren.<br>\nF&uuml;r Alleinstehende betr&auml;gt der Tagessatz noch 11.50 &euro;. Er senkt sich f&uuml;r weitere Haushaltsmitglieder bis auf 6.90 &euro; f&uuml;r Kinder bis 14 Jahre. Davon sollen neben dem gesamten laufenden Lebensunterhalt R&uuml;cklagen f&uuml;r Haushaltsger&auml;te, Bekleidung, Energiekosten und Wohnungsrenovierung angespart werden. Wer diese Leistungen noch senken will, sollte doch einmal ganz konkrete Vorschl&auml;ge machen, bei welchen Bedarfspositionen das sein k&ouml;nnte, etwa bei den 4.42 &euro; im Regelsatz f&uuml;r t&auml;gliche Nahrung (2,65 &euro; bei Kindern) oder bei den 0, 62 &euro; (bei Kindern 0,37 &euro;) f&uuml;r die Benutzung eines Verkehrsmittels.<\/li>\n<li>Warum setzt sich Herr Germis mit diesen Daten und Argumenten nicht wenigstens auseinander?<br>\nWeil er zusammen mit Norbert Bertold, Wolfgang Franz , Hans-Werner Sinn und vielen anderen der &Ouml;konomenzunft, die Forderung begr&uuml;nden will, dass die Regels&auml;tze f&uuml;r Leistungsbezieher endlich sp&uuml;rbar gesenkt werden sollen, damit die L&ouml;hne endlich niedriger werden k&ouml;nnen und damit die dann fl&auml;chendeckend notwendigen &ouml;ffentlichen Lohnsubventionen (die sie dann vorhersehen, denn sie wollen ja nicht als Unmenschen dastehen!) nicht so teuer werden.<br>\nUnd warum kann Germis so ungehindert behaupten, es g&auml;be so viele Gewinner der Reform und vielleicht sogar noch selber daran glauben? Nein er braucht sich mit seiner Meinung nicht als kalt und unmenschlich zu f&uuml;hlen, denn er steht keineswegs alleine. Die rot &ndash; gr&uuml;ne Bundesregierung, vor allem die von Ulla Schmidt und Wolfgang Clement gef&uuml;hrten Ministerien, sogar noch unterst&uuml;tzt von dem der SPD nahe stehenden Wohlfahrtsverband AWO , und die Mehrzahl der Medien haben alles getan, um die Aufkl&auml;rung &uuml;ber das Existenzminimum und Informationen &uuml;ber dessen Ermittlung in Deutschland zu unterdr&uuml;cken.<br>\nDass die Sozialhilfeempf&auml;nger mehr bekommen, war nicht nur eine erfolgreiche Meinungsmanipulation des Jahres 2004, sondern ist die Voraussetzung, um weitere Absenkungen des Existenzminimums in den n&auml;chsten Jahren ungehindert durchsetzen zu k&ouml;nnen.<\/li>\n<\/ol><p>Helga Spindler\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Professorin Helga Spindler.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[140,183,11],"tags":[308,1542,214],"class_list":["post-228","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-existenzminimum","tag-faz","tag-regelsatz"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/228","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=228"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/228\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53609,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/228\/revisions\/53609"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=228"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=228"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=228"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}