{"id":2282,"date":"2007-04-24T08:15:33","date_gmt":"2007-04-24T06:15:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2282"},"modified":"2019-07-11T16:56:09","modified_gmt":"2019-07-11T14:56:09","slug":"bildungsreformen-ohne-verbesserungspotential","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2282","title":{"rendered":"Bildungsreformen ohne Verbesserungspotential"},"content":{"rendered":"<p>An allen Ecken und Enden wird das deutsche Bildungssystem &bdquo;reformiert&ldquo;. Ziel sei, so die einhelligen Verlautbarungen der Politik, eine Erh&ouml;hung der Chancengleichheit. Tats&auml;chlich jedoch ist mit Chancengleichheit l&auml;ngst nicht mehr, wie einst, die soziale Emanzipation einer Klasse, sondern lediglich noch die Wettbewerbsmobilmachung von Individuen gemeint. Mit der Konsequenz, dass Ungleichheit im Zuge solcher Ma&szlig;nahmen nicht etwa ab-, sondern vielmehr hinter dem politisch wie sozial blinden Konstrukt vermeintlicher &bdquo;Leistungsgerechtigkeit&ldquo; verschleiert, modernisiert und ausgebaut wird.  Ein Beitrag von Jens Wernicke.<br>\n<!--more--><br>\nDie Aussage, Bildung und Wissen seien f&uuml;r das individuelle Durchkommen in der heraufd&auml;mmernden &bdquo;Informationsgesellschaft&ldquo; immer wichtiger, ziert mittlerweile alle programmatischen Texte zur Bildungspolitik. J&uuml;rgen R&uuml;ttgers wird hierbei das gefl&uuml;gelte Wort zugeschrieben, dass &bdquo;Bildung die soziale Frage des 21. Jahrhunderts&ldquo; sei. <\/p><p>Mit solchen Aussagen und Konzepten werden jedoch de facto vor allem eine Neubewertung des Bildungssystems innerhalb des gesellschaftlichen Ensembles sowie eine Neujustierung der staatlichen Bildungsfinanzierung kolportiert.<br>\nGanz im Sinne der Politik und Konzepte der Weltbank und anderer transnationaler Akteure zielen solche Aussagen auf eine Reformagenda, die den Staat letztlich zuk&uuml;nftig auf die Aufgabe einer St&auml;rkung der Grundbildung beschr&auml;nkt, wohingegen die gehobenen Bildungssegmente mehr und mehr durch private Eigenbeteiligung marktf&ouml;rmig erschlossen werden sollen. <\/p><p>Diese Reformziele sind schon deshalb problematisch, weil sie in letzter Konsequenz auf eine Kompensation jeglicher Sozialpolitik durch Bildungspolitik hinausl&auml;uft. Unter dem Deckmantel der Etablierung von &bdquo;mehr Chancengleichheit&ldquo; im Bildungssystem findet eine &bdquo;Modernisierung von Auslesemechanismen&ldquo; statt.<\/p><p><strong>Chancengleichheit als Legitimationsfigur f&uuml;r soziale Ungleichheit<\/strong><\/p><p>Die aktuellen &bdquo;Verbesserungen&ldquo; im Bildungssystem folgen stets der Pr&auml;misse, dass, wenn an einer Stelle mehr ausgegeben, so an einer anderen mehr eingespart werden muss. Diese apolitische Grundhaltung, welche die Frage der gesellschaftlichen Ressourcenverteilung auf eine Umverteilung innerhalb einzelner Politikbereiche degradiert, hat unter anderem zur Folge, dass (auf der einen Seite) Studiengeb&uuml;hren eingef&uuml;hrt und an den Hochschulen weiter gek&uuml;rzt werden kann, w&auml;hrend (auf der anderen Seite) KiTas ausgebaut und mehr in Grundbildung investiert werden sollen. In diesem Sinne werden durch sie auch keine neuen Bildungsressourcen geschaffen, sondern lediglich bereits bestehende umverteilt: Im unteren Bildungsbereich wird perspektivisch wom&ouml;glich weniger, im oberen hingegen umso mehr &ldquo;selektiert&rdquo;.