{"id":23095,"date":"2014-09-02T10:37:27","date_gmt":"2014-09-02T08:37:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23095"},"modified":"2019-05-22T13:46:44","modified_gmt":"2019-05-22T11:46:44","slug":"ansichten-eines-putinverstehers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23095","title":{"rendered":"Ansichten eines Putinverstehers"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140902_broe_01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Das Bekenntnis ein &bdquo;Putinversteher&ldquo; zu sein, scheint eine zweischneidige Sache. Dass &bdquo;Verstehen&ldquo; nicht &bdquo;Zustimmung&ldquo; hei&szlig;t und ein &bdquo;Versteher&ldquo; nicht dasselbe ist wie ein &bdquo;Verehrer&ldquo; &ndash; diese semantische Eindeutigkeit ist m&ouml;glicherweise nicht so selbstverst&auml;ndlich wie sie sein sollte. Zumal &bdquo;Putinversteher&ldquo; seit der Eskalation der Ukraine-Krise als Denunziationsvokabel f&uuml;r jeden gebraucht wurde, der die Verantwortung f&uuml;r den B&uuml;rgerkrieg nicht allein Russland zuschreiben wollte. Wir, der Westen, sind immer die Guten, weil wir &bdquo;Freiheit&ldquo;, &bdquo;Demokratie&ldquo; und &bdquo;Menschenrechte&ldquo; auf unsere Fahnen schreiben, wenn wir imperiale Kriege f&uuml;hren. Wir sind auch immer unschuldig, wenn wir dabei L&auml;nder besetzen, Staaten zerst&ouml;ren, Zivilisten ermorden, Menschen foltern usw. &ndash; das sind &bdquo;Kollateralsch&auml;den&ldquo;, die wir zwar anrichten aber nie beabsichtigen. Das tun nur die B&ouml;sen, Leute wie Putin, die aus reiner Machtgier handeln, wenn sie etwa Zivilflugzeuge vom Himmel holen ohne einen Schuss abzugeben, aber es ist klar, dass sie es waren. Weil sie die B&ouml;sen sind.  Von <strong>Mathias Br&ouml;ckers<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Mathias Br&ouml;ckers, Paul Schreyer: <a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/mathias-broeckers-paul-schreyer-wir-sind-die-guten.html\">Wir sind die Guten &ndash; Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren<\/a>, Westend-Verlag, 208 Seiten, 16,99 Euro<\/em><\/p><p>Dem Publikum einen solchen Schwarz-Wei&szlig;-Film, ein Blame Game auf Kindergartenniveau vorzuf&uuml;hren und es als Realit&auml;t zu verkaufen, das ist die grundlegende Manipulation, der wir derzeit durch die gro&szlig;en Medien ausgesetzt sind. Und die auch daf&uuml;r sorgte, dass die Suche nach einem etwas differenzierteren Verst&auml;ndnis denunziert und Russland,- oder Putinversteher zum Schimpfwort wurde. Wo jedoch nicht mehr analysiert werden darf, da herrscht Ideologie, wo Verstehen verboten wird, regieren Glaubensbekenntnisse.  Und da sollte niemand mitmachen, der noch bei Verstand ist.<\/p><p>Es scheint aber indessen, dass sehr viele B&uuml;rger noch &uuml;ber gen&uuml;gend gesunden Menschenverstand verf&uuml;gen und sp&uuml;ren, dass sie mit diesem Schwarz-Wei&szlig;-Film &uuml;ber einen stets das Gute wollenden Westen, der hilflos dem aggressiven Mega-Schurken Osama Bin Putin ausgesetzt ist, &uuml;ber den Tisch gezogen werden. Selten klafften &ouml;ffentliche und ver&ouml;ffentlichte Meinung in Deutschland weiter auseinander wie im Zusammenhang dieses Konflikts.  Dass sich die Leitartikler und Redakteure der Gro&szlig;medien noch wundern, auf wie viel Unglauben (und Leserproteste) sie mit ihrer Inszenierung des Kreml als wiedergeborenen Hort des B&ouml;sen sto&szlig;en, ist allerdings verwunderlich, denn schon ein kurzer ein Blick auf die Landkarte zeigt, wie sich die NATO in den letzten 20 Jahren ausgebreitet hat. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140902_broe_02.jpeg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Wer dann noch einen Blick auf das geopolitische Schachbrett wirft &ndash; und auf die Pentagon-Strategie einer nuklearen Erstschlagsdrohung sobald Russland mit einer Raketenabwehr umstellt ist und nicht mehr antworten kann &ndash;  sollte verstehen, warum die zweitgr&ouml;&szlig;te Nuklearmacht der Erde kein Interesse daran haben kann, dass NATO-Raketen nun direkt vor ihrer Haust&uuml;r aufgestellt werden sollen. Und warum es im Sinne des Friedens und  der Zusammenarbeit in Europa &auml;u&szlig;erst w&uuml;nschenswert w&auml;re, wenn  eine neutrale, blockfreie Ukraine k&uuml;nftig als Br&uuml;ckenkopf zwischen Europa und Asien fungieren k&ouml;nnte. W&uuml;nschenswert sowohl f&uuml;r das Land selbst, das in den kaum mehr als zwei Jahrzehnten seines Bestehens noch nicht zu einer nationalen Identit&auml;t gefunden hat, als auch f&uuml;r seine Nachbarn in Russland und in Europa. Warum taucht eine solche Rolle  der Ukraine, die ihre multi-ethnischen Provinzen unter einem f&ouml;deralen Dach vereinigt und  Wirtschaftsbeziehungen sowohl nach Osten als auch nach Westen aufbaut, bisher weder als Option noch als Zielvorstellung am politischen Horizont auf ?  