{"id":22863,"date":"2014-08-18T12:54:51","date_gmt":"2014-08-18T10:54:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22863"},"modified":"2015-10-25T11:32:53","modified_gmt":"2015-10-25T10:32:53","slug":"spiegel-online-und-der-phantom-konvoi-hysterie-luegen-und-heuchelei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22863","title":{"rendered":"SPIEGEL Online und der Phantom-Konvoi &#8211; Hysterie, L\u00fcgen und Heuchelei"},"content":{"rendered":"<p>Als SPIEGEL Online am Freitag gegen 17:20 mit der Eilmeldung &bdquo;Ukraine: Truppen greifen russischen Konvoi an&ldquo; herauskam, rutschte sicher zahllosen Lesern das Herz in die Hose. Zum Gl&uuml;ck stellte sich diese Meldung weniger sp&auml;ter als Falschmeldung heraus. SPIEGEL Online hatte offenbar eine Verlautbarung der ukrainischen Regierung ohne jeden weiteren Beleg als Tatsache dargestellt und kr&auml;ftig Hysterie gesch&uuml;rt. Einen Tag danach war es an SPIEGEL-Autor Christian Neef, in die Vorw&auml;rtsverteidigung zu gehen, und den von seinen Online-Kollegen gemeldeten Angriff in einem heuchlerischen Dementi zu relativieren. Ein St&uuml;ck aus dem Tollhaus. Von <strong>Jens Berger<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9425\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-22863-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140818_SPIEGEL_Phantom_Konvoi_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140818_SPIEGEL_Phantom_Konvoi_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140818_SPIEGEL_Phantom_Konvoi_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140818_SPIEGEL_Phantom_Konvoi_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=22863-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140818_SPIEGEL_Phantom_Konvoi_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"140818_SPIEGEL_Phantom_Konvoi_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140818_SPON_01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Was war passiert? In der Nacht von Donnerstag auf Freitag beobachteten zwei britische Journalisten vom Guardian und vom Telegraph und ein russischer Journalist vom Magazin &bdquo;The New Times&ldquo;, was ihrer Meinung nach ein &Uuml;bertritt der russisch-ukrainischen Grenze von einer Kolonne mit 23 Fahrzeugen (Sch&uuml;tzenpanzer und Begleit-LKWs) war. W&auml;hrend die beiden britischen Kollegen mit &bdquo;Belegen&ldquo; geizten, <a href=\"http:\/\/www.newtimes.ru\/articles\/detail\/85685\">ver&ouml;ffentlichte<\/a> der russische Journalist Sergej Hasow-Kasija zumindest vier Photos, die jedoch von derart schlechter Qualit&auml;t sind, dass sie kaum als Beleg f&uuml;r irgendetwas durchgehen k&ouml;nnen. Gut m&ouml;glich, dass die drei Journalisten eine russische Grenzkontrolle beobachtet haben und selbst nicht genau wussten, wo die Grenze genau verl&auml;uft &ndash; dies behauptet zumindest die offizielle russische Seite. Alle anderen Interpretationen sind angesichts der mauen Belege hoch spekulativ.<\/p><p>Dieser &bdquo;Phantom-Konvoi&ldquo; soll nun in der gleichen Nacht auf ukrainischem Gebiet durch Artillerie der ukrainischen Regierungstruppen zum Teil vernichtet worden sein. Dies <a href=\"http:\/\/www.theguardian.com\/world\/2014\/aug\/15\/ukraine-claims-destroyed-russian-military-vehicles-crossed-border\">behauptete<\/a> am Freitagnachmittag zumindest der ukrainische Pr&auml;sident Poroschenko in einer Pressemitteilung und einem Telefongespr&auml;ch mit dem britischen Premier David Cameron. Auch Poroschenko hat jedoch nicht den geringsten Beleg, der seine Aussage st&uuml;tzt. Es gibt keine Filmaufnahmen, keine Photos, keine Augenzeugenberichte, geschweige denn Satellitenbilder aus dem Pentagon oder &auml;hnliches. Dass offizielle Pressemeldung der ukrainischen Regierung meist den Wahrheitsgehalt einer Aussage des Barons von M&uuml;nchhausen haben, ist auch Journalisten bekannt. Und wenn diese Meldungen ohne Belege daherkommen, ist besondere Obacht geboten. Wie man sich journalistisch mit einer solch fragw&uuml;rdigen Meldung zumindest nicht angreifbar machen kann, beweist der britische Guardian, der am Freitagnachmittag zeitgleich zu SPIEGEL Online &bdquo;Ukrainischer Pr&auml;sident behauptet, dass russische Fahrzeuge, die die Grenze &uuml;berschritten haben, zerst&ouml;rt wurden&ldquo; titelte.