{"id":22845,"date":"2014-08-15T13:06:39","date_gmt":"2014-08-15T11:06:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22845"},"modified":"2014-08-15T14:04:51","modified_gmt":"2014-08-15T12:04:51","slug":"spd-kampf-um-die-mitte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22845","title":{"rendered":"SPD: Kampf um die Mitte"},"content":{"rendered":"<p>Seit einigen Tagen hat sich in der SPD  eine Debatte &uuml;ber die Wirtschaftsfreundlichkeit der Partei entwickelt. Den Auftakt dazu gab der nieders&auml;chsische Ministerpr&auml;sident Stephan Weil mit seinem Aufruf, die Partei solle sich nicht nur um Soziales k&uuml;mmern, sondern auch um die Erwirtschaftung unseres Wohlstandes &ndash; sonst werde sie bei Wahlen im 20-Prozent-Turm gefangen bleiben. &rdquo; Die SPD darf sich nicht damit zufriedengeben, sozusagen f&uuml;r das Soziale zust&auml;ndig  zu sein&rdquo; sagt Sigmar Gabriel dazu.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 Einen weiteren Akzent in diesem Zusammenhang setzte J&ouml;rg Asmussen, Staatssekret&auml;r im Bundesarbeitsministerium. Er pl&auml;dierte in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift &ldquo;Berliner Republik&rdquo; daf&uuml;r, der &ldquo;arbeitenden Mitte&rdquo; in Deutschland, &ldquo;neue und erweiterte Angebote&rdquo; zu machen. Die Politik der SPD d&uuml;rfe sich nicht in der Bek&auml;mpfung von Niedrigl&ouml;hnen ersch&ouml;pfen. Bei seinen Vorschl&auml;gen bleibt er allerdings vage.<br>\nMit dem neuen Begriff &ldquo;arbeitende Mitte&rdquo; soll offenbar von dem Begriff &ldquo;Neue Mitte&rdquo;, der einstigen Wortsch&ouml;pfung Gerhard Schr&ouml;ders,  abger&uuml;ckt werden. Er gilt in der Sozialdemokratie inzwischen als verp&ouml;nt. Von <strong>Walter Edenhofer<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n&ldquo;Mitte &ndash; das ist vor allem ein Kampfbegriff, den derjenige verwendet, der an die Macht will,&rdquo; sagte der damalige Umweltminister Sigmar Gabriel. Mit diesem Begriff seien alle gemeint, die jeden Tag arbeiten gehen, oder das gern wollen, alle Facharbeiter, Handwerker, Wissenschaftler und so weiter, und es sei beinahe aussagelos, da&szlig; man f&uuml;r diese riesige Gruppe Politik mache. In seiner Rede auf dem Dresdner Parteitag im November 2009 bezeichnete er die Arbeitnehmerschaft als &ldquo;soziale Mitte&rdquo; unserer Gesellschaft. <\/p><p>Die seinerzeitige  Strategie Gerhard Schr&ouml;ders, vor allem auf die &ldquo;Neue Mitte&rdquo; in der Gesellschaft zu setzen, aber dabei die Interessen der Kernw&auml;hlerschaft der SPD zu vernachl&auml;ssigen, stellte sich bei den nachfolgenden Wahlen als weittragender strategischer Fehler heraus. Es z&auml;hlt zu den Ironien der Geschichte, da&szlig; sich Gerhard Schr&ouml;der von der&rdquo;Neuen Mitte&rdquo; erst w&auml;hlen lie&szlig; und sie dann als Kanzler mit Ver&auml;nderungen konfrontierte, die zu viel Unsicherheit und Abstiegsangst f&uuml;hrten. <\/p><p>Eine Studie  des Deutschen Instituts der Deutschen Wirtschaft (DIW), zeigt, da&szlig; die Mittelschicht in Deutschland nicht gewachsen, sondern geschrumpft  ist. W&auml;hrend im Jahre 2000 noch 62 Prozent der Menschen zur Gruppe der Durchschnittsverdiener geh&ouml;rten, waren es 2006 nur noch 54 Prozent. Das Armutsrisiko hat sich in Deutschland nicht nur f&uuml;r Arbeitslose erh&ouml;ht, die infolge der Hartz-Reformen auf ein niedrigeres Einkommen angewiesen sind. Auch f&uuml;r die Mittelschicht ist die Gefahr des sozialen Abstiegs und der existenziellen Unsicherheit gr&ouml;&szlig;er geworden.