Sp&auml;testens die Beantwortung dieser Frage entlarvt den Schwarz-Wei&szlig;-Film, den unsere Medien von diesem Konflikt zeichnen, als  Farce. Denn verantwortlich f&uuml;r die Tatsache, dass die Ukraine statt zu einem neutralen Br&uuml;ckenstaat zu einem neuen Fronstaat im Kalten Krieg gemacht und in einen blutigen B&uuml;rgerkrieg verwickelt wurde, sind weniger Russland und Putin &ndash; die mit einer solchen L&ouml;sung sehr gut h&auml;tte leben k&ouml;nnen &ndash; sondern in erster Linie die USA, die NATO und ihr ziviler Arm, die EU.  Diese Einsch&auml;tzung stammt &uuml;brigens nicht von einer Putin-Fanseite, sondern aus einer aktuellen Analyse in &bdquo;Foreign Affairs&ldquo;  (John Mearsheimer: <a href=\"http:\/\/www.foreignaffairs.com\/articles\/141769\/john-j-mearsheimer\/why-the-ukraine-crisis-is-the-wests-fault\">Why the Ukraine Crisis Is the West&rsquo;s Fault<\/a>), einem Organ des &bdquo;Council on Foreign Relations&ldquo;, dem sich nur schwerlich Russophilie nachsagen l&auml;sst. Sehr wohl aber die Kenntnis des kleinen Einmaleins der Geopolitik und einen realistischen Blick auf die Lage. Denn es war nicht Russland, das gegen die Absprachen der 2+4 Vertr&auml;ge seinen milit&auml;rischen Einflussbereich ausdehnte, es waren die USA und die NATO;  es war nicht Russland, das mit seinem Angebot einer Zoll,-und Handelsunion der Ukraine die Pistole auf die Brust setzte, es war die EU, die mit ihrem Entweder\/Oder-Angebot den Konflikt anheizte und die Regierung in Kiew zwang, mit der wirtschaftlichen EU-Assoziation auch die milit&auml;rische Pr&auml;senz der NATO zu schlucken. Es war auch nicht Russland, das die berechtigten B&uuml;rgerproteste gegen eine korrupte Regierung als Trittbrett f&uuml;r einen gewaltsamen Putsch in Kiew nutzte. Wer die Scharfsch&uuml;tzen auf dem Maidan beauftragte, deren massenhafter Mord der Ausl&ouml;ser f&uuml;r den Umsturz war, ist bis heute unaufgekl&auml;rt, ebenso wer die Sch&uuml;sse auf den malaysischen Flug MH-17 abgab. F&uuml;r beides wurde Putin umgehend und lautstark beschuldigt, wobei irgendein Beleg daf&uuml;r niemals aufgetaucht ist. Stattdessen werden die Aufzeichnungen der Voice-Recorder,  der ukrainischen Flug&uuml;berwachung und die Satellitenbilder der USA bis heute unter Verschluss gehalten. F&uuml;r diese Nicht-Ermittlung und Nicht-Aufkl&auml;rung l&auml;sst sich keine andere Begr&uuml;ndung finden, als dass sie der Vertuschung dienen &ndash; und das Schweigen der gro&szlig;en Medien &uuml;ber diesen Skandal zeigt einmal mehr, dass sie nach wie vor auf ihrer Schwarz-Wei&szlig;-Malerei beharren. Und statt der Forderung, die Verantwortlichen f&uuml;r den Tod hunderter Menschen endlich zu ermitteln, lieber eine russische Lastwagenkolonne mit Babynahrung und Decken hysterisch zur &bdquo;milit&auml;rischen Invasion&ldquo; hochschreiben. Insofern scheint der Vorwurf mehr als berechtigt, dass sich die Medien von ihrem Auftrag m&ouml;glichst neutraler, objektiver Information verabschiedet und zur Konflikt,- und Kriegspartei geworden sind. <\/p><p>&bdquo;Wie wird die Welt regiert und in den Krieg gef&uuml;hrt? Diplomaten bel&uuml;gen Journalisten und glauben es, wenn sie&rsquo;s lesen,&ldquo; notierte der Wiener Schriftsteller Karl Kraus, nachdem auf eine Falschmeldung der deutschen und &ouml;sterreichischen Presse &uuml;ber einen franz&ouml;sischen Bombenabwurf auf N&uuml;rnberg Ende Juli 1914 unmittelbar die Kriegserkl&auml;rung an Frankreich erfolgt war. Dieser fingierte Bericht war f&uuml;r ihn die Url&uuml;ge und das Paradebeispiel f&uuml;r die Manipulation der Massen in Kriegszeiten, die Kraus dazu f&uuml;hrte, &bdquo;den Journalismus und die intellektuelle Korruption, die von ihm ausgeht, mit ganzer Seelenkraft zu verabscheuen.