{"id":23047,"date":"2014-08-29T16:17:52","date_gmt":"2014-08-29T14:17:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23047"},"modified":"2019-05-19T13:04:07","modified_gmt":"2019-05-19T11:04:07","slug":"die-bekaempfung-des-sogenannten-islamischen-staates-liegt-allein-in-der-hand-der-betroffenen-staaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23047","title":{"rendered":"Die Bek\u00e4mpfung des sogenannten \u201eIslamischen Staates\u201c liegt allein in der Hand der betroffenen Staaten"},"content":{"rendered":"<p>Das ist ein Beitrag von <strong>Mohssen Massarrat<\/strong>. Wie zu erwarten hat dieser deutsch-iranische-Experte f&uuml;r internationale Beziehungen und den mittleren Osten eine andere als allgemein &uuml;bliche Sicht der Dinge. Als Ansto&szlig; zum Nachdenken auf jeden Fall lesenswert. Das w&uuml;rde auch f&uuml;r den deutschen Au&szlig;enminister, die Kanzlerin und den Innenminister gelten. Die enthaltenen Anmerkungen zu Israel und Pal&auml;stina k&ouml;nnte man auch &bdquo;ausgewogener&ldquo; formulieren. Dies richtig einzuordnen &uuml;berlassen wir unseren Leserinnen und Lesern. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>Hier der Text von Mohssen Massarrat:<\/strong><\/p><p>Die bisher schwerste Krise im Mittleren Osten, die milit&auml;rische Eroberung des sogenannten &bdquo;Islamischen Staates&ldquo; im Irak und in Syrien ist in eine &auml;u&szlig;erst absurde Phase eingetreten. Die europ&auml;ischen Staaten sind im Begriff, den Vereinigten Staaten von Amerika zu folgen und die autonome Kurdenregion, die unter der Kontrolle von Mustafa Barzani steht, mit umfangreichen Waffenlieferungen zu st&auml;rken. Als Begr&uuml;ndung wird &bdquo;humanit&auml;re Hilfe&ldquo; angef&uuml;hrt. Sie wollen angeblich helfen, einen V&ouml;lkermord an den Yeziden zu verhindern. Um die &ouml;ffentliche Meinung in Deutschland f&uuml;r eine angebliche Ausnahmereglung f&uuml;r Waffenexporte in eine Krisenregion umzustimmen, besuchte der deutsche Au&szlig;enminister Frank-Walter Steinmeier demonstrativ und mit starker Medienbegleitung vor Ort eine sichtlich vom Leid gepr&auml;gte yezidische Opferfamilie. Jedem sollte so die Dringlichkeit deutscher Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak ans Herz gelegt werden. Die deutsche Bundesregierung, die &uuml;brigen Regierungen des Westens und ihre Medien erwecken mit Nachdruck den Eindruck, dass die Waffenlieferung an die irakischen Kurden die einzige M&ouml;glichkeit darstellt, der drohenden Katastrophe vorzubeugen. Alle anderen kurz- und langfristigen Alternativen werden nicht einmal in Erw&auml;gung gezogen. Auch alle Hinweise der Experten auf dramatische Folgen einer milit&auml;rischen Unterst&uuml;tzung der irakischen Kurden werden systematisch ignoriert. Schon deshalb setzen sich die westlichen Regierungen aus meiner Sicht dem Verdacht aus, mit humanit&auml;ren Motiven zum Schutze der Yeziden einen neuen Vorwand zu konstruieren, um ausschlie&szlig;lich eigene Interessen durchzusetzen:<\/p><p>Die USA nutzen die unbestreitbar bestehende Bedrohung der brutalen &bdquo;IS&ldquo;-K&auml;mpfer dazu, um ihr im Mittleren Osten massiv besch&auml;digtes Image aufzupolieren und gleichzeitig zu unterstreichen, warum ihre weitere