<\/p><p>Das liegt vor allem daran, da&szlig; sich viele Menschen in keinem gesicherten Vollzeitarbeitsverh&auml;ltnis mehr befinden. So hatten 2012 nur noch 66 Prozent aller Erwerbst&auml;tigen einen unbefristeten Arbeitsvertrag mit mehr als 20 Stunden in der Woche. Zehn Jahre zuvor lag der Anteil noch bei 72,6 Prozent. Befristete Arbeitsvertr&auml;ge, Niedrigl&ouml;hne, schlecht bezahlte Teilzeit-und Leiharbeit, Scheinselbst&auml;ndige und Entlohnung auf Honorarabasis &ndash; so sieht f&uuml;r immer mehr Besch&auml;ftigte, auch f&uuml;r hochqualifizierte, die Arbeitswelt inzwischen aus. Vor allem einem Teil der j&uuml;ngeren, gut ausgebildeten Generation wird so die Perspektive f&uuml;r berufliche Entfaltung, Selbstbehauptung und soziale Sicherheit genommen.<\/p><p>Auch mit den gesellschaftlichen Lebensverh&auml;ltnissen sind die Deutschen nur m&auml;&szlig;ig zufrieden. Befragt nach der heutigen pers&ouml;nlichen Situation im Vergleich zu der vor f&uuml;nf Jahren, glaubt die Mehrheit der Deutschen eine Verschlechterung zu erkennen. Nur 26  Prozent der deutschen Bev&ouml;lkerung gaben an, da&szlig; sich ihre Lage sich heute positiver als zuvor gestalte. Die Unzufriedenheit der mittleren und h&ouml;heren Angestellten mit ihrem pers&ouml;nlichen Einkommen, mit ihren Aufstiegschancen und ihrer Arbeitsplatzssicherheit ist in den 90er Jahren gewachsen. Sorgen im Hinblick auf Abstieg, Arbeitslosigkeit und Einkommensverlust finden sich zwar unter un- und angelernten Arbeitern immer noch bedeutend h&auml;ufiger als in der gesellschaftlichen Mitte. Dort breiten sie sich aber aus. Von den gehobenen Angestellten &auml;usserten 1988 erst 4,7 Prozent, 1998 schon 13, 4 Prozent die Bef&uuml;rchtung, arbeitslos zu werden oder zumindest die Arbeitsstelle wechseln zu m&uuml;ssen. Unzufriedenheit und &Auml;ngste dringen allm&auml;hlich in die gesellschaftliche Mitte vor. <\/p><p>Unsichere Erwerbsfomen und prek&auml;re Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse sind seit den 90er Jahren zunehmend in die politische und gesellschaftliche Diskussion geraten. Dazu werden Befristungen, geringf&uuml;gige Besch&auml;ftigungen und die sogenannte Scheinselbstst&auml;ndigkeit gez&auml;hlt. Es sind besonders h&auml;ufig die j&uuml;ngeren Mitglieder der gesellschaflichen Mitte, die heute in unsicher geltenden Besch&auml;ftigunsarten arbeiten. Der Nachwuchs der Mitte steigt unter denkbar prek&auml;ren Bedingungen ins Berufsleben ein, trotz akademischer Ausbildung. <\/p><p>Neben dem Risiko der Arbeitslosigkeit berichten Arbeitnehmer der gesellschaftlichen Mitte immer mehr von zunehmenden Druck und sich versch&auml;rfenden Arbeitsbedingungen. Die Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen ist im Laufe der neunziger Jahre in nahezu allen Berufsgruppen gesunken.  Die gesellschaftliche Mitte verk&ouml;rpert nicht mehr durchweg die Aufstiegshoffnungen unterer Schichten, wie das nach dem zweiten Weltkrieg einmal war.<\/p><p>Die SPD kennt In ihrem Grundsatzprogramm die Begriffe &ldquo;Neue Mitte&rdquo; oder &ldquo;arbeitende Mitte&rdquo;  nicht. Sie will den gesellschaftlichen Dialog mit allen gesellschaftlichen Gruppen  und strebt im Programm an, &ldquo;da&szlig; wir &uuml;ber die Zukunft der Sozialdemokratie nicht von oben herab, sondern aus der Mitte der Gesellschaft heraus diskutieren.&rdquo; Mit einer &ldquo;solidarischen Mehrheit&rdquo;  will die SPD f&uuml;r ihre Positionen in Deutschland und in Europa k&auml;mpfen (Hamburger Grundsatzprogramm).<\/p><p><strong>Was w&auml;re zu tun?<\/strong><\/p><p>Eine Ver&auml;nderung der Mentalit&auml;ten derjenigen Schichten, die sich bedroht f&uuml;hlen, kann durch Reden und blo&szlig;en Appellen allein nicht gelingen.  Es kommt vielmehr darauf an,  m&ouml;glichst viele Menschen im Erwerbsleben nach Ma&szlig;gabe ihrer objektiven F&auml;higkeiten, ihrer erbrachten Leistungen und ihres Engagements durch entsprechende Ma&szlig;nahmen zu f&ouml;rdern und Chancengleichheit f&uuml;r sie zu entwickeln. Mit einem neuen Programm zur Humanisierung des Arbeitslebens k&ouml;nnte die SPD einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen leisten.