&ldquo;<\/p><p>Die Art und Weise, wie der  Journalismus, auch der sogenannten &bdquo;Qualit&auml;tspresse&ldquo;, den Konflikt in der Ukraine darstellt, gibt allen Anlass, diesen Abscheu nachzuempfinden. Wie aber sollen wir, der Souver&auml;n, das Volk, entscheiden, welche Position in diesem Konflikt vern&uuml;nftig ist, wenn Politik und Medien die Agenda der USA und der NATO und die zugrundeliegende milit&auml;rische Doktrin des anglo-amerikanischen Imperiums, die globale &bdquo;Full Spectrum Dominance&ldquo;, systematisch ausblenden ?  Und damit auch die dazu notwendige geopolitische Strategie, den Rohstoffriesen Russland, der &uuml;ber etwa ein Drittel aller planetaren Rohstoffe verf&uuml;gt, milit&auml;risch und &ouml;konomisch unter Kontrolle zu bringen. Nur wenn &uuml;ber diesen amerikanischen Masterplan einer unipolaren Welt gesprochen wird, nur wenn  die Interessen des Westens und die Russlands offen auf dem Tisch liegen, kann &uuml;ber Krieg und Frieden in der Ukraine wieder vern&uuml;nftig gesprochen und erfolgreich verhandelt werden. Und die entscheidende Frage beantwortet werden, ob es wirklich im Interesse Deutschlands und Europas ist, diesem Masterplan weiter zu folgen. Dass der franz&ouml;sische und der deutsche Au&szlig;enminister mit ihren russischen und ukrainischen Kollegen mittlerweile ohne Beisein der USA verhandeln scheint immerhin anzudeuten, dass &bdquo;Old  Europe&ldquo; auch seine eigene Interessen vertritt, die nicht deckungsgleich sind mit den geostrategischen Interessen der einzigen Weltmacht. Am Ende unseres heute erscheinenden Buchs hei&szlig;t es dazu:<\/p><p>&bdquo;Wandel durch Ann&auml;herung&ldquo; lautete 1963 die von Egon Bahr gepr&auml;gte Formel, die eine neue deutsche Ostpolitik einleitete, als Alternative zur alten Politik der St&auml;rke der Versuch des gegenseitigen Verstehens und Verhandelns. Ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Berliner Mauer, der den Erfolg dieser vision&auml;ren Strategie kr&ouml;nte, ist es h&ouml;chste Zeit, sich wieder an dieses au&szlig;enpolitische Erfolgsmodell zu erinnern &ndash; zumal mit dem Aufstieg Chinas zur Wirtschaftsmacht und Russlands zur Rohstoffmacht Nummer eins die Tatsache einer k&uuml;nftigen multipolaren Welt unabweisbar und ein Festhalten an der Doktrin der unipolaren Vorherrschaft der USA damit schlicht irrational ist. Mitten in Europa kommt Deutschland deshalb eine Schl&uuml;sselfunktion zu, eine Alternative zu entwickeln, gegen eine neue Politik der St&auml;rke, die keine Perspektive hat &ndash; au&szlig;er der nuklearen Apokalypse eines Dritten Weltkriegs.&ldquo;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right;margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140902_broe_01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Das Bekenntnis ein &bdquo;Putinversteher&ldquo; zu sein, scheint eine zweischneidige Sache. Dass &bdquo;Verstehen&ldquo; nicht &bdquo;Zustimmung&ldquo; hei&szlig;t und ein &bdquo;Versteher&ldquo; nicht dasselbe ist wie ein &bdquo;Verehrer&ldquo; &ndash; diese semantische Eindeutigkeit ist m&ouml;glicherweise nicht so selbstverst&auml;ndlich wie sie sein sollte. Zumal &bdquo;Putinversteher&ldquo; seit der Eskalation der Ukraine-Krise als Denunziationsvokabel<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=23095\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[181,123,41,208],"tags":[1987,1544,466,397,915,259,1705,260],"class_list":["post-23095","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europapolitik","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienanalyse","category-rezensionen","tag-broeckers-mathias","tag-kampagnenjournalismus","tag-nato","tag-ostpolitik","tag-putin-wladimir","tag-russland","tag-schreyer-paul","tag-ukraine"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23095","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=23095"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23095\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51955,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/23095\/revisions\/51955"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=23095"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=23095"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=23095"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}