{"id":22976,"date":"2014-08-27T10:11:20","date_gmt":"2014-08-27T08:11:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22976"},"modified":"2019-01-30T10:39:17","modified_gmt":"2019-01-30T09:39:17","slug":"rezension-die-transparenz-hoelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=22976","title":{"rendered":"Rezension: Die Transparenz-H\u00f6lle"},"content":{"rendered":"<p>Der amerikanische Autor Dave Eggers hat einen Roman &uuml;ber ein fiktives, weltweit operierendes IT-Unternehmen namens Circle geschrieben, das wie eine Verschmelzung von Facebook, Apple, Google, Amazon und Twitter anmutet. <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> hat das Buch gelesen.<br>\n<!--more--><br>\nIch m&ouml;chte den Leserinnen und Lesern der <em>Nachdenkseiten<\/em> ein Buch zur Lekt&uuml;re empfehlen, das ich gerade mit einer Mischung aus Faszination und Schaudern gelesen habe. Die Rede ist vom neuen Roman von Dave Eggers, welcher <em>Der Circle<\/em> hei&szlig;t und dieser Tage im Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch erschienen ist. Er vermittelt uns tiefe Einblicke in die Mechanismen der Kontrollgesellschaft und eine digitale Zukunft, die in den USA &ndash; und nicht nur dort &ndash; bereichsweise schon Gegenwart sind. Im Zentrum des Romans steht ein weltbeherrschendes IT-Unternehmen, das wie aus Google, Amazon, Facebook und Twitter zusammengesetzt scheint. Circle hat einen Anteil von 90 Prozent am Suchmaschinenmarkt, 88 Prozent am Freemail-Markt, 92 Prozent am SMS-Markt. Wer hier Einlass findet &ndash; und Mae Holland, die Hauptfigur des Romans &ndash; erlebt das als Erf&uuml;llung ihrer k&uuml;hnsten Tr&auml;ume und wie die Erhebung in den digitalen Adelsstand -, betritt eine Transparenz-H&ouml;lle mit der Pflicht zu st&auml;ndiger guter Laune und Gesundheit. Das <em>Smiley<\/em> und das Service-L&auml;cheln beherrschen die Kommunikation mit den Kunden und den Umgang untereinander. Alle sind permanent &bdquo;gut drauf&ldquo;, wer es nicht ist, erregt Verdacht. Die Mitarbeiter der von Eggers erfundenen Firma <em>Circle<\/em> tragen samt und sonders Armb&auml;nder, die permanent Daten &uuml;ber den K&ouml;rper erheben und an eine Gesundheitszentrale senden, die sie auswertet. Ein in den K&ouml;rper aufgenommener Sensor sammelt Daten &uuml;ber Herzfrequenz, Blutdruck, Cholesterin, W&auml;rmefluktuation, Kalorienverbrauch, Kalorienaufnahme, Schlafdauer, Schlafqualit&auml;t, Verdauungseffizienz und so weiter. In der Firma l&auml;uft ein Entwicklungsprojekt, das mit Hochdruck daran arbeitet, das M&auml;andern der Tr&auml;ume zu begradigen und den Schlaf dem Prinzip der N&uuml;tzlichkeit und Effizienz zu unterstellen. Wir sollen nachts nicht l&auml;nger wunsch- und lustbetont umherschweifen, sondern weiter an Probleml&ouml;sungen arbeiten. Alle vierzehn Tage werden alle Mitarbeiter in die firmeneigene Klinik zum Check einbestellt. Die &bdquo;Work-Life-Balance&ldquo; eines jeden wird st&auml;ndig kontrolliert. Es soll auf diesem Weg zu ernsten Krankheiten gar nicht erst kommen. Die Rundum-&Uuml;berwachung der Welt und die universelle Sichtbarkeit und Transparenz sollen die Kriminalit&auml;t und den Kindesmissbrauch zum Verschwinden bringen. Kinder werden serienm&auml;&szlig;ig mit Chips ausgestattet, die ihre st&auml;ndige Ortung und &Uuml;berwachung erm&ouml;glichen. Die ganze Welt wird mit winzigen Kameras verwanzt. Von &uuml;berall aus kann man sehen, was auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking los ist, ob beim Lieblings-Italiener Platz ist oder das Fitnesscenter &uuml;berf&uuml;llt ist. Mae, die Heldin des Romans, wird gelegentlich vor irgendwelche Kontrollgremien geladen und muss sich rechtfertigen, warum sie an irgendwelchen Events nicht teilgenommen und sich der Circle-Gemeinschaft entzogen hat, die wie eine religi&ouml;se Sekte organisiert ist. Arbeit und Leben bilden eine Einheit, die Circler arbeiten, essen, feiern gemeinsam, sie suchen firmeneigene Fitnesscenter auf und kaufen in L&auml;den ein, die zu Circle geh&ouml;ren. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter n&auml;chtigen in einem Wohnheim, dass sich auf dem &bdquo;Campus&ldquo; befindet. <\/p><p>&bdquo;Alles sehen. Immer&ldquo;, &bdquo;Alles, was passiert, muss bekannt sein&ldquo;, lauten zwei der Firmen-Maximen. Alle sind von zig Bildschirmen umgeben, jeder &uuml;berwacht jeden, jeder ist sein eigenes Panoptikum, und alle erleben diese &Uuml;berwachung als intimste ihrer Leidenschaften. Die Mitglieder von Circle konkurrieren in einem st&auml;ndigen Ranking miteinander und erleben ihren Aufstieg von Platz 4798 auf 3879 der Firmenhierarchie als gr&ouml;&szlig;tes Gl&uuml;ck. Alle sind &bdquo;fokussiert&ldquo; und &bdquo;organisiert&ldquo; und voll bei der Circle-Sache, die sie zu ihrer eigenen gemacht haben. Auf einer gro&szlig;en Firmen-Versammlung erkl&auml;rt sich die Kongressabgeordnete Olivia Santos bereit, als erste Politikerin ab sofort eine st&auml;ndig laufende Kamera an ihrem K&ouml;rper zu tragen, die jede ihrer Besprechungen, jede ihrer Bewegungen, jedes Wort von ihr der &Ouml;ffentlichkeit zug&auml;nglich macht. Nur so lasse sich das Ziel vollst&auml;ndiger Transparenz in der Politik verwirklichen. Wer sich unter diesen Bedingungen nicht mir ihr treffen wolle, k&ouml;nne sich eben nicht mit ihr treffen. Santos l&ouml;st durch ihr Pilotprojekt eine wahre Transparenz-Stampede unter Politikern aus. Wer es ablehnt, sich mit einer Circle-Kamera ausstatten zu lassen, gilt als jemand, der Transparenz scheut: &bdquo;Wenn du nicht transparent bist, was hast du zu verbergen?&ldquo;<\/p><p>Irgendwann wird Mae Holland ausgew&auml;hlt, selbst eine dieser Minikameras zu tragen und das Ideal der Transparenz f&uuml;r alle Circle-User vorzuleben. Vor einem begeistert akklamierenden Publikum verk&uuml;ndet sie die Circle-Leits&auml;tze: &bdquo;Geheimnisse sind L&uuml;gen&ldquo; und &bdquo;Alles Private ist Diebstahl&ldquo;. Mae glaubt an das, was sie da verk&uuml;ndet. Zwischen ihr und dem Programm der Unternehmensf&uuml;hrung, die Eggers die &bdquo;drei Wiesen&ldquo; nennt, gibt es eine vollst&auml;ndige &Uuml;bereinstimmung. &bdquo;Geheimnisse f&uuml;hren zu antisozialem, unmoralischem und destruktivem Verhalten.&ldquo;<\/p><p>Als Mae ihre Eltern besucht, trifft sie dort ihren ehemaligen Freund Mercer an, der in ihrem Heimatort geblieben ist und weiter Kronleuchter herstellt und verkauft und das Auslaufmodell der Real&ouml;konomie und des analogen Menschen verk&ouml;rpert. &bdquo;Wenn die Kunden sie ordern, stelle ich sie her und werde daf&uuml;r bezahlt. Wenn ein Kunde anschlie&szlig;end etwas zu sagen hat, kann er mich anrufen oder mir schreiben. Ich meine, das ganze Zeug, mit dem du zu tun hast, das ist alles Klatsch und Tratsch.&ldquo; Mae hatte in ihrem Heimatort bei den Strom- und Gaswerken gearbeitet, ein Job, der ihr inzwischen wie der Inbegriff provinzieller Mittelm&auml;&szlig;igkeit vorkommt und dessen sie sich sch&auml;mt. Mercer sp&uuml;rt, dass Mae in eine andere Welt eingetaucht ist und sich ihm entfremdet hat. Durch seinen Mund artikuliert sich die alte Welt, wo Menschen richtige Dinge herstellten und in leiblicher Anwesenheit miteinander sprachen. &bdquo;Kein Mensch braucht diese Menge an Kontakt, die ihr erm&ouml;glicht. Das verbessert nichts. Es ist nicht gesund. Es ist wie Junkfood.&ldquo;<\/p><p>Eggers schreibt engagierte Literatur. In seinem im Jahr 2008 auf Deutsch erschienenen Roman <em>Weit gegangen<\/em> schildert er die Odysse des Valentino Achak Deng, der mit sieben Jahren aus seiner Heimat Sudan flieht und &uuml;ber &Auml;thiopien und Kenia schlie&szlig;lich in den USA landet, wo Eggers ihn kennenlernt und ihm zuh&ouml;rt. In dem Roman <em>Zeitoun<\/em> erz&auml;hlt Eggers die Geschichte des aus Syrien stammenden Abdulrahman Zeitoun, der nach dem Hurrikan Katrina ohne eigenes Zutun und vollkommen unschuldig ins Visier der amerikanischen Terror-Fahnder ger&auml;t und M&uuml;he hat, sich ihrem Zugriff wieder zu entziehen.  