<\/p><p>Besonders wichtig und vordringlich sind  Ma&szlig;nahmen auf dem Gebiet der Weiterbildung f&uuml;r alle Erwerbst&auml;tigen. Gerade im Hinblick auf die Verl&auml;ngerung der Lebensarbeitszeit gilt es, angemessene Strukturen der beruflichen Weiterbildung &ndash; bis hin zum &ldquo;lebenslangen Lernen&rdquo; zu schaffen.<\/p><p>Eine Politik f&uuml;r die gesellschaftliche Mitte und f&uuml;r eine solidarische Mehrheit mu&szlig; eine Politik mit ihr sein, sie darf nicht ohne sie fomuliert werden oder &ldquo;&uuml;ber&rdquo; sie bestimmen. Die SPD sollte deshalb einen Ordnungsrahmen schaffen, in dem die Arbeitnehmerschaft mit ihren fachlichen, sozialen und kulturellen M&ouml;glichkeiten Teilhaberechte bekommt und damit auch die wirtschaftspolitische Kompetenz  der Partei st&auml;rkt.<\/p><p>Alle Parteien umwerben die Mittelschicht. Beim Werben um die Mitte darf die SPD nicht vergessen, wo sie herkommt. Sie ist der sozialen Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Solidarit&auml;t verpflichtet.  Solidarit&auml;t schafft Macht zur politischen Ver&auml;nderung, das ist die Erfahrung der Arbeiterbewegung.  Willy Brandt warnte schon 1981 vor dem Versuch, die  Kernw&auml;hler der Partei gegen neue Schichten auszuspielen: &ldquo;Es ist blanke Illusion, in einer Gesellschaft, in der der Arbeiteranteil sinkt, auf neue Schichten verzichten zu k&ouml;nnen. Und doch bleibt gleichzeitig richtig, da&szlig; es nur mit  der Arbeiterschaft eine gesunde und kraftvolle Sozialdemokratie gibt.&rdquo;<\/p><p>Die gro&szlig;e gesellschaftliche Mehrheit das ist die arbeitende Bev&ouml;lkerung: 85 Prozent aller Erwerbst&auml;tigen sind Arbeiter, Angestellte, Beamte, Handwerker, auch Selbst&auml;ndige in den verschiedensten Berufen. Deren Interessen zu b&uuml;ndeln und zu einer  solidarischen Mehrheit zusammenzuf&uuml;hren und zu einer politischen Kraft zu entwickeln,  das w&auml;re die Aufgabe der Sozialdemokratie: Anw&auml;ltin der Menschen zu sein, die auch unter ver&auml;nderten Bedingungen auf einen leistungsf&auml;higen Sozialstaat  in einer wirklich sozialen Marktwirtschaft angewiesen sind.    <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einigen Tagen hat sich in der SPD eine Debatte &uuml;ber die Wirtschaftsfreundlichkeit der Partei entwickelt. Den Auftakt dazu gab der nieders&auml;chsische Ministerpr&auml;sident Stephan Weil mit seinem Aufruf, die Partei solle sich nicht nur um Soziales k&uuml;mmern, sondern auch um die Erwirtschaftung unseres Wohlstandes &ndash; sonst werde sie bei Wahlen im 20-Prozent-Turm gefangen bleiben. &rdquo;<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22845\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[206,146,191],"tags":[401,854,288,411],"class_list":["post-22845","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-chancengerechtigkeit","category-soziale-gerechtigkeit","category-spd","tag-gabriel-sigmar","tag-mittelschicht","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-schroeder-gerhard"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22845","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22845"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22845\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22847,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22845\/revisions\/22847"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22845"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22845"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22845"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}