<\/p><p>Mit echter &bdquo;Chancengleichheit&ldquo; hat das wenig gemein. Tats&auml;chlich wird dieser Begriff seit etwa Mitte der 90er Jahre politisch nicht nur inflation&auml;r gebraucht, sondern mehr und mehr uminterpretiert und zugleich in einen neuen sozialpolitischen Kontext ger&uuml;ckt. <\/p><p>In einer sehr treffenden Formulierung kritisierte die ehemalige NRW-Ministerin f&uuml;r Bildung und Wissenschaft, Gabriele Behler (SPD), Tagung zum Thema &ldquo;Chancengleichheit&rdquo; die Karriere dieses Begriffes im Verh&auml;ltnis zur gesamten Geschichte ihrer Partei: &rdquo;Die Forderung nach Chancengleichheit im Bildungswesen war in den Anf&auml;ngen der Arbeiterbewegung ein zentrales Instrument, &uuml;ber den <sic> die Befreiung der ganzen sozialen Gruppe angestrebt wurde. Heute hat sich die Blickrichtung von der sozialen Klasse hin zum Individuum verschoben. Es geht jetzt bei der Forderung nach Chancengleichheit mehr um die bestm&ouml;gliche Ausstattung jedes Einzelnen&rdquo;. <\/sic><\/p><p>Diese Aussage verdeutlicht, dass es dem politisch momentan hegemonialen Begriff der &bdquo;Chancengleichheit&ldquo; l&auml;ngst nicht mehr um die soziale Emanzipation einer Klasse sondern vielmehr um die Wettbewerbsf&auml;higkeit von Individuen geht. Frei nach der Devise: In den KiTas werdet ihr alle unterst&uuml;tzt, wenn ihr hiernach in den Bereichen der h&ouml;heren Bildung versagt, es nicht an die Hochschulen schafft etc., habt ihr eure &bdquo;gleichen Chancen&ldquo; nicht hinl&auml;nglich genutzt.<\/p><p>In letzter Konsequenz l&auml;uft dies auf eine Begriffsumkehrung hinaus: In der Modernisierungsterminologie wird &bdquo;Chancengleichheit&ldquo; dazu benutzt, um soziale Ungleichheit, Staats- und Sozialabbau zu legitimieren. Denn Ungleichheit ist ebenso Voraussetzung wie auch st&auml;ndiges Resultat der Marktkonkurrenz, f&uuml;r welche die Individuen durch ein zu optimierendes Bildungssystem &bdquo;ausgestattet&ldquo; werden sollen. Soziale Unterschiede werden durch solcherlei &bdquo;Modernisierungen&ldquo; als &bdquo;Leistungsunterschiede&ldquo; verschleiert und entpolitisiert.<\/p><p><strong>Zunehmende Selektion im Hochschulbereich<\/strong><\/p><p>Und tats&auml;chlich zeigen die aktuellen Umgestaltungen im Hochschulwesen, dass fast jeder politische Impuls derzeit in Richtung einer solchen Versch&auml;rfung von Auslesemechanismen &ndash; nebst zunehmender Privatisierung &ndash; geht.<\/p><ol>\n<li>Relativ zeitgleich zur Studienreform mit Bachelor und Master werden in einer zunehmenden Zahl von Bundesl&auml;ndern Studiengeb&uuml;hren eingef&uuml;hrt, was die soziale Selektion versch&auml;rft.<\/li>\n<li>Seit dem 1. Januar 2005 wird zudem durch das 7. Gesetz zur &Auml;nderung des Hochschulrahmengesetzes (7. HRG&Auml;ndG) die Studienplatzvergabe aller zulassungsbeschr&auml;nkten Studieng&auml;nge neu geregelt. Das Gesetz sieht f&uuml;r diese nunmehr eine als 20-20-60-Regelung beschriebene Quotenverteilung vor: 20% der Studienpl&auml;tze gehen an die Abiturbesten, die sich ihre Wunschhochschule aussuchen k&ouml;nnen. 20% der Studienpl&auml;tze werden nach Wartezeit vergeben. Die Mehrzahl der Studienpl&auml;tze jedoch, 60% n&auml;mlich, werden in Zukunft von den Hochschulen selbst &ndash; also individuell &ndash; vergeben. Das bisher vorhandene &ldquo;Recht&rdquo; jedes Abiturienten und jeder Abiturientin also, nach gewisser (und zumutbarer) Wartezeit verbindlich einen Studienplatz zu erhalten, wird mittels Einf&uuml;hrung solcherlei Verteilungsproportionen so stark konterkariert, dass es de facto als abgeschafft bezeichnet werden muss.