milit&auml;rische Pr&auml;senz in der Region unabdingbar ist. Dabei ist die eigentliche Erfinderin der &bdquo;IS&ldquo; keine geringere als die ehemalige US-Au&szlig;enministerin Condoleeza Rice, die 2006, auf dem H&ouml;hepunkt der us-iranischen Konflikteskalation, in der saudiarabischen Hauptstadt Riad, mit Verweis auf den durch den Iran gegen die arabische Sunniten angeblich aufgebauten schiitischen G&uuml;rtel, alle sunnitische Staaten aufgefordert hat, m&ouml;glichst rasch ihren eigenen sunnitischen G&uuml;rtel ins Leben zu rufen. Fortan erhielt die libanesische Regierung Milit&auml;rhilfe mit dem ausdr&uuml;cklichen Zweck der Eind&auml;mmung der schiitischen Hisbollah im Libanon. Fortan machte sich auch der saudische Geheimdienstchef, der ber&uuml;chtigte Prinz Bandar, an die Arbeit. Das Ergebnis sind die wie Pilze aus dem Boden gestampften brutalen Gruppen wie Al-Nusra und &bdquo;ISIS&ldquo; gegen die Assad-Regierung in Syrien. Und das Ergebnis des Condoleeza-Rice-Plans von 2006 ist letztlich auch die barbarische &bdquo;IS&ldquo;-Gruppe, die in der gesamten Geschichte des Islams ihresgleichen sucht. <\/p><p>Die deutsche politische Elite macht sich ganz besonders seit dem Beginn dieses Jahres stark f&uuml;r &bdquo;mehr Verantwortung&ldquo; in der Weltpolitik. Dazu sollen sowohl Restriktionen bei den Waffenexporten in Krisenregionen aufgeweicht, wie aber auch die parlamentarischen H&uuml;rden f&uuml;r die sogenannten humanit&auml;ren Interventionen beiseite geschoben werden. Seitdem werden auch massive Versuche unternommen, die moralischen Bedenken aus dem kollektiven Ged&auml;chtnis der Deutschen auszuradieren, damit sich Deutschland in Zukunft hemmungsloser als bisher an den internationalen Kriegseins&auml;tzen beteiligen kann. Der drohende V&ouml;lkermord an der yezidischen Minderheit im Nordirak wurde deshalb geschickt von einflussreichen Medien zum innenpolitischen Thema Nr. 1 hochstilisiert. Die Glaubw&uuml;rdigkeit der humanit&auml;ren Motive der deutschen Bundesregierung kann daran gemessen werden, dass dieselbe Regierung zu Israels Gr&auml;ueltaten in Gaza, die zur gleichen Zeit vonstatten gehen, kein einziges Wort verschwendet. Zum Leid der Pal&auml;stinenser wird geschwiegen und das Leid der Yeziden wird f&uuml;r die eigene Politik missbraucht. Das ist eine erschreckende Heuchelei.<\/p><p>Die vier betroffenen Staaten: Irak, Syrien, T&uuml;rkei und Iran w&auml;ren gut beraten, eine erneute Intervention der USA und anderer westlicher Staaten in den Mittleren Osten nicht zuzulassen. Der Westen wird das &Uuml;bel von &bdquo;IS&ldquo;, das dieser selbst geschaffen hat, nicht beseitigen. Er wird vielmehr das Chaos in der Region weiter verst&auml;rken. Die US-Neokonservativen sprechen seit langem von einer Politik des &bdquo;kreativen Chaos&ldquo; f&uuml;r den Mittleren Osten. Das &bdquo;Kreative&ldquo; an diesem Chaos ist die Festigung der US-Hegemonie in der Region, indem hier weitere &bdquo;failed states entstehen und indem sie dadurch zu einer Region dauerhafter und fl&auml;chendeckender Instabilit&auml;t gemacht wird. Ethnische und religi&ouml;se Kriege, B&uuml;rger- und zwischenstaatliche Kriege w&uuml;rden den Mittleren Osten tats&auml;chlich in diese Richtung treiben. Die