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140818_SPON_02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Von britischem Understatement und journalistischer Akkuratesse halten die Boulevard-Marktschreier von SPIEGEL Online bekanntlich nichts. Nicht nur, dass SPIEGEL Online Poroschenkos Behauptung als Fakt darstellt &ndash; man bedient sich, sicherlich nicht ohne Vorsatz, auch noch der Methode &bdquo;Verwirrung&ldquo;, indem man zun&auml;chst offen l&auml;sst, dass es sich bei den vermeintlich abgeschossenen Fahrzeugen, nicht um den viel diskutierten Hilfskonvoi aus Russland handelt. F&uuml;r jeden Leser, der nicht am selben Tag den Guardian oder den Telegraph gelesen hat (und das d&uuml;rfte die absolute Mehrheit sein), muss sich bei der &Uuml;berschrift &bdquo;Truppen greifen russischen Konvoi an&ldquo; die Vorstellung einschleichen, dass es sich um einen Angriff auf den Hilfskonvoi handelt &ndash; also um eine milit&auml;rische Eskalation, die sehr wahrscheinlich zu einem hei&szlig;en Krieg zwischen Russland und der Ukraine gef&uuml;hrt h&auml;tte. Hysterie? Fahrl&auml;ssige T&auml;uschung? Oder gar vors&auml;tzliche T&auml;uschung?<\/p><p>Interessant in diesem Zusammenhang ist eine Meldung von SPIEGEL Online auf Facebook. Auf die Frage eines Lesers, ob SPIEGEL Online denn &bdquo;konkrete Belege&ldquo; h&auml;tte, dass russische Truppen die Grenze zur Ukraine &uuml;berschritten h&auml;tten, antwortet SPIEGEL Online rabulistisch, ob es denn &bdquo;eigentlich konkrete Belege g&auml;be, dass dem nicht so sei&ldquo;.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140818_SPON_03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>F&uuml;r den Online-Ableger eines &ndash; zumindest nach Eigendarstellung &ndash; seri&ouml;sen Nachrichtenmagazins ist eine solche Antwort nat&uuml;rlich ein Offenbarungseid. Man spekuliert munter drauf los, &uuml;berpr&uuml;ft Nachrichten nicht auf deren Wahrheitsgehalt, verbreitet mutwillig Hysterie und sch&uuml;rt damit das Feuer, aus dem ein Krieg zwischen West und Ost entfachen k&ouml;nnte. Schon beinahe tragikomisch liest sich da das &bdquo;Dementi&ldquo;, dass SPIGEL-Autor Christian Neef (Print-SPIEGEL und nicht SPIEGEL-Online) am Samstag <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/ukraine-und-militaerkonvoi-gab-es-einen-angriff-a-986481.html\">ver&ouml;ffentlichte<\/a>. Darin rechtfertigt Neef in Grundz&uuml;gen das Vorgehen seiner Kollegen (Agenturen und andere Onlinedienste titelten schlie&szlig;lich auch &bdquo;Milit&auml;rintervention in der Ukraine&ldquo;), gesteht aber gleichzeitig ein, dass &bdquo;so manche Mitteilung der Kiewer Milit&auml;rs nicht stimmt&ldquo;. Wie passt das zusammen? Wenn man doch wei&szlig;, dass Meldung aus Kiew den Wahrheitsgrad einer Scripted-Reality-Show von RTL haben, dann ist dies doch erst recht ein Grund, Vorsicht walten zu lassen. Und sich dann als reichweitenst&auml;rkstes deutsches Online-Portal mit &bdquo;Das haben die anderen doch auch gemacht&ldquo; herauszureden, ist unw&uuml;rdig und besch&auml;mend.<\/p><p>Besonders vielsagend ist dabei die Ausrede Neefs, nach der auch Nato-Generalsekret&auml;r Anders Fogh Rasmussen &bdquo;in seiner wie &uuml;blich vorpreschenden Art sofort den &acute;Einfall&acute; der russischen Armee in die Ostukraine &acute;best&auml;tigte&acute;&ldquo;. Na wenn Herr Fogh Rasmussen das sagt, muss es ja stimmen. Fogh Rasmussen wei&szlig; ja schlie&szlig;lich auch, dass &bdquo;Putin&ldquo; die europ&auml;ische Umweltschutzgruppen <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!140909\/\">unterst&uuml;tzt<\/a>, um gegen Fracking mobil zu machen. Fogh Rasmussen <a href=\"http:\/\/ekstrabladet.dk\/nyheder\/politik\/article4281183.ece\">wusste auch ganz genau<\/a>, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen hatte, und auch ansonsten ist sich die oberste NATO-Propagandaschleuder f&uuml;r keine L&uuml;ge zu fein, sofern diese L&uuml;ge geeignet ist, die Konfrontation zwischen West und Ost anzuheizen. &Uuml;berfl&uuml;ssig zu erw&auml;hnen, dass Fogh Rasmussen f&uuml;r den &bdquo;Einfall der russischen Armee&ldquo; genau so wenig Belege vorzuweisen hatte, wie f&uuml;r Putins &bdquo;Anti-Fracking-Kampagne&ldquo; oder einst Saddams Massenvernichtungswaffen.<\/p><p>Im Krieg stirbt die Wahrheit immer zuerst. In einer demokratischen Gesellschaft sollte es jedoch Aufgabe der Medien sein, L&uuml;gen zu benennen und nicht L&uuml;gen zu verbreiten oder gar in Umlauf zu bringen. SPIEGEL Online scheitert an diesem Ma&szlig;stab.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/ec0ab4fce7ea42f3a137ed4d291cb6a2\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als SPIEGEL Online am Freitag gegen 17:20 mit der Eilmeldung &bdquo;Ukraine: Truppen greifen russischen Konvoi an&ldquo; herauskam, rutschte sicher zahllosen Lesern das Herz in die Hose. Zum Gl&uuml;ck stellte sich diese Meldung weniger sp&auml;ter als Falschmeldung heraus. 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