<\/li>\n<li>Bei der Umstellung auf so genannte Studien-Module und das ECTS- Kreditpunktesystem wird von fast allen Hochschulen nicht etwa wie vorgesehen der &ldquo;studentische Workload&rdquo; (damit ist die tats&auml;chliche Arbeitsbelastung der Studierenden in Stunden gemeint) dergestalt &ndash; und folglich richtig &ndash; berechnet, dass mehr Selbststudium und Eigenverantwortung erm&ouml;glicht wird, sondern so verfahren, dass fortan jedes Modul verpflichtend mit einer Klausur oder Pr&uuml;fung abzuschlie&szlig;en ist. Kurzum: Der Leistungsdruck der Studierenden wird vielerorts exorbitant erh&ouml;ht &ndash; weil viele Hochschulen weder Geld f&uuml;r noch Interesse an tats&auml;chlichen (also auch inhaltlichen) Reformen haben. Diese Erh&ouml;hung des Leistungsdrucks f&uuml;hrt erneut zu einer Verst&auml;rkung von (vor allem sozialer) Auslese und Selektion. Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekret&auml;r des Deutschen Studentenwerkes (DSW), bringt das Problem wie folgt auf den Punkt: &ldquo;Bachelor und Master bedeuten f&uuml;r die Studierenden, dass sie im Extremfall bis zu 50, 60 Stunden die Woche in der Hochschule verbringen m&uuml;ssen. Studierende, die gleichzeitig kleine Kinder zu versorgen haben, werden vor gro&szlig;en Herausforderungen stehen.&rdquo;<\/li>\n<li>Mit der Einf&uuml;hrung des ECTS-Systems schrieb die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) mittels einer saloppen Formulierung unter der &Uuml;berschrift &ldquo;Die Benotung&rdquo; in ihrer Entschlie&szlig;ung vom 10. Februar 2004 fest, die Notenvergabe der neu einzuf&uuml;hrenden Studieng&auml;nge werde fortan &ldquo;normalverteilt&rdquo;. Konkret bedeutet dass, dass ab sofort zwingend lediglich die &ldquo;besten&rdquo; 10% der Studierenden eine Eins, die n&auml;chsten 25% eine Zwei, die n&auml;chsten 30% eine Drei, die n&auml;chsten 25% eine Vier und die letzten 10% eine F&uuml;nf (hier gemessen in Noten von A bis E) erhalten (k&ouml;nnen), ganz unabh&auml;ngig davon, wieviel jeder und jede einzelne tats&auml;chlich &ldquo;absolut&rdquo; geleistet hat.<br>\nKonkret bedeutet dies, dass 90% der Studierenden auf gar keinen Fall &ldquo;sehr gute&rdquo; Leistungen zu erbringen verm&ouml;gen.<\/li>\n<li>Mit Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 10.10.2003 wurde festgelegt, dass der Bachelor zuk&uuml;nftig der &ldquo;Regelabschluss&rdquo; ist. Ergo: Dass der Masterabschluss fortan als &ldquo;Ausnahme&rdquo; anzusehen ist. Bitter erscheint in diesem Zusammenhang &uuml;brigens, dass viele Studierende und Studierendenvertretungen sich zwar ausdr&uuml;cklich gegen eine starre &Uuml;bergangsquote von beispielsweise 80:20 vom Bacherlor- zum Masterstudium wehren, nicht jedoch realisiert zu haben scheinen, dass es selbst ohne Quote zum einen stets nur 10% &ldquo;Beste&rdquo; (sowie ggf. noch 25% &ldquo;Zweitbeste&rdquo;) geben kann, und dass dar&uuml;ber hinaus qua neuer Studien- und Pr&uuml;fungsordnungen zum anderen eben ausschlie&szlig;lich diesen der Zugang zum Masterstudium vorbehalten bleibt.<\/li>\n<\/ol><p><em>Jens Wernicke ist Mitglied im SprecherInnenrat der StipendiatInnen der Rosa-Luxemburg-Stiftung und war zuletzt im Vorstand des freien zusammenschlusses von studentInnenschaften (fzs) e.V. aktiv.<\/em><br>\n<a href=\"http:\/\/www.jenswernicke.de.vu\">www.jenswernicke.de.vu<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An allen Ecken und Enden wird das deutsche Bildungssystem &bdquo;reformiert&ldquo;. 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