Gr&uuml;nde f&uuml;r eine solche R&uuml;ckw&auml;rtsentwicklung d&uuml;rften auf der Hand liegen:<\/p><p>Die irakischen Kurden werden durch die westlichen Waffenlieferungen einen kurdischen Staat in Nordirak ausrufen und so den Irak endg&uuml;ltig in mehrere Teile spalten. Dass Israel bereits vor Wochen bekannt gab, einen kurdischen Staat im Nordirak sofort anzuerkennen, sollte zu denken geben. Der Alleinvertretungsanspruch eines kurdischen Staates unter F&uuml;hrung von Barzani, der dem Konzept des kurdischen Nationalismus folgt, beschw&ouml;rt unweigerlich Reaktionen der Kurden in der T&uuml;rkei und in Syrien herauf, die unter dem Einfluss der kurdischen Arbeiterpartei PKK stehen, weil diese inzwischen aus guten Gr&uuml;nden einen kurdischen Nationalstaat kategorisch ablehnen und offensichtlich das Ziel verfolgen, autonome kurdische Regionen innerhalb der bestehenden Staaten T&uuml;rkei, Syrien, Irak und Iran zu schaffen. Ein innerkurdischer B&uuml;rgerkrieg w&auml;re bestens geeignet, einen Krieg zwischen den vier Staaten nach sich zu ziehen und in diesen vier Staaten die nationalistischen Str&ouml;mungen auf den Plan zu rufen. Es liegt auf der Hand, dass unter solchen Bedingungen dann die brutalen &bdquo;Kalifat&ldquo;-Anh&auml;nger nicht geschw&auml;cht w&uuml;rden, sondern umgekehrt ideale Bedingungen vorf&auml;nden, um ihr &bdquo;Kalifat&ldquo; und ihren &bdquo;Islamischen Staat&ldquo; (in den westlichen Medien wird vorsorglich schon jetzt auf Anf&uuml;hrungsstriche verzichtet) im Herzen des Mittleren Ostens aufzubauen und fortan s&auml;mtliche Staaten und V&ouml;lker sowie die zahlreichen ethnisch-religi&ouml;sen Minderheiten in Angst und Schrecken zu versetzen. Nein, die deutschen und europ&auml;ische Waffenfetischisten tappen mit ihren Waffenlieferungen an die irakischen Kurden in eine Falle der US-Neokonservativen, die diese zusammen mit ihren willf&auml;hrigen transatlantischen Strippenziehern l&auml;ngst aufgestellt haben. Um es noch klarer zu sagen: Diese Waffenlieferungen, w&auml;ren m. E. die allerd&uuml;mmste Handlung, die sich die Europ&auml;er im Namen einer &bdquo;humanit&auml;ren Intervention&ldquo; anma&szlig;en w&uuml;rden.<\/p><p>Niemand kann wissen, ob nicht die deutsche Bundesregierung und die anderen Regierungen Europas noch daran gehindert werden k&ouml;nnen, diese Dummheit zu begehen. Ungeachtet dessen sind es doch zuallererst die vier betroffenen Staaten selbst, die das gemeinsame Interesse eint, das Krebsgeschw&uuml;r &bdquo;Islamisches Kalifat&ldquo; gemeinsam zu bek&auml;mpfen. Dieses &bdquo;Kalifat&ldquo; ist massiv von au&szlig;en gesteuert, es bedroht alle religi&ouml;sen und ethnischen Minderheiten, die Yeziden im Irak und der T&uuml;rkei, alle christlichen Str&ouml;mungen im Mittleren Osten, die Aleviten in Syrien und der T&uuml;rkei, die Schiiten im Irak, im Iran und &uuml;berall im Mittleren Osten, und nicht zuletzt die Kurden in allen den vier Staaten mit kurdischen Siedlungsgebieten. Auch die &uuml;berw&auml;ltigende Mehrheit der Sunniten w&uuml;rde bedroht sein, die sich der Politik dieses selbst gebastelten &bdquo;Islamischen Staates&ldquo; widersetzen w&uuml;rde. Vor allen Dingen ist es eine Schande f&uuml;r die islamischen Staaten insgesamt; es wirft