Im Roman <em>Ein Hologramm<\/em> f&uuml;r den K&ouml;nig erz&auml;hlt Eggers die Geschichte von Alan Clay, der im Auftrag eines gro&szlig;en amerikanischen Telekommunikations-Unternehmens mit einem Team von Mitarbeitern in die W&uuml;ste Saudi-Arabiens entsandt worden ist, um eine von K&ouml;nig Abdullah geplante Retortenstadt mit einem IT-System auszustatten und schlie&szlig;lich von chinesischen Billiganbietern ausgebootet wird. In all diesen B&uuml;chern bewegt sich Eggers dicht an der gesellschaftlichen Realit&auml;t der Gegenwart. Er will aufkl&auml;ren, uns die Augen &ouml;ffnen und etwas bewirken. Ob das, was dabei herauskommt, gro&szlig;e Kunst ist, ist dabei zweitrangig. Es gibt sicher Schriftsteller, die eleganter formulieren. Eggers pfeift auf die Geb&auml;rde, die man Stil nennt. Es geht ihm in erster Linie um die Inhalte, nicht um die Sch&ouml;nheit und den Wohlklang der S&auml;tze. J&ouml;rg H&auml;ntzschel hat in der <em>S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/em> moniert, Eggers schildere die Zukunft mit den erz&auml;hlerischen Mitteln der Vergangenheit. Woher sollen wir die Ma&szlig;st&auml;be unseres Urteilsverm&ouml;gens und der Kritik beziehen, wenn nicht aus der Erfahrung der Differenz und Ungleichzeitigkeit? Nur der, der erinnert, dass es einmal anders war, kann sich eine Zukunft vorstellen, die mehr ist als die Verl&auml;ngerung unserer trostlosen Gegenwart. Alles wird gegenw&auml;rtig von der marktwirtschaftlichen <em>Furie des Verschwindens<\/em> ergriffen. Was einem bleibt, ist, sich zum Chronist des Verschwindens und der Zerst&ouml;rung zu machen, oder man spitzt die Tendenzen der Gegenwart bis zur Kenntlichkeit zu, in der Hoffnung, dass diese Beschreibung Nachdenken und Widerstand ausl&ouml;st. Wer in der digitalen Welt aufgewachsen ist, wer schon als Dreij&auml;hriger irgendwelche Kinder-Apps auf seinem Tablet-Computer hatte und mit den Fingern auf dem Smartphone herumgewischt hat, wird sich irgendwann &uuml;ber nichts mehr wundern und diese Welt f&uuml;r die einzig m&ouml;gliche halten. Die Differenz ist getilgt, die Ungleichzeitigkeit ist der Gleichzeitigkeit gewichen, die keinen Dissens mehr aufkommen und jede Kritik verstummen l&auml;sst. Wir werden uns also ranhalten m&uuml;ssen, denn viel Zeit wird uns nicht bleiben. In ein paar Jahren, schreibt Imre Kert&eacute;sz in seinem Buch <em>Ich &ndash; ein anderer<\/em>, &bdquo;wird sich alles, alles &auml;ndern &ndash; die Menschen, die H&auml;user, die Stra&szlig;en; die Erinnerungen werden eingemauert, die Wunden zugebaut sein, der moderne Mensch mit seiner ber&uuml;chtigten Flexibilit&auml;t wird alles vergessen haben, wird den tr&uuml;ben Bodensatz seiner Vergangenheit wegfiltern, als w&auml;r&rsquo;s Kaffeesatz.&ldquo;<\/p><p><strong>Dave Eggers, Der Circle<\/strong>, Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann<br>\nISBN: 978-3-462-04675-5<br>\nErschienen am: 14.08.2014 bei Kiepenheuer &amp; Witsch<br>\n560 Seiten, gebunden, Preis: 22,99 &euro;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der amerikanische Autor Dave Eggers hat einen Roman &uuml;ber ein fiktives, weltweit operierendes IT-Unternehmen namens Circle geschrieben, das wie eine Verschmelzung von Facebook, Apple, Google, Amazon und Twitter anmutet. <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> hat das Buch gelesen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[184,208,154],"tags":[1112,1554,1113],"class_list":["post-22976","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ueberwachung","category-rezensionen","category-wichtige-debatten","tag-buergerrechte","tag-orwell-2-0","tag-soziale-medien"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22976","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=22976"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22976\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48841,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/22976\/revisions\/48841"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=22976"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=22976"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=22976"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}