einen finsteren Schatten auf die positiven zivilisatorischen Errungenschaften der Toleranz, des Minderheitenschutzes und des friedlichen Zusammenlebens verschiedener V&ouml;lker und Religionen in der islamischen Welt. Und nun das Wichtigste: <\/p><p>Allein die vier am st&auml;rksten betroffenen Staaten, Irak. Iran, Syrien und die T&uuml;rkei, sind &uuml;berhaupt in der Lage- dem &bdquo;Kalifat&ldquo;-Projekt mit gemeinsamen Anstrengungen ein Ende zu setzen. Die aktuelle &bdquo;IS&ldquo; Herausforderung stellt auch unter Beweis, wie wichtig es f&uuml;r die genannten vier Staaten im Mittleren Osten geworden ist, jenseits von kurzfristigen nationalstaatlichen Interessen zu handeln, in Sicherheitsfragen miteinander zu kooperieren und endlich zu einer gemeinsamen Sicherheitsarchitektur zu kommen. Nur unter dieser Perspektive ist es, &uuml;ber die Beendigung der &bdquo;IS&ldquo; Herauforderung hinaus, auch m&ouml;glich, weitere grenz&uuml;berschreitende gemeinsame Probleme in zwischenstaatlichen Dialogen und Verhandlungen nachhaltig zu bew&auml;ltigen. Au&szlig;er &bdquo;IS&ldquo; ist die Kurdenfrage das wichtigste gemeinsame Thema diese vier Staaten. Im Rahmen einer gemeinsamen regionalen Sicherheit lie&szlig;e sich in direktem Dialog und Verhandlungen mit den Kurden deren Traum von mehr Verwaltungsautonomie realisieren, ohne dadurch die territoriale Integrit&auml;t der vier Staaten mit kurdischen Siedlungsgebieten zu verletzen. Das unbew&auml;ltigte Kurdenproblem hat seit Anfang des vorigen Jahrhunderts zahlreiche blutige Kriege und dauerhafte innerstaatliche Konflikte heraufbeschworen. Die kurdische Bev&ouml;lkerung verdient daher endlich eine dauerhafte Friedensl&ouml;sung, die erm&ouml;glicht werden k&ouml;nnte, wenn alle vier Staaten im Dialog mit allen kurdischen Bewegungen diese aushandeln w&uuml;rden. Hinzu kommen umfassende grenz&uuml;berschreitende Fragen, die sich, wie der Ausbau von Wasser- und Energieversorgung, der Ausbau von Verkehrswegen, die Liberalisierung des Handels und viele andere Projekte mehr, zur Erh&ouml;hung der sozialen Sicherheit und des Wohlstands in den kurdischen Siedlungsgebieten durch die Kooperation der vier Staaten gew&auml;hrleisten lassen. Nicht weniger wichtig ist, dass die vier Staaten gemeinsam erreichen k&ouml;nnen, dass die Konflikte sch&uuml;renden Einmischungen der USA, Israels und anderer Staaten endlich aufh&ouml;ren und die Voraussetzungen f&uuml;r einen friedlichen und &ouml;konomisch florierenden Mittleren Osten &uuml;ber die vier Staaten hinaus geschaffen werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Berlin, 25. August 2014<\/p><p>Prof. Dr. Mohssen Massarrat (Deutsch-iranischer Experte f&uuml;r Internationale Beziehungen und den Mittleren Osten)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist ein Beitrag von <strong>Mohssen Massarrat<\/strong>. Wie zu erwarten hat dieser deutsch-iranische-Experte f&uuml;r internationale Beziehungen und den mittleren Osten eine andere als allgemein &uuml;bliche Sicht der Dinge. Als Ansto&szlig; zum Nachdenken auf jeden Fall lesenswert. Das w&uuml;rde auch f&uuml;r den deutschen Au&szlig;enminister, die Kanzlerin und den